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Periodical volume Nr. 161, 25. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
fallen unten die gekochten Wiener Würstchen“ zum so 
fortigen Essen heraus. Ein solcher Schiaraffenzustand ist 
ja freilich zur Zeit noch eine Utopie; allein — wtr weiss 
jetzt, was später einmal möglich ist 
Paul Eberhard. 
Optische Gläser. 
[Abdruck untersagt.] 
Wenn man über die modernen Leistungen der deutschen 
Optik, wie sie in einer glänzenden Zusammenstellung in der 
Ausstellung wissenschaftlicher Instrumente vorgeführt wer 
den, zu sprechen unternimmt, so kann es für dieses Thema 
nur einen Ausgangspunkt geben, nämlich die Production des 
optischen Glases selbst. Diese ist es gerade, welche einen bis 
dahin geradezu unerhörten Aufschwung der deutschen Fabri 
kation von Mikroskopen, Ferngläsern etc. gezeitigt hat, und 
ihre Begründung und Fortentwickelung in Deutschland ist 
auf das Engste verknüpft mit dem Namen des Glastechni 
schen Laboratorium von Dr. Schott und Genossen in Jena. 
Wenn man sich daran erinnert, dass noch vor zehn Jahren die 
deutsche Industrie bei der Herstellung von Fernrohren, Mi 
kroskopen und photographischen Apparaten auf den Bezug 
de s Glases von einigen wenigen französischen und englischen 
Fabriken angewiesen war, und wenn man dann sieht, dass 
heute diese deutsche Industrie infolge der Erzt ugung der vor 
züglichsten Glassorten im Lande selbst im Stande ist, die 
französischen, englischen und amerikanischen Producte sieg 
reich aus dem Felde zu schlagen — dann, meine ich, wird 
man begreifen, welch weittragende Bedeutung das Unterneh 
men der genannten Firma für die Entwicklung der deutschen 
Optik gehabt hat. Die grössten Verdienste an demselben 
fallen den beiden Gründern Professor Abbe und Dr. Otto 
Schott zu; we sentliche Beihilfe durch Subventionen leisteten, 
die preussische Regierung und die berühmte Firma Carl Zeiss 
in Jena. Die ersten Experimente zur Herstellung von opti 
schen Glassorten würd« n 1881 begonnen ; es handelte sich be 
sonders um Beseitigung des sogenannten „secundairen Spee- 
trums“ und um eine grössere Mannichfaltigkc it im 
Brechungs-Index und Zerstreuungsvermögen der Gläser, fer 
ner um Beseitigung der Spannung in grösseren Glasscheiben 
nnd weitere technische Probleme. Es kann gesagt werden, 
dass die Arbeiten des genannten Laboratorium, welches 1884 
in Jena begründet wurde, alle diese Probleme gelöst oder doch, 
ihrer Lösung wesentlich näher gebracht haben, als es bisher 
irgendwo und irgendwem gelungen war. Bereits im Juli 
1880 konnte das'Laboratorium mit einem in vielen Theilen 
gänzlich neuen Angebot vor die deutsche Fabrikation opti 
scher Instrumente hintreten; in diesem ersten Prospect wur 
den 44 verschiedene Sorten optischen Glases offerirt, im 
August 1888 stieg die Zahl auf 08 und im Januar 1892 auf 70. 
Hm dieses Resultat in die rechte, würdigende Be leuchtung 
zu setzen, muss erwähnt werden, welche Anford« rangen an 
ein optisches Glas gestellt werden. Es sei erlaubt, die Be 
dingungen, welche ein solches erfüllen muss, in der Folge zu 
nennen, wie Dr. Schott es in einem Vortrage vor dem Verein, 
zur Förderung des Gewerbefleisses 1888 gethan hat: Das Glas 
darf keine Substanz enthalten, die die Wände des Schmelz- 
gefässes so stark angreift, dass dadurch Verunreinigungen 
in die Masse gelangen. Es darf keine Elemente enthalten, 
•welche beim Schmelzen als Gasblasen entweichen und da 
durch die einheitliche Beschaffung der Masse stören. Das 
Glas muss sich frei von Trübungen, Krystall-Ausscheidungen; 
und Bläschen herstellen lassen. Es muss das Wieder-Erwei- 
chen bis zu eben beginnender Schmelzung vertragen, ohne in 
seiner Homogenität zu leiden. Es muss sich frei von Span 
nung herstellen lassen. Es muss gegen atmosphärische Ein 
flüsse widerstandsfähig sein, insbesondere gegen die der 
Feuchtigkeit. Es muss farblos sein. Es muss hart genug 
sein, um Schleifen und Poliren zu gestörten. — So vielen Er 
fordernissen muss ein Glas also genügen, um für die feinen 
optischen Instrumente brauchbar zu sein. Da will die reiche 
'Auswahl von solchen Gläsern, deren Eigenschaften bei jedem 
durch zahllose Schmelzen und optische Untersuchungen er 
probt wurden, einen aussc rord.entlichen Erfolg bedeuten. Der 
selbe wurde auch nur durch wesentliche technische Neu 
erungen ermöglicht, von denen wir nur das V« rfahren der 
Feinkühlung erwähnen, durch welches man erreichte, selbst 
grosse Glasscheiben fast gänzlich spannungsfrei herzustellen. 
