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Periodical volume Nr. 171, 5. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officrelte Ausstellung - tfacnnchfen. 
Die vollständigste Collection schmerzmildernder Mittel 
bringt uns die Kronen-Apotheke von 8. Radlauer. Diese 
Firma legt ihr Schwergewicht auf die Fabrikation der neu 
esten Arzneimittel und Specialitäten, wodurch es ihrem frü 
heren Inhaber Dr. Friedländer gelungen ist, di« deutsche 
Apotheke vom Ausland unabhängig zu machen und speciell 
Paris erfolgreich Concurrenz zu bieten. Von den zahl 
reichen ausgestellten Specialitäten will ich besonders erwäh 
nen das Somnal, Antinervin und die comprimirten Phena 
cetin-Tabletten. 
Das erste dieser Medicamente, das Somnal. ist ein von 
Herrn Kadlauer selbst erfundenes Schlafmittel; dieses Aethyl- 
Chlorurethan ist eine Wasserfalle Flüssigkeit von etwas bitte 
rem Geschmack und bewirkt schon eine halbe Stunde nach 
dem Einnehmen einen sechs- bis achtstündigen, ruhigen 
Schlaf, der sich von dem natürlichen, physiologischen in 
nichts unterscheidet; der Einfluss auf Herz oder Blutdruck 
ist sehr gering, Verdauungsbeschwerden kommt n keine vor, 
und eine Steigerung der Dosis nach längerem Gebrauch ist 
nicht nothwendig. 
Ebenfalls von Herrn Kadlauer selbst hergestellt ist das 
Antinervin (Salicylbromanilid) ; es ist dies ein weisses Pul 
ver von etwas säuerlichem, jedoch nicht unangenehmem Ge 
schmack, es ist im Wasser sehr wenig, im Alkohol und Aetlier 
jedoch leicht löslich. In seinen Wirkungen vereinigt es die 
Eigenschaften der bisher bekannten Antipyretika, ohne deren 
unangenehme Nebenwirkungen zu zeigen. Den Namen 
Anti nervi n rechtfertigt es dadurch, dass es bei neuralgischen 
Schmerzen, Migräne, ja sogar Zahnschmerzen prompt calmi- 
rend wirkt und auch die bei katarrhalischen Affectionen auf 
tretenden Schmerzen im Kopf, Rücken und Bei neu lindert. 
Ein durch die Einfachheit, seiner chemischen Constitu 
tion angenehm auffallendes Mittel ist das Analgen; die Che- 
ker nennen es kurz—Orthooxaethylmonoacetylamidochinolin ! 
Ein Glück, dass derartige Namen nicht in «1er Pkarmacopoe 
vertreten sind, denn sonst die armen Apotheker! Auf 
gefallen sind mir noch in der Kadlauer'sehen Ausstellung 
die ungemein compendiös comprimirten Phenacetin-Tablet 
ten. Das Phenacetin, welches vor noch nicht allzulanger Zeit 
von Käst und Hinsberg in die Arzneimittellehre eingeführt 
wurde, gilt jetzt als eines der besten beruhigenden und 
schmerzstillenden Mittel, welche gar keine oder beinahe keine 
lästigen Nebenerscheinungen zeigt. 
Die chemische Fabrik Falkenberg stellt als Mittel gegen 
Gelenkrheumatismus aus: Phenamin und Triphenamin, Me 
dicamente, die sich bis jetzt erfolgreich bewährt haben, wäh 
rend mir in der Ausstellung der Berliner Capsules-Fabrik 
Job. Lehmann die zu gynäkologischen Zwecken dienenden 
Gelatin-Röhren mit Zusatz von Cocain besonders erwähnens- 
werth scheinen; dieses letztere, welches in den letzten Jahren 
für den Chirurgen eines der werthvollsten Mittel zur Aus 
führung schmerzloser Operationen geworden ist, stellt ein 
Product der Cocablätter dar und bildet ein farbloses, krystal 
linisches, bitter schmeckendes Pulver, welches auf der Zunge 
ein stumpfes Gefühl hervorruft und die Geschmacks- sowie 
Geruchsempfindung stark herabsetzt. Auf die Schleimhäute 
applicirt oder subcutan injicirt, erzeugt es vollständige Em 
pfindungslosigkeit, die sich allerdings wieder rasch hebt; von 
überraschender Wirkung ist das Cocain gegen Zahnschmerz, 
welchen es beinahe momentan hebt. Ganz umgekehrt, wirkt 
dieses Medicament, wenn es innerlich eingenommen wird; es 
erzeugt dann Wohlbehagen, Steigerung der psychischen Func- 
tionen, Verminderung der Müdigkeit und des Schlafge 
fühls etc. 
Ein ebenfalls vorzügliches Präparat, welches den meisten 
nur als antiseptisches Mittel bekannt ist, jedoch von hervor 
ragenden Aerzten auch als Anästheticum verwendet wird, ist 
das von der chemischen Fabrik auf Actien (vorm. E. Sche 
ring) ausgestellte farblose flüssige Jodoform. 
J. D. Riedel stellt von den hier in Betracht kommenden 
Medicamenten Chloroform, Chloralhydrat und Sulfonal aus. 
