Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Aussfeflungs - Nachrichten.
o
Der Eröffnungstag
Nun leg’, Berolina, den Festschmuck an!
Heut gilt es zu grüssen die Gäste,
Die Du geladen von fern und nah
Zu Deinem herrlichsten Feste!
Lass’ Jubelfanfarcn erklingen laut,
Lass’ ruhen vom Streite die Waffen!
Nun gilt es zu zeigen der staunenden Welt,
Was friedliche Arbeit geschaffen!
Du hast der Märkischen Scholle Sand
Aus eignen Kräften bezwungen,
Du hast Dir im Kampf und von Neidern bedroht
Deine Stellung als Weltstadt errungen.
Aus tausend Schloten quellen empor,
Gleich flatternden Fahnen zu schauen,
Ob Deinem gigantischen Häusermeer
Die Baucheswolken, die grauen!
Nie feiernder Arbeit helles Getön
Erklingt auf den Plätzen und Gassen,
Es drängen durch Deine Strassen sich
Geschäftige, hastende Massen!
Heut ruhet die Arbeit, heut ruhet der Streit,
Und Jubelfanfarcn erklingen;
Du willst dir im edelsten Wettbewerb
Jetzt neuen Lorber erringen!
Drum leg, Berolina, den Festschmuck an,
Heut gilt es zu grüssen die Gäste,
Die du geladen von Fern und Nah
Zu deinem herrlichsten Feste!
A Oskar Klaussmann.
Wolkenloser Himmel blaute über Berlin als der Morgen des
ersten Mai anbrach.
So war er endlich erschienen der lang ersehnte, in Spannung
erwartete Tag!
Brachten die ersten Morgenstunden auch leichte Wölkchen,
so lachte doch bis zur Eröffnung der Ausstellung das schönste
Kaiserwetter. Für Tausende, für Zehntausende lautete die Parole
schon von 8 Uhr Morgens ab: »Ostwärts, ostwärts! Nach Treptow!«
Das Strassenbilct
wenigstens der Stadttheile Berlins, welche im Osten und in der
Nachbarschaft der Ausstellung liegen war gegen sonst gewaltig ver
ändert. Festlich geputzte Menschen durchwogten zu Hundert
tausenden die beflaggten und bekränzten Strassen und Plätze. Alle,
alle strebten Treptow zu, eine geradezu endlose Reihe von Droschken
und Equipagen bewegte sich durch die Köpenicker Strasse, die
wohl noch nie in solchem Schmuck geprangt wie heute, Strassen-
bahnen, elektrische Wagen, Mail-coaches, Kremser und sonstige
schwer mit Menschen beladene Fuhrwerke füllten die Zufahrts
strassen, alle Balkons und Fenster sind mit Menschen in Fest
kleidern besetzt, selbst fernab vom Ausstellungsgelände gelegene
Stadttheile haben Fahnenschmuck angelegt, Guirlanden und Kränze
sind an den Häusern angebracht, in den Zufahrtsstrassen stehen
Flaggenmasten und hohe Obelisken mit Palmwedelbüschen und
Laubschmuck. Auch zahlreiche »Maifeiernde« durchpilgern Berlin,
die Spreeufer und Brücken sind mit Menschen besäht, vor den
Thoren der Ausstellung herrscht ein unbeschreibliches Gedränge.
in der Ausstellung.
Im Ausstellung^-Park
selbst sind seit frühem Morgen zahllose Besucher, zumeist im Frack
oder Uniform, die Damen in hellen Toiletten, dazwischen die
Ausstellungsbeamten in hellgrauen Uniformen mit hellblauen Kragen,
die Stuhlverleiher in hellgrauen Groomjacken mit ponceaufarbigen
Aufschlägen, die Ausstellungs-Gendarmerie im Parade-Anzug mit
Eossschweif. Von hohen Masten wehen Flaggen aller Länder,
ein Windhauch weht Blumenduft von dem Schmuckplatz herüber,
goldiger Sonnenschein überfluthet die Thürme und blitzenden
Kuppeln der Ausstellungsgebäude, eine heitere glückverlieissende
Stimmung über die Menschen verbreitend. Selbst unter
unseren schwarzen afrikanischen Landsleuten in der Kolonial-
Ausstcllung, die heut zum ersten Male sich in ihren malerischen
Trachten oder auch ohne Tracht zeigen, herrscht fröhliche Aufregung,
sie helfen sich gegenseitig bei der Toilette, legen Perlen und
Metallschmuck an und machen sich »schön« für den Kaiserbesuch.