Als bewunderungswürdige Leistungen dieser Art sehen wir 
die Riesen-Objectivscheiben, welche in der Ausstellung des 
Riesen-Fernrohrs aufgestellt sind und alle bisher hergestell 
ten hinter sich zurücklassen. 
Wir wollen nun, wenigstens in aller Kürze, berichten, 
wie solche Gläser hergestellt werden: Der Hafen (das Tlion- 
gefäss), der zur Aufnahme der Glasschmelze bestimmt ist, 
wird bereits vier bis fünf Tage vorher allmählich bis zur 
Rothgluth erhitzt, dann in den Schmelzofen gebracht und, 
wenn er die Schmelztemperatur des Glases erreicht hat, durch 
einige hineingeworfene Glasbrocken inwendig „verglast“. 
Dann wird nach und nach der ganze Glassatz hieing* thau. 
Ist dieser völlig geschmolzen, so wird er sechs bis acht Stun 
den lang zur Läuterung einer noch grösseren Hitze ausgesetzt 
und dann mit einem Thoncylinder gut durchgerührt. Wenn 
eine Probe an der Pfeife ergeben hat, dass das Glas vollkom 
men rein und ohne Blasen ist, so wird der Hafen, der mit sei 
nem Inhalte 15—20 Centner wiegt, mittels einer fahrbaren 
Zange aus dem Ofen gehoben; man lässt ihn dann 1 /„ bis 
3 / 4 Stunde etwas abkühlen und bringt ihn dann nochmals 
in denselben Ofen, in de m unterdessen schon ein weiterer 
Hafen für den nächsten Schmelzprocess angewärmt wurde. 
Dort bleibt er nun drei Tage stehen und kühlt völlig ab, wo 
bei das Glas in unregelmässige Stücke zerspringt. Der Ha 
fen wird nun zerschlagen, die Glasstücke werden gesichtet 
und die brauchbarsten dem „Senkprocess“ im Senk- oder 
Ramollir-Ofen unterworfen. Dabei erweichen sie wieder 
so weit, dass ihnen eine geeignete prismatische oder runde 
Plattenform gegeben werden kann. Dann wird das Glas 
ganz allmählich, in zehn bis zwölf Tagen, völlig abgekühlt, 
endlich die Platten angeschliffen und polirt. Jedes Stück 
wird dann sorgfältig auf seine Eigenschaften untersucht. Es 
wird als ein zufriedenstellendes Resultat betrachtet, wenn der 
fünfte Theil einer Schmelze brauchbar ist- — Dies die Her 
stellungsart, wie sie in dem Jenenser Laboratorium vor sich 
geht und verschiedentlich bereits ausführlich beschrieben 
worden ist. Ausser den Anlagen zur Schmelzung, Senkung 
und Kühlung des Glases besitzt das Institut noch eine eigene 
Schleiferei, eine Hafenmacherei, Mahlwerke, ferner Versuchs- 
Laboratorien. 
Alle die im Folgenden zu erwähnenden Anwendungen 
optischen Glases stehen, wie gesagt, mit dt n Erzeugnissen der 
beschriebenen Werkstätte in engster Beziehung; ohne das 
so schnell berühmt gewordene „Jenenser Glas“ wären sie und 
noch viele andere Fabrikate (wir erwähnten schon die hoch 
gradigen Thermometer) undenkbar. 
Wir führten bereits die grossen Fernrohr-Objective in 
der Ausstellung des Riesen-Fernrohrs an, Scheiben bis zu 
125 cm Durchmesser, die grössten einheitlichen Stücke opti 
schen Glases, die bisher jemals erzeugt wurden. Ausserdem 
finden wir in dem inhaltreichen Ausstellungsschranke in 
Gruppe XI noch eine Reihe roher Glasblöcke in grossen qua 
dratischen Platten, ferner Proben in anpolirten Platten in 
allen Abstufungen vom leichtesten Crown bis zum schwersten 
Flint. 
Die anderen optischen Ausstellungen zeigen uns nun die 
ses reiche Material im- Stadium der Verwerthung. Gläser 
für Fernrohre hat Carl Bamberg ausgestellt; diese Firma hat 
als erste die Leistungen des Jenenser Glastechnischen Labora 
torium für die Astronomie, nutzbar zu machen versucht. 
Bamberg fertigt achromatische Objective bis zu 54 cm Durch 
messer (40000 Mark), ferner sechs verschiedene Arten von 
Ocularen (astronomische und terrestrische, Mikrometer-Ocu- 
lare etc.). Ebenso arbeiten die Firmen Hans Heele und H. 
Hoecke Oculare und Objective für Fernrohre ; für beide ist 
aber auch die Herstellung von völlig eben geschliffenen Glas 
platten und von Prismen zu physikalischen Zwecken Specia*
	        
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