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Volume Nr. 171, 5. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
ii 
gemacht, in Wien nur Nachmittags, denn die Berliner sind 
nur witzig, wenn sie hungrig, die Wiener, wenn sie satt sind. 
Der Wiener kommt aus einem vollen, der Berliner Witz aber 
aus einem hungrigen Magen, deshalb ist er auch heissender." 
Es war vor 45 Jahren, als Saphir diese Worte schrieb; 
sie dürften daher nur noch einen gewissen lokalgeschicht 
lichen Werth haben, alter nicht mehr maassgebend sein für 
die Entstehung und den Werth moderner Berliner Witze. Dass 
letztere nicht von der Tageszeit abhängig sind und ebenso oft 
dem Munde eines Hungrigen wie dem eines Gesättigten ent 
strömen, bedarf keiner besonderen Bemerkung. Der B« rliner 
macht seine Witze, wo sich ihm eine Gelegenhit dazu bietet, 
vor allem über etwas Neues, und er bringt sie an, wenn ihm 
nur irgend jemand Gehör schenkt. Und von dem Ohr, in das 
es fällt, hängt das Glück eines Witzwortes meist viel mehr ab, 
als von dem Munde, der es ausspricht. 
Auch unsere Berliner Gewerbe-Ausstellung hat eine Un 
menge von Witzen gezeitigt, theils gute, theils schlechte; 
plötzlich waren sie da, ohne dass man ihren Urheber kannte, 
gingen von Mund zu Mund und waren ebenso schnell, wie 
sie eelcommen, „versunken und vergessen.“ Der Ausstel 
lungs-Kalauer ist so alt, wie die Ausstellung selbst, oder im 
Grunde genommen noch älter, denn er trat schon in verschie 
denen Varianten auf, als die Ausstellung noch garnicht er 
öffnet war. Das Wahrzeichen derselben, die Hand mit dem 
Hammer, gab die erste Veranlassung dazu. Man nannte sie 
die Hand des Herrn von Hammerstein, der damals noch, viel 
von sich reden machte. Dann mussten die unglückseligen 
Mail-coachs, die der Berliner Witz sofort zu „Mehl-Kut 
schen“ gemacht hatte, herhalten. Man sprach von den un 
glücklichen Kutschern dieser Wagen, die alle an Verfolgungs 
wahn leiden, weil sie glauben, es sitzt beständig Einer hinter 
ihnen, während die Plätze doch immer leer blieben; man 
hörte von einer grossen Entschädigungsklage gegen die Lie 
feranten der Mail-coachs, welche contractlich erklärt hätten, 
dass zwölf Personen auf jeden Wagen gingen, und in Wahr 
heit ging nicht eine hinauf. 
Auch die Sammlung der geflügelten Imperative, die vor 
einigen Jahren in „Schmücke Dein Heim“, „Koche mit Gas“ 
und ähnlichen ihren Ursprung gefunden hatten, wurden 
durch einen Ausstellungsscherz vermehrt. Auf die Frage: 
„Wie heisst der neueste Imperativ?“ erhielt man die Ant 
wort: „Geh’, werbe Ausstellungsbesucher!“ (Gewerbeaus 
stellungsbesucher.) 
Kaum hatten die Marine-Schauspiele ihre wirkungsvollen 
Vorstellungen eröffnet, da bemächtigte sich der Berliner Witz 
dieses neuartigen Namens, und alsbald hörte man überall 
von den „marinirten Schauspielen“ erzählen. 
Ganz besonders aber musste der jetzt leider von der Bild 
fläche verschwundene Fesselballon zu allerlei Scherzen her 
halten. „Haben Sie schon von dem schrecklichen Unglück 
in der Ausstellung gehört ? Gestern ist eine Dame aus dem 
Fesselballon gestürzt,!“ so erzählte mir eines Tages auf dev 
Fahrt nach Treptow mit allen Anzeichen innerer Erregung 
mein Freund, der Reiseonkel Hermann. Ich hatte gerade 
noch Zeit, meinem Erstaunen durch den Ausruf „Wegen un 
glücklicher Liebe?“ Luft zu machen, als der Witzbold mit 
schelmischem Lächeln fortfuhr: „Gestern hatten vier Herren 
die kühne Idee, oben im Fesselballon eine Partie Skat zu spie 
len, und dabei ist die Coeur-Dame heruntergefallen !“ Und 
von denselben Skatbrüdern, die vierhundert Meter über dem 
Erdboden dem edlen Spiel gehuldigt, hiess es mit Recht, 
sie hätten den höchsten Grand gemacht, der überhaupt zu er 
reichen sei. Als der Fesselballon das Pech hatte zu platzen, 
wurde der Witz colportirt, der Amtsvorsteber von Treptow 
hätte eine neue Steuer erfunden: eine Platzsteuer für defecte 
Luftballons. 