Ueber den Negerdörfern wehen die Flaggen unserer überseeischen
Besitzungen, der Karpfenteich bevölkert sich mit fremdartigen
Booten, in denen Ruderer sitzen, dazwischen gleiten würdevoll die
weissen Schwäne, an den Ufern wandeln die Besucher von Platz
zu Platz und freuen sich an den prächtigen Architektur- und Land
schaftsbildern, das Ganze ist ein herrliches Bild des Friedens, ein
Fest der Arbeit und Intelligenz im Zeichen einer Ausstellung.
Die Majestäten auf dem Wege zur Ausstellung.
Getreu seinem Versprechen, welches der Kaiser den leitenden
Männern der Ausstellung gegeben hat, ist er heute mit der
Kaiserin zur Eröffnung der Ausstellung vom Neuen Palais nach
Berlin herübergekommen. Es war insofern eine Abänderung des
ursprünglichen Programms erfolgt, als die hohen Herrschaften nicht
schon von Potsdam aus zu Wasser die Reise nach der Ausstellung
antraten. Das Kaiserpaar kam mit einem Sonderzug nach Berlin ■
und bestieg Punkt 10 Uhr mit dem Gefolge den am Schloss vor
Anker liegenden Dampfer »Alexandria«. Das Kaiserpaar begab sich
zunächst in die Kajüte. Als sich das Schiff in Bewegung setzte, wurde
die Kaiserliche Flagge gehisst. Wenige Minuten später lief der Dampfer
in die Schleuse am Mühlendamm ein. Das Durchschleusen verlief
vollständig glatt; es hat ungefähr zehn Minuten in Anspruch genommen.
In dieser Zeit erschien der Kaiser an Deck, später folgte ihm die Kaiserin.
Beide hohe Herrschaften nahmen untereinem kleinenSonnenzelte Platz und
grüssten freundlich zu der Menschenmenge empor, welche an der Mühlen
dammbrücke und in der Burgstrasse sich angesammelt hatte. Denn obwohl
die Polizei während der Passage des Kaiserdampfers die Brücke für den Ver
kehr gesperrt hatte, so konnte sie dennoch nicht verhindern, dass das
Publikum, welches sich in den Haus-unclTreppenflurcn festgesetzt hatte,
plötzlich auf die Strasse stürmte und dem Kaiserpaare seine Grüssc zurief.
Die Kaiserin trug ein meergrünes Kleid und einen grauen
Reisemantel, ein Capottehütchen und einen Spitzenshawl. Der Kaiser
war an Deck in umgehängtem grauen Militairmantel erschienen.
Um das schlanke Passircn der „Alexandria“ zu ermöglichen, waren
einzelne Leisten und Seitenwände des Decks abgenommen worden.
Um 10 Uhr 15 Minuten hatte die „Alexandria“ die Mühlendamm-
schieuse passirt. Eine sehr geschmackvolle Decoration des Schlcusen-
Restaurants, bestehend aus Fähnchen, Flaggen und Guirlanden,
schien die Aufmerksamkeit des Kaiserpaares zu erregen. Langsam
dampfte die „Alexandria“ der Jannowitzbrückc zu. Hier war
das Leben und Treiben schon in den frühen Morgenstunden ausser
ordentlich rege. Die geschmackvolle Decoration der an dem Wasser
liegenden Restaurants, der öffentlichen Dampferanlegestelle, sowie
der zahlreich vor Anker liegenden Fahrzeuge erregten die Auf
merksamkeit des Publikum in hohem Maasse. Leider hatte das
Verbot der Strompolizei ein Begleiten des Kaiserschiffs verhindert.
Um 10 Uhr 20 Minