Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs - Nachrichten.
und wurde nicht müde, mit demselben zu winken. Der Kaiser
dankte wiederholt durch militairiseken Gruss.
Die Huldigung der Ruderer auf der Spree.
So etwas hat »Mutter Spree«, so alt sie auch sein mag, noch
nicht gesehen. Der Fluss war eine einzige staubfreie Feststrasse.
An der grossen Eisenbahnbrücke vor Treptow lagen die
Ruderer in langen Colonnen. Alle Bootshäuser waren von unten
bis oben beflaggt und bewimpelt. Das alte Stralau glich einem
Flaggenhain. Ueberall ertönte Musik. Hoch oben auf Vorderdeck
des Dampfers »Bremen« stand in rothen Haarbüschen die Capelle
der dritten Garde-Regiments. Zahllose Boote kreuzten den Strom;
alle Ufer waren schwarz von Menschen; Musik schallte von überall
her über die bunte Wasserfläche. Ein Strommeister sorgte in
einem Dampfer für die Ordnung auf dem Wasser.
Der Regierungsdampfer fuhr der »Alexandria« vorauf, dann
folgten zwei Polizeidampfer, hinter denen die stolze Kaiser-Yacht
»Alexandria«, die Purpur-Standarte auf Mitteldeck, folgte. Hinter
her suhl 1 Torpedoboot 38, laut seine Signale heulend. Die Ma
trosen beider Schiffe waren in weisser Gala. Der Kaiser stand vor
der Thür des Salons, die Kaiserin auf Vorderdeck. Während die
Alexandria an der festlich geschmückten Landungsbrücke anlegte,
setzte sich die Ruderer-Flotte in Bewegung. Wohl dreissig Achtel
und Vierer fuhren in Doppel-Colonne vor der Kaiser-Yacht vor
über, dem Kaiserpaare die Huldigung bringend. Dann folgte eine
Fluth von dicht besetzten, bekränzten und beflaggten Dampfern von
Berlin. Und dieses Schauspiel bei dem herrlichen Sonnenschein.
Man darf dreist behaupten, so schön ist es noch niemals am grünen
Strand der Spree gewesen.
Die Ankunft in der Ausstellung.
Die Ankunft des Kaiserpaares am Kaiserschiff »Bremen«
gestaltete sich zu einem der grossartigsten Momente in dem herr
lichen Festpiel der Eröffnungsfeier.
Lange vorher war der Landungsplatz von vielen Hunderten von
Damen und Herren gefüllt, aber nirgends herrschte unbequemer
Andrang oder störendes Geräusch. Die gewaltigen Menschenmassen
übten selbst die vorzüglichste Ordnung aus, obgleich nicht ein ein
ziger Polizeimann anwesend war.
Von der Landungsbrücke bis zum Hauptausstellungsgebäude
bildeten die Massen Spalier, einen breiten Gang für die Ankunft
der allerhöchsten Gäste lassend. Um 3 /, t 11 Uhr, als am Directions-
gebäude bereits die Prinzess Friedrich Leopold, Fürst
Ferdinand von Bulgarien und andere Fürstlichkeiten ein
getroffen waren, begaben sich die drei Vorsitzenden des Arbeits
ausschusses nach dem Pavillon an der Kaiser-Landungsbrücke.
Dort hatte sich bereits der Ehrenpräsident der Ausstellung,
Staatsminister von Berlepsch, Oberstallmeister Graf von Wedel und
andere Mitglieder der Hofgesellschaft eingefunden. Am Eingang
zum Kaiserzelt standen zwei Marinesoldaten als Ehrenposten mit
geschultertem Gewehr. 12 Minuten vor 11 Uhr ertönten vom Bord
des Kaiserschiffes die ersten der 21 Salutschüsse, mit welchen die
bereits in Sicht gekommene »Alexandria« begrüsst wurde.
Von allen Ufern mischten sich in die dröhnenden Schläge die
Hurrahrufe der vieltausendköpfigen Menge. Näher und näher
kam das stolze Kaiserschiff, der Kaiser selbst wurde sichtbar,
höher und höher stieg die freudige Begeisterung der Menge. Hoch
oben an der Spitze des Kaiserschiffs »Bremen« stand die
Regimentskapelle, die jetzt, als die »Alexandria« nur etwa
hundert Meter von der Landungsbrücke entfernt war, die
Nationalhymne anstimmte, Tücherwehen und Hiiteschwenken, da
zwischen das Hurrahrufen und die Klänge der Musik, secunden-
weise unterbrochen durch das Dröhnen der Salutschüsse — das
ganze entzückende Bild im Glanz der Frühlingssonne, umgeben
( von landschaftlichen Schönheiten! Eine grossartigere Einleitung
konnte die glanzvolle Veranstaltung des 1. Mai nicht finden, als
durch diese, der eigensten Initiative des Kaisers entsprungene An
kunft auf dem Wasserwege.
