Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

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Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
beissen in unsern Mark. Herr Gott, wie sollt er willkommen sein«
Führt er den Frieden nur herein!« —-
Wolzogen, mit der Wirklichkeit stets Iiarmonirender Humor
kommt namentlich in den Volks-Episoden zur Geltung. Sehr
charakteristisch sind die Volkstypen herausgearbeitet, allein,
die Handlung entbehrt der dramatischen Geschlossenheit, sie ent
wickelt sich in unvermittelt aufeinanderfolgender Situation. Das
Ganze ist das Gelegenheitsstück eines Dichters, aber immerhin nur
ein Gelegenheitsstück. Die Darstellung war auf den rechten, volks
tümlichen Ton gestimmt, sie verrieth den geschickten Regisseur;
ganz besonders ragten die Herren Roland, Halm und Loewe hervor, die
Damen erwiesen sich mit Ansnahme von Mathilde Buchholz, die ein
keifendes Hökerweib beinahe unangenehm natürlich verkörperte, auch
künstlerisch als das schwächere Geschlecht. Decorationen und Costüme
waren reich und glänzend, die Gesammtausstattung von erlesener Pracht,
sie trag auch einen wesentlichen Theil zu dem grossen Erfolge bei,
den »Die schwere Noth« erzielte.
Der scenische Glanzpunkt des Abends war das »Märkische
Rin gelstechen«, das als Schaustück eine grosse Anziehungskraft
ausüben dürfte. Wir haben bereits früher erwähnt, dass das Ringel
stechen ein patriotisches Volksfest war.
Kurfürst Johann Georg war von seiner dritten Gemahlin
Elisabeth von Anhalt am 30. Januar 1581 ein Sohn geschenkt
worden. Anlässlich des freudigen Ereignisses, das Volk und Hof
gleich bewegte, befahl Johann Georg die Veranstaltung eines grossen,
allgemeinen Festes, an dem Fürsten und Bürger theilnekmen sollten.
Das beliebteste Turnierspiel damaliger Zeit war in Berlin das
Ringelstechen, zu dem jeder ehrliche Ritter zugelassen wurde, wenn
er in irgend einer Verkleidung in der Stechbahn erschien; es
würden Jedem drei Läufe gestattet, die er, ohne mit dem Pferde zu
wechseln und ohne den Spiess anzustützen oder auf die Achsel zu
legen, vollbringen müsste. Derjenige, welcher in den drei Rennen
mit grösster Geschicklickeit und Zierlichkeit die meisten Ringe
nach allen Regeln und Vorschriften stechen konnte, wurde Sieger
und durch Heberreichung des Turnierpreises ausgezeichnet. —
Der Ritt der Mantenatoren (Preisrichter) in die Stechbahn, der
Aufzug der Turnierritter, das Turnier selbst, der Jubel, die Theil
nahme, die Erregung des Volkes, das waren Bilder von höchster
scenischer Wirkung; in beiden Aufführungen bewährte sich Herr
Director Witte-Wild in der Art und Weise, wie er das Einzelne
und das Ganze herausgearbeitet, die Statisten zu einem lebendigen
scenischen Bestandtheil geformt und die Massenwirkungen noch über-
meiningert hatte, als ein Regisseur allerersten Ranges. Ihm gal
der Löwenantheil des stürmischen Beifalls an dem mit Recht auch
Director Paul Blumenreich, der rührige und schöpferische
Finanzminister des Theaters Alt - Berlin und des Theaters des
Westens tkcilnehmen konnte.
V
Zillerthal in der Ausstellung’. »Hoch vom Ge
birge komm' ich her«, so summte ein Herr im hochdecorirten
Frack mit einem Rest von Alpenglühen auf der Nase, und ich
folgte seiner Spur, denn von allen Wundern der Ausstellung
ist dies Alpenpanorama am Rande der Spree doch in seiner
Art eines der grössten. Sobald man seinen Obolus am Schalter
bezahlt hat, beginnt die Illusion; man schreitet in einem Tunnel,
welchen ingeniöse Hände in den starren Fels gehauen haben, vor
wärts bis zur Station der Ringbahn, die uns durch das Innthal und
das untere Zillerthal westlich von Zillerberg zur Berliner Hütte
führt — und kann ganz umsonst — da die Woche noch an
planmässiger Verspätung leidet, und wir den Weg zu Fuss
machen mussten, auch noch in einem der vorhandenen Abgründe das
Genick brechen. Aber Scherz bei Seite, als alte Kraxler müssen wir es
gestehen, dass wir selten etwas so sehr der Natur Entsprechendes
und so Gewaltiges in so engem Raum mit allem Schein des
Lebens und der Fortbewegung gesehen haben. Steigung und
Neigung ist gerade gross genug, um annähernd schwindlich
zu werden und das man seinen Sternen dankt, dass dieser
Schwindel — sit venia verbo! — nur auf Schwindel beruht.
