Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

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Officielle Äusstellungs - Nachrichten.
Die Berliner Kunsttischlerei.
Von Dr. Karl Thiess.
[Abdruck untersagt.]
Auf dem Gebiet der Tischlerei ist das Berliner Kunstgewerbs
älter als in den meisten sonstigen gewerblichen Fächern. Bereits
im 15. Jahrhundert entstanden, erreichte die Kunsttischlerei in
Berlin um die Mitte des 16. Jahrhunderts infolge der glänzenden
Hofhaltung von Kurfürst Joachim II., einen grossen Aufschwung.
In jener Zeit, da die Kunsttischlerei in Deutschland am höchsten
entwickelt war, und aus der die vielbewunderten schönen
alten Möbel unserer Museen stammen, hat auch Berlin an
jenem Aufschwung theilgenommen. Der Rückgang, den der
dreissigjährige Krieg brachte, war in Berlin nur vorübergehend.
Die Prachtliebe des ersten preussischen Königs und der verfeinerte
Geschmack der einwandernden französischen Hugenotten gaben der
Berliner Möbeltischlerei von neuem künstlerische Formen. Der
steigende Luxus in den Berliner Bürgerfamilien wirkte auf ihre
Entwicklung in hohem Maasse günstig ein. Schon damals hat die Berliner
Tischlerei nach ausserhalb abgesetzt, und wurde darin von dem spar
samen König Friedrich Wilhelm I. eifrig unterstützt. Im vorigen
Jahrhundert wurde der Grundstein zu dem jetzigen Ansehen der
Berliner Kunst- und Möbeltischlerei gelegt, und der National
ökonom P. Voigt in Berlin, der die Zustände im Berliner Tischler
gewerbe für das Sammelwerk des Vereins für Socialpolitik unter
sucht und auch diese historischen Verhältnisse klargelegt hat, weisst
die früher übliche Ansicht, als ob die Berliner Kunsttischlerei sich
erst in unserem Jahrhundert allmählich entwickelt habe, mit Recht
als irrig zurück.
Der frühere Irrthum ist dadurch entstanden, dass in den
Kriegszeiten zu Anfang dieses Jahrhunderts die Lage des Handwerks
allerdings eine sehr gedrückte war, und dieses sich von da ab erst
langsam wieder erholt hat. An den beiden Gewerbe-Ausstellungen
von 1822 und 1827 zu Berlin hat sich die Tischlerei wenig be
theiligt. Die Anzahl der ausgestellten Erzeugnisse der Tischlerei
stand nach dem amtlichen Bericht nicht im Verkältniss zu den
Leistungen der Hauptstadt in diesem Fache.
Erst in den nächsten Jahrzehnten mit Ausbreitung des Zoll
vereins und der Eisenbahnen wurde die Tischlerei zu einer der
wichtigsten Erwerbsquellen Berlins. Von den grossen Berliner
Künstlern nahm sich, nach der Untersuchung von P. Voigt, der wir
hier folgen, vor allem Schinkel der Kunsttischlerei an. Er ver
schmähte es nicht, dem Beispiele der italienischen Künstler der
Renaissance zu folgen und Entwürfe für Möbeltischler zu zeichnen,
denen er eine grosse Anzahl klassischer Muster lieferte. Seine Kraft
wirkte vorbildlich und hob den Geschmack in den Formen ungemein.
Dadurch wird es begreiflich, dass auf der ersten Allgemeinen
Deutschen Gewerbe-Ausstellung 1844 zu Berlin die Berliner
Kunsttischlerei in hoher Vollendung erschien. Etliche 30 Tischler
meister und Möbel-Fabrikanten betheiligten sich an der Ausstellung,
von denen mehrere Auszeichnungen erhielten. Einige Fracht
stücke, z. B. ein Armlehnstuhl mit Musikwerk, erregten allgemeines
Aufsehen und verursachten »bei den Beschauern ebensoviel Ver
gnügen als Kunstgenuss« — wie der Berichterstatter sagt.
Dann kam eine Zeit, wo das Kunstgewerbe fast ganz durch
die Massenproduction verdrängt wurde. Maschinen und Grossbe
triebe kamen in der Tischlerei auf. Grosse und kleine Geschäfte legten
nur noch Werth darauf, niöglichst viel zu produciren. Die Pariser Welt-
Ausstellung lässt diesen Character der Berliner Tischlerei, der durch
einen immer weiteren Absatzkreis im In- und Ausland gefördert wurde,
deutlich hervortreten. Erst als in den 70er Jahren der »grosse
Krach« hereinbrach und die Berliner Tischlerei auf das härteste
traf, als Stuttgart und andere Städte einen Theil des Berliner
Marktes an sich rissen, besann sich Berlin wieder auf sein
kunstgewerbliches Arbeiten, das schon am Ende der 70 er Jahre
rasch wieder emporblühte.
