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Volume Nr. 15, 2. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

10 Officielle Äusstellungs-Nachrichten. 
»Hurrah« ausbrachten, wie es Bell jun. wohl früher hier gehört 
haben mag. 
Die Kaiserin sprach hier lange mit Schwester Auguste Herzcr aus 
Neu-Guinea und redete auch Schwester Emma Kubanke an. Sehr 
gefielen dem Kaiser auch die Kribileute aus Südkamerun, die ver 
wegene und gewandte Ruderer sind, und hier auf dem 
Karpfenteich ihre Kunststücke machten. Im Neu-Guineadorf be 
trachtete der Kaiser auch den Götzen, hier standen die Togo, 
brachten ihren Salam und tanzten und sangen. Ein Häuptling sass 
würdevoll unter einem Sonnenschirm mit seinem kleinen Söhnchen 
und liess sich grossen Spectakel vormachen, an dem etwa ein Dutzend 
Weiber theilnahmen. Ihr Gesang klingt nicht unmelodisch und erinnert 
an bayerische Schnadahüpfl, es wird viel mit Wedeln und Kriegsbeilen 
kerumhantirt und furchtbar auf einem Elfenbeinhorn geblasen. Der 
Tanz ist äusserst charakteristisch, die Männer machen gewaltige 
Sprünge rück- und vorwärts, anscheinend unter gütiger Mitwirkung 
eines Komikers. — Als sich der Kaiser verabschiedete, sprach er 
wiederholt seine Anerkennung und Befriedigung aus und drückte 
mehrfach dem Grafen von Schweinitz die Hand mit den Worten: 
»Zur Colonial-Ausstellung können sich die Herren gratuliren, sie 
wird eine Hauptzugkraft werden. 
Der Kaiser verweilte über anderthalb Stunden und bemerkte, 
er würde bald wiederkommen zu eingehender Besichtigung. Beim 
Austritt aus der Colonial-Ausstellung begrüsste der 350 Mitglieder 
zählende Sängerhaus-Verein den Kaiser mit dem Liede: »Dem 
Vaterland« von Harneck-Friedenau unter Leitung seines Dirigenten 
Mohr, wofür der Kaiser freundlichst dankte. Vor dem Hildebrand- 
schen Pavillon bestiegen die Majestäten die Wagen und fuhren 
unter lauten Hochrufen des Publikums weiter. 
Um iy 4 Uhr vor unserem Pavillon. 
Welch bunt Getümmel! Nur sehr wenige, die von dieser 
ersten Probe genug haben, müde geworden sind und nach Hause 
streben, sich sagend, die Ausstellung läuft uns nicht davon! Viele, 
ja viele Tausende, die mit zufriedenen Gesichtern herumstehen, 
wandeln und vor allem bewundern. Hohe Würdenträger, 
die laut erklären, es sei alles wundervoll programmgemäss 
verlaufen, streben, fast widerstrebend, dem Ausgange zu. Die 
Mannschaften der Ehrencompagnie sind auseinandergetreten 
und blicken den buntgekleideten, venezianischen Gondelieren zu, 
die ihre dunklen Gondeln geschickt an die grosse Landungstreppe, 
zwischen den beiden niedlichen Obelisken, drängen. Echte Ziller- 
thaler, die uns am Nachmittage wahrscheinlich irgendwo in der 
Ausstellung ihre herzigen Lieder bescheeren werden, staunen, die Hände 
in die Hosentaschen gesenkt, und sagen vor lauter Staunen gar 
nicht«. Die vier Musikcorps sorgen abwechselnd für die musikalische 
Unterhaltung und das übrige that die liebe Sonne, die immer 
glühender ihre Küsse den funkelnden Kuppeln des Hauptgebäudes 
und des Thurmes vor den Hauptrestaurants der Herren Dressei und 
Adelon schenkt. Plötzlich, unerwartet plötzlich, dumpfes Pferde 
getrampel, Staub wirbelt auf, die Mannschaften der Ehrencompagnie, 
die Offiziere an der Spitze, eilen von dem schattigen Gestade 
des Sees an die Strasse: Der kaiserliche Zug, weil der Be 
such von Alt-Berlin unterblieb, kommt bereits vorüber, 
um die frühere Treptower Landstrasse in der Richtung des 
Pavillon der Stadt Berlin zu überschreiten. Ihm vorauf fahren 
mit Schimmelgespann die drei Herren des Arbeitsausschusses, dann 
eine Reihe von fast zwanzig Hofkutschen. Die Majestäten, Prinz 
Friedrich Leopold nebst Gemahlin grüssen verbindlich. Vorbei, 
vorüber wie ein glänzender, phantastischer Traum, geträumt — in 
dem soeben entstandenen Märchenwalde der Berliner Gewerbe- 
Ausstellung. Die Ehrencompagnie rangirt sich, schwenkt in 
Sectionen ab; die Tambours schlagen an und nach den Klängen 
des York’sehen Marsches wird abmarschirt. 
Der Kaiser im Fischereigebäude. 
