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Periodical volume Nr. 164, 28. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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OffrcielliB Ausstellunqs - Nachrichten. 
„Ich kann niemanden empfangen, ich hahe Migraine.“ 
„Det passt jrade. Et is ’wat feines. En Herr!“ 
„Mein Mann ist im Comptoir.“ 
„Nee, er will hei Madame,“ sagte Dorette und hielt mir 
die Karte hin. 
Dorette hatte die Thür halb aufgelassen. „Verzeihen Sie, 
wenn ich ungelegen komme, aber meine Zeit ist gemessen, 
dass ich nicht wieder vorsprechen kann.“ 
„Ich blickte hin, der Herr war mir fremd... und doch 
bekannt. Wo hatte ich ihn gesehen? Kichtig auf der Aus 
stellung. Er war es, Johannes Viedt.“ 
„Sie kommen von Tante Lina ?“ fragte ich,, ohne die Vor 
stellungsförmlichkeiten abzuwarten. 
„Ich bringe Grüsse von ihr. Und um kurz zu sein, sie 
hat mich gebeten, einem jungen Manne in seinem Eortkom 
men drüben behilflich zu sein, einem Architekten ..." 
„Ja, ja,“ unterbrach ich ihn. „Kriehberg heisst er, eine 
ausserordentliche Kraft...“ 
Freut, mich — zu hören. Für einen tüchtigen Bau 
meister ist hei uns ein lohnendes Feld. Ich selbst habe 
grosse Unternehmungen vor in St. Louis. Sein Weg ist ge 
macht, wenn er sein Fach, versteht.“ 
„Besser als die anderen, er baut Ihnen alles.“ 
„Sonderbar, und doch kämpft er mit Schwierigkeiten?“ 
„Wo soll er hier seine Kräfte entfalten? Aber drüben 
in dem freien Lande wird er Bedeutendes leisten.“ 
„Freut mich. Die Dame nimmt innigsten Antheil an 
ihm, wie eine Mutter.“ 
„Das fiel mir nie auf, aber wer weiss ?“ 
Er schwieg. 
„Sie spricht nicht über ihre Vergangenheit,“ fing ich an. 
„Und doch spürt man aus allem, dass sie ein verlorenes Leben 
betrauert. Deshalb ist sie mitunter so verbittert, und wieder 
um weich zu anderer Zeit. Ist es ihr Wunsch, dem jungen 
Mann fortzuhelfen ... ich würde ihn erfüllen, wenn es an 
mir läge — so bald wie möglich -— vielleicht ist es die einzige 
Freude, die sie noch hat. Sie glauben nicht, wie ich ihr dies 
nachfühle.“ 
„Das macht Ihrem Herzen Ehre,“ sagte Herr Johannes 
Viedt. 
„0, bitte,“ — Wie er sich wohl meine Eri’öthung deutete. 
„Wo ist der junge Mann? Von Ihnen würde ich Aus 
kunft erhalten . . .“ 
„Sagte Tante Lina? Ja, das habe ich ihr versprochen. 
Ich werde Ihnen Herrn Kriehberg senden.“ 
„Kaiserhof, Zimmer fünfundvierzig. 
„Soll geschehen." 
„Ich danke Ihnen.“ 
Er ging. Ich mit fliegender Hast auf und davon nach 
Kriehberg. Glücklicherweise traf ich ihn, wenn auch nicht 
in rosenfarbener Laune. Er sollte Miethe abladen und es 
fehlten ihm die Groschen. 
„So weit sind Sie herunter und doch noch hoch zu, 
Pferde?“ rüffelte ich ihn an. „Noch immer keine Einsicht? 
Und nun schleunigst mit Ihnen nach dem Kaiserhof, da ist 
einer von den amerikanischen Naböbbern Sie mitzunehmen 
zum Cementanrühren und was Sit sonst vom Bau los haben, 
Aber so können Sie nicht antreten ; erst fein machen.“ 
„Ich kann doch meine Pfandscheine nicht anziehen ?** 
„Nee“, sagte ich, „aber wir können sie einlösen.“ 
„Werden Sic das?“ 
„Gewiss, erst jedoch her mit Ottiliens Briefen.“ 
„Sie legen mir eine Falle !“ 
„Junger Mann, die Vorsehung reicht Ihnen die Hand. 
Hier das erbärmliche Elend — dort eine Zukunft, um die Sie 
Hunderte beneiden. Und Sie zögern auch nur eine Minute? 
Ich zähle bis drei. — Mit drei ist unwiderruflicher Schluss. 
Also: Eins!“ 
Er rührte sich nicht. Ich ging einen Schritt auf die 
Thüre zu. 
„Zwei! — Freie Ueberfahrt nach St. Louis, Sogleich in 
Thätigkeit!" — Ich fasste den Thürgriff. 
