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Periodical volume Nr. 162, 26. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielfe Ausstellunqs - Nachrichten. 
derartigen Aufschwung genommen, dass die Berliner Er 
zeugnisse fast den ganzen Weltmarkt beherrschten und die 
anderer Fabrikationsorte völlig zurückdrängten. — In den 
letzten Jahren jedoch ist ein starker Rückschlag eingetreten, 
vorwiegend in den billigeren Sorten, da verschiedene Städte 
Mittel- und Süddeutschlands in der Lage sind, die Fabrikate 
viel billiger herzustellen und die Berliner Erzeugnisse glei 
cher Art zurückzudrängen. 
Während also die billigeren Albums in Berlin immer 
weniger hergestellt werden, hat sich die Industrie der besse 
ren Genres umsomehr entwickelt. Wie in Berlin früher der 
Hauptfabiikort der Albumfabrikation im allgemeinen ge 
wesen ist, so hat es jetzt die Erzeugung feinerer Albums als 
eine besondere Specialität, mit der sie vorläufig fast ohne Con- 
currenz hinsichtlich der Schönheit der Ausführung und der 
Billigkeit der Preise dasteht. 
In der Ausstellung in Gruppe VI nehmen diese Albums 
einen verhältnissmässig grossen Raum ein. Was man nun 
hier von den ausgestellten Fabrikaten sieht, ist so bestechend 
in der Ausführung, dass man auf den ersten Blick fast ge 
neigt ist, diese Sachen nicht unter die Rubrik „Fabrikarbeit“ 
zu setzen, sondern für individuelle Producte des Kunstgewer 
bes zu halten. 
Das Material, das für die Albums zur Verwendung 
kommt, ist allerdings so verschieden, dass es einer künstle 
rischen Ausführung sehr viel Spielraum gewährt. Schon das 
Leder ist in verschiedenen Sorten vertreten. Russischer 
Juchten, Saffian, Maroquin, Seehund, Rindleder, Krokodil 
leder und die Häute verschiedener Fischarten werden zum 
Einband benutzt. Neben dem Leder sieht man als Haupt 
material Schildpatt, Elfenbein, Glas, Sammet; Seide, Plüsch, 
allerlei Metalle, wie Silber, Bronze, Kupfer und Mineralien wie 
Onyx, Marmor etc. Diese Reichhaltigkeit des Materials, das 
theils einheitlich, theils in Combinationen auftritt, ist der 
sprechendste Beweis dafür, wie viel Gewicht auf die künst 
lerische und ästhetische Ausgestaltung der Albums gelegt 
wird. Das Album ist nicht, mehr ein praktischer Gebrauchs 
gegenstand, sondern ein kunstgewerbliches Object, das zum 
modernen Luxus gehört. 
Die Lederarbeit ist selbstverständlich am stärksten ver 
treten. Besonders ist es die Lederplastik oder der Leder 
schnitt, der in neuerer Zeit sehr beliebt geworden ist. Diese 
Lederplastik ist bekanntlich, ein Kunsthandwerk des Mittel 
alters. Nachdem die Technik durch die Mönche zur hohen 
Blüthe gelangt war, gerieth sie plötzlich in Vergessenheit und 
viele Jahrhunderte vergingen, ohne dass sie wieder geübt 
■wurde. Erst unsere Zeit nahm sie wieder auf und seit den 
siebziger Jahren begann der Aufschwung der Lederplastik, 
die durch ihre effectvollen Wirkungen überall Eingang ge 
funden hat. Das Material, das zur Lederplastik oder dem 
Lederschnitt verwendet wird, ist fast ausschliesslich Rindle 
der, das durch seine Dicke, seine Widerstandsfähigkeit und 
durch die Feinheit der Narben die vorzüglichste Eignung zur 
plastischen Bearbeitung besitzt. Die Ausführung erfolgt in 
der Weise, dass die Zeichnung auf das ungefärbte Leder 
aufpepaust wird, worauf man mit dem Schneide-Instrument 
von den Rändern der Zeichnung bis in die Mitte des Leders 
einschneidet. Die Ränder werden dann mit einem Model- 
lireisen niedergedrückt, und diejenigen Stellen, die besonders 
hervortreten sollen, werden auf der Kehrseite des Leders mit 
Watte oder Wachs unterlegt und durch Streichen und 
Drücken zu einem Reliefbilde emporgeformt. Dieses Verfah 
ren, das Leder plastisch auszugestalten, ist in den letzten Jah 
ren durch Maschinenbetrieb sehr vervollkommnet worden, 
so dass der Unterschied zwischen Hand- und Maschinenarbeit 
kaum mehr zu erkennen ist. Nur, wo ganz besondere Muster, 
eigenartige Zeichnungen etc. ausgeführt werden sollen, tritt 
die Handarbeit in ihre Rechte. 
Solche kunstvoll gearbeitete, prachtvolle Lederschnitt- 
'Albumdecken bringt die Firma Georg Hulbe. Die Objecte 
dieser Firma repräsentiren fast ausschliesslich Handarbeit. 
