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Periodical volume Nr. 171, 5. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs-Nachrichten, 
bevorstehenden Schluss und über die Thatsache herausklang;, 
dass alle die schönen Baulichkeiten und Anlagen nun bald 
wieder spurlos verschwinden müssen. Jetzt, wo das grosse 
Unternehmen seinen Abschluss findet, erkennen selbst die 
jenigen, die allzeit an demselben zu nörgeln und zu tadeln 
hatten, an, dass es doch alles in allem ein unvergleichlich 
schönes "Werk war, das monatelang mit voller Berechtigung 
den "Wallfahrtsort für Millionen bildete und von seinem bil 
denden, belehrenden und unterhaltenden Standpunkt aus lei 
der so bald nicht seines Gleichen finden dürfte. 
Einen eigenartigen Bestimmungswechsel wird 
der reizende Ausstellungs-Pavillon der Firma Wolff, Netter und 
Jacobi erfahren, da ihn seine jetzigen Besitzer der Gemeinde 
Adlershof, wo ihre Fabrik domicilirt, zum Geschenk gemacht haben. 
Der Pavillon, der sehr stilvoll aus Eisen und Wellblech construirt 
und mit blauen Ober- und Seitenlichtern erleuchtet ist, wird künftig 
nicht mehr der Industrie, sondern — als Leichenhalle dienen, 
deren die Gemeinde seit längerer Zeit schon bedarf. 
* 
Die Abreise der Eingeborenen aus der deutschen 
Kolonial-Ausstellung richtet sich nach dem Fahrplan der Dampfer. 
Die Neu-Guinea-Leute fahren heute Nacht 12 Uhr vom Lehrter- 
Bahnhof nach Bremen, von wo sie vom Lloyd mittels Extrazug 
nach Geestemünde gebracht werden. Am 7. d. M. lichtet der 
Dampfer »Sachsen«, auf defn die Schwarzen die Ueberfahrt machen, 
die Anker. Anfang Januar dürften die Leute wieder in ihrer 
Heimath eintreffen. Die Massai reisen am 13. d. M. von hier 
ab und werden voraussichtlich Ende December wieder in ihren 
Gebieten sein. 
» 
Dankbarkeit eines Hundes. Dass in der Thier 
seele das Gefühl der Dankbarkeit seit ewigen Zeiten bereits 
eine Heimstätte gefunden hat, ist eine Thatsache, die uns 
schon in der Schule, wenn es sein musste, sogar mit Hilfe des 
spanischen Röhrchens demonstrirt wurde, falls wir den hüb 
schen Fabeln von dem dankbaren Löwen des Androklus und 
sonstigen für Wohlthaten erkenntlichen Viehen nicht die 
nöthige Aufmerksamkeit schenkten. Auch unser Fund- 
bureau, bei dem noch immer allerlei Werthsachen einge 
liefert und reclamirt werden, sollte einen solchen Beweis 
thierischer Dankbarkeit erhalten. Vorgestern fand sich da 
selbst eine hübsche grosse Hündin, dem Stande der jagdbe 
flissenen Vierfüssler angehörig ein. Wie das Thier auf die 
Ausstellung gerieth, ob es der Spur des Herrn folgte oder 
selbstständig die Herrlichkeiten der Ausstellung in Augen 
schein nehmen wollte, konnte nicht ermittelt werden, es 
wurde eben Herren- und maulkorblos auf dem Fundbureau 
abgeliefert, wo es sich, wie man uns erzählt, für die ihm ge 
wordene freundliche Aufnahme und Atzung sehr erkennt 
lich erwiess. Wie weit aber diese Erkenntlichkeit ging, zeigte 
sich erst gestern Morgen, wo die Beamten bei ihrem* Kommen 
durch eine acht Köpfe starke Hundefamilie überrascht wur 
den, denen der Findling über Nacht das Leben geschenkt 
batte — auf jeden Beamten ein junger Hund — ob Zufall 
oder Berechnung der Hundemutter, dies zu ergründen, müs 
sen wir denjenigen überlassen, die in die physiologischen Ver 
hältnisse einer Hundefamilie tiefer eingeweiht sind als wir. 
