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Periodical volume Nr. 160, 24. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officiell? Ausstellungs - Nachrichten. 
gewöhnliche, atmosphärische Druck. Athmen wir nämlich 
ein, dann dehnen sich die Lungenbläschen aus und pressen 
die in der Lunge eingebetteten Blutgefässe zusammen ; durch 
die dadurch hervorgerufene Steigerung des Blutdruckes ent 
steht in unserem geschlossenen System eine Druckdifferenz, 
wodurch das Blut die Tendenz zeigt, zu Punkten niederen 
Druckes zu gelangen, was auch mit grösster Geschwindigkeit 
geschieht, indem es nothgedrungen in das linke Herz hinein 
strömt, von wo es dann in die Aorta gelangt. — Das umge 
kehrte findet bei der Ausathmung statt; der Druck in den 
Lungenbläschen sinkt unter den atmosphärischen, die Bläs 
chen fallen in Folge ihrer Elasticität zusammen,'und demzu 
folge können nun die früher zusammengepressten Lungen- 
Gefässe sich rasch erweitern. 
Es entsteht nun eine zweite, der früheren entgegenge 
setzte Druckdifferenz, indem jetzt die Spannung in der Lunge 
geringer ist, als im ganzen übrigen System. Die Folge davon 
ist, dass die unter dem höheren Druck stehende Blutflüssig 
keit in die unter negativem Druck stehenden Lungengefässe 
hineinströmt. Während aber diese letzteren das Blut aus 
beiden Herzhälften saugen, hat das venöse Blut Zeit, dem 
Brustkorb zuzuströmen. Während des positiven Druckes 
tritt nun das Blut aus den Arterien in das Gewebe, um wäh 
rend des negativen wieder von den Venen aufgesaugt zu 
werden. 
Zu gleicher Zeit leugnet Dr. Jezek die Annahme, dass 
die Adern in haarförmige Fortsätze (Capillaren) auslauten; 
er behauptet vielmehr, das Blut sei in seinen kleinsten Strö 
mungen keineswegs an eigentliche, mit Wandungen ver 
sehene Gefässe gebunden, sondern dasselbe bahne sich seinen 
Weg continuirlich durch das thierische Gewebe. Zum Be 
weise dafür unterband er einer kleinen Teckelhündin je einen 
Hauptvenenstamm der vier Gliedmaassen; nach der Opera 
tion wurden keinerlei krankhafte Erscheinungen beobachtet, 
das Wohlbefinden des Thieres erlitt in keinerlei Beziehung 
irgend eine Störung. Nach der Section befand sich das 
Venenblut sowohl vor wie hinter der Unterbindungsstelle 
in flüssigem Zustande; die Unterbaut, sowie sämmtliche Or 
gane zeigten normalen Blutgehalt. 
Die neue Lehre Dr. Jezek’s zeugt von einer enormen Be 
herrschung des Stoffes und der Methoden, sowie von einer 
nicht gewöhnlichen kritischen Veranlagung; in dem destruc 
tiven Theil seiner Lehre findet sich sehr viel Wahres; ob auch 
der positive, aufbauende Theil derselben die vom Entdecker 
gehegten Erwartungen verwirklichen wird, darüber lässt sich 
so kurzer Hand ohne eingehend kritisches Studium der Ver 
suche nicht entscheiden; ob die etwas geräuschvolle Pro 
paganda innerhalb der Gewerbe-Ausstellung dem Evangelium 
sowie dem Evangelisten sehr nutzen wird, das ist eine Frage, 
die zu bejahen ich nicht ohne Weiteres wage. 
Will aber Dr. Jezek damit bezwecken, dass die hier und 
da etwas schwerfälligen Gelehrtenkreise durch die öffentliche 
Meinung gezwungen werden, sich mit seiner neuen Theorie 
zu befassen und der Kampfruf: „Hie Herz, hie Lunge!“ 
bald ein allgemeiner werde, dann ist, ihm von Herzen Erfolg 
zu wünschen. Denn discutirt zu werden ist seine Lehre auf 
alle Fälle werth. 8. 8. Epstein. 
Das Arbeiterwohnhaus auf der Gewerbe- 
Ausstellung. 
(Abdruck untersagt.) 
Wenige Besucher der Ausstellung wissen, dass ein voll 
ständig eingerichtetes, sehr schmuckes Arbeiterwohnhaus 
eigens zu Ausstellungszwecken in dem Parke ganz nahe dem 
Haupteingang und Verwaltungsgebäude errichtet wurde. 
Das Haus gehört zur Gruppe III (Baugruppe), konnte aber, 
da es allseitig freistehen musste und daher einen ziemlich 
grossen Raum für sich beanspruchte, in dem für derartige 
Zwecke eigentlich bestimmten Bauhof keinen Platz finden. 
Nun liegt es mit der Front gegen die sogenannte Baugasse, 
zwischen der Treptower Chaussee und den Seitenflügeln des 
Hauptgebäudes und wird, da der Hauptstrom der Besucher 
über die Brücke sich nach dem Neuen See und der Fafadt* 
des Hauptgebäudes bewegt, viel zu wenig beachtet. 
