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Volume Nr. 165, 29. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs-Nachrichten, 
Wünschen und Formen Luft macht. So verlangte neulich 
ein Besucher von dem momentan explicirenden Herrn den Be- 
weiss, dass das soeben in Rede stehende Kind wirklich erst sie 
ben Monat alt sei. Man versteht es aberjdort mit grossem Ge 
schick, derartige Unterbrechungen zu umgehen oder unwirk 
sam zu machen. Hinter dem vielbesuchten Gebäude der Brut 
anstalt haben die Ammen und Mütter eine kleine Feldküche 
etablirt, auf der das Feuer den ganzen Tag über nicht er 
lischt, Man hat es aber doch für nöthig gehalten, diese Ab 
theilung mit starkem Draht zu umziehen, da es in der That 
Leute giebt, deren Wissbegierde sogar vor den Intimitäten 
der Kinder- und Ammenstube nicht zurückbebt 
V 
Unfug. Die Eingeborenen der Kolonial-Ausstellung 
haben in verhältnissmässig kurzer Zeit Deutsch sprechen ge 
lernt. Sie verstehen nicht alles, aber doch soviel, dass sie 
sich aus aufgeschnappten Brocken allerlei ungereimtes Zeug 
zusammensetzen. Irgend ein Spassvogel hat sich den schlech 
ten Witz gemacht, den Suaheli vorzureden, sie müssten hier in 
•Deutschland bleiben. Der gute Mann hat gewiss nicht, be 
dacht, was für ein Unheil er damit anrichtete. Zufällig 
gehen zwei Eingeborenenstämme einige Tage früher fort als 
die Suaheli, deren Dampfer erst am 9. und 10. n. M. fällig ist. 
In diesem Zufall haben die Neger die volle Bestätigung für die 
Worte des Spassvogels gefunden. Einige exaltirte Köpfe 
unter ihnen gossen noch Oel in das Feuer, indem sie den Ver 
dacht äusserten, sie sollten in Deutschland gefangen gehalten 
wferdeh. Eine grosse Aufregung hat sich, nun der sonst so 
gefügigen und harmlosen Leute bemächtigt. Herr Franke, 
der Commandant der Tembe, hat kaum noch einen Augen 
blick Ruhe vor den für ihre Freiheit bangenden Schwarzen. 
Nur mit grosser Mühe ist es gelungen, sie zu beruhigen. 
Heute wird jedoch unter dem Vorsitz des Herrn Grafen 
Schweinitz und des Herrn von Beck ein grosses Schauri statt 
finden, bei welchem die Suaheli ihre Klagen vorbringen 
werden. 
S 
Ein doppelter Regenbogen stand gestern Abend über 
unserer Ausstellung. Nach einem trüben, düsteren Tage brach die 
Abendsonne siegreich durch die Wolken und vergoldete mit ihren 
letzten Lichtern die Anlagen und Gebäude des Treptower Parkes, 
diesen Sommertraum, dem nunmehr, ach ss bald! das Erwachen 
folgen wird. In herrlicher Pracht standen die beiden wie aus 
bunt glitzernden Krystallen geformten Cirkel über dem Haupt 
gebäude, während vom See her der Brautchor aus Lohengrin 
seine machtvollen Klänge herübersandte. Die über den Regen 
missmuthig gewordenen Ausstellungsbesucher blieben erst verwundert, 
.dann entzückt stehen, und einem Jüngling, wahrscheinlich einem 
verkappten Dichter, flössen die Worte seines grossen Beilegen 
Goethe von den Lippen: 
»Es steht ein Regenbogen 
Wohl über jenem Haus, 
Doch sie ist fortgezogen 
Weit, weit in die Welt hinaus . .t 
V 
Das gefundene Portemonnaie. „Himmel, mei Purt- 
meneh“ — bald hatte sich ein immer dichter werdender Kreis 
um das junge Landfrauchen gedrängt, deren blühendes Ge- 
eichtchen im Augenblick schreckensbleich geworden war. 
Mit den grossen kindlichen Augen rathlos umherblickend, 
gab sie den vielen Fragern che bestürzte Antwort: „Ich ha’a 
duch üben auch erschte gehört, un mei ganzes Bissei Geld ha 
ich duch drinne»" Dabei presste sie, offenbar unbewusst, 
den linken Arm so fest an den Leib, als sei er da in seiner gan 
zen Länge festgewachsen. Immer eifriger suchen die Augen 
und immer rathloser umher, ein verrätlierisches Zucken der 
Lippen und des hübschen Grübchenkinns verräth nichts an 
deres, wie wenn verängstigte Kinder sich nicht einmal zu; 
weinen getrauen. Da endlich erscheint der liebenswürdige 
Gatte, eine mächtige „Pipe“ im Munde. „Was hast’n ock, 
Liesel, Du weenst wull gar.“ „Och, Du mei, ’s Purtmeneh 
ho ich halt verloren mid mei'in ganzen Gelde un dam Loose.“ 
„Nu aber sag ock bloss, wie ging denn dos zu?“ „Dos weess 
ich alkene nich; uff eemol wor’s halt niemeh do“ „Du, 
was host’n do unner’m Orme, in dam Tichel“ 
Verblüfft schaut jetzt die junge Frau an sich Irinunter, wird 
puterroth vor Freude undSchämigkeit, denn in diesem „Tichel 
unner’m Orme“ trug sie das „Purtmeneh“ fest eingepackt und, 
an sich gedrückt. Wahrscheinlich hatte sie es bis dahin in 
der Hand getragen und es unter den Arm genommen, um; 
beim Ueberschrciten besonders nasser Stellen den Kleider 
saum schützen zu können, beim Gehen und Schauen aber den 
veränderten Schutzort der Geldtasche vergessen. Die Freude 
über diese Entdeckung war so gross, dass das nette Persön 
chen ganz sprachlos blieb. Das Vergnügen wurde ihr nur 
vergällt durch das Spottgelächter, das sie verfolgte. 