Gegen 1 Uhr war der Kaiser mit seinem Gefolge bei dem 
östlichen Flügel des grossen Fischereigebäudes angelangt. Vor 
dem Portale der Sportabtheilung, das sich gegenüber dem 
Reiterstandbild Sr. Majestät befindet, wurde der Kaiser von dem 
Herzog von Ratibor, Herrn von Podbielsky, dem Vorstand der 
Sportgruppe, Herrn Hauptmann Adders u. s. w. empfangen. In der 
Sportabtheilung, zu deren Ausstellern der Kaiser selbst gehört, 
hielten sich die hohen Gäste längere Zeit auf; die sportlichen 
Apparate wurden besichtigt. 
Im Ausstellungsgebäude für Fischerei übernahm Dr. Herwig 
die Führung der Majestäten. Dieselben besichtigten die Abtheilung 
für Hochseefischerei und empfingen augenfällig einen günstigen 
Eindruck von den Arrangements. Wenngleich bei der nur knapp 
bemessenen Zeit eine eingehendere Besichtigung nicht möglich war, 
so hofft der Vorstand der Fischerei-Ausstellung doch, bei einer 
zweiten Besichtigung, die Se. Majestät in Aussicht stellte, die vielen 
interessanteren Einzelheiten der Ausstellung zeigen zu können. 
Im Pavillon der Stadt Berlin. 
Von dem in den letzten Tagen mit reichen gärtnerischen 
Schmuck versehenen Platze mit dem Kaiser-Monument begaben sich die 
Majestäten nach dem Gebäude der Stadt Berlin. Vor dem Süd- 
Portal hatten die Väter der Stadt, Herr Oberbürgermeister Zelle, 
der Bürgermeister Herr Kirchner, dann die Herren Langerhans, 
Rosenow jr. etc. Aufstellung genommen. Die Modelle der städti 
schen Anlagen erregten lebhaftes Interesse: sehr eingehend be 
sichtigten die Majestäten die typische Nachbildung der Riesel 
feld-Anlagen der Stadt Berlin, welche Herr Zelle erklärte; 
an einem Fläschchen mit Rosenöl, aus den Rosen, welche 
auf dem Rieselfelde wachsen, roch der Kaiser und sprach lächelnd 
seine Anerkennung dieses Heimathserzeugnisses aus. Dann wurde 
das Längsschiff des Pavillons passirt und die Schulabtheilung be 
augenscheinigt, wo die Apparate und Unterrichtsmittel der Berliner 
Lehranstalten den Kaiser zu längerem Verweilen bewogen. 
Beim Eintritt waren den Majestäten die Cataloge der Aus 
stellung übergeben worden. 
Nach dem Verlassen des Pavillons begaben sich die Majestäten 
nach dem Chemiegebäude. 
Im Gebäude für Chemie 
erwartete eine zahlreiche Menge die Ankunft der Majestäten, als 
auf einmal Ordre kam, dass die höchsten Herrschaften sich 
direct nach dem Kaiserschiff zum Frühstück begeben würden. Ent 
täuscht verliessen die meisten Anwesenden das Gebäude, um gegen 
über dem Kaiserschiff Stellung zu nehmen. Inzwischen trafen 
jedoch die höchsten Herrschaften, geführt von den Herren Dr. 
Martins und L. Deichn er, an der Halle für chemische Industrie ein 
und machten durch die prächtig ausgeschmückte Halle einen Rund 
gang. Ganz besonders interessirte sich die Kaiserin für 
die Maschinen zur Herstellung der Schminken und nahm 
die Erklärungen des Herrn Leichncr huldvollst entgegen. Unter 
Anderem richtete die hohe Frau an genannten Herrn auch die 
Frage: «Ihre Fabrikate sind wohl sehr verbreitet?« worauf Herr 
Leichncr mit gerechtem Stolz entgegnen konnte: »Gewiss, Majestät, 
in der ganzen Welt!« Nach etwa zehn Minuten Aufenthalt ver 
liessen die höchsten Herrschaften die Halle und begaben sich unter 
enthusiastischen Rufen der vor dem Ausgange angestauten Menge 
zu Fuss nach dem Kaiserschiff, um dort das Frühstück im engeren 
Kreise einzunehmen. 
Das Dejeuner. 
Nach vollendeter Rundfahrt begaben sich um l 8 / 4 Uhr die 
Kaiserlichen Majestäten, Prinz und Prinzessin Leopold, mit zahlreichem 
Gefolge, begrüsst von 33 Salutschüssen und geleitet vom Capitain 
Konter, auf das Kaiserschiff, wo ein Frühstück für 26 Personen 
servirt war. Unter den Gästen bemerkten wir den Oberhof 
marschall Grafen Eulenburg, Hofmarschall von Lynkcr, Lord 
Lonsdael, den Commandeur des Hauptquartiers Generallieutenant 
v. Plessen, den Chef des Militairkabinets von Hahnke, General- 
Adjutant von Moltke, Oberstallmeister Graf von Wedel und den 
Contreadmiral von Senden-Bibran. Die Frühstückstafel war von 
den Herren Dressei und Adlon, denen die Herstellung des 
Dejeuner übertragen war, auf das Geschmackvollste mit Marschall- 
Niel- und La Franse-Rosen geschmückt und prangte ausserdem auf 
derselben das kostbarste französische Obst, namentlich Erdbeeren, 
die Lieblingsfrucht des Kaisers. Nachdem die illustre Gesellschaft alle 
Räume des stolzen Schiffes besichtigt hatte, wurde das Frühstück 
servirt, bei welchem der Kaiser in ausgezeichneter Laune war und eine
	        
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