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Volume Nr. 15, 2. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
und wurde nicht müde, mit demselben zu winken. Der Kaiser 
dankte wiederholt durch militairiseken Gruss. 
Die Huldigung der Ruderer auf der Spree. 
So etwas hat »Mutter Spree«, so alt sie auch sein mag, noch 
nicht gesehen. Der Fluss war eine einzige staubfreie Feststrasse. 
An der grossen Eisenbahnbrücke vor Treptow lagen die 
Ruderer in langen Colonnen. Alle Bootshäuser waren von unten 
bis oben beflaggt und bewimpelt. Das alte Stralau glich einem 
Flaggenhain. Ueberall ertönte Musik. Hoch oben auf Vorderdeck 
des Dampfers »Bremen« stand in rothen Haarbüschen die Capelle 
der dritten Garde-Regiments. Zahllose Boote kreuzten den Strom; 
alle Ufer waren schwarz von Menschen; Musik schallte von überall 
her über die bunte Wasserfläche. Ein Strommeister sorgte in 
einem Dampfer für die Ordnung auf dem Wasser. 
Der Regierungsdampfer fuhr der »Alexandria« vorauf, dann 
folgten zwei Polizeidampfer, hinter denen die stolze Kaiser-Yacht 
»Alexandria«, die Purpur-Standarte auf Mitteldeck, folgte. Hinter 
her suhl 1 Torpedoboot 38, laut seine Signale heulend. Die Ma 
trosen beider Schiffe waren in weisser Gala. Der Kaiser stand vor 
der Thür des Salons, die Kaiserin auf Vorderdeck. Während die 
Alexandria an der festlich geschmückten Landungsbrücke anlegte, 
setzte sich die Ruderer-Flotte in Bewegung. Wohl dreissig Achtel 
und Vierer fuhren in Doppel-Colonne vor der Kaiser-Yacht vor 
über, dem Kaiserpaare die Huldigung bringend. Dann folgte eine 
Fluth von dicht besetzten, bekränzten und beflaggten Dampfern von 
Berlin. Und dieses Schauspiel bei dem herrlichen Sonnenschein. 
Man darf dreist behaupten, so schön ist es noch niemals am grünen 
Strand der Spree gewesen. 
Die Ankunft in der Ausstellung. 
Die Ankunft des Kaiserpaares am Kaiserschiff »Bremen« 
gestaltete sich zu einem der grossartigsten Momente in dem herr 
lichen Festpiel der Eröffnungsfeier. 
Lange vorher war der Landungsplatz von vielen Hunderten von 
Damen und Herren gefüllt, aber nirgends herrschte unbequemer 
Andrang oder störendes Geräusch. Die gewaltigen Menschenmassen 
übten selbst die vorzüglichste Ordnung aus, obgleich nicht ein ein 
ziger Polizeimann anwesend war. 
Von der Landungsbrücke bis zum Hauptausstellungsgebäude 
bildeten die Massen Spalier, einen breiten Gang für die Ankunft 
der allerhöchsten Gäste lassend. Um 3 /, t 11 Uhr, als am Directions- 
gebäude bereits die Prinzess Friedrich Leopold, Fürst 
Ferdinand von Bulgarien und andere Fürstlichkeiten ein 
getroffen waren, begaben sich die drei Vorsitzenden des Arbeits 
ausschusses nach dem Pavillon an der Kaiser-Landungsbrücke. 
Dort hatte sich bereits der Ehrenpräsident der Ausstellung, 
Staatsminister von Berlepsch, Oberstallmeister Graf von Wedel und 
andere Mitglieder der Hofgesellschaft eingefunden. Am Eingang 
zum Kaiserzelt standen zwei Marinesoldaten als Ehrenposten mit 
geschultertem Gewehr. 12 Minuten vor 11 Uhr ertönten vom Bord 
des Kaiserschiffes die ersten der 21 Salutschüsse, mit welchen die 
bereits in Sicht gekommene »Alexandria« begrüsst wurde. 
Von allen Ufern mischten sich in die dröhnenden Schläge die 
Hurrahrufe der vieltausendköpfigen Menge. Näher und näher 
kam das stolze Kaiserschiff, der Kaiser selbst wurde sichtbar, 
höher und höher stieg die freudige Begeisterung der Menge. Hoch 
oben an der Spitze des Kaiserschiffs »Bremen« stand die 
Regimentskapelle, die jetzt, als die »Alexandria« nur etwa 
hundert Meter von der Landungsbrücke entfernt war, die 
Nationalhymne anstimmte, Tücherwehen und Hiiteschwenken, da 
zwischen das Hurrahrufen und die Klänge der Musik, secunden- 
weise unterbrochen durch das Dröhnen der Salutschüsse — das 
ganze entzückende Bild im Glanz der Frühlingssonne, umgeben 
( von landschaftlichen Schönheiten! Eine grossartigere Einleitung 
konnte die glanzvolle Veranstaltung des 1. Mai nicht finden, als 
durch diese, der eigensten Initiative des Kaisers entsprungene An 
kunft auf dem Wasserwege. 
