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Periodical volume Nr. 169, 3. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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OfficieJIe Aussteliungs - Nachrichten. 
Es giebt wohl auch noch heute in England weit weniger 
Convenienz-Ehen als bei uns. Die Söhne und Töchter der 
höchsten Aristokratie schämen sich bekanntlich nicht, bei 
ihrer Wahl in’s völlig ahnenlose „Volk“ hinabzusteigen. 
Es ist eine Art von Fiction, dass selbst die Kinder des Kö 
nig- im Auge des Gesetzes auf demselben Boden stehen, wie 
eben dieses Volk. Die Prinzen von Geblüt sind Commoners. 
Die Krone steht darum nur um so höher, je mehr der Träger 
derselben durch sie erhoben wird. 
Und auch das Weib steht in den Augen des Engländers 
darum nicht niedriger, weil die grössere Freiheit der Wahl 
sie ausnahmsweise zu absurden Verbindungen führt. In der 
Kegel ist die englische Dame ihren socialen Aufgaben ge 
wachsen. 
Doch giebt es Ausnahmen, und dann sind Kutscher, 
Jockeys, Reitknechte, wie bei uns durch Tenorstimmen, so in 
England durch die Damenwahl bevorzugt. Es mag das zum 
{Theil daher kommen, dass die Engländerin weit mehr als 
'die Deutsche zum Amazonenthum hinneigt und mit dem 
Sattel in weiten Kreisen vertraut ist. Während die deutsche 
Dame von einer Amazone nicht ohne gewisses Vorurtheil zu 
sprechen geneigt ist, gilt in England die Reitkunst für das 
weibliche Geschlecht höherer Stände als ein unerlässlicher 
Zweig der Ausbildung. Man nimmt an, dass equestrielle 
(Uebungen nicht nur dem Körper dienlich sind, sondern auch 
dem Geiste. Sie verleihen ihm jene Energie, wie sie unsere 
Zeit von beiden Geschlechtern verlangt. Und zwar ist diese 
(Wirkung auf den Charakter so hochgradig, dass die Bühnen- 
Schriftsteller von Sheridan bis Benedix und von Moser mit 
Glück eine Gegenüberstellung der Amazone und der klein 
lichen Klatschschwester zu unternehmen pflegen. Und die 
Hand aufs Herz. Giebt es wohl etwas Schöneres, als eine 
Dame auf dem Rücken eines edlen Pferdes, wie sie mutkig 
und tiefer athmend über das freie Feld, über Hecken und 
Gräben hinwegfliegt? Mit dieser Erhöhung in den Sattel 
beginnt die Emancipation vom Strickstrumpf. Geht es hier 
bei nicht ganz ohne Auswüchse ab, so herrscht doch die Mei- 
nung, dass, wenn man schon irren könne, man dabei doch auf 
der sicheren Seite bleibe. Die Reitkunst ist ein Erziehungs 
mittel, und als solches sehr schätzbar, das Pferd ist Mittel 
zum Zweck. o freilich jede Beschäftigung mit diesem so 
dankbaren und liebenswürdigen Geschöpfe zur Hauptsache 
im Leben wird, da begegnen wir einer sehr unwillkommenen 
Erscheinung. Damen, die gleichsam Reitsimplerinnen ge- 
geworden, können so wenig wie die Männer ähnlicher Rich 
tung die Atmosphäre der Manege verleugnen. Sie sind zu 
gleich meistens ausserordentlich herrschsüchtig und harther 
zig. Wir sprechen also nur der Reitkunst als Erziehungs 
mittel, nicht als Profession das Wort. Und als ein solches 
wünschen wir auch im \ aterlande die Reitkunst wie andere 
körperliche Uebungen für das weibliche Geschlecht immer 
mehr in Aufnahme gelangen zu sehen. 
Unsere Ausstellung bietet nun in dieser wie in den mei 
sten sportlichen Dingen höchst dankenswerthe Anregungen. 
Sie zeigt uns die Fühlung, die das Berliner Gewerbe auf brei 
ter Basis mit dem Sport gewonnen hat und die eine weitere 
Entwickelung noch erwarten lässt. Wie auf das Verdeck der 
Pferdebahn, wie auf das Fahrrad, so und vielleicht noch mit 
viel grösserer I eranlassung in hygienischer Hinsicht gehört 
das Weib auch in den Sattel. Setzt sie nur hinein; das Fal 
len ist. leicht, aber das Sitzenbleiben noch viel leichter. 
Doch Scherz bei Seite. Vor allen Dingen wollen wir der 
Bänglichkeit begegnen, als ob die Reitkunst eine besonders 
schwierige wäre. Die technischen Vorbedingungen sind ge 
ring, und das praktisch zu Erlernende vermag jede Dame 
unter Anleitung eines pferdeverständigen Herrn in kürzester 
Zeii rieb anzueignen. Es bleibt die Praxis hierbei, wie in al 
len sportlichen Dingen, die Hauptsache. Da indessen viele 
unserer schönen Leserinnen kaum eine Vorstellung davon be 
sitzen, wie einfach das Verhalten der Reiterin ist, so wollen 
wir einige der Hauptpunkte dieser Kunst in Kürze schildern, 
indem wir die Freunde grösserer Ausführlichkeit auf Major 
Adolf Schlaberg’s elegant ausgestattetes Büchlein „Die Dame 
als Reiterin“, verweisen oder auf das reich illustrirte Buch 
vom Pferde von Graf Wrangel, Verlag von Schickhardt und 
Ebner, Stuttgart, welches in der Sportausstellung einzusehen 
ist. In beiden kommt die gesammte Theorie in Bild und 
Wort anschaulich zur Darstellung. Die Vorführungen im 
Musterstall geben weitere Anregungen. 
