Path:
Periodical volume Nr. 161, 25. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officielle Aussieilungs- Nachrichten. 
Automaten. 
[Abdruck untersagt.) 
Es giebt wohl keinen Gegenstand auf der Ausstellung, 
13er uns so oft und so vielseitig fast auf Schritt und Tritt !>■ - 
gegenete wie der Automat. Ihm gehört zur Zeit die Welt, 
und da war es ganz selbstverständlich, dass ihm auf der Berli 
ner Gewerbe-Ausstellung Gelegenheit gegeben wurde, seine 
mannichfachen Künste zu produciren. Und das Publikum 
hat ihn im allgemeinen sehr gern, freut sich seiner Anwesen 
heit und geht selten an ihm vorbei. Wenn wir es nun heute 
unternehmen, diesem seit etwa zwei Decennien so überaus be 
liebten Vertreter des denkenden und handelnden Menschen 
einige Aufmerksamkeit zu widmen, so sind wir uns der ziem 
lich grossen Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens gar 
wohl bewusst; umsomehr, als die Automaten auf dem ge 
kämmten Ausstellungsgelände an allen Orten zerstreut zu fin 
den sind und uns nur eine im Laufe der Zeit erlangte, ganz 
genaue Kenntniss der Ausstellung selbst hierbei unterstützen 
kann. Sollten wir dennoch die eine oder andere Gattung 
von Automaten zu erwähnen vergessen haben, so bitten wir, 
diesen Umstand uns infolge der Vielseitigkeit der Materie 
zu Gute halten zu wollen. 
Die Geschichte der Automaten als solche reicht bis in das 
graue Alterthum zurück. Schon etwa vierhundet Jahre vor 
Christus wird eine fliegende hölzerne Taube von dem Taren 
tiner Archytas erwähnt. Im Laufe der Zeiten construirte 
man eine ganze Anzahl mechanischer Figuren; besonders 
blühte indessen die Fabrikation erst seit etwa 1500 n. Chr, 
Man ging daran, vornehmlich musikalische Automaten zu er 
sinnen von grosser Vollkommenheit, deren gewaltiges Auf 
sehen uns vielfach historisch verbürgt ist. Trotz allen, m 
handelte es sich mehr oder weniger doch nur um allerdings 
sehr kuntvolle techniche Spielereien; man bewunderte den 
genialen Erfinder, aber ein praktiche« Resultat wurde kaum 
erzielt. Und doch lag ein solches verbältnissmässig nahe, 
wenngleich es erst der allerneuesten Zeit vorbehalten blieb, 
dasselbe zu verwirklichen. Zwar wird uns gelegentlich ein 
mal erwähnt, dass schon zu althellenischer Zeit ein Verkaufs- 
Apparat Staunen erregt hätte, der auf automatischem Wege 
gegen Einwurf von fünf Drachmen d. h. vitr Mark Waaren 
feil geboten hätte. Allein die Quelle, aus der jene Notiz 
stammt, ist etwas trübe. Jedenfalls müssen sich damals und 
durch zwt i Jahrtausende solche Verkaufs-Automaten nicht 
bewährt haben; denn sonst müssten wir irgend eine Nach 
richt doch davon erhalten haben. So ruhte denn die Praxis 
dieser Automaten bis auf die neueste Zeit, als ein sehr findiger 
Engländer P. Everitt in London den ersten jener Apparate 
construirte, die in sehr kurzer Zeit beinahe die Welt beherr 
schen sollten; und wie wir sie heute in einer fabelhaften. 
Vielseitigkeit kennen: die Leistungs-Automaten, ein gene 
reller Begriff, den wir in vier Hauptklassen zu Grunde legen 
wollen. 
Die Leistlings - Automaten zerfallen wieder in solche, 
welche uns materielle und solche, die uns geistige Güter ver 
mitteln. Die ersteren sind also den leiblichen Bedürfnissen 
gewidmet, während die zweite Kategorie uns Vergnügen und 
Belehrung verschaffen will. Von diesem doppelten Gesichts 
punkte müssen wir ausgehen, wenn wir den Versuch machen 
wollen, die sehr complieirte Materie einigemiaassen klar dar 
zustellen. Automaten beider Art sind in Masse vorhanden, 
so dass eine solche Sichtung nur von Vortheil sein kann. Be 
vor wir jedoch daran gehen, uns mit den einzelnen Katego 
rieen zu beschäftigen, erscheint es durchaus nothwendig, uns 
über die innere Einrichtung der Automaten überhaupt, so 
weit dies im Rahmen (iner kurzen Abhandlung gescheiten 
kann, zu orientiren. Allen heutigen Automaten liegt im 
Princip folgendes System gemeinsam zu Grunde. Durch 
eine Dehnung werden ein odei mehrere Geldstücke von be 
stimmtem Gewichte und bestimmt normirter Grösse hinein 
geworfen,. Dadurch wird eine Hemmung ausgelöst, die ihrer 
seits wiederum häufig ein Uhrwerk in Thätigkeit setzt, das 
so lange wirkt, bis der gewünschte Gegenstand ebenfalls 
durch eine selbstthätig wirkende Mechanik ausgeworfen wird 
oder die sonstige Leistung (Musik, Phonograph u. s. w.) er 
folgt ist. Dann setzt nach genau bestimmter Zeit eine Sper 
rung ein, welche wieder so lange anhält, bis der Apparat 
von neuem in Function gesetzt wird. Dass hierbei oft grosse 
technische Schwierigkeiten zu überwinden waren, wird jeder 
ohne weiteres einsehen. 
