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Periodical volume Nr. 169, 3. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Gfficielie Ausstellungs- Nachrichten. 
Ein aufmerksamer Ausstellungs-Beobachter könnte hier 
3en Einwand geltend machen, dass man oft eine dichte Menge, 
welche aus den verschiedenen Altersklassen und Geschlech 
tern besteht, um Gegenstände sich ansammeln sieht, die weder 
durch gefällige Form noch in irgend einer anderen Weise 
jdie Schaulust zu befriedigen vermögen, zumal sie im Dienste 
ider Wissenschaft oder eines industriellen Specialfaches 
stehend nur für den Interessenkreis Einzelner bestimmt sind. 
Ein solcher Einwand wäre aber blos in seiner Thatsächlich- 
keit zutreffend. Das Motiv für diese Ansammlungen ent 
springt jenem in jedem Menschen mehr oder weniger wo hnen 
den Zug seines Charakters, den wir gewöhnlich als Neugierde 
/bezeichnen, und hiesse es das Gesetz dieser nicht kennen, um 
aiicht zu wissen, dass, wenn erst drei oder vier Fachmänner 
joder Interessenten in aufmerksamer Betrachtung vor einem 
Ausstellungs-Objecte stehen, sich nicht zu ihnen gleich noch 
Einige gesellen, welche die ganze Sache herzlich wenig an 
geht. Zu diesen kommen schnell noch mehrere- hinzu, und 
in kurzer Zeit steht ein Häuflein da, von dem jeder nur das 
zu erfahren interessirt, was eigentlich den Anderen interessi 
eren könnte. So schnell sie gekommen, gehen sie auch aus 
einander, um einer neuen Schaar von Neugierigen Platz zu 
Machen. Hier werden wir auch immer jener Species von Be 
suchern begegnen, die völlig im Unklaren darüber sind, 
welche Aufgaben eine Ausstellung zu erfüllen hat und welche 
Anforderungen man an ein derartiges Unternehmen über 
haupt zu stellen berüchtigt ist. Sie glauben auf der Ausstel 
lung nur Absonderlichkeiten und Wunder sehen zu müssen; 
was hier vorhanden ist und vorgeführt wird, das muss sich, 
ihrer Meinung nach, merklich von den Dingen und Vorgän 
gen der übrigen Welt unterscheiden. So erwarten sie hier 
gewissermaassen in ein Raritätenkabinet zu gelangen 
fund sind arg enttäuscht, wenn sie durch das 
Eine oder das Andere in diesen ihren Hoffnungen 
•sich gänzlich betrogen sehen. Nicht ein Mal hört 
man auch nur dieses aussprechen, und mancher glaubt 
.über einen Ausstellungs-Gegenstand den Stab gebrochen zu 
haben, wenn er sein vernichtendes Urtheil etwa in den 
Worten zusammenfasst: „Det haben wir in der Ackerstrasse 
ooch.“ Dass es der vernehmlichste Zweck einer Ausstellung 
/ist, gerade das in möglichster Vollkommenheit zur Schau zu 
stellen, was wir in der Ackerstrasse auch haben, vermögen 
sich Besucher dieses Schlages umso weniger zu sagen, als sie 
weit davon entfernt sind, zu wissen, wie diese Veranstaltun 
gen, aus den französischen Museen sich entwickelnd erst 
später Industrie und Gewerbe in ihr Bereich zogen, um gegen 
wärtig alle materiell darstellbaren Seiten des Volkslebens zu 
•umfassen. — Am eigenen Leibe habe ich im Laufe der Zeit 
in Folge der Sucht eines Theils des Publikums nach Äusser- 
gewöhnlichem und Wunderbarem Erfahrungen gemacht, die 
-für mich eigentlich wenig schmeichelhaft sind, nichts desto 
Weniger mir aber manche heitere Augenblicke während 
meines Vertreterseins bereitet haben. Es war kurze Zeit 
nach Eröffnung der Ausstellung, als ich eines Tages von mei 
ner Lektüre aufblickend, zwei junge Mädchen, die vor mir 
Standen, erschreckt zusammenfahren sah, um dann sofort in 
ein helles Lachen auszubrechen. Da sie dabei mich anblick 
ten, unterlag es für mich keinen Zweifel, dass ich ihre Hei 
terkeit erregt hatte. Ich sah mich verlegen nach allen Seiten 
.um, musterte meinen Anzugs holte den Taschenspiegel hervor 
und konnte nichts an mir entdecken, dass so ungemein ko 
misch zu wirken vermochte. Als die jungen Damen sich ent 
fernt hatten, erklärte mir der Aufseher unter Lachen, dass 
sie mich, da ich unbeweglich in mein Buch vertieft dagesessen 
>— für ausgestopft gehalten hätten. Mir ist dieses „schmei 
chelhafte” Verkanntwerden in der Folge noch einige Mal 
passirt. Den Vogel schoss hierbei ein biederer Provinziale 
ab, der zusammen mit seiner Gemahlin mich wohl längere 
Zeit, während ich las, angestarrt haben mochte. Als ich 
dann plötzlich aufblickte, prallten Beide zurück. Er fasste 
sich jedoch schnell, lüftete den Hut und entschuldigte sich 
mit den höflichen Worten: „Verzeihen Sie, wir haben ge 
glaubt, Sie wären ausgestopft, aber es ist auch zu natürlich.“ 
Seit der Zeit setze ich mich nie mehr ruhig auf meinen 
Stuhl, wenn ich lese. Ich hin im Gegentheil die Bewegung 
selbst, zapple mit einem Bein, huste, schnaube und spiele mit 
der Bleifeder aus Furcht, man könnte mich für ausgestopft 
halten, mit anderen Worten, Stroh in meinem Kopfe ver 
muthen. D. F—g. 
