Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Aussteliungs - Nachrichten.
10
allmählich ein eisernes Rohr, das aus lauter Platten von 63 Centimeter
Breite zusammengeschraubt ist und das rings von Cement umgeben
und auch inwendig mit Cement ausgefüttert ist.
Wir können uns auf weitere Details über die Arbeiten im Tunnel
vorläufig nicht einlassen, kommen aber bei einer späteren Beschreibung
der Arbeiten auf dieselben zurück.
Unter der Spree wird der Tunnel über seiner oberen Cemenilage
immer noch drei Meier Boden bis zum Wasser haben. Man glaubt
beim Vortreiben des Tunnels durch den Sand nicht auf Hindernisse zu
stoßen. Es können nach Ansicht der Geologen höchstens uralte Baum
stämme als Hindernisse gefunden werden. Für diesen Fall hat man
besondere Apparate eonstruirt, um mit Hilfe derselben die alten
Baumstämme anzubohren und zu zerkleinern. Die innere Ein
richtung des Tunnels, dessen Boden mit Beton versehen ist, auf
dem die Schienen ruhen, gestattet den Betriebsbeamten das
Begehen des Tunnels, auch wenn derselbe im Betrieb ist.
Um herankommenden Zügen auszuweichen, sollen in kurzen Zwischen
räumen Banquettes errichtet werden, auf welche sich die Beamten stellen
können, um das Vorbeifahren des Zuges abzuwarten. Unter der Boden-
Betoniruug an der tiefsten Stelle des Tunnels befindet sich die sog.
Rösche, d. h. ein gemauerter Wasserkanal, welcher das hereiusickcrnde
Wasser aufnimmt und nach der tiefsten Stelle des Tunnels leitet, von
wo es durch Pumpen entfernt wird. Die herausgeförderte Erde wird
von der Baugrube aus auf einer kleinen Grubenbahn bis zum Spree
ufer mittels Kippwagen gefördert und dort in bereitliegende Kähne
gestürzt.
Noch ein originelles Bauwerk befindet sich auf dem Platz. Die
Gesellschaft will die Besorgniß der Berliner Grundbesitzer zerstreuen,
daß durch die Anlegung einer Untergrundbahn innerhalb der Stadt
Gefahren für die Fundamente der Häuser entstehen könnten Man hat
deshalb an einer Stelle, unter welcher der Tunnel hindurchgeführt wird,
Hausfundamente errichtet, hat diese mit Balken überdeckt und
hat auf die Balkenlage einen kolossalen Berg Sand ge
schüttet. Verschiedene Punkte dieser Fundamente sind jetzt
durch Sachverständige mit der Wasserwaage ausgewogen worden
und werden wieder ausgewogen werden, nachdem der Tunnel unter den
»»dämmten hindurch getrieben ist. Ebenso sind auf dem ganzen
errain, rechts und links von dem Erdreich, durch welches der
Tunnel getrieben wird, fixe Punkte angelegt, um die sorgfältigsten Be
obachtungen über die Bewegung des Erdreichs in der Nähe des Tunnels
anzustellen.
Man sieht der ganzen Einrichtung auf dem Bauplatz das Bestreben
an. alles Mögliche zu thun, um Behörden und Bewohnerschaft von
Berlin über die Anlage einer Untergrundbahn zu beruhigen. Hoffent
lich geht der Ban des Tunnels ohne Schwierigkeiten und ohne größere
Unfälle vor sich, damit für die Stadt Berlin praktisch die Möglichkeit
gezeigt wird, Untergrundbahnen auch innerhalb der Stadt zu errichten.
Die Arbeiten im Berliner Boden sind schwieriger als die Arbeiten für
die Untergrundbahnen in Paris und London. In Paris geht die
Untergrundbahn zum größten Theil in Stein-, in London in festem
Thonboden; in Berlin geht sie durch Sand, der außerordentlich reich
mit Wasser durchsetzt ist.
Die Unternehiner des Baues sind die Allgemeine Elektrieitäts-
gesellschaft, dann die Firma Holzmann u. Cie. und einige namhafte
Berliner Bankhäuser. Direktoren der Gesellschaft sind der Regiernngs-
und Baurath Schriebet Hierselbst und der Oberingenieur Lauter in
Frankfurt a. M.
Sobald der Bau des Tunnels begonnen hat, werden wir unseren
Lesern eine Schilderung von der unterirdischen Baustelle und eine Be
schreibung der dabei vorgenommenen Arbeiten geben.
Fremden-Verkehr in Berlin.
Von Carl Stangen.
Die Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 giebt Veranlassung,
einen Blick auf den Fremden-Verkehr der deutschen Kaiserstadt
zu werfen. Noch Ende der sechziger Jahre, nach dein Kriege um
die Oberherrschaft im Deutschen Reiche, konnte man, trotzdem
Oesterreich der unterlegene Theil gewesen war, in Berlin auf
Placaten an den damaligen Litfaß-Säulen unter der Einladung
zu einer Vergnügungsfahrt nach Wien die Worte lesen:
„'s giebt nur a Kaiserstadt, 's giebt nur a Wien."