Von allen brennenden Fragen, welche mit der unsere 
Zeit so mächtig erregenden socialen Frage im Zusammen 
hang stehen, ist die der Wohnhäuser für Arbeiter eine der 
wichtigsten. Speciell für eine Grossstadt wie Berlin. Da 
die Vordei Wohnungen auch in den Vororten für Arbeiter- 
Familien meist zu theuer sind, müssen diese, zum Nachtheil 
ihrer Gesundheit, oft in feuchten Kellerwohnungen oder in 
dem Witterungswechsel zu sehr ausgesetzten Dachwohnungen, 
in Hintergebäuden, an schmutzigen und engen Höfen ihre 
Wohnung suchen und sind häufig genöthigt, in kleinen, man 
gelhaft erleuchteten und schlecht gelüfteten Räumen mit 
vielen Mitgliedern ihrer Familie oder gar — was in Berlin 
sehr häufig vorkommt — mit Fremden (Schlafburschen) das 
Zimmer zu theilen. 
Durch Anlage solcher Arbeiterwohnhäuser, wie das in 
der Gewerbe-Ausstellung als Muster erbaute, soll dem ge 
schilderten Uebel gesteuert werden. Versuche zur Abhilfe sind 
ja in Deutschland und speciell in Berlin vielfach unternom 
men worden. Eine ganz allgemeine Lösung freilich kann die 
Arbeiterwohnungsfrage nicht erfahren, da jedesmal die ört 
lichen Verhältnisse und Gepflogenheiten mit in Erwägung 
gezogen werden müssen. Die „Vereinigung Berliner Archi 
tekten“ hat die Missstände und Mittel zur Abhilfe im Jahre 
1891 zur Sprache gebracht und in einer „Kundgebung“ zu 
samengestellt. Auch später, so in der am 25. April 1892 
stattgehabten Sitzung der „Centralstelle für Arbeiter-Wohl 
fahrtseinrichtungen“ wurde die Frage erörtert. 
Das „Arbeiterwohnhaus“ der Gewerbe-Ausstellung ist 
als Bestandtheil einer Arbeiterkolonie aufgefasst, wie sie nach 
englischem Vorbilde von vielen unserer grössten Industriel 
len, von Krupp in Essen, Dolfuss in Mühlhausen, dem Georg- 
Marien-Bergwerk- und Hüttenverein bei Osnabrück, der 
Augsburger Kammgarnspinnerei, Norddeutschen Jutespin 
nerei u. a. m. bereits errichtet worden sind; auch auf genos 
senschaftlichem Wege oder durch gemeinnützige Bauvereine 
kamen in mehreren deutschen Städten derartige Unterneh 
mungen zu Stande, gefördert durch die unter einem Central 
vorstand stehenden „Vereine für Arbeiterkolonieen.“ 
Die bei dem Arbeiterwohnhaus der Gewerbe-Ausstellung 
zur Anwendung gekommene Methode hat den Vorzug mög 
lichster Billigkeit bei völlig solidem Material. Das Häuschen 
wurde von der Ludwigsburger Firma A. & 0. Mack, den Er 
findern und Fabrikanten der „Gipsdielen“, in diesem Mate 
rial erbaut- Das ganze Haus besteht aus mit Gipsdielen ver 
kleidetem Holz-Fach werk. Während man sonst bei derar 
tigen Bauten die Aussenwände mauert und mit Wasserkalk 
putzt, die Seitenwände aber aus Drahtgeflecht mit Rabitzputz 
herstellt, welcher erst während des Baues aufgetragen wer 
den kann und so Feuchtigkeit einlässt, ist hier das fertige 
Gipsdielen-Material mit grosser Schnelligkeit aufgetragen 
worden. Das ganze Haus war in vier Wochen aufgebaut, 
kostete kaum 6000 Mark und ist völlig trocken, so dass auf 
den Tapeten nicht der kleinste Feuchtigkeitsfleck sichtbar 
ist. Das will bei einem so verregneten Sommer, wie dem 
letzten, viel sagen. Die Gipsdielen sind in Doppelwänden 
aufgestellt, um schallsichere Räume zu erzielen; der Hohl 
raum zwischen den beiden Wänden ist zugleich eine Isolir- 
schicht gegen Külte und Wärme. Die innere Wand ist aus 
den gewöhnlichen Gipsdielen hergestellt, die äussere aus dem 
nach der Firma so genannten „Mackolith“ in unzertrennli 
cher Verbindung mit dünnen Verblendsteinen, welche die 
ganze Construction wetterbeständig machen. Auch die 
Decken sind aus Gipsdielen gemacht, indem man diese di 
rect über die Balken und Sparren legte. 
Das zierliche Häuschen mit dem röthlichen Giebeldach 
* macht nach allen Seiten hin einen sehr freundlichen Ein 
druck. Die gegen die Baugasse zugekehrte Eingangsseite 
ist durch eine trauliche, weinlaubumrankte Veranda, zu wel 
cher mehrere Stufen von der Strasse oder dem Garten hinauf
	        
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