„Zwei ein halb. Adje Herr Kriehberg. Eins und zwei, 
sind . . .“ 
„Halt!“ 
„Na sehen Sie!“ 
Er holte die Briefe hervor und die Versatzamts-Doeü- 
mente. Auch die Miethe wurde erledigt. 
Und was sagte er, als ich ihm noch Taschengeld liess 
bei der Wechselei mit seinen Hausleuten?“ 
„Sie schreiben es mir wohl auf meine Arbeiten gut.“ —> 
Ob das Bramsigkeit war den Leuten gegenüber oder Unver 
frorenheit, dass er sich solche Worte herausnahm, soll unent 
schieden bleiben, ich liess ihn ohne Antwort stehen. Mit 
dem war ich fertig. 
Aber er war noch lange nicht über das Wasser. Wenn 
Herr Viedt ihn nicht mitnahm ?“ 
Ich hatte wenigstens die Briefe, damit konnte er nichts 
mehr anstiften. 
Ich las sie zu Hause durch. Unverantwortlich über 
schwänglich mit himmlisch und entzückend, mit Liebe und 
Daseinswonne und Seligkeiten und doch kein Satz aus dem 
Herzen, sondern aus Büchern, ebenso wie ihre Wissenschaften 
eine blosse Behaltssache mit dem Kopfe; nichts Innerliches. 
Solchen Brast hatte ich oft genug gelesen; wahrscheinlich 
in denselben Romanen, woraus Ottilie sich mit Liebesweisheit 
beiernte. Nein geliebt hat sie Kriehberg nie. Es war eine 
reine Gymnasialpoussade, nicht mehr und nicht dauerhafter, 
ohne einen Fleck zu hinterlassen. 
Und doch der Schreck, als Kriehberg am Spätnachmit 
tage erschien . . . Natürlich Herrn Viedt vor den Kopf ge- 
stossen und der Tanz beginnt von Neuem, war meine feste 
Ueberzeugung. 
Aber gottlob nein. Der Himmel hatte ein Einsehen ge 
habt mit meinen Leiden. Er war angenommen, am folgen 
den Tage ging es nach Hamburg und von da in die neue Welt, 
neuem Leben entgegen. Nun wollte er mir danken. 
„Herr Kriehberg,“ sagte ich, „dass Sie glauben, mir 
Dank schuldig zu sein, nehme ich als ein Zeichen Ihrer Bes 
serung an, im fiebrigen will ich Ihren Dank nicht. Was 
ich für Sie ausgelegt habe, steht zu Buch. Sie werden mir es 
wiedererstatten, wenn Sie in Dollars wühlen. Wir haben 
nur geschäftlich miteinander zu thun. In meiner Zu 
neigung haben Sie weder Sitz noch Stimme.“ 
„Wenn Sie wüssten, wie die Gesellschaft mich behandelt 
hat, diese selbstsüchtige, verlogene Brut, die mir feindlich ge 
sonnen ist von jeher, die mich nie verstanden hat j. . .“ 
„Ach was, Gesellschaft! An Ihnen liegt es, dass Sie 
überall gegen waren. Sie wollen mehr für Ihr Bischen 
Können haben als es werth ist, das ist Ihr Zorn. Verstehen 
Sie die Wetlt, dann werden Sie wieder verstanden werden.“ 
Das mochte er nicht hören, er empfahl sich mit einer kur 
zen Verbeugung und verschwand. — 
Ich athmete auf, die Luft war rein. Aber ganz frei 
fühlte ich mich erst, nachdem ich dem Vetter die ganze Un 
terhaltung mit Kriehberg erzählt hatte. „Wenn jetzt nichts 
aus ihm wird, trifft mich keine Schuld,“ schloss ich, „an ihm 
ist gethan, was gethan werden konnte. 
Der Vetter lächelte. „Keine mächtigere Gunst als 
Frauengunst“ sagte er. „Nach meinem Urtheil ist Kriehberg 
ein Mensch mit geringer Begabung und grosser Anmaassung, 
der immer wieder angebracht werden muss, da er selbst sich 
meistens unmöglich macht. So Einer ist auf Protection an 
gewiesen und findet sie auch, sobald es ihm gelingt, mit dop 
peltem Boden als vielversprechendes Genie zu imponiren und 
als verkanntes Mitleid zu erwecken. Und hat er einmal die 
Gönnerschaft eines weiblichen Herzens gewonnen, bleibt sie 
ihm und hilft ihm vorwärts, auch wenn er sie nicht mehr ver 
dient ! 
„Sehr richtig, Herr Vetter, als wenn ich Tante Lina leib 
haftig vor mir sähe; meine Gunst dagegen hatte Kriehberg 
längst verscherzt. Aber sagen Sie selbst, halten Sie es über 
sich gebracht, ihn in seiner Laufbahn zu behindern? Schliess 
lich dauert er Einen doch und er kann sich ja auch ändern,“ ,
	        
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