Die praktische Bedeutung der Automaten ist ganz erheb 
lich. Auf der einen Seite ersetzen sie einen Menschen (Ver 
käufer, Diener, Darsteller), während sie auf der anderen Seite 
zur Bequemlichkeit des Publikums jlienen und auch dt-n Ver 
kehr wesentlich erleichtern helfen. Was die Automaten in 
dessen sehr schnell beliebt gemacht hat, ist der nicht zu unter 
schätzende Umstand, dass die Leistung gegen ein meist sein* 
geringes Geld-Aequivahnt erfolgt (5 Pfg. bis 1 Mk.) und 
dass bei denjenigen Apparaten, welche allgemein gebrauchte 
Lebensmittel wie Getränke und Speisen abgeben, der Kell 
ner und damit auch das leidige Trinkgeld in Fortfall kommt. 
Das Trinkgeld ist eine unserer bösen Moden und Gewohnhei 
ten, die wir im Princip wohl alle verdammen, aber der wir 
nach wie vor huldigen. Infolgedessen konnte sich auch jener 
verdt rbliche Modus ausbilden, dass die Gastwirthe, um noch 
wohlhabender zu werden, vielfach den bei ihnen angestellten 
Kellnern keinen bestimmten Tageslohn aussetzten, sondern sie 
statt dessen auf die etwaigen Einkünfte aus dm Trinkgeldern 
verweisen. Dieser Umstand hat die weitere Folge, dass sich 
zahlreiche Bedienstete, die bei einem solchen Verfahren nicht 
auf ihre Kosten kommen, einfach zu ihren Gunsten verrech 
nen. Und was soll man zu dem sogenannten Wiener Zähl 
kellner-System sagen, bei dem der Gast dem Zählkellner für 
das — Einkassiren ein Trinkgeld giebt! Diesen ungesunden 
Zuständen machen nun die Automaten allerdings ein Ende 
und ein automatisches Restaurant ist in mehr als einer Be 
ziehung ein national-ökonomisches Institut. Freilich ein 
Uebelstand vor allem ist mit allen Automaten verknüpft, 
nämlich der, dass man stets das gewünschte Kleingeld, Fünf-, 
Zehn-Pfennigstücke u. s. w. zur Hand haben muss. Da dies 
natürlich nicht überall der Fall ist, so müssen kleine Wechsel 
stuben errichtet werden oder doch wenigstens Leute in der 
Nahe vorhanden sein, die kleinere Münze gegen die grössere 
austauschen, Thatsächlich hat man in der Ausstellung die 
sem Umstande weit Rechnung getragen,, so dass Beschwerden 
in dieser Hinsicht nicht leicht vorkommen können. 
Ein häufiger Grund zur Unzufriedenheit ist das mit 
unter vorkommende Nichtfunctioniren des Apparates. Allein 
hier trägt das Publikum in fast allen Fällen selbst die Schuld, 
weil es entweder mit dem Mechanismus nicht vertraut genug 
ist oder die meist sehr detaillirten Vorschriften unbeachtet 
lässt. So ereignet es sich z. B. hei den Automaten, welche, 
den Zugang zum Bahnsteige der elektrischen Rundbahn der 
Gebr. Nagln vermitteln, jeden Tag unzählige Male, dass die 
Fahrgäste, obschon sic ihr Zehnpfennigstüek einwerfen, das 
Drehkreuz nicht um einen Centimeter vorwärts bewegen 
können. Zum zweiten Male opfern sie dann einen Nickel 
und geben ihrem Aerg.er über die vermeintlich schlechten Ap 
parate gar häufig drastischen Ausdruck. Und doch beachten 
sie die Aufschrift nicht: „Zehn Pfennig einwerfen und dann 
hindurchgehen“. Diese Vorschrift ist mit dem Wesen der 
inneren Einrichtung des Automaten eng verknüpft. Denn 
erst muss doch das Geldstück durch seinen Druck und seine 
Schwere die Sperrung auslösen, wenn der gewünschte Erfolg 
eintreten soll. Stürmt man dagegen, ehe die Münze ihre 
nöthige Function verrichten kann, gegen das Drehkreuz, so 
entsteht ja sofort eine neue Hemmung,, die natürlich die Thä 
tigkeit des Apparates ausser Kraft setzt. Ob nun dieses An 
stürmen oder das zu frühzeitige Ziehen des Hebels in Frage) 
kommt, immer tragen die Beschwerdeführer selbst die Schuld 
ihres Misserfolges. Dass freilich auch bei ordnungsmässiger 
Benutzung einmal der Automat versagen kann, soll nicht be 
stritten werden; doch dürfte sich dieser Fall bei der soliden 
und genauen Construction der Apparate sehr selten ereignen. 
Sind die auszuwerfenden Gegenstände ausgegangen, so pfle-
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.