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Volume Nr. 164, 28. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officieile Ausstellungs- Nachrichten. 
Ausstellungsbriefe 
von Wilhelm ine Buchholz. 
(Schluss.) 
[Abdruck untersagt.] 
XXIII. 
Sehr geehrter Herr Redacteur! 
Noch einige Tage und mein Hotel steht leer. Der letzte 
Gast, der Vetter Amtsrichter, muss wieder in Dienst. Dass 
ein so liebenswürdiger, hochgebildeter Mann von Verbrechen 
leben muss ! Aber andererseits, wenn blos Edles auf Erden 
begangen würde, wären die gesummte Jurisprudenz brodlos, 
wie sie gebacken ist, und es sähe für reich betöchterte Fa 
milien noch flauer aus als jetzt, wo zum Aufziehen Gelegen 
heiten massenhaft geboten werden, zum Versorgen jedoch 
zählbare. Da steckt es. 
Wir sehen ihn ungern scheiden und werden von nun an 
in regerem Verkehr bleiben, wenigstens einmal im Jahre, und 
dann auf längere Wochen. Die Uhren ticken freilich ihren 
gleichen Schritt, aber die Zeit wird eilsamer im Alter, und 
Wochen werden zu Tagen und die Tage zu kurzen Stunden. 
Kaum hatten wir uns über das erste Grün gefreut, und nun 
fielen schon gelbe Blätter hier und da. Und doch war der 
Sommer nicht eigentlich heiss gewesen, ausgenommen für 
mich. Mir war nicht schlecht eingeheizt worden. 
Doch das war vorbei. 
Ottilie schrieb mir reumüthige Briefe. Es war ja auch 
nicht 'was, durchzubrennen, während ich in ihren Ange 
legenheiten reiste, aber indem sie um Verzeihung flehte und 
schriftlich über sich nachzudenken gezwungen war, kam sie 
zu der Erkennntniss ihrer Unvollkommenheiten, und den Ge 
winn schlage ich als ihre beste Mitgift an. Auch Musjeh 
Urian, ihr Verlobter, gestand seitenlang seinen Frevel ein 
und bat um mein ferneres Wohlwollen. Kann man ihm denn 
böse sein ? 
Verliebte sind unzurechnungsfähig, und Rudolph musste 
man lassen, dass er verhältnissmässig vernünftig gehandelt 
hatte, wenn man sich es recht benahm. Denn wie verliebt 
war er trotz Ottiliens Fehlerhaftigkeiten. Aber schöne Ge 
stalt hat grosse Gewalt. 
Das hatte Kriehberg auch an sich erlebt, obgleich nicht 
so wie Rudolph, sondern mehr mit Geldnebengedanken. 
Ich fragte den Vetter Amtsrichter: „Wenn Einer von 
Einer Briefe verwahrt und er beabsichtigt, wenn diejenige 
demjenigen, der sie hat, denjenigen vorzieht, den sie später 
kennen lernte, mit denselben zu cliikaniren und derselbe droht 
in das Ja vor dem Geistlichen zu fahren, kann und darf der 
selbe das ? 
Der Vetter entgegnete: „Ich habe Sie nicht ganz ver 
standen, verehrte Cousine.“ 
„Das wundert mich, ich gab mir doch Mühe, Amtsstil 
zu reden.“ 
„Aus dem werden selbst, ergraute Fachleute mitunter 
nicht klug. Aber wenn Sie die Güte haben, mir den Fall 
in der gewöhnlichen Umgangssprache mitzutheilen, hoffe 
ich, Ihnen Auskunft geben zu können. Und wenn ich bitten 
darf, ohne Voreingenommenheit und ohne Beschönigung.“ 
„Zu beschönigen ist nichts, Kriehberg ist, wie er ist, 
ein Subject.“ 
„Erlauben Sie, das scheint mir parteilich.“ 
„Wo denn? Wenn ich Partei nehme, doch hier für Ru 
dolphen, und von dem hab’ ich noch kein Sterbens-Atom er 
wähnt» 
„Ahem! sagte der Vetter. „Liebe Cousine, so kommen 
wir nicht weiter. Also zunächst der genannte Kriehberg. 
