Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstelfungs-Nachrichfert. **
glänzende Probe seines trefflichen Gedächtnisses ablegte. Er musterte
nämlich aufmerksam den ihn persönlich bedienenden Kellner
Kanter, und fragte ihn, wo er ihm schon einmal begegnet sei.
Kauter erwiderte, dass er bereits vor drei Jahren in Kom die Ehre
gehabt habe, seine Majestät zu bedienen. Das Menu, erfreulicher
Weise vollständig deutsch abgefasst, bestand aus: Warmen
Hummern, Rindslenden mit frischen grünen Bohnen, jungen
Enten, Früchten, Salat, Chocoladen-Sahnenspeise, Butter, Käse,
Obst. Als Tischwein wurde vorwiegend 1889 er Bern-
castler Doctor, sowie Heidsiecksec getrunken. Der Kaiser
nahm wiederholt Gelegenheit, sich in anerkennendster Weise so
wohl über Speisen und Getränke, wie über das ganze Arrangement
auszuprechen. Er reichte den Herren Dressei und Adlon beim Weg
gehen freundlich die Hand und äusserte die Hoffnung, ihnen noch öfter
in den Ausstellungsräumen zu begegnen. Diese Anerkennungdes Kaisers
ist eine um so verdientere, als das ganze Menu in dem Hauptrestaurant
bereitet und von dort auf das Kaiserschiff, wo sich weder eine
Feuerstelle noch Licht befindet, gebracht und auf Spiritus warm
gehalten werden musste.
Nach dem Frühstück, das etwa eine Stunde währte, begaben
sich die allerhöchsten Herrschaften nebst Gefolge auf die Rückfahrt,
die wieder zu Wasser stattfand.
In unserem Pavillon
begann der Besuch der Ausstellungsgäste schon in den frühesten
Morgenstunden, lange vor der Eröffnungsfeier im Kuppelsaale.
Unter den ersten Gästen befand sich Geheimrath Techow
und einige Stadtverordnete, ihnen folgte der türkische Botschafter
Ghalib Bey mit einigen Herren der Botschaft: darunter der erste
Secretair Refik Bey, Capitain Namdi-Bey, Dragoman Botkmer.
Bald darauf erschien der Kabinetschef des Fürsten von Bulgarien
Herr Dobrowic. Ferner der JLandeshauptmann der Provinz
Sachsen Graf Winzingerode, Professor Passow aus Heidelberg.
Als in den ersten Nachmittags-Stunden der Druck des Extrablattes
des »Berliner Lokal-Anzeigers« in unserem Pavillon begann, war
der Andrang des Publikum ein ganz ausserordentlicher.
Am Nachmittage.
Die linde Witterung, die während der Eröffnungsfeier
herrschte, hat einer auffrischenden, im Schatten ziemlich empfind
lichen Brise Platz gemacht. Der heftige Wind bewegt die
Fahnen und Wimpel in lustigem Spiele, aber die Sonne hält
wacker Stand; sie verbirgt sich keinen Augenblick hinter
neidischen Wolken, sie bleibt der Ausstellung treu. Es wird
ruhiger, um nicht zu sagen gemüthlicher, allerorten. Das Gros
der Eingeladenen bleibt uns treu, aber man vertheilt sich überall
hin, man beginnt zu gemessen! Gemessen, im wabrenSinne des Wortes.
Die verschiedenen Bräus sind überfüllt, die Küchen vermögen nicht zu
leisten, was der ewig hungrige Mensch verlangt. Man speisst in des
Drangsals fürchterlichster Enge, man kämpft um jedes Kalbscotelett,
aber man ist ja so glücklich, dass alles gut von Statten gegangen
ist, dass die Ausstellung in wahrem Sinne des Wortes zu etwas
wurde, fast zu etwas Fertigem. Und wer das Fieber, das Rennen,
die Wirthschaft noch am Donnerstag Abend gesehen hat, der weiss, was
dieser für Berlin unvergessliche Freitag in seiner fast unvollkommenen
Erscheinungzubesagen hat. Ein kleines Beispiel, was geleistet worden ist.
An der Fertigstellung des Hauptrestaurants waren in der Nacht
zum Freitag noch ca. 200 Arbeiter thätig, die erst nach 5 Uhr
Morgens den Bau verliessen. Trotzdem ermöglichten es die
Herren Dressei und Adlon, allerdings mit Hilfe einer Armee von
640 Angestellten, die Einrichtung des gewaltigen Hauses so fertig
zu stellen, dass um 1 Uhr Nachmittags bereits über 4000 Personen
bedient wurden.