Die Dame braucht ein wohldressirtes und gebautes, un 
bedingt gehorsames, ruhiges, aber nicht phlegmatisches Pferd 
von mittlerer Höhe, von etwa ein bis zwei Zoll. Da man die 
Höhe des Pferdes von der Fusssolde bis zum höchsten Punkte 
des Widerristes misst und fünf Fuss rheinisch als Einheit zu 
Grunde legt, so heisst das: ein Pferd von ein bis zwei Zoll 
über fünf Fuss oder 160 bis 162 cm Bandmaass. 
Der Anzug der Reiterin, wie ihn uns eine ganze Reihe 
von Firmen an der erwähnten Stelle wie im Hauptgebäude 
vorführen, muss die Büste zur Geltung bringen, darf aber 
die Gliedmaassen nicht behindern; Bänder, lange Schleier 
und Taillenschösse, Bijouterieen sind vom Sattel verbannt; 
die Kopfbedeckung, Hut in Cylinderform oder Barret ist der 
sorgsam befestigten Haartracht gemäss zu wählen. Die ein 
fache Eleganz und Solidität in Schnitt und Stoff sind für das 
Kleid Voraussetzung, dessen Saum unter Umständen auch 
mit kleinen Bleistückchen beschwert wird. Unerlässlich ist 
ein gut anschliessendes Pantalon von schwarzem Tuch oder 
weichem Leder, mit Stegen oder Bindebändern. Die etwa 
nöthigen Unterkleider sollten ebenfalls von dunkler Farbe 
sein. In dem Werke des Grafen Wrangel wird uns ein Po 
stum illustrirt, welches sich auf Pantalons im Stil der eng 
lischen Reithose beschränkt, die durch ein „Skirt” zum Ab 
knöpfen verhüllt ist. Während des Reitens hängt es glatt 
über den Schooss herab und wird nach dem Absitzen einge 
schlagen und befestigt. In der Gruppe von G. Benedict, bei 
G. Nteidel, D. Faust (Patent-Tafet, Ladies’ Riding-Habits, 
Taylor made) bei Moritz Bacher, .1. Bambus & Co. (speciell 
Hüte), Rud. Fisch, W. Hoormann, Alb. Ehrich, Friedrich 
Wilcke und anderen Firmen in den Gruppen XXI im Sport- 
und II im Hauptgebäude findet man viele solcher Costüme, 
die einzeln zu besprechen über unsere Aufgäbe und Kräfte 
hinausgeht. 
Beim Aufsitzen macht sich die Dame gern mit ihrem 
Pferde durch eine Cajolerie oder Darreichung eines 
Leckerbissens vertraut. Xaeh einem prüfenden Blick über 
die Adjustirung, lieht sie das Kleid vorn fussfrei, tritt mit 
dem linken Fuss in die dargebotene Hand des Gehilfen oder 
Begleiters, legt die linke Hand auf dessen Schulter und die 
rechte mit der Gerte erfasst das grosse Horn des Sattels. Nun 
stemmt sich die Dame, vom Begleiter unterstützt, in die Höbe, 
indem sie sofort das rechte Bein zwischen das kleine und 
grosse Horn legt, während der Gehilfe ihren linken Fuss in 
den Bügel bringt. Auch heim Absitzen ist ein ähnlicher 
Beistand nothwendig. 
Ein natürlicher Sitz mitten im Sattel, rechtwinkelig zur 
Längenachse des Pferdes, ohne dass der rechte Fuss sich 
durch das Kleid abzeichnet, sondern flach am Halse liegt, 
giebt der Dame einen festen Halt, der ihr ausserdem durch 
das sogenannte Springhorn links am Sattel garantirt wird. 
Dieses dient dem linken Knie, welches sich lose darunter 
schiebt, als Anhalt von oben, während der linke Fuss, im Bü 
gel ruhend, nach unten hin den Körper stützt. Von der rich 
tigen Länge des Bügelriemens hängt wesentlich der sichere 
Sitz der Dame ab, und jede Unzulänglichkeit in dieser Hin 
sicht ist sogleich, zn verbessern. Mit einem so gesicherten 
Halt kann die Reiterin sich ganz dem Lauf (Elan) des Pfer 
des hingeben, da sich dessen Bewegung sofort auf sie selbst 
überträgt, wie die des Courirzuges auf die Insassen. 
Ein praktischer Reitversuch, ein Sprung, lehrt die No 
vize in kurzer Zeit erkennen, dass lange, ehe sie Zeit hätte 
etwa zu stürzen, das Pferd unter ihr schon wieder in Bewe 
gung ist und sie gleichsam wieder auffängt oder vielmehr, 
dass dasselbe Trägheitsmoment, welches die Reiterin aus dem 
Sattel heben könnte, auch, das Pferd beherrscht und vorwärts 
treibt, und somit der Zusammenhang und Anschluss zwischen 
Reiterin und Pferd immer von selbst und unmerklich yieder
	        
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