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Periodical volume Nr. 168, 2. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Lösungsmittel abdestillirt und der Rückstand filtrirt, wobei 
man eine Ausbeute bis zu 85 pCt. des Rohmaterials gewinnt. 
■Die Fabrik dehnt sich wegen der grossen Feuergefährlichkeit 
dieser Stoffe über ein Areal von 2400 Quadratmetern aus, sie 
besitzt allein Heizapparate mit einer Fläche von 110 Quadrat 
metern, und durch Bäder etc. ist für die Gesundheit des Per 
son a ls in nachahmungswerther Weise gesorgt. 
Es wiederholt sich hier, was uns schon oft auffiel, dass 
unsere Ausstellung durchaus eines Commentars bedarf, wenn 
der Beschauer von der wirklichen Grösse und Bedeutung der 
in derselben vertretenen Industrieen ein Bild gewinnen soll. 
Wir stehen vor einem drei Meter hohen, sich nach oben ver 
jüngenden, pyramidenartigen, von einem Adler mit Kette 
und Schutzmarke gekrönten Aufbau der hauptsächlich ge 
brauchten Ceresinfabrikate. Die Basis bildet der Rohstoff 
Ozokerit, allerdings in einem schon gewaschenem Zustande, 
in welchem er bereits für die Isolation von Kabeln und zur 
Bereitung schwarzer Lederfette Verwendung findet. Die 
‘darüber sich erhebenden mühlsteinartigen Blöcke A, B. H, R 
sind sogar schon salonfähig. Sie geben das grundlegende 
Material für die Bohnerwachse ab, auf welchem unsere feinere 
Welt sich mit Vorliebe bewegt. Dann folgen die Marken 
naturgelb, hell und dunkel, welche den Hauptconsumartikel 
bilden. Die technischen Zwecke, für welche diese Marken 
Verwendung finden, sind äusserst zahlreich. Vaseline, Sal 
ben. Pomaden, Schmierfette, Mattlacke, Waschfarben, La 
nolin» erhalten durch sie die geeignete Weichheit oder grös 
sere Consistenz, ebenso Puppen, Figuren, Kunstwaben. Man 
benutzt sie in der Appretur leinener und baumwollener Stoffe, 
und sie sind in dieser und anderer Hinsicht ein viel verlang 
tes Requisit der exotischen Industrie, der Kattunsabriken des 
Indischen Archipels. Ferner finden sie Verwendung in der 
Zahntechnik, in den Militairwerkstätten zu Schutzmänteln, 
für Sprengpatronen, Zündschnüre, Torpedogeschosse, elek 
trische Leitungen etc. Endlich werden auch mit Hilfe von 
•Anilinfarben die Orangeblöcke hergestellt, und die die Spitze 
der Pyramide bildenden Blöcke zeigen uns den eigenartigen 
Steift in verschiedenen Graden der Bleichung, hellweiss, blü- 
thenweiss, doppelraffinirt, wie er hauptsächlich für Kerzen, 
Wachswaaren und medicinische Zwecke in Nachfrage'steht. 
Wir sehen solche Kerzen auf den vier Eckpfeilern, welche 
den Sockel dieses Aufbaues Üankiren, und auf den darunter 
liegenden Stufen endlich figuriren die wegen ihres hohen 
Schwefelgehalts- noch als Düngemittel verwendbaren Rück 
stände nebst dem bescheidenen Urstoff, aus welchem all’ die 
obigen Herrlichkeiten hervorgehen, dem rohen Ozokerit-Klum- 
pen. ungewaschen und ungekämmt, wie er der Erde ent 
nommen ist. Das Ganze ist so anschaulich wie lehrreich 
und eine Ehrensäule für den Fleiss, die Energie und den 
Unternehmungsgeist, die. auf dem sandigen Boden unserer 
Mark schon so manches Grosse und Weltumfassende ge 
schaffen haben. 0. B. 
Ernstes und Heiteres aus Kairo. 
IAbdruck unterlagt.] 
Nur wenige Wochen noch bleiben unsere arabischen 
Gäste in Berlin. Wenn* auch einzelne der Araber durch 
mehr oder minder zarte Bande sich an Berlin gefesselt fühlen, 
— der Geist und das Herz des Südländers ist wandelbar, 
und wenn erst die Locomotive des Extra zuges geheizt sein 
wird, dann wird es gehen, wie in jenem Gedichte: 
» —- Ein harter Glockenanschlag, Hornsignale, 
Ein wilder lubelruf: „Nach Süden geht es!" 
Und Dein Addio stirbt im Wagenrollen. —“ 
Ol) viele blaue, deutsche Augen den funkelnden schwar 
zen nachweinen werden? — 1 nd ob die Araber mit Sehnsucht 
an Berlin zurückdenken werden, an die schöne, neue Stadt, 
wo die Fronten der Häuser so losbrecht in die Höhe ragen und 
der liegen eine so aufdringliche Gewalt hat? 