In welchem Verhältnise stehen Sie zu ihm ?“ 
„Herr Vetter, solche Fragen muss ich, mir dringend ver 
bitten, die geben gegen meine Reputation. Ueberhaupt 
Kriehberg ! Ich kenne keinen Menschen, mit dem ich quaran- 
zetter stände, als mit ihm.“ 
„Ich verstehe. Sie waren jedoch nicht stets derselben 
Meinung ?“ 
„Herr Vetter, wie jemand sich entwickelt, solchen Ver 
lauf nimmt die Freundschaft!“ Und nun erzählte ich ihm 
von den Berichten und von Kriehberg und Ottilie als Hilfs- 
Assistenten und von Tante Lina in ihrer Eigenschaft als Erb- 
vorspieglerin und von Rudolph und Ottilien, als wirkliche 
Liebe, und von Kriehberg'» Eifersucht und von Ottiliens Ent 
führung und von Kriehberg's Drohungen, die sich sogar bis 
auf meinen Mann erstreckten, und was ich gelitten, und wie 
ich immer noch in Aengsten wäre, dass etwas Grässliches ge 
schähe, bis ich zuletzt den Antrag formulirte: „Kann Krieh 
berg nicht schon vorher auf die Festung gesetzt werden, und 
zwar lebenslänglich, ehe er schiesst,?“ 
„Kein,“ sagte der Vetter, „die Freiheit eines Menschen 
einzuschränken ist nicht gestattet.“ 
„Aber wenn man doch weiss, dass er Unheil anrichten 
wird ?“ 
„Auch dann nicht.“ 
„Warum leben wir nicht mehr in Alt- Berlin, Herr 
Vetter ? Damals sass die Senge loser als heute.“ 
„Sie machen sich unnöthige Sorge. Wenn das Fräulein 
die Verlobung rückgängig machen will, werden wir ausrei 
chende Gründe finden. Er vermag ihr keinen Unterhalt zu 
bieten, sein exaltirtes Wesen deutet auf geistige Störung. 
Ist ihm nirgend ein verschrobener Verwandter nachzuweisen? 
Liefern wir ihn als erblich belastet den Psychiatern aus.“ 
„Ist das sehr — etwas Schlimmes?“ 
„Bei einem Anhänger Lombroso’s ist er so gut wie ver 
loren, dem genügt schon eine troddelhafte Kinderfrau.“ 
„Das ist alles recht schön; aber wer hindert ihn, das 
Glück der Beiden durch sein© Unvernunft zu stören, Skandal 
zu machen, Verdruss und Aerger. Und da Ottilie nicht frei 
von Schuld ist, welch’ ein Brautstand wird das, welch’ eine 
Ehe? Das ist meine Behauptung. Und solche Verbrechen 
an Glück und Freude sind straflos?“ 
Dies sah der Vetter ein. Glück muss rein sein, sonst ist 
es kein Glück. 
Er liess sich Kriehberg’s Adresse von mir geben, von ihm 
selbst zu erfahren, ob er aus Liebe handele oder aus Eigen 
nutz.. — „Von jedem etwas,“ sagte ich „halb sauer und halb 
mit Essig.“ 
Als der Vetter wiederkam, waren wir einen Tippei klüger, 
aber auch nicht mehr. Kriehberg wollte gegen eine Ab 
standssumme zurücktreten und Ottiliens Briefe herabrücken. 
Es waren man blos 500 Mark, mehr nicht. Und die 
sollte ich berappen. Wer sonst? 
Ottilie verfügte nicht über so viel. Und Rudolph konnte 
doch unmöglich seine Braut kaufen? Blieb ich allein vor 
dem Rest sitzen.“ 
Oder Tante Lina. 
Aber die konnte ja nicht an das Ihrige heran. 
„Gerichtlichwürde er mitweniger zufrieden sein müssen,“ 
meinte der Vetter. 
„Nein,“ rief ich. „Kein Gericht dazwischen. Aber ich 
bezahle keinen Heller.“ 
„Haben Sie auch nicht nöthig. Genau genommen, geht 
Sie die ganze Angelegenheit nichts an.“ 
Wie oft hatte ich mir das einzureden versucht, und Onkel 
Fritz sagte es auch» Es half jedoch nicht. Mir war Ottiliens 
und Rudolphs Zukunft zur Herzensfreude geworden. Daran 
lag es, dass ich Unheil von ihnen zu wenden suchte. 
Und in diese Bedrängniss hinein meldete Ottilie ihre 
Rückkehr. 
Rudolphs Eltern wollte sie zu mir bringen, meinen Karl 
und mich kennen zu lernen, und die Verlobung sollte gefeiert 
werden. 
Und wenn wir rufen: „Hoch lebe das Brautpaar!“ und 
Kriehberg stürzt herein und macht Radau? Oder schiessfj 
gar? Und keiner mag an die. Stunde zurückdenken, diei 
sonst wie eine Sonne aus der Erinnerung in’s Leben hinein- 
strahlt, wenn trübe Tage kommen. Weder Rudolph noch 
Ottilie, sie können sie auch nicht vergessen.“ 
Ich setzte mich hin und weinte. 
Dorette meldete Besuch.
	        
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