Auch das Riesenfernrohr, dieser ernst-wissenschaftliche 
Bestandtheil der Ausstellung, blieb nicht verschont in dem 
Pelotonfeuer des Berliner Witzes. Als der Betrieb wegen 
eines Defectes auf kurze Zeit eingestellt werden musste, ent 
stand die Frage: „Wissen Sie, warum das Riesenfemrohr 
nicht mehr functionirt?“ und die Antwort lautete: „Die 
naheliegende ,Volksernährung“ hat die ganzen Linsen auf 
gezehrt !“ 
Auch eine grosse Anzahl anderer Scherzfragen, die be 
kanntlich, nie im Sinne der Fragesteller zu lösen sind, hat das 
Ausstellungsjahr gezeitigt. Da wird beispielsweise gefragt: 
„Welches moderne französische Theaterstück wird am häu 
figsten in Kairo aufgeführt?“ Antwort: „Die Kamelien- 
dame“, denn jede Reiterin auf dem Wüsten-Lastthier ist eine 
solche. 
Wie kommt man am billigsten in die Ausstellung ? Wenn 
man den Kassirer bei dem Billetkauf recht freundlich an 
schielt ; dann erhält man eine Schieler- oder Schülerkarte. 
Warum sitzen so viele junge Damen in der Fischkosthalle? 
Weil sie glauben, dort am leichtesten Einen — angeln zu 
können. 
Was macht man mit einem alten Ueberzieher? Den 
bringt man nach „Alt-Berlin“, da sieht man — die Alten 
wenden (die alten Wi nden). 
Auch an der Kolonial - Ausstellung ging der Berliner 
Witz nicht so spurlos vorüber. Die Zanzibarstadt mit ihren 
commerciellen Ausstellungen wurde die Kolonialwaarenhand- 
luug genannt, und auf die Frage, wie die Deutsche Flagge 
im schwarzen Erdtheil am schnellsten Verbreitung und Volks 
tümlichkeit erlangen könnte, gab man zur Antwort: Wenn 
man jedem Schwarzen einen Schimmel mit rothem Sattel 
aus Reichsmitteln zum Geschenk machen würde. 
Die kleine Sammlung, die wir hier zusammengestellt 
haben, kann nicht erschöpfend sein. Noch zahllose andere 
Ausstellungswitze ruhen bereits im Schoosse der Vergessen 
heit und manche andere werden vielleicht noch in den letzten 
vierzehn Tagen der Ausstellungssaison oder auch, noch nach 
Schluss derselben das Licht der Welt erblicken. Jedenfalls 
hat der Humor auch seinen Platz auf dem Ehrenfelde der Ber 
liner Industrie behauptet, wie er es immer thun wird, wo Ber 
liner Ereignisse sich abspielen und etwas Neues entsteht. 
„Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“, wie Grabbe 
einst sein gedankenreiches Lustspiel betitelt hat — liegt in 
den Berliner Witzen alter und neuer Zeit, und ihr unerschöpf 
licher Reichthum hat auch durch das Berliner Ausstellung«» 
jähr eine neue Bereicherung erfahren. 
Das Wochen-Programm der Ausstellung für die 
Zeit vom 5. bis 11. d. Mts. ist folgende«: Montag: gewöhn 
licher Fünfzig-Pfennig-Tng ; Dienstag: Letzte grosse Illumi 
nation der Wandelgänge um dt n Neuen See, der See-Ufer und 
des Hauptgebäudes; Mittwoch: Combinirter Marktag, Nach 
mittags 1 Uhr grosser Umzug der Eingeborenen aus Kairo 
und der Kolonial-Ausstellung durch das ganze Ausstellungs 
Gelände ; Donnerstag: Elitetag, Entree 1 Mark, von 5 Uhr 
ab 50 Pfennige; Freitag: Combinirter Marktag, Abends all 
gemeine Illumination der Ausstellung, Kairos, Alt-Berlins 
und der Kolonial-Ausstellung. Sonnabend: Gewöhnlich«r 
Fünfzig-Pfennig-Tag und Sonntag: Combinirter Marktag 
mit partieller Illumination. 
N 
Der gestrige combinirte Mark-Sonntag war von. 
einem herrlichen Herbstwetter begünstigt und hatte in Folge 
dessen wieder eine wahre Völkerwanderung nach dem Ausstel 
lungs-Terrain veranlasst. Unausgesetzt ergoss sich die breite 
Fluth der Besucher in Park und Hallen, die gegtr vier Uhr 
Nachmittags ein ausserordentlich buntbewegtes Bild boten, 
während die Sonder-Ausstellungen wie immer an diesen Ta 
gen derartig überfüllt waren, dass wiederholt eine Absperrung 
der Zugänge angeordnet werden musste. Dass die Ausstel 
lung ihrem Ende zugeht, bildete gestern fasst überall das Ge 
sprächsthema, aus dem immer wieder das Bedauern über den
	        
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