Path:
Periodical volume Nr. 163, 27. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 
Officielle AussteHungs - Nachrichten. 
Der Musterstall. 
[Abdruck untersagt.) 
Ein guter Gedanke war’s in der That, hier in der 
Ausstellung einen Musterstall zu erbauen und einzurichten. 
Das Bestreben der Metren, welche die Idee gehabt und sie in 
die Wirklichkeit umgesetzt haben, den Ausstellungsbesuchern 
nämlich und besonders den Berlinern einmal zu zeigen, wie 
man ein derartiges Institut anlegt, ausstattet und in Ordnung 
hält, wie man ferner Kutscher und Diener anzieht, wie man 
Pferde pflegt, und anschirrt, kurz, wie man wirklich vornehm 
fährt und reitet, dies Bestreiten, sage ich, kann nicht dankend 
genug anerkannt werden, denn wir haben in Berlin auf die 
sem Gebiete noch Vieles, sehr Vieles zu lernen. 
In keiner Landeshauptstadt, sei es in der von Oesterreich, 
Frankreich, England oder Italien liegt der Fahrsport so im 
Argen wie bei uns; weder im Prater oder im Bois de Bou- 
logne, noch auch im Hyde-Park oder auf dem Monte Pincio 
trifft man so unmögliche Equipagen wie im Thiergarten oder 
Grunewald. Ich will von den langen wallenden Schnurr 
bärten der Kutscher garnicht sprechen, nicht, davon reden, 
wie diese Leute sich auf den Bock klemmen, alter ist es denn 
so selten, dass man in Berlin drei- ja auch vielfarbigen Li- 
reen begegnet? Oder dass starke Carossiers unter Jucker 
geschirren, mit allerlei Krimskrams behängen, gehen? Dass 
die Wagen bis auf die kleinste Schraube hin so bunt bemalt, 
die Geschirre so mit Gold oder Silber überladen sind, dass das 
Gefährt wie ein Beclame-Wagen einer herumreisenden Cir 
kus-Schmiere aussieht,? Passt denn zu dieser „Fuhre“ das 
elegante Gerson’sche Moireecostüm der Frau Commercien- 
räthin, die so gnädig auf das „Volk“ herabschaut? Steht mit 
ihr der spitzenverbrämte Seidenjupon von Jules Bister, das 
zobelbesetzte Sammetcape aus dem Atelier „Frida Wagen“ 
im Einklang? 
Und ist's mit dem Reitsport, wenn man von den Offi- 
cieren und Sportsleuten absieht, etwa so sehr viel besser be 
stellt? Sehen diese verwegenen Jünglinge, die oft auf den 
besten Pferden den Thiergarten unsicher machen, nicht häu 
fig so aus, als ob der Gaul ihr offenes Grab wäre? Muss 
einem der arme .Schinder nicht in der Seele leid thun, wenn 
ihm zu gleicher Zeit vorne der Kopf abgerissen und er hin 
ten mit den längsten Sporen todtgestochen wird ? 
A propos, da fällt mir ein Räthsel ein : Kennen Sie, gnä 
digste Leserin, den Unterschied zwischen der Wüste und dem 
Thiergarten ? — Strengen Sie Ihr niedliches Köpfchen nicht 
weiter an, ich will Ihnen die Auflösung verrathen: in der 
Wüste sieht man manch’ edles Blut auf einem Kamel, im 
Thiergarten aber manch’ Kamel auf edlem Blut. — 
Doch Geduld, Geduld, es wird schon anders werden.; auch 
Berlin wird noch lernen, wenn es sehen und lernen will, und 
wo könnte die Gelegenheit günstiger sein, als in dem Muster- 
stall der Ausstellung. Nicht etwa, dass derselbe an Eleganz 
alles Dagewesene überträfe, ganz und garnicht; ich habe 
zum Beispiel in Frankfurt a. M , wo ja die Protzen wild wach 
sen, viel luxuriösere Ställe mit riesengrossen dicken Spiegel 
scheiben gesehen, Ställe, in denen einem jeder Gegenstand 
förmlich entgegenbrüllte, wie theuer er war. Sie alle, aber 
waren nicht die Musterinstitute, wie der Stall, den die Herren 
Blumberg, Kühlstein, Weltmann und Heydweiler uns vor 
Augen geführt haben. 
Wie angenehm überrascht uns gleich beim Eintritt der 
solide, vornehme Ton, in dem das im Schweizerstil errichtete 
Gebäude gehalten ist! Keine gesuchte Eleganz, kein auf 
dringlicher Luxus schreit uns an, nur chike Einfachheit und 
tadellose Einrichtung sehen wir aussen und innen. 
Das am diesseitigen äussersten Ende gelegene Herren 
zimmer mit Veranda, in dem der Besitzer seinen Gästen nach 
der Besichtigung des Stalles eine Cigarre präsentirt, erfreut 
uns durch die mit ausgesuchtem Geschmack erwählte Aus 
stattung. Der englische Kamin mit den steifen alterthümli- 
chen Stühlen, die grüne Holztäfelung der Wände, die Stahl 
stiche aus der altspanischen Reitschule, die Abbildungen aus 
dem Leben des Pferdes, die Sportbilder der verschiedensten 
Art, das alles macht einen so wohlthuenden, molligen Ein 
druck, dass wir, wenn uns nicht die Begierde, den eigentli 
chen Stall zu sehen, weitertriebe, gar gern noch bleiben 
würden. 
