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Volume Nr. 162, 26. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 Officielle AussteKungs-Nachrichten. 
Die „Auskunftei“ W. Schimmelpfeng. 
TJeberall giebt sich das Bestreben kund, die Gewerbe 
thätigkeit zu fördern und den heimischen Erzeugnissen von 
Industrie, Landwirthschaft etc. die alten Absatzwege zu si 
chern und neue zu erschließen. Es ist auffallend, dass bei 
diesen Bestrebungen, die organisirte Erkundigung nach den 
Creditverhältnissen noch nicht diejenige Beachtung fand, die 
sie als wichtiges Förderungsmittei des soliden Geschäftsver 
kehrs verdient. 
Diese thatsächlicheZurückhaltung lässt sich nur dadurch 
erklären, dass den Außenstehenden die rechte Beurtheilung 
für die Arbeit und Leistungsfähigkeit einer Erkundigungs 
anstalt, wie die „Auskunftei“ es ist, fehlt. Und doch sind 
Aufgabe und System derselben so einfach. Das Auskunfts 
bureau macht auf allen erlaubten, jedem Ehrenmann zugäng 
lichen Wegen und unter strenger Vermeidung aller unlaute 
ren Mittel, diejenigen Vertrauenswerthen Personen und Quel 
len ausfindig, die Kenntniss von den Geschäftsyerhältnissen 
besitzen, über die Auskunft verlangt wird. Die Angestell 
ten des Bureau haben dann die Aufgabe, durch Prüfung, 
Sichtung und Vergleichung der erhaltenen Auskünfte die 
richtige Sachlage festzustellen, etwaige Ungenauigkeiten oder 
Missverständnisse auszumerzen und die Erkundigungen so 
lange fortzusetzen, bis sich ein, nach Möglichkeit richtiges 
Bild der thatsächlichen Lage ergiebt. 
Und wenn nun auch Uebung und Erfahrung den Ange 
stellten des Bureau bei dieser Arbeit zur Seite stehen und 
ihr selten fehlgreifender Tact sie wesentlich in derselben un 
terstützt, so ist es doch unendlich schwer, der Aufgabe eines 
solchen Auskunftsbureau in allen Lagen, aller Orten und 
zu allen Zeiten ganz zu entsprechen. Es giebt nicht allzu 
viel Personen, die alle die Eigenschaften besitzen, die für die 
ses heikle Geschäft nöthig sind, und deshalb finden sich wohl 
auch nur so wenige, die die Arbeit der Auskunftsbureaux 
ihrem Wesen und Werth nach richtig zu beurtheilen vermö 
gen. Leider gilt dies selbst für den Kaufmannsstand, zu 
dessen Nutz und Frommen doch gerade diese Institution ein 
gerichtet ist und dessen Mitglieder sehr wolil daran thäten, 
sich einmal recht genau über dieselbe zu orientiren. Damit 
dies aber jedem ermöglicht werde, hatte man die glückliche 
Idee, auf der Gewerbe - Ausstellung auch einmal ein Aus 
kunftsbureau in vollem Betrieb vorzuführen, und wer sich für 
ein solches inferessirt, findet eine Fülle interessanten Stoffes 
in der „Auskunftei“ W. Schimmelpfeng, die in der Wandel 
halle des Haupt-Indüstriegebäudes einen Baum von 120 
Quadratmetern einnimmt, in dem die russische und ita 
lienische Abtheilung der „Auskunftei“ arbeiten. Der Be 
sucher wird durchweg ältere Herren als Beamte finden und 
von ihnen den Eindruck gewinnen, dass es gewissenhafte, 
erfahrene Männer sind, denen die schwierige Arbeit über- 
(tragen ist; er wird sich bei näherer Prüfung ihrer Thätigkeit 
■sagen müssen, dass diesen Beamten die Erkundigungsarbeit 
zur „Specialität“ geworden ist und vor den frühür allgemein 
beliebten „Gefälligkeit^-Auskünften“ einen grossen Vorzug 
thaben muss. Die Angestellten sind angewiesen und gern be 
reit, jedem Besucher etwa gewünschte Aufklärungen über die 
.Organisation und den Geschäftsbetrieb der „Auskunftei“ zu 
geben, die in der Stadt mit 140, auf der Ausstellung mit 6 
Schreibmaschinen arbeitet, aus deren ununterbrochener Be 
nutzung der Besucher sich überzeugen kann, wie rasch und 
gründlich die verlangten Auskünfte ertheilt werden. Wer 
eine russische «.der italienische Firma genau kennt, kann so 
fort die Stichprobe auf die Zuverlässigkeit der „Auskunftei“ 
machen, indem er sich die Auskunft über diese Firma vor 
lesen lässt, und zahlreiche Besucher bekunden in dem auf 
liegenden Fremdenbuch, wie zutreffend die erhaltenen Infor 
mationen waren. Man überzeugt sich auf diese Weise am 
besten, dass die Quellen, aus denen die „Auskunftei“ schöpft, 
gute und die Correspondenten derselben wirklich urtheils- 