Genau genommen, haben che Araber in Berlin nicht viel 
Gutes gehabt. Gefroren haben sie hier in dem einen Sommer 
mehr, als in allen Wintern ihres Lebens zusammengenom 
men. • Und ihre Lieblingsbeschäftigungen hat man ihnen 
von Anfang an übel genommen und untersagt: Den Esel- 
jungen wurde strenge verboten, Bakschisch zu verlangen, 
und den Beduinen, sich die Köpfe blutig zu schlagen! Wel- 
cher Eingriff in die unverbrüchlichen, orientalischen Men 
schenrechte! — Was würde ein Deutscher sagen, wenn mau 
ihm verbieten würde, über seine Schwiegermutter zu schim 
pfen oder über die schlechten Zeiten zu klagen! 
Im Original-Kairo machen derartige Original-Sitten dem 
Reisenden Spass. Wenn man dort aus einem Hotel oder 
öffentlichen Gebäude herauskommt, sieht man sich sofort, von 
einer bittenden und johlenden Schaar von Eseljungen um 
ringt, die einem den Weg völlig versperren; will man sich 
durchdrängen, so wird man an den Kleidern festgehalten; 
haut man einem der Jungen mit dem Stock eins herunter, 
was dort landesüblich ist, dann zieht der Junge seine Mütze 
und bedankt sich —, kurz, es bleibt einem nichts übrig, als sich 
auf eines der Grauthiere zu setzen, welche in Kairo die Stelle 
unserer Droschken vertreten. — Hat man dann dem Jungen 
das Reitgeld bezahlt, so hält er seine Hand hin und verlangt 
Bakschisch. Ein deutscher Fürst hatte einmal in guter 
Laune einem Eseljungen eine Goldmünze im Werthe von 
20 Mark geschenkt; nach deutscher Auffassung ist da das 
Trinkgeld schon mit inbegriffen; der Eseljunge aber be 
dankte sich, streckte die Hand hin und verlangte: „Bak 
schisch!“ Und der Fürst lachte und gab dem Jungen noch 
ein Zwanzigmarkstück. — So gut haben’s die Burschen in 
ihrer Heimath, und haben sie die weite Reise gemacht, um 
um hier Moral zu lernen? — Und nun erst die Beduinen! 
Von Rechtswegen sollten wir Berliner e in hohes Entree 
zahlen müssen, wenn wir eine Beduinenprügelei mit ansehen 
dürfen, wie der Spanier für’s Stiergefecht. Denn so eine 
Schlägerei die ist echt und unverfälscht, was man von den 
Waaren in Kairo nicht immer sagen kann. 
In diesem Punkte, in der Werthseilätzung der arabischen 
Industrieproducte hat das Berliner Publikum übrigens dem 
gleichen Princip gehuldigt: An dem Echten ist es vorbei 
gegangen, Unechtes hat es gekauft. Die Talmibrochen und 
Nadeln aus Berlin, die Shawls für zwei und drei Mark fanden 
reissenden Absatz; aber die wundervollen, echt arabischen 
Bronzen, Möbel, Fassetten etc. sind vergebens hierher ge 
schleppt worden. Sie haben keine Gegenliebe gefunden, 
oder wenigstens reichte die Liebe nicht bis an den Geldbeutel. 
Noch ein Gebiet des arabischen Lebens, das man bei so 
günstiger Gelegenheit eigentlich studiien müsste, wurde von 
den Besuchern vernachlässigt. Die gesellschaftlichen und 
religiösen Sitten der Moslim. Der freie Sohn der Wüste 
zeigt gerade auf diesen beiden Gebieten einen verblüffenden 
Sinn für Ordnung und Ceremoniell. Schon der gewöhn 
liche Gruss der Araber untereinander, das „Salem aleikum“, 
ist mit allerhand Förmlichkeiten verbunden. Grösst der 
Araber eine gleichgestellte. Person, so führt er die nach innen 
gekehrte rechte Hand an den Turban, ohne sich zu verneigen; 
er verneigt sich dabei, wenn die Person höher steht. Wenn 
der Standesunterschied gross ist, wird die rechte Hand herab 
gesenkt und die linke auf die Brust gelegt; so wurden die 
Kaiserlichen Prinzen bei ihrem ersten Besuch begrüsst. Bei 
einem ganz demüthigen Gruss beugt der Araber die Kniee, 
drückt mit den Fingerspitzen der Rechten die Erde und legt 
die Linke auf’s Kuie. — Die Frauen grüssen, indem sie die 
geöffneten Hände mit den Handflächen nach, aussen bis zur 
Schulterhöhe erheben. Auch diese Sitte kann man in Kairo 
oft beobachten. 
Von den religiösen Gebräuchen sind vor allem die Gebete 
interessant. Dem Fanatismus der tanzenden Derwische 
wurde mehr AufmerksaKeit gegönnt, als der bewunderns- 
werthen Strenge der gesummten Muselmänner in Erfüllung 
ihrer Gebetpflichten. Die Muhammedaner verrichten in 
24 Stunden fünf Gebete ! Die Bezeichnung derselben lautet: 
Sabah Namazy, das Gebet beim ersten Morgenroth; Oilah 
Namazy. in der Mitte zwischen Mittag und Sonnen-Unter 
gang : Acliani Namazy, im Moment des Sormen-Unt.erganges,
	        
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