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Abschied haben in den letzten Tagen so manche von 
der Ausstellung genommen, die seit der Eröffnung hier ihrem 
Berufe nachgingen. Am 1. October nahmen zahlreiche junge 
Beute, die während der Dauer der Ausstellung hier thätig 
waren, ein anderes Engagement an. Manches freundliche 
Mädchenantlitz, an das man sich schon gewöhnt hatte, ist 
plötzlich verschwunden, mancher Jüngling, der so beredt von 
den Schönheiten der ihm anvertrauten Ausstellungsgegen 
stände zu erzählen wusste, hat seinen gewohnten Stand ver 
lassen. Im Hauptgebäude besonders hatte sich unter den An 
gestellten das Leben wie in einer kleinen Stadt gestaltet. Jeder 
kannte die Lebensgeschichte des Anderen, man erzählte sich 
gegenseitig von seinen Leiden und Freuden und liess die Aus 
stellungsbesucher Revue passiren, um sich dann nach Her 
zenslust über sie zu moquiren. Auf den lauschigen Plätzen 
unter den Bäumen vor den Seitenausgängen der Hal 
len wurde geplaudert und geklatscht. Hier fanden 
sich die Herren Vertreter ein, um schnell einige Züge zu 
rauchen, hier hielten die jungen Damen vom Dienst ihre 
Kaffeestündchen ab. Jetzt wird so mancher Jüngling und so 
manches muntere Mädchen bei den täglichen Zusammen 
künften vermisst. Aber lustig und frisch geht’s doch noch 
immer her. Als stiller Beobachter solch’ einem Plauder 
stündchen beizuwohnen, ist interessant und Wilhelm Raabe 
könnte hier vortrefflichen Stoff für eine zweite „Chronik der 
Sperlingsgasse“ finden. „Luise“, ruft eine stumpfnasige 
Blondine einer Collegin im Backfischalter zu, „gestern war 
mein „Oller“ mit seiner Braut hier. Na, weisst Du, wie sich 
ein so hübscher Mann von Bildung und Manieren solch’ ein 
Krippengestell von Weibsbild nehmen kann, das begreife ich 
nicht!“ — „Jott, bist Du aber begriffsstutzig, weshalb wird 
er sie denn lüi rathen? — Doch nur des Mammons wegen.“ 
Zwei junge Herren sitzen auf einer rohgezimmerten Bank, 
lehnen sich an die Wand des Gebäudes und blasen den Rauch 
ihrer Cigarren mit behaglichem Schmunzeln in die Luft. 
„Gestern war ich eingeladen!“ meint der eine und blinzelt 
dabei seinem Nachbar vertraulich zu. — „Bei ihr?“ — „Na, 
wo denn sonst.“ — „Mensch, Du bist ein unheimlicher 
Glückspilz, so ein reizendes und reiches Mädchen!“ — „Pah ! 
Glückspilz ! Ich schenke Dir die verzogene Trine — wenn ich 
nur meine Hedwig heirathen könnte. Aber wovon denn? 
Sie hat nichts und ich ebenso viel. Da wirds wohl eine Tren 
nung geben ! Mir wird ganz bang zu Muthe, wenn ich an die 
Vorwürfe und an die Thränen denke!“ — Eine Schaar von 
sechs oder acht jungen Verkäuferinnen sitzt unter einem 
Gartenzelt vor dem Seiteneingang zur Töpfereihalle. Jede hat 
eine Tasse Kaffee in der Hand und nimmt ab und zu ein 
Schlückchen. In der Zwischenzeit rühren sie die Zungen so 
geschäftig, dass man sich in eine Waschstube versetzt wähnt. 
„Wisst ihr das allerneuste ?“ schreit eine kleine Brünette und 
schwingt ihre Kaffeetasse wie weiland die alten Deutschen 
ihre gefüllten Trinkhörner, „Else hat sich mit dem blonden 
Papierfritzen verlobt?“ — „Was?“ — Ist’s möglich? — Mit 
dem schüchternen zarten Jungen?“ tönt es in wirrem Durch 
einander. „Ja,“ entgegnet im Triumph die Gefragte, 
„Gestern war Verlobung und zu Ostern soll die Hochzeit sein“ 
„Na, da war die Ausstellung doch zu etwas gut!“ wirft etwas 
trocken fine Schöne hin „Kinder, aber Ihr müsst mal Eure 
milde Hand aufthun Wir wollen der kleinen Emma eine 
Freude machen; die arme Seele wird sich wohl kaum wdedtvr 
aufrappeln. Gestern war ich bei ihr. Sie sieht schon jetzt 
wie fine Leiche aus!“ — „Was sagt denn der Arzt?“ —- 
„Schwache Lunge meint er achselzuckend ! Ausserdem hat sie 
sich noch eine Erkältung in der Ausstellung zugezogen!“ — 
„Die Aermste !“ —- „Sic war stets so freundlich und gefällig!“ 
— „Und dazu,“ nimmt die Erste ihre Erzählung wieder auf, 
„ist die Mutter so arm, dass sie fast ganz auf das Gehalt der 
Else angewiesen war!“ — „Ach, du lieber Gott!“ — „Ja, da 
muss etwas gethan werden!“ — „Wir wollen eine Liste 
herumgehen lassen!“ tönt es im Chor und mit diesem heroi 
schen Entschluss im Dienste der Wohlthätigkeit wird die 
Kaffeestunde beschlossen. Der stille Beobachter aber schleicht 
sich von dannen, mit dem Gefühl, dass sich auch auf der 
kleinsten Erdenscholle, wo Menschen wohnen, Leid und 
Freude, Noth und Ueberfluss zu jenem seltsamen Gemisch 
vereinen, das man das menschliche Leben nennt. 
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Jung-Afrika. Der kleine, bronzefarbige, 3jährige 
Togoknabe, ein Sohn des Togohäuptlings in der Kolonial- 
Ausstellung, erfreut sich bei vielen Ausstellern, Vertretern 
und Besuchern einer ungemein grossen Beliebtheit ob seiner 
Drolligkeit. Er verfügt bereits über einen kleinen Vorrath 
von deutschen Ausdrücken und unterhält sich sehr gern. 
Gestern war er im Kolonial-Cafe von einer grossen Menge von 
Besuchern umlagert, als er dort mit seinem Onkel Kaffee 
trank. Die dort bedienende Farbige, Frau Eva, die gleich-
	        
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