lähige, erfahrene Geschäftsleute sind. Zwei grosse Albums 
vereinigen die zahlreichen und complicirten Formulare, deren 
lieb die „Auskunftei“ bedient, ein drittes „Streiflichter“ be 
titelt, belehn uns über die Licht- und Schattenseiten des 
Geschäfts, die sich im Auskunftswesen wie in jedem anderen 
Betrieb ergeben, und kein Geschäftsmann sollte versäumen, 
aus diesen „Streiflichtern“, die eine Fülle zum Nachdenken 
anregenden Stoffes enthalten, Belehrung zu schöpfen. Das 
Album enthält u.a. auch eine Anzahl photographischer Bepro- 
ductionen von Auskünften aus den Jahren 1876, 1886 und 
1806 nebst beigefügtem Quellenmaterial, aus dem ersichtlich 
ist, wie die „Auskunftei“ in ihrem steten Streben nach Vervoll 
kommnung naturgemäß zu immer besseren Ergebnissen ge 
langte. Es ist nicht zu leugnen, dass im Auskunftswesen 
sich noch viele Missstände breit machen, allein diese sind, 
was besonders betont werden muss, nicht im System begrün 
det, das ein unbedingt gutes ist, sondern wurzeln in dem Um 
stand, dass viele Geschäftsleute sich immer wieder, bald von 
Diesem, bald von Jenem einAbönnement aufschwatzen lassen, 
auf diese Weise hin und her irrlichteriren und nie zu einer 
einheitlich zusammengestellten, gewissenhaften Auskunft ge 
langen. Und hier gilt es, die bessernde Hand anzulegen. 
Wenn die Geschäftswelt erst dazu kommt, nicht mehr gedan- 
ken- und prüfungslos die billigsten Offerten zu bevorzugen 
und eine widersinnig niedrige Gebührenberechnung zu bean 
spruchen, dann werden die oft und mit Hecht beklagten 
Uebelstände, gleichzeitig aber auch die vielen zweifelhaften 
Bureaux von selbst verschwinden. Ein Geschäft, wie die 
„Auskunftei“, die mehr als 500 Beamte in 21 Bureaux be 
schäftigt und mit 200 00(1 Mark Jahreskosten arbeitet, muss 
auch dementsprechende Einnahmen erzielen und die wenigen 
Mark, die der Geschäftsmann für eine absolut sichere Aus 
kunft zahlt, kommen reichlich wieder ein, während ihn die 
mangelhafte, ja oft vollständig falsche Auskunft schwer 
schädigt. 
Alles in allem ist es das Verdienst von W. Schimmel 
pfeng, in der „Auskunftei“ eine grosse, für die Geschäftswelt 
höchst wichtige und segensreiche Organisation geschaffen zu 
haben, die sich, wie schliesslich noch ganz besonders betont 
werden soll, in vornehmer Beserve absolut nicht zu Auskünf 
ten in gewissen unlauteren Privatangelegenheiten Kergiebt, 
sondern lediglich im Dienste des Weltverkehrs auf commer- 
ciellem und industriellem Gebiete steht. F. Br. 
Beim Spatenbräu. 
[Abdruck untersagt.} 
Dem beliebtenSpatenbräu ist ein sehr vornehmer und be 
vorzugter Platz in der Ausstellung zugewiesen. Im soge 
nannten Wasserschloss der Herren Adlon & Dressei, und zwar 
in der unteren Bogenhalle desselben wird dieses bayerische 
Bier für gewöhnlich an vier riesigen Buffets verzapft, die in 
dess an Tagen mit starker Frequenz bei Weitem nicht aus 
reichend sind, es müssen dann zuweilen bis zu acht Noth- 
buffets errichtet werden, um das tausendköpfige Publikum in 
den Hallen, auf der riesigen Terrasse und am nördlichen und 
südlichen Seeufer, ja selbst in der Platanenallee möglichst 
rasch und ausreichend mit frischem Stoff zu versehen. In 
einem, nahe dem Aussichtsthurm belegenen, geräumigen 
Kühlraum mit mächtigem Eisbehälter bekommt das Bier die 
erforderliche Temperatur, meist zeigt das Thermometer im! 
Kühlraum 5 Grad Wärme. 
Auch der ehemalige Billardsalon, in welchem KerkaU 
seine. Künste zum Besten gab, ist jetzt mit einbezogen in das 
Herrscher-Gebiet des Spatens. 
Es ist wohl der schönste Platz in der ganzen Ausstellung, 
auf dem sich das Wasserschloss erhebt, dessen Cascaden brau 
send von Becken zu Becken stürzen, überragt von der riesi 
gen Berolina, die auf dem Bären reitet. Weshalb dieser so 
verdriesslich ist, verstehe ich nicht, die. Berolina ist doch ein 
ganz hübsches Weib, sie schaut zwar ziemlich ernst drein, 
vermuthlich, weil sie ihren Platz nicht verlassen darf und 
weil sie zusehen muss, wie die Menschheit in ihrer nächsten 
und weiteren Umgebung Glas auf Glas des labenden „Spa
	        
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