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Periodical volume Nr. 171, 5. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
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falls vom Publikum wegen ihres freundlichen, bescheidenen 
Wesens sehr geschützt ist, nennt er Tante, sie ist gleichzeitig 
seine Freundin. „Berlin schön, Berlin fein!“ sagt er, wenn 
er gefragt wird, ob es ihm hier gefällt. Am geläufigsten ist 
ihm das Wort „Prosit!“, dies vergisst er nie zu sagen, wenn 
er Glas oder Tasse an den Mund führt. Er hat gesehen, dass 
sich die Europäer einer Serviette beim Speisen bedienen, 
und verlangt eine solche zum Kaffee,handhabt den Kaffeelöffel 
mit mehr Anstand wie mancher Erwachsene und macht über 
haupt den Eindruck eines sehr gesitteten Knaben. Mit Kin 
dern giebt sich der Kleine Namens Quasi weniger ab, als mit 
Grossen. Eine reizende kleine Berlinerin stand vor ihm, das 
Mündchen malitiös verzogen und meinte: „Bah, die Jungens 
bei den Schwarzen sind auch nicht grösser als die kleinen 
Jungen in Berlin!“ Quasi verstand das nicht und erwiderte 
nichts darauf, worauf die kleine Schönheit beleidigt von dan 
nen ging mit den Worten: „Nu, was kann man von einem 
so kleinen schwarzen Jungen auch verlangen!“ Quasi ist 
auch in das Geheimnis« des Telephonirens eingeweiht, das 
muss ihm aber unheimlich vorgekommen sein, denn fragt man 
ihn, ob er telephoniren will, so protestirt er sehr energisch. 
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Um „etwas noch nie Gesehenes“ dem Publi 
kum der Ausstellung darzubieten, liess man, wie die zur Ver- 
theilung gelangenden Ankündigungen besagen, „Mira“, das 
Zwergpferd, und „Cyklop“, das Riesenpferd, aus Amerika 
herüberkommen und placirte sie am Nordpol. Es hat abei 
den Anschein, dass diese Wunderthiere auch nach Ausstellung 
für den allergrössten Theil der Besucher „etwas nie Gesehe 
nes“ bleiben werden. Wir glauben jedoch, dass das Riesen 
pferd den Groll, welchen es als verkannte und übersehene 
Grösse mit Recht empfinden könnte, doch ein wenig mildern 
würde, wenn es wüsste, wie vieles in seine,* nächsten Um 
gebung ein Dasein mit Ausschluss der Oeffentlichkeit führt. 
Da ist beispielsweise hart an der Peripherie des umzäunten 
Geländers ein Ausstellungs-Object, das vielleicht nur äusserst 
wenigen, die sich hierher verirrt haben, zu Gesichte gekom 
men ist — die Harz-Zahnradbahn von Blankenburg-Tanne. 
Vergebens späht man hier nach einem Besucher, vergebens 
nach einem Angestellten des Ausstellers. Nur der Riesen- 
Elephant schaut über den Nordpol hinweg auf das dicht zu 
ihm heraufsteigende Geleise, und empfindet dabei selbst eine 
Leere in seinem Innern. Ist ja auch der Besuch in ihm ein 
nur spärlicher, trotz des billigen Eintrittspreises von zehn 
Pfennigen. 
s 
Unterwegs. Im Laufe des Sommers hat sich zwischen 
den regelmässigen Ausstellungs-Besuchern und den Bewoh 
nt rn der zur Ausstellung führenden Strassen ein ganz eigen 
thümlicher Verkehr entwickelt, der namentlich vom Verdeck 
der Pferdebahnwagen aus liebevoll gepflegt wird. Schon 
am, Spittelmarkt kann man wahrnehmen, dass die Besucher 
nicht etwa alle den ersten besten, nach der Ausstellung fah 
renden Wagen benutzen. Viele Hemn warten einen Wagen 
ab, der Damen auf Deck hat, sie behaupten, schneidiger und 
unternehmender auszusehen, wenn sie eine nettgekleidete, 
womöglich junge und gutgewachsene Dame als Nachbarin 
haben. Während man im Innenraum des Wagens oft Ge 
legenheit hat, sich durch Verleihung eines Planes, Cours 
buches oder der Unterhaltungsbeilage des „Berliner Lokal- 
Anzeiger“, die von Damen wohl in jedem Pferdebahnwagen 
gelesen wird, nützlich zu machen, geschieht es oben dadurch, 
dass man auf die hervorragenden Gebäude etc. aufmerksam 
macht. In der Köpenickerstrasse wird man meist bei der Vel- 
vet-Fahrik, beim Proviant-Amt und den Kasernen wegen 
Auskunft in Anspruch genommen. In bestimmten Etagen 
bestimmter Häuser findet man am Vormittag eine ganze An 
zahl von Personen am Fenster beschäftigt und unbeschäftigt 