Die Ausrufe des Schreckens und Entzückens seitens einiger der
22 Mitfahrenden dos schöneren und besseren Geschlechts waren
jedenfalls echt genug. Man sieht Jenbach liegen (529 Meter über
der Spree), die südöstlichen Ausläufer des Karwendelgebirges, und
zwar durch ein Felsthor hindurch, man denke! dann öffnet sich die Thal-
weitung, in der Zillerbach und Innstrom ihre feuchtfröhliche Ver
einigung vollziehen; in weitester Ferne nach Lembach und dicht vor uns
die Steilabfälle der Rofangruppe (2224 m), wo der Weg nach dem
Achensee hinaufführt, und schon sind wir in dem Alpendörfchen
Strass mit wohlbebauten Feldern, natürlichen Brunnen und einem
schlanken Kirchthurm, dann Fügen, Holzhäuschen mit ge
räumigem Balkon und blauer Wäsche, die den Vorzug
hat, im Laufe der Zeit nicht schwarz, sondern immer weisser zu
werden. Dort eine Wallfahrtskapelle, ein Zug frommer Zillerthaler
— es giebt auch solche — steigt leibhaftig zu uns empor, dann
das Kellerjoch (2344 m) drunten tief unter uns und dunkle Wolken
und Gewitterregen, Tannenwälder, Zell am Ziller, der schnee
bedeckte Ingent (2919 m), die Gerlorwand, der Grinzenberg,
die Maria-Rastkapelle, der Trostner (2763 m), das Thal von
Mariahofen, grüne Wiesenböden, die Tux, Finkenberg, der Stillup-
bach. Hier im weiten Felsendom entsteigt man dem gefährlichen
Gefährt und begiebt sich in den elektrischen Aufzug — eine er
hebliche Verbesserung der Natur! — durch welchen man im
Nu bis zur Höhe von 2200 Meter erhoben wird auf den
eigentlichen Aussichtspunkt, oder die Aussichtswarte, welche
sich, vom mächtigen Streben getragen, über uns er
hebt. Die Fahrt war halsbrecherisch, aber lohnend! Vor uns
S liegt das bestiegeriste Gebirge der Welt mit allen seinen
lieben Einzelheiten, Scharten, Köpfen, Sätteln, Jochen,
Steinen, Graten, Spitzen, Kogln und Hörnern; zu uns hinab
ziehen sich aus ihrer fürstlichen Höhe von 3000 — 3500 m
die bekannten Gletscher, der Hornkees von der Hornspitz herab,
der Schwarzensteingletscher von Gross-Morchner herab bis zur
Berliner Hütte (2057 m.), die ihrem Namen wohl nie so viel Ehre
gemacht hat, wie gerade hier, wo sie sich gewissermaassen auf
Gastreisen in der Reichshauptstadt befindet. Schon das Aeussere
dieser genialen Anlage, dessen künstlerische Ausstellung wir dem
Bildhauer Bieber in Wilmersdorf und dem Decorationsmaler Sobotta
verdanken, ist ja überzeugend genug, um über das in ihrem Innern
Gebotene keine Zweifel aufkommen zu lassen. Die Auffahrt im
Zillerhal wird zu den hervorragendsten Genüssen der Ausstellung
gehören, und denjenigen, die sich einen Ausflug ins wirkliche Tirol
nicht gönnen können, wenigstens in diesem Jahre ein willkommenes
Surrogat bieten.
V
Der Arbeits-Ausschuss beabsichtigt, wie wir erfahren, auf dem
Ausstellungsgebiet grosse Gesangs-Aufführungen zu ver
anstalten, und zwar unter Mitwirkung von Berliner und hervor
ragenden auswärtigen Gesangvereinen.
V
Der Eröffnungstag war den Concerten im Äusstellungs-
park nicht recht günstig. Das Auge und nicht das Ohr trat in
seine Rechte, man wollte sehen — Alles mit einem Male sehen —
aber nicht hören; selbst die schönsten Weisen fanden nur wenig
andächtige Zuhörer. Am neuen See, gegenüber dem Haupt
gebäude eoncertirten zwei Kapellen, die des Berliner Philhar
monischen Blas-Orchosters (Dirigent G. Baumann) und das
Musikcorps des 3. Garde-Regiment zu Fjuss (Dirigent
C. Arnold), die im Laufe des Vormittags abwechselnd ein
sehr schönes Programm, Sachen von R. Wagner, Brahms,
Rubinstein , Weber u. s. w. zur Ausführung brachten.
Auch das Nachmittags- resp. Abendprogramm wies hochinteressante
Compositionen auf, die aber noch weniger Zuhörer fanden, trotz
dem Alles vortrefflich wiedergegeben wurde. Das Hauptinteresse
lag diesmal im Hauptrestaurant, wo gleichfalls zwei Kapellen, die
des Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiments No. 2
(Musikdirigent 0. John) und des Trompeter-Corps der Garde-
du Corps (Stabstrompeter Lehmann) eoncertirten. Das lag aber
hauptsächlich daran, dass das Hauptrestaurant von Adler & Dressei
der Culminationspunkt der nach materiellen Genüssen lechzenden
bildete. Hier war pulsirendes Leben, frische, fröhliche Stimmung,
zu welcher Musik die Begleitung bildete.
Was die akustischen Verhältnisse anbetrifft, so kann constatirt
werden, dass dieselben den beiden Kapellen im Hauptrestäurant sehr
günstig war, während bei den beiden ersten Kapellen vielleicht noch
vortheilhaftcr wäre, die Schallbrecher mehr nach dem Hauptgebäude
zu richten. Btz.
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