In der Ausstellung führt vom Vergnügen und von der leiblichen
Pflege nur ein kurzer Schritt zum geistigen Bereiche. Es zeigen
sich die ersten zahlenden Besucher, schüchtern zwar — es kostet
heute zwei Mark, und im Allgemeinen glaubt man ja immer noch,
die Ausstellung sei so unfertig wie möglich. Die ersten Besucher
stechen in ihrer äusseren Erscheinung auffallend von den Festgästen
ab. Kein Frack, keine weisse Cravatte, aber man heisst sie
dennoch gern willkommen, denn sie bringen die ersten Einnahmen
und diese sollen ja bekanntlich Segen bringen. Die ersten
Rollstühle knarren auf dem gelben Kies zwischen dem See
und den Gartenanlagen des Hauptgebäudes; im Cafe Bauer herrscht 5
ein wahrhaft grossstädtisches Getriebe, man drängt, sich im goldene»'
Buche der Ausstellung zu verewigen, und in plastischer Ruhe stellt
martialisch der Portier in seiner silbernen Livröe mit dem gewaltige»
Zweimaster in der Kuppelhalle — ein starrer Fels in diesem unruhig um
ihn her brandenden Meere der Besucher. Im Industriegebäude wird alle»
Neuheiten Aufmerksamkeit geschenkt, ja man »munkelt« schon von
einzelnen Bestellungen. Hoppcnwort’s (Demuth) Blumendecoration
mit der Kaiserbüste aus Papier — ein Kunstwerk —, mit dem
schirmenden Engel, wird mit Recht bewundert, vor Allem aber
die wahrhaft einzige Ausstellung der Trachten dieses Jahrhunderts,
die der Vorstand der Bekleidungsgruppe Hera Bacher besorgt hat.
Hier und da beginnen schüchterne Versuche von weiterer Fertig
stellung, aber es ist kein rechter Zug darin. Heute ist eben
Feiertag, der erste nach arbeitsreichen Monaten, morgen wieder
fleissig! Und — man glaube nicht — dass wir absichtlich pro
domo sprechen — aber einen kleinen Verdienst an dem heutigen
Erfolge hat auch das officielle Organ der Ausstellung
gehabt! — Unser Extrablatt, es machte allen Besuchern
die Ausstellung noch heimischer, es befand sich im Augenblick in
Aller Händen, es wurde dankbar entgegengenommen und brachte
den richtigen Lokalton in die allgemeine Feststimmung. Und so
ward aus Morgen und Abend der erste, der über Erwarten ge
lungene Ehrentag der Berliner Gewerbe-Ausstellung. Es herrscht
jetzt kein Zweifel mehr darüber, dass ihm noch viele folgen werden.
Um 6 Uhr Abends begann im grossen Festsaal des Haupt
restaurants
Das Bankett,
zu welchem 160 Ehrengäste geladen waren. Die Festtafel war
für 700 angemeldete Gäste aus den Kreisen der Industrie, des
Handels, der städtischen Verwaltung vorbereitet.
a) In der Ausstellung.
Die Eröffnung des Theaters Alt-Berlin.
[Abdruck untersagt.]
Ein Gelegenheits-Musentempel ist das an der Stadtmauer von
Alt-Berlin errichtete Theater, und als Gelegenheits-Dichtungen sind
auch die in ihm zur Aufführung gelangenden Werbe aufzufassen.
Von diesem Gesichtspunkt aus beurtheilt, ist Ernst von Wol-
zogens Berlinisches Zeitbild »Die schwere Noth« ein geschicktes
und effectvolles Bühnen werk. Ernst und Scherz, leidenschaftliche Poesie
und brutale Prosa sind lose und theil weise unvermittelt aneinanderge
reiht, eine bunt, dramatisch bewegte Handlung entrollt sich, die
— und das ist die Hauptsache — Gelegenheit zu prächtigen
Massenentfaltungen und Aufzügen bietet. Der Dichter führt uns in das
Berlin des Jahres 1348. Die Stadt leidet unter dem Bann der Kirche, das
Land hat keinenHerrscher. Sitten- und Disciplinlosigkeit haben dieOber-
hand, da soll der Retter nahen in der Gestalt des Herzogs Rudolf
von Sachsen. Rudolf zieht mit Erzbischof Thcodcrich von Magdeburg
in Berlin ein, der Kirchenfürst befreit zwar die Stadt vom Bann, allein
der weltliche erweist sich als ein gutmüthiger, schwacher Hefrscher.
Die wilden Sitten kann er nicht beugen, das Recht der Schwachen
nicht schützen. Als jedoch Habal, des Bischofs Geheimschreiber, Renata,
die Gattin des Rathmanns Wilke Rode, schimpflich beleidigt, als
er Heinz Wildenbruch, den Jugendgeliebten Renatens, ersticht, und
Wilke Rode zu feig ist, um den seiner Gattin angethanen Schimpf
zu rächen, da übt das Volk selbst Gericht. Es stellt den Geheim
schreiber an den Pranger und verurtheilt den feigen Ehemann zum
Tode, Renata aber ergreift die Fackel und steckt ihre Heimathstadt
in Brand. Während die Stadt in Flammen aufgeht, fleht Berlins
Bürgermeister:
»Hera, sende den Retter, ich flehe Dich an! Und wär’ er gle ch
ein eiserner Mann, und wollt’ er mit eisernen Zähnen stark sich fest-
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