beim gleichen Thun. Sehr sympathisch ist uns ein alter 
Herr, das Urbild eines liebenswürdigen Berliner Haus 
besitzers, der von seinen Renten lebt und mit der langen 
Pfeife am Fenster sitzend die Deckpassagiere der Wagen 
mustert. Entdeckt er ein bekanntes Gesicht, so überfliegt 
ein Lächeln das gute, alte Gesicht und er neigt fast verschämt] 
und schüchtern das ehrwürdige Haupt zum Gruss, beim Ge- 
gengruss kann man sicher sein, dass der alte Herr aufsteht 
und nochmals freundlich nickend und grüssend mit der Rech 
ten an sein Hauskäppchen tippt. In einem anderen Hausa 
wieder sitzt eine altes Gigerl am Fenster vor einem dreiteili 
gen Spiegel und putzt und färbt seine Gesichtsfaxade in un- 
genirtester Weise auf. Bei ihm heisst es schon: Nimm alle 
Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz, denn es 
giebt gar viel zu verdecken, zu repariren und zu verschönern, 
bis der moderne Hanswurst fertig ist. Fast gegenüber zeigt 
sich wieder ein allerliebstes Bild, eine in Jugendfrische undl 
Schönheit prangende Blondine von grosser Natürlichkeit, 
die ihre Blumen pflegt und zuweilen einen Blick verstohlen 
zwischendurch nach dem Wagen verdeck wirft, was zur 
Folge hat, dass Einer den Hut zieht, der Andere ihn jovial 
grüssend lüftet und ein unausstehlicher Süssling eine Kuss 
hand ihr zuwirft, worauf sie zur Betrübniss der anderen Pas 
sagiere die Flucht ergreift und ein älterer Herr ganz deutlich 1 
„alberner Narr“ brummt. Obwohl ein Missverständniss be 
züglich der Adresse gänzlich ausgeschlossen erscheint, so fühlt 
sich doch ein Nachbar, der gar nicht gemeint ist, beleidigt, 
worauf eine ergötzliche Auseinandersetzung erfolgt. Eine, 
Jungfrau, die von ihrer Jugend singen kann: lang, lang ist'8 
her . . . lächelt regelmässig hinüber, um in scheinbarer, hef 
tiger Entrüstung das Fenster zu verlassen, wenn jemand 
.scherzhaft grösst, aber nicht länger, als bis der nächste Wa 
gen kommt, bei dem sich das Spiel wiederholt. Zuweilen, 
stehen auch hübsche Knaben auf Balcons oder an Fenstern 
und schwenken ihre Mützen grüssend gegen die Wagen oder 
kleine Mädchen knixen. Ein alter bärheissiger Pensionair, 
der wohl früher Polizist in Sibirien gewesen sein mag, hängt 
den Kopf grämlich zum Fenster heraus und sc ft m pst über die 
Thorheit der Menschen im allgemeinen und die der Ausstel- 
lungsbesucher im besonderen, es thut ihm weh, man sieht es 
ihm an, dass er nicht mit einem Donnerwetter dazwischen 
fahren kann, er ärgert sich, dass die Welt nicht aus den Fu 
gen gehen will, weil sein scharfes Auge nicht mehr über 
die öffentliche Ordnung wacht. Was gäbe, er darum, wenn 
ihm dieselbe nur zwei Tage in der Ausstellung anvertraut 
würde, wie würde er berühmte Muster in den Schatten stellen. 
Reg’ Dich nicht auf, Alter, die Welt geht ihren Lauf weiter, 
niemand ist unersetzlich! 
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Von der Wiege bis zum Sarge. Hans Sachs und 
die sonstigen poetischen Schuhmacher der Vor- und Neuzeit können 
auf ihren Fachgenossen Herrn Hofschuhmachermeister R. Esser stolz 
sein. Er hat eine poetische Begabung an den Tag gelegt, die volle 
Beachtung verdient In seiner Vitrine hat er neben Schuhen und 
Stiefeln von gediegenster Arbeit auch eine Dichtung zur Schau 
gestellt, die den Titel »Von der Wiege bis zum Sarge« führt und 
wie folgt lautet: 
10 Jahr ohne Sorgen 
Nur mit Spiel und Scherz, 
20 prangt der Morgen 
Liebe fühlt das Herz. 
30 süsses Leben 
Hymens Blum’ verschafft, 
40 männlich Streben 
Fühlt noch rasche Kraft. 
50 steht man stille, 
Sehnt sich auch nach Ruh’, 
60 Gottes Wille 
Setzt noch Jahre zu. 
70 schier gebeugt 
Wankt man schon am Stab, 
80 ’s Leben neigt, 
Sieh, es winkt das Grab. 
90 wieder Jugend, 
Man zum Scherz und Spiel 
100 hoher Tugend 
Seltnes Gnadenziel. 
9 
Einer der grössten Künstler in seinem Fache 
— aber nein, man muss die Sacke doch wohl etwas geschickter 
anfassen, wenn man für einen guten Freund Reclame machen 
will. Er gefiel mir gleich, als ich ihn zum ersten Male sah.,
	        
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