Langsam fuhr die »Alexandria« an die Landungsbrücke 
heran, in angemessener Entfernung gefolgt von den zehn oder zwölf 
Ruderbooten, welche das Kaiserschiff begleiteten, und als sie festlag, 
verliessen der Kaiser und die Kaiserin in Begleitung der Damen 
und Herren des Gefolges das Schiff und gingen mit schnellen 
Schritten über die Landungsbrücke zum Kaiserzelt. Die Kaiserin 
wurde vom Prinzen Friedrich Leopold geführt, zur Seite des Kaisers 
ging der Ehrenpräsident Staatsminister von Berlepsch, ihnen folgten 
die übrigen Damen und Herren, unter welchen man den Polizei 
präsidenten von Windheim, den Landrath des Teltower Kreises 
Stubenrauch, Oberstallmeister Graf von Wedel, Oberhofmeister Frei 
herr von Mirbach u. a. bemerkte. Nachdem der Kaiser und die 
Kaiserin huldvolle Worte an die Herren des Arbeitsausschusses ge 
richtet hatten, erfolgte ohne Aufenthalt der Gang zum Haupt 
ausstellungsgebäude; die bereitstehenden Equipagen wurden nicht 
benutzt. Eine vieltausendköpfige Menge begleitete das Kaiser 
paar auf dem ganzen Wege zur Kuppelhalle und überschritt 
mit diesem die über die Rundbahn führende Brücke. Ein 
übermässiger Andrang war nirgends wahrzunehmen. Alles ging 
in grösster Ruhe und Ordnung vor sich, obgleich nur wenige 
Polizeimannschaften zur Stelle waren. Bis zu den Gartenanlagen 
folgte die Menge, dort erst musste sie zurückbleiben und zerstreute 
sich nach der grossen Wandelhalle, wo bald alle Tische und Stühle 
von Damen und Herren besetzt waren. An der Front der Ehren 
compagnie des 3. Garde-Regiments schritt, während das Spiel gerührt 
wurde, der Kaiser mit seinem Gefolge vorüber und begab sich, 
nachdem er einen Blick auf das imposante Gebäude ge 
worfen hatte, in die Kuppelhalle. Nachdem das Kaiserpaar bis an 
die Stufen des Thronhimmels herangetreten war, wurde der Kaiserin 
seitens der anwesenden Damen des Arbeitsausschusses ein kostbarer 
Strauss gelber Rosen und Veilchen überreicht. 
Von 10—11 Uhr vor dem Hauptgebäude. 
Welche Umwandlung! Bis in die Morgenstunden der Paroxis- 
mus der Fertigstcllungssucht — ein, zwei Stunden darauf eine 
wonnige, fast bräutliche Stille in dem herrlichen Parke der Aus 
stellung, dieser in seiner neuen Umwandlung mit seinem mannigfaltigen 
architektonischen Schmucke, seinen schimmernden Seeen, so unvergleich 
lichen landwirthschaftliehen Perle der Mark. Die letzten Harkenstriche 
fallen zusammen mit dem Erscheinen der ersten Festgäste, der un 
geheuren Schaar aller Bediensteten, deren sonst so alltägliches Einerlei 
heute durch die festliche Kleidung, durch die pittoreske Mischung mit 
den in Costume gekleideten Angestellten der Aussteller und Erfrischungs- 
Etablissements etwas anheimelndes, fröhliches angenommen hat — 
etwas von der Freude am Leben. Und während draussen der 
Strom der Eingeladenen und der weniger bevorzugten Zuschauer immer 
stärker, immer unaufhaltsamer gegen die Eingangsportale der Aus 
stellung anschwillt — hier innen bleibt es ruhig, singen die Vögel, duften 
die Blumen unter diesem kaum gehofften unvergleichlichen Geschenke 
eines echten Ausstellungs-, eines echten Hohenzollernwetters. Hier auf 
unserer, auf der Lokal-Anzeiger-Seite bleibt es ruhig. Die weise 
Eintheilung, die der Arbeitsausschuss getroffen, macht es, dass die 
Strasse, welche das Kaiserpaar, der Prinz-Protector mit Gefolge 
passiren muss, nur von der höheren und höchsten Kategorie der 
Ehrengäste belebt wird. Uniformen und güldene Ketten der Berliner 
Stadthäupter mischen sich in die sommerlichen Toiletten der 
Schönen — man trägt Changeant =—- und die Uniformen 
werden immer glänzender, die Ordenssterne immer zahlloser auf 
so mancher Brust. Und che ausländischen Gäste kommen heran. 
Als erster an der Spitze einer malerischen Gruppe der vielbe 
sprochene, schicksalsreiche Fürst Ferdinand von Bulgarien, eine hohe 
Gestalt im flatternden, faltenreichen, hechtgrauen Militärhavelock, 
auf dem Kopfe die weisse Lammfellmütze mit dem hochragenden 
Reiherbusch. Das Publikum drängt heran, hier und da lüftet 
man die Hüte und der Fürst dankt liebenswürdig. Seine 
militärische Begleitung und die seines Gefolges ist eifrig be 
strebt, diesen interessanten Gästen unseres Kaiserhofes die 
hervorragenden Punkte unserer Ausstellung beim flüchtigen 
Vorübergehen zu zeigen. Der Preussenmarsch ertönt aus der 
Ferne, und bald erdröhnt die hohe Brücke, die hinter dem Ver 
waltungsgebäude über die elektrische Bahn an unserem Pavillon vorüber 
zur Haupthalle führt, unter den Tritten der Ehrencompagnie des 
dritten Garde-Regiments. Das Militair durchquert die Wandel 
halle und nimmt mit dem Rücken gegen die grosse Fontaine Auf 
stellung. Die Vertreter aller ausländischen Mächte in ihren Gala 
uniformen folgen; wir erkennen den schmächtigen Grafen Lanza 
in der Uniform eines italienischen Generallieutenants. Die Bevoll 
mächtigten Englands und Russlands scheinen sehr einig zu sein —
	        
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