Dass das Chloroform das beste, aber gefährlichste Mittel zur 
Betäubung ist, wurde schon Eingangs bemerkt; seine speci 
fische Wirkung äussert sich darin, dass es nicht auf das Blut, 
sondern direct auf das Central-Nervensystem wirkt, wodurch 
die Narcose auch eine viel andauerndere und sichere ist, wie 
etwa bei Bromäthyl oder Aether. Hingegen verursacht es ein 
Sinken des Blutdruckes, eine starke Abnahme der Energie 
der Herzthätigkeit und eine nicht unbeträchtliche" Herab 
setzung der Körpertemperatur. Gegen die Verwendung des 
Chloroforms wird auch der Umstand sprechen, dass vor dem 
Stadium der Lähmung ein Stadium hochgradiger Erregung 
auftritt, welches sich, etwa bei Alcoholikern, bis zu förm 
lichen Tobsuchtanfällen steigern kann ; da die einzugebenden 
Mengen zwischen 1 gr und 50 gr schwanken, so wird der Arzt 
bei Chloroform narcose gar nie vorsichtig genug sein können. 
Das von derselben Firma ausgestellte und zuerst von 
Liebreich im Jahre 1871 eingehend untersuchte Chloralhy 
drat ist eines der raschest wirkenden und beliebtesten Schlaf 
mittel ; es erzeugt schon 10 Minuten nach Verabreichung 
einen 4 bis 6 Stunden andauernden Schlaf, dem selten eine 
gewisse Müdigkeit, zumeist aber ein Gefühl der Erquickung 
und des Gestärktseins folgt; im Gegensatz zu den meisten 
anderen Schlafmitteln, mit Ausnahme des Somnal, wirkt es 
nicht nur nicht störend auf die Verdauung, sondern regt so 
gar den Appetit an. Nur bei Darreichung sehr grosser Dosen 
stellt sich Erbrechen und Abnahme der Herzkraft ein. 
Ein ähnlich wirkendes Mittel ist das Sulfonal. Noch 
eines schmerzstillenden Mittels will ich zum Schluss wegen 
seiner Leichtigkeit der Anwendung und Einfachheit geden 
ken ; es ist dies der Wille. Man kann bekanntlich durch 
angestrengte Ablenkung der Aufmerksamkeit auf ausserhalb 
liegende Gegenstände und Vorgänge den stärksten Kopf- oder 
Zahnschmerz für eine Zeitlang verschwinden machen. — Ja, 
die Willenskraft! Leider kann man sie nicht ausstellen! 
Dr. 8. 8. Epstein. 
Die Conserven auf der Gewerbe-Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.) 
Was conservirt man heutzutage nicht alles ! Holz und 
Spargel, Milch und Pappdächer u. s. w.; das eine auf diese, 
das andere auf jene Art. — Hier soll aber nur von den Conser 
ven die Rede sein, soweit es Lebensrnittel betrifft und ausser 
dem werden auch die flüssigen Conserven, die Fruchtsäfte etc. 
ausgeschieden, obgleich gerade diese, wie zum Beispiel alter 
Cognac und alter Bremer Apostel- oder Rosenwein sich viele, 
viele Jahre nicht nur nicht vortrefflich gehalten, sondern so 
gar an Güte noch zugenommen haben, was man von den Con 
serven, welche in Folgendem in Betracht kommen, gerade 
nicht bfhaupten kann; — sie halten sich wohl; aber — besser 
werden sie nicht. 
Es wäre irrthümlich anzunehmen, man hätte die Conser 
ven nur in der Abtheilung Nahrungs- und Genussmittel zu 
suchen. Fast alle diese Präparate, soweit sie Fische betref 
fen, stehen in der Fischkosthalle, aber auch nur — fast — 
alle, denn die Firma C. N. Mortensen, welche in Fischen ar- 
b< itet, hat ihren Pavillon in der Nahrungs- und Genussmit 
tel-Abtheilung, und nicht weit davon ist die Firma W. Mär 
ker Nachfolger placirt, deren Specialität Saidinenschnitte. 
mit Mixed-Pickles und Trüffeln ist, die allerdings auch als 
zweites Haupt-Erz« ugniss Cornichons in Töpfen und Gläsern 
führt — Gurken nämlich. Mortensen’s Pavillon enthält 
mit dem Stempel des Norddeutschen Lloyd versehene Büchsen, 
welche lange Reisen hinter sich haben — meist mit dem Dam 
pfer „Gera" des Lloyd — und ausser den allbekannten Fisch- 
conserven, wie Aal in Gelee, Rollmops, Häringe ohne und mit 
Gräten, Brathäringe u. s. w. findet man hier einige Arten, 
die weniger an die Oeffentlichkeit getreten sind, wie Röstaal, 
Lachs in Aspic, Holländische Sardellen, geräucherte Ostsee- 
Häringe — alles, wie gesagt, in flachen, viereckigen, an den 
Ecken abgerundeten Blechbüchsen. 
Unter den Fischeonserven-Fabriken «ler Fischkosthalle 
nimmt die allbekannte Firma F. W. Krüger, Bath an der 
Ostsee, den ersten Rang und den grössten Raum ein. Ausser 
einer grossen Collection Büehsenconserven sind viele Erzeug
	        
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