Die Berliner Gewerbe -Ausstellung von 1879 brachte der
Berliner Möbel - Industrie einen glänzenden Triumph. Fast alle
grösseren Geschäfte betheiligten sich und bewiesen, dass Berlin in
künstlerischer Hinsicht wieder eine hohe Stufe der Leistungsfähig
keit erreicht hatte. An dem günstigen Umschwung war
auch diesmal die Kunst stark betheiligt. Das Kunst
gewerbe-Museum hatte vortheilhaften Einfluss auf die Heranbildung
von Möbelzeichnern und Bildhauern geübt, und unter seiner Ein
wirkung waren die Rocoeofonnen der Kastenmöbel durch eine
wirkungsvolle und kräftige Renaissance verdrängt worden.
Die Ausstellung hatte den guten Erfolg, dass sieh das Geschäft
in der Kunstmöbelfabrikation wieder besserte und besonders die
Ausfuhr, z. B. nach Australien sich hob. Seither ist der Export
in Folge schlechterer Zollverhältnisse wieder zurückgegangen, die
Lage der Berliner Kunsttischlcrei ist eine sehr gedrückte geworden,
und eine Förderung durch die gegenwärtige GeWerb'e-Ausstellung,
welche das Interesse des Auslandes und vor Allem des sich jetzt
wieder kräftigenden inländischen Markts für Berliner Waare wecken
soll, kommt gerade zur rechten Zeit.
Die „Berliner Möbel“ haben in Deutschland und besonders
im Westen und Süden keinen sehr guten Ruf. Man bezeichnet so
die billigen Massenartikel, die Berlin besonders massenweise (?) herstellt,
besonders viel versendet und besonders billig verkauft. Sie treffen
vielfach auf die Concurrenz provinziell-einheimischer noch mehr hand-
werksmässig, weniger arbeitstheilig und weniger maschinell hergestellter
Möbel, die in manchen Fällen sorgsamer gearbeitet sind, die
vor Allem aber weit theurer sind. Wenn Berlin mit seinen billigen
Producten nun die Preise wirft, so wird das natürlich von den
einheimischen Handwerkern bitter empfunden. Aber dem Berliner
Gewerbe bleibt das grosse Verdienst, in den »Berliner Möbeln«
zuerst billige Möbel geschmackvoll hergestellt und damit auch den
Aermeren ein behagliches und gut ausgestattetes Heim geschaffen
zu haben.
In der Herstellung der billigen Möbel, bei der es viel auf die
Billigkeit der Arbeitskräfte ankommt, treten übrigens andere Städte
mit Berlin schon erheblich in Concurrenz. Dadurch wird Berlin
wieder mehr auf die kunstgewerbliche Arbeit gewiesen. Bei dieser
entscheidet die Geschicklichkeit der Arbeitskräfte, der feine Ge
schmack, die Kunstfertigkeit und die stete Fühlung mit den
Strömungen der Mode. Alles das ist in der Hauptstadt, dem Mittel
punkt des geistigen Lebens, wo zugleich die zahlungsfähigsten
Schichten des Volks zusammen strömen, am meisten zu Hause.
Die Eindrücke dieser Tage müssen darüber entscheiden, ob
Berlin wieder eine bessere Stellung auf dem Markt tür die Producte
der Kunsttischlerei gewinnt. Die Ausstellung muss ergeben, ob
und wie weit Berlin auf diesem Gebiete ö.e alte Leistungsfähigkeit
erhalten und wiedergewonnen hat Es ist dringend zu wünschen,
dass die darauf gesetzten Hoffnungen sich erfüllen. Denn eine
bessere Geschäftslage für das Kunstgewerbe bringt nicht nur den
grossen Geschäften der Tischtereibranche, die für die Berliner
Volkswirthschaft so wichtig sind, den wünschenswerthen Aufschwung,
sie erleichtert auch den m ; t grossen Schwierigkeiten ringenden Hand
werkern die Einführung in die neue Betriebsweise und giebt den
Arbeitern Aussichten, ihre Arbeit Löher verwerthen zu können.
Der Depeschen-Saal
im Pavillon des „Berliner Lokal - Anzeiger“.
[Abdruck untersagt.]
Mit einer wahrhaft weltstädtischen Einrichtung, die in Paris
schon langst besteht, die jedoch in Berlin einzuführen unserem
Blatte überlassen blieb, macht der »Berliner Lokal-Anzeiger« an
lässlich dieser herrlichen Ausstellung das Berliner Publikum vertraut.
Zwischen dem tobenden Maschinensaal, in dem die beiden
riesigen Augsburger Pressen Berge der frisch gedruckten Zeitungs
nummern ausspeien, und dem belebten Setzersaal, in dem die drei
neuen Setzmaschinen ihre menschenkraftsparende Thätigkeit zeigen,
schiebt sich ein behaglicher und vornehmer Raum von mittlerer
Grösse. Portieren grenzen ihn gegen den Corridor ab, ein Rund-
sopha, von der Statue des modernsten aller Antikengötter, des Hermes,
gekrönt, ladet zu behaglichem Verweilen ein.
Das ist der Depeschensaal, ein Ort der Ruhe, des stillen Be
trachtern;. Das braune Getäfel, die grünen Felder der Wände
stimmen die Seele des vom vielen Umherwandern, von der langen
Fahrt nach Treptow Ermüdeten und Nervösen wieder ruhig und
sanft.
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