Und so war es! Berlin zählte zu jener Zeit etwa 800 000
Einwohner und besaß für die Fremden viel weniger Anziehendes
als z. B. Paris, London und Wien. Es war zwar eine all
gemein bekannte Thatsache, daß Berlin eine der gewerbthätigsten
Städte Europas, und daß die Waarenausfuhr oon Berlin eine
außerordentlich große war, aber der fremde Kaufmann mußte
doch erst nach London reisen, um dort aus zweiter Hand das
zu kaufen, was in Berlin fabricirt wurde; denn die Erzeugnisse
der Berliner Fabriken gingen zum großen Theil nach Landen,
wurden dort mit englischen Marken versehen und erst dann in die
weite Welt versandt. Von dieser Seite wurde daher der zu er
wartende Fremden - Verkehr der Stadt Berlin fast gänzlich
entzogeit.
Außerdem bestand im Auslande, ganz besonders in Oester
reich und in Süddcntschland die Ansicht, der Berliner sei ein
höchst ungcmüthlicher Mensch mit abstoßenden Gewohnheiten,
die Polizei sei in ihren Maßnahmen rigoros, und die Hotels'
seien unverschämt theuer.
Daß unter solchen Verhältnissen an eine wesentliche Zunahme
des Freindcn-Verkehrs iit Berlin nicht zu denken war, ist leicht
erklärlich. Zudem bemühten sich die anderen Großstädte, London,
Paris, Wien, durch Weltausstellungen und andere, die Schaulust
wachrufende Veranstaltungen eine größere Aufmerksamkeit auf sich
zu lenken, sowie auch durch Vergnügungen aller Art die mit
großen: Portemonnaie ausgestatteten Lebemänner an sich zu
ziehen. Die meisten Weltausstellungen haben mit einem Deficit
abschließen müssen, aber es steht doch fest, daß diejenigen Städte,
und man kann wohl sagen, diejenigen Länder, in denen Welt-
Ansstcllnngen stattgefunden haben, durch den vermehrten Fremden-
Berkehr reichlich das wiedergewonnen habe!?, was sonst iin Interesse
dieser großartigen Unternehmungen geopfert worden ist.
Seit der Wieder-Aufrichtung des Deutschen Reiches ist in
Bezug auf den Fremdcn-Berkehr der Hauptstädte eine ganz wesent
liche Verschiebung zu Gunsten der deutschen ReichShanptstadt ein
getreten. Die gewaltigen Erfolge der deutschen Armee in den
Jahren 1870-71 und das durch dieselben gekrüftigte Ansehen der
deutschen Nation sind auch der deutschen Hauptstadt zu Gute
gekommen. Es hat sich in ihr gegen früher ein ganz anderer
Verkehr entwickelt. Die Bevölkerungszahl ist in der kurzen Spanne
Zeit um mehr als das Doppelte gewachsen, Reichs- und Landes-
Vcrtreter, hohe Militairs und Fürstlichkeiten nehmen jetzt dauernd
ihren Aufenthalt in Berlin, und dank der umsichtigen und rührigen
Stadtverwaltung hat die deutsche Kaiserstadt auch äußerlich ein
Ansehen gewonnen, das sie berechtigt, unter den Großstädten der
ganzen Erde als ein Muster und als eine schöne Stadt zu gelten.
Alle diese wichtigen Veränderungen, die geeignet sind,
der Stadt Berlin das Gepräge einer vornehmen Residenz zu
geben, haben jedoch der rastlosen Gewerbthütigkeit der Stadt nicht
den geringsten Abbruch gethan oder nur eine Verschiebung her
beigeführt, vielmehr ragen noch heute mitten in der Stadt
mächtige Schornsteine empor, und in Fabriken und Werkstätten
regt sich ein außerordentlich geschäftiges Treiben wie in wenigen
anderen gleichartigen Städten.
Trotzdem stören keine bieten, zum Himmel aufsteigenden
Rauchwolken den Blick des Fremden und außer von dem Ge
räusch des täglichen Verkehrs auf der Straße wird sein Ohr
auch in keiner Weise belästigt. Denn die Berliner Baupolizei
wacht emsig darüber, daß das Ansehen der Stadt und die Gc-
sundheitsverhältinsse nicht leiden. Keine Fabrik darf andere
Häuser unvcrhältnißmäßig überragen, der Rauch in den Schorn
steinen muß sich selbst verzehren, und das schlimmste Geräusch
muß in die Hinterhäuser verlegt werden.
Die Berliner Gewerbe-Ausstellung wird Zeugniß davo::
geben; wie reich und wie vielseitig die Erzeugnisse der Kunst, der
Industrie und des Handels sind, die in der deutschen Residenz
verfertigt werden. Und sic wird ans diesem Grunde nicht nur
ein Anziehungspunkt für nah und fern sein, sondern auch lehr
reich auf die weitesten Kreise wirken, und sie wird sicher Handel
und Verkehr bedeutend fördern.
Es besteht bereits die Gewißheit, daß die großen Verkehrs-
anstaltcn dazu beitragen werden, den Besuch der Stadt Berlin
während der Gewerbe-Ausstellung zu erleichtern, und cS liegt
sogar im eigensten Interesse dieser Unternehmungen, seien sie
staatlich oder von Privaten geleitet, die Gelegenheit auszunutzen,
uin durch den in Folge der Ausstellung vermehrten Verkehr
sich selbst größere Einnahmen zuzuführen. Zwar schweben noch
verschiedene Verhandlungen wegen Fahrerleichteruugen für die
Besucher der Gewerbe-Ausstellung, aber durch die Bemühungen
der dazu berufenen Organe ist doch schon vieles erreicht worden,
was dazu beitragen wirb, der Ausstellung zahlreiche Gäste zuzn-
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