Der officielle Schluss der Ausstellung' findet, 
wie in einer am Donnerstag Abend stattgehabten Sitzung 
festgestellt wurde, definitiv am Donnerstag, 15. d. M., Nach 
mittags 4 Uhr, durch den früheren und jetzigen Handels- 
Minister, die Herren von Berlepsch und Brefeld, im Kuppel- 
Saale des Hauptgebäudes statt. Am nächsten Dienstag, 
6. d- M., wird der Park zum letzten Male in seiner ganzen 
Ausdehnung erleuchtet, während von da ab, bis zum Schluss 
der Ausstellung nur noch partielle Illuminationen stattfinden. 
Von dem eine Zeit lang in Erwägung gezogenen grossen 
Schlussfest am 16. d. M. wurde nach reiflicher Erwägung 
abgesehen. 
S 
Die Einnahmen der Berliner Gewerbe-Ausstellung im 
September (30 Tage) betrugen an den Kassen derselben und durch 
Verkauf durch die Eisenbahn und Dampfer ca. 583800 M., für 
Dauerkarten 150 M., in Summa 583950 M. 
S 
Der morgige Sonntag ist combinirter Marktag. Abends 
findet elektrische Beleuchtung der Fagade des Hauptgebäudes und 
der Ufer des Neuen Sees statt. 
S 
Der Eingang in die Unterwelt lässt sich auf der 
Ausstellung leicht erreichen und doch dürften ihn nur wenige 
Besucher kennen. Der Weg dahin ist sehr bequem und mit 
keinerlei Gefahr verbunden; weder bewacht ein Cerberus die 
Pforten noch hat man es nöthig die Hoffnung draussen zu 
lassen, wenn man dort eintreten will. An der Sportabthei 
lung vorüber, die Alpenwiese und Volksernährung zur Lin 
ken lassend, gelangt man in gerader Richtung zu einer Stelle 
des Parkes, wo die Welt bereits mit Brettern vernagelt ist; 
hinter diesem Zaun befindet sich der Ort, wo man sich be 
quem unter die Erde bringen kann — die Baustelle der Unter 
grundbahn. Ein Brettersteg führt über äusserst feinen und 
weissen Sand, welcher bei den Bohrarbeiten gewonnen wurde, 
zu einem einfachen Holzhäuschen, das nur drei Wände hat 
und so dem Schutzdach eines Brunnens gleicht. Wir steigen 
hier einige Stufen hinab und befinden uns in einem mehrere 
Meter breiten und ebenso hohen Schacht, der wie ein 
unendliches Gewölbe sich vor uns ausdehnt. Der weite unter 
irdische Raum hat aber nichts Düsteres oder Dumpfes an 
sich. Er gewährt vielmehr einen recht freundlichen Anblick. 
Zahlreiche elektrische Glühlampen erhellen von der Decke 
herab das Gewölbe, welches von jedem unserer Schritte laut 
widerhallt, wenn wir nunmehr unseren Weg fortsetzen. Vor 
uns sehen wir mehrere Personen demselben Ziele 
wie wir zustreben, sie scheinen aber weit, weit von uns ent 
fernt zu sein, so etwa, wie wenn wir sie durch ein umgekehrtes 
Opernglas betrachteten, dabei werden sie immer kleiner, um 
endlich ganz unseren Blicken zu entschwinden. Mit der etwa 
in der Mitte des Schachtes beginnenden Neigung des Bodens 
sind sie immer mehr in die Tiefe gelangt. Diese Senkung, welche 
wir ebenfalls bald erreichen, kennzeichnet die Stelle, wo 
über uns bereits das Flussbett der Spree anfängt. Nachdem 
wir 120 Meter zurückgelegt, gelangen wir zu einer den Gang 
abschliessenden Wand, aus welcher die maschinellen Anlagen 
zur Einführung der compri mitten Luft hervorragen,
	        
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