Sehr schön ist ein Album, das in Lederplastik die Berolina 
zeigt. Die Ecken sind aus Bronze und Bergkrystall und 
bringen mit diesem Material einen besonderen Effect hervor 
Ein anderes Stück zeigt in ähnlicher Ausführung den Dra 
chen-Kämpfer Ritter Georg auf seinem Pferde. Zwei Rie- 
senalbums in gleicher Technik stellt die Firma Reuter und 
Siecke aus. Die Entwürfe zu den Reliefs sind durchaus 
künstlerisch und die plastische Ausführung ist in ihrer Art 
geradezu bewundemswerth. Ein prachtvolles grosses Album 
in braunem Leder bringt die Hofbuchbinderei W. Collin. 
Der Mittelpunkt der plastischen Darstellung zeigt die Bero 
lina, die sinnenden Blicks auf ihr Lieblingskind, die Stadt 
Berlin, sieht, aus der sich die grössten Bauten, das Rathhaus, 
das Reichstagsgebäude scharf hervorheben. Rechts oben be 
findet sich das Reliefportrait Kaiser Wilhelm’s II. Die ganze 
plastische Darstellung ist von Eichenlaub und Arabesken 
umschlungen, während die Ränder der Decke schöne Mosaik- 
pressung zeigen. 
Eine andere Technik tritt dem Beschauer in der Aus 
stellung der Firma Ernst Mönch entgegen. Da sieht man 
schöne Albums, die in imitirtem Schildpatt ausgeführt sind. 
Ein anderes Album ist mit grünem Onyx ausgestattet, uni 
den sich silberne Beschläge ranken. Sehr hübsch präsent!rt 
sich auch ein Album aus dunkelgrünem Saffian mit einem 
Mittelrelief aus Silberfiligran und Ecken aus gleichem Ma 
terial. Ein eigenartiges Stück bringt die Firma A. Finger 
& Co.; die Decke des Albums bildet eine phantasievolle Zu 
sammenstellung von farbiger Lederauflage, auf dunklem 
Plüsch mit Bronze Verzierungen. Von vortrefflicher Wirkung 
ist bei • inem anderen von der Firma A. Dittmann umgestell 
ten Album eine Elfenbeindecke, dessen zarte Malerei eine gra- 
zieuse jugendliche Frauengstalt darstellt, die einen blühenden 
Apfelzweig von einem Baume bricht, — offenbar die Vor 
liebe der Evatöchter für Aepfel illustrirend. Dieselbe Firma 
bringt noch andere Combinationen, unter anderem eine gra- 
virte Bronzedecke in der Mitte eine Malerei, die ein Sujet aus 
dem alten Testament zeigt, ferner ein Album aus weissem 
Saffianleder mit Mosaikpressung an den Rändern. Recht 
apart repräsentirt sich ein Album der Firma A. Foerste. Die 
Decke aus Krokodilhaut trägt in der Mitte eine Verzierung 
aus Metall mit farbigen Steinen, deren Schliff ganz besondere 
Effecte hervorbringt. Eine albumartige Cassette von phan 
tastischer Form und eigener Ausführung bringt Hugo 
Biet sch. Der Grundstoff ist hellblaue Seide, von der sich 
havannabraune Sammet-Application plastisch abhebt. Die 
Mitte der Decke zeigt sehr kunstvoll ausgeführte Seiden 
stickerei in Blumen und Arabesken. 
Ein prachtvolles Album hat die Firma Francois Vite 
in ihrem Ausstellung schrank. Die Decke aus kornblumen 
blauem Plüsch zeigt fein ciselirte Bronzeecken, die feine 
Emailmalerei tragen. Die Mittelverzierung ist gleichfalls 
aus ciselirter Bronze mit Emailmalerei und imitirten Edel 
steinen, die durch ihr Arrangement eine sehr effectvolle Wir 
kung erzielen. Ein anderes Album aus grünem Plüsch zeigt 
in der Mitte ein hübsches Rococobild. 
Ein sehr modernes Requisit zu den Albums bildet der 
Album Ständer. Der Albumständer ist nicht nur genau dem 
Stil der Albums selbst angepasst, sondern ist auch bestimmt, 
durch decorative Ausführung die künstlerische Wirkung des 
Albums zu erhöhen. Der Ständer hat auch andere kleine 
Vorzüge. Er erspart sehr viel Raum, nämlich jenen, den das 
Album durch seine Lage auf dem Tisch einnehmen müsste, 
ferner ist er an sich ein Luxusstück, das ebenso auffällt, wie 
das grössere Luxus-Object, nämlich das Album selbst. 
Wenn man diese grossartigen Leistungen der Album- 
Industrie betrachtet, begreift man erst, dass dieser Aufwand 
von Mühe und Arbeit, diese Vereinigung von Kunst und 
Technik den Lohn in sich tragen und die Berliner Industrie 
zur tonangebenden Stellung führen müssen. B. R,
	        
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