An diesen Raum, jedoch mit besonderem Eingang von 
aussen, stösst das von den Kutschern und dein Stallpersonal 
benutzte Esszimmer, dessen Wände mit flüchtigen, aber sehr 
chiken Sport-Skizzen von Volkers geziert sind; das Bade 
zimmer der Genannten befindet sich gleichfalls im Parterre, 
während die Wohnräume. für einen xerheiratheten und einen 
unverheirateten Kutscher sowie für drei Stallleute, natür 
lich auch die zugehörige Küche und Vorrathskammer, im 
ersten Stock liegen. 
In directer Verbindung mit dem im Erdgeschoss befind 
lichen Esszimmer steht der eigentliche Stall, der an seiner 
Längsseite, vis-ä-vis dem Haupteingang, acht Kasten-Stände 
hat, während in den beiden Ecken, rechts und links der eben 
genannten Thür, Boxen eingerichtet sind. 
Die peinlichste Sauberkeit und grösste Ordnung herrscht 
nicht nur im Stalle selbst, sondern auch in allen Nebenräu 
men ; jeder Gegenstand hat seinen besonderen Aufbewah 
rungsort und nichts liegt unnöthig umher. 
Die Einrichtung ist auch hier nach englischem Ge 
schmack, ausserordentlich vornehm, doch ohne unangenehme 
Eleganz. Bevor ich darauf näher eingehe, möchte ich erst 
die in dem Musterstall stehenden Pferde erwähnen. Bis 
jetzt waren in demselben vier Rothschimmel, als Vierer zug 
gefahren, zwei englische Carossiers, ein Normanne und ein 
Haekney als Wagenpferde, ein Vollblut-Fuchs und ein Halb 
blut, Rappe, als Reitpferde untergebracht; seit wenigen 
Tagen sind indess die Reitpferde, die in den Boxen installirt 
waren, in den Berliner Stall des Herrn Weltmann zurückge 
gangen und dafür zwei englische Cobs in die Ausstellung ge 
kommen. 
Besonderer Hervorhebung verdient der von Sr. Majestät 
dem Kaiser angekaufte Haekney, Bob, ein tiefer, gedrun 
gener, kurzbeiniger Fuchswallach, der sowohl im Gange, wie 
auch in Haltung und Bewegung bildschön ist und von dem 
Kaiser eigenhändig im Dog-cart gefahren werden soll. Eben 
so tadellos ist der in Ungarn von Stronzian gezogene Voll 
blüter, der an Rittmeister v. Arnim von den 1. Garde-Dra 
gonern verkauft ist. Sämmtliche Pferde sind mit blauen, 
gelbgeränderten Decken eingedeckt, die Beine sind gleich 
mässig bandagirt. Die Anbindevorrichtungen besteh n aus 
Riemen, die mit Bleigewichten beschwert, in Röhren laufen. 
Emaillirte Krippen und vertiefte Raufen befinden sich in 
den Krippentischen der Kastenstände, während die Boxen 
Eckkrippen und keine Raufen haben, so dass das Heu aho 
entweder auch in die Krippe oder auf den Boden gelegt wer 
den muss. An den Wänden der Stände sind Matten aus 
Oocosfasern, sogenannte Schlagmatten, angebracht, die 
Wände selbst aber endigen in Standsäulen, die an ihrem un 
teren Ende mit Strohgeflecht umkleidet sind. Dieselben 
buntfarbigen Strohmatten, die von dem Stallpersonal selbst 
angefertigt werden und die dem Raum ein ungeheuer nettes 
und freundliches Aussehen verleihen, Schliessen auch die 
Streu von der Stallgasse ab. 
Zur rechten Seite des Stalles liegt der Wagenwasch 
raum, an dessen Decke eine lange, vernickelte Röhre hängt, 
welche um einen hohlen Zapfen drehbar ist. Am Ende, der 
Röhre befindet sich ein langer Gummischlauch, und dadurch 
nun, dass die Röhre und somit auch der Schlauch nach Be 
lieben gedreht werden kann, ist es für den Stallrnann, der 
während dieser Beschäftigung schweife Holzschuhe trägt, 
möglich, den zu reinigenden Wagen von allen Seiten abzu 
spritzen ; eine Beschädigung durch Gieskanne, Eimer oder 
Waschbürste ist also ausgeschlossen. 
Neben dem Wagenwaschraum befindet sich die Wagenre- 
mise, in der acht Wagen der Firma Ed. Kühlstein, Charlotten 
burg, Aufstellung gefunden haben. Zunächst sehen wir hier 
einen Einfahr-Wagen, der auch zum Transport von Ge 
päck zu verwenden ist, dann ein Tonneau, Cab-cart, einen
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.