Langsam fuhr die »Alexandria« an die Landungsbrücke
heran, in angemessener Entfernung gefolgt von den zehn oder zwölf
Ruderbooten, welche das Kaiserschiff begleiteten, und als sie festlag,
verliessen der Kaiser und die Kaiserin in Begleitung der Damen
und Herren des Gefolges das Schiff und gingen mit schnellen
Schritten über die Landungsbrücke zum Kaiserzelt. Die Kaiserin
wurde vom Prinzen Friedrich Leopold geführt, zur Seite des Kaisers
ging der Ehrenpräsident Staatsminister von Berlepsch, ihnen folgten
die übrigen Damen und Herren, unter welchen man den Polizei
präsidenten von Windheim, den Landrath des Teltower Kreises
Stubenrauch, Oberstallmeister Graf von Wedel, Oberhofmeister Frei
herr von Mirbach u. a. bemerkte. Nachdem der Kaiser und die
Kaiserin huldvolle Worte an die Herren des Arbeitsausschusses ge
richtet hatten, erfolgte ohne Aufenthalt der Gang zum Haupt
ausstellungsgebäude; die bereitstehenden Equipagen wurden nicht
benutzt. Eine vieltausendköpfige Menge begleitete das Kaiser
paar auf dem ganzen Wege zur Kuppelhalle und überschritt
mit diesem die über die Rundbahn führende Brücke. Ein
übermässiger Andrang war nirgends wahrzunehmen. Alles ging
in grösster Ruhe und Ordnung vor sich, obgleich nur wenige
Polizeimannschaften zur Stelle waren. Bis zu den Gartenanlagen
folgte die Menge, dort erst musste sie zurückbleiben und zerstreute
sich nach der grossen Wandelhalle, wo bald alle Tische und Stühle
von Damen und Herren besetzt waren. An der Front der Ehren
compagnie des 3. Garde-Regiments schritt, während das Spiel gerührt
wurde, der Kaiser mit seinem Gefolge vorüber und begab sich,
nachdem er einen Blick auf das imposante Gebäude ge
worfen hatte, in die Kuppelhalle. Nachdem das Kaiserpaar bis an
die Stufen des Thronhimmels herangetreten war, wurde der Kaiserin
seitens der anwesenden Damen des Arbeitsausschusses ein kostbarer
Strauss gelber Rosen und Veilchen überreicht.
Von 10—11 Uhr vor dem Hauptgebäude.
Welche Umwandlung! Bis in die Morgenstunden der Paroxis-
mus der Fertigstcllungssucht — ein, zwei Stunden darauf eine
wonnige, fast bräutliche Stille in dem herrlichen Parke der Aus
stellung, dieser in seiner neuen Umwandlung mit seinem mannigfaltigen
architektonischen Schmucke, seinen schimmernden Seeen, so unvergleich
lichen landwirthschaftliehen Perle der Mark. Die letzten Harkenstriche
fallen zusammen mit dem Erscheinen der ersten Festgäste, der un
geheuren Schaar aller Bediensteten, deren sonst so alltägliches Einerlei
heute durch die festliche Kleidung, durch die pittoreske Mischung mit
den in Costume gekleideten Angestellten der Aussteller und Erfrischungs-
Etablissements etwas anheimelndes, fröhliches angenommen hat —
etwas von der Freude am Leben. Und während draussen der
Strom der Eingeladenen und der weniger bevorzugten Zuschauer immer
stärker, immer unaufhaltsamer gegen die Eingangsportale der Aus
stellung anschwillt — hier innen bleibt es ruhig, singen die Vögel, duften
die Blumen unter diesem kaum gehofften unvergleichlichen Geschenke
eines echten Ausstellungs-, eines echten Hohenzollernwetters. Hier auf
unserer, auf der Lokal-Anzeiger-Seite bleibt es ruhig. Die weise
Eintheilung, die der Arbeitsausschuss getroffen, macht es, dass die
Strasse, welche das Kaiserpaar, der Prinz-Protector mit Gefolge
passiren muss, nur von der höheren und höchsten Kategorie der
Ehrengäste belebt wird. Uniformen und güldene Ketten der Berliner
Stadthäupter mischen sich in die sommerlichen Toiletten der
Schönen — man trägt Changeant =—- und die Uniformen
werden immer glänzender, die Ordenssterne immer zahlloser auf
so mancher Brust. Und che ausländischen Gäste kommen heran.
Als erster an der Spitze einer malerischen Gruppe der vielbe
sprochene, schicksalsreiche Fürst Ferdinand von Bulgarien, eine hohe
Gestalt im flatternden, faltenreichen, hechtgrauen Militärhavelock,
auf dem Kopfe die weisse Lammfellmütze mit dem hochragenden
Reiherbusch. Das Publikum drängt heran, hier und da lüftet
man die Hüte und der Fürst dankt liebenswürdig. Seine
militärische Begleitung und die seines Gefolges ist eifrig be
strebt, diesen interessanten Gästen unseres Kaiserhofes die
hervorragenden Punkte unserer Ausstellung beim flüchtigen
Vorübergehen zu zeigen. Der Preussenmarsch ertönt aus der
Ferne, und bald erdröhnt die hohe Brücke, die hinter dem Ver
waltungsgebäude über die elektrische Bahn an unserem Pavillon vorüber
zur Haupthalle führt, unter den Tritten der Ehrencompagnie des
dritten Garde-Regiments. Das Militair durchquert die Wandel
halle und nimmt mit dem Rücken gegen die grosse Fontaine Auf
stellung. Die Vertreter aller ausländischen Mächte in ihren Gala
uniformen folgen; wir erkennen den schmächtigen Grafen Lanza
in der Uniform eines italienischen Generallieutenants. Die Bevoll
mächtigten Englands und Russlands scheinen sehr einig zu sein —
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