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Ein Stündchen bei den West - Afrikanern, 
bei den Hottentotten und Herero zü verweilen, ist ein Ver 
gnügen eigener Art. Wer etwa bei dem Entschluss, eine 
solche Visite zu machen, an die zähnefle tschenden Kannibalen 
aus den Groschenbüchern unserer Jugendliteratur denkt, wird 
auf’s angenehmste enttäuscht. Die hier in der Ausstellung 
weilenden Herero und ebenso die kleinen gelblichen Wittboi 
wie sie sich selbst am liebsten nennen, sind liebenswürdige, 
sanfte und höfliche Menschen, die bei allen, mit denen sie 
auf kürzere oder längere Zeit in Be rührung kommen, schnell 
Achtung und Freundschaft finden. In der Nordwestecke der 
Zanzibarstadt sind ihre Wohnstätten erbaut, hölzerne Schup 
pen, die innen freundlich und wohnlich wie möglich aus 
gestattet sind. In dem ersten Abtheil haust das Ehepaar 
Kamatoto. Joseph Kamatoto, der daheim in Otijzewa Leh 
rer und Gemeinde-Ächteste ist, wird von seinen Gefährten mit 
Recht als der geistige Führer der kleinen Truppe angesehen, 
die sich hier für die Dauer der Ausstellung niedergelassen hat. 
Bei ihm, dem sanften, frommen und weltklugen Manne und 
seiner gutmüthigen Frau Martha, mit der er seit Januar 1883 
verheirathet ist, versammeln sich zu den Mahlzeiten und in 
den Arbeitspausen gern die übrigen Westafrikaner. Vor und, 
nach jeder Mahlzeit wird ein kurzes Gebet verrichtet. Dann 
folgt ein Stündchen gemüthlicher Unterhaltung, Bei einem 
Glase Bier sitzt die schwarze und braune Gesellschaft zu 
sammen und tauscht ihre, Erinnerungen an die Heimath aus 
oder sie erzählen von ihren Erlebnissen in der Deutschen 
Reichshauptstadt. Starke Eindrücke nehmen sie von den 
Denkmälern mit, die sie fortwährend in ihren Gesprächen 
erwähnen, auch das Zeughaus und noch mehr der Zoologische 
Garten haben ihre volle Bewunderung gefunden, während 
die elektrischen Erfindungen der Neuzeit, wie Telephonie, 
Telegraphist u. s. w. nicht so stark auf sie wirkten, weil sie 
manches davon schon in der Heimath oder in den grösseren 
Städten Südwest >frikas kennen gelernt haben. Mitunter 
wird auch ein Liedchen gesungen. Josaphat stellt sich in 
die Mitte und giebt Ton und Takt an. Mit recht 
angenehmen Stimmen singen sie deutsche Ohoräle, die 
Wacht am Rhein, Deutschland, Deutschland über Alles ! und 
ähnliche Volkslieder. Auch ein Spielchen wird nicht ver 
achtet.. Aber nicht etwa Kartenspiele, die den Leuten von 
den Missionaren streng verboten sind, dienen hier zur Unter 
haltung, sondern das Königliche Spiel, das Schach, wird von 
einigen Herero ganz meisterhaft gespielt, wobei die scharfe 
Logik des Spiels und die Ruhe angenehm auffallen. Doch 
nicht lange dauert die Müsse, bald wird sie durch Besuch 
unterbrochen. Die Westafrikaner haben in Berlin selbst 
viele, sehr viele Missionsfreunde, die noch durch die von 
ausserhalb vielfach vermehrt werden, welche sich der Aus 
stellung wegen hier aufhalten. So gut gemeint diese Besuche 
auch sein mögen, den Eingeborenen sind sie nach und nach! 
doch lästig geworden, weil sie zu häufig sind und weil die 
armen Menschen über alles, auch die nichtigsten Familien 
ereignisse, über Vorkommnisse des täglichen Lebens Bericht 
erstatten sollen. Freilich kommen solche Besucher selten 
mit leeren Händen , sie bringen Bilder, Bibelsprüche, 
Bücher etc. mit, die mit vielem Dank angenommen und zur 
wohnlichen Ausstattung der Räume verwandt werden. Nach 
dem die Zeit der Erholung verstrichen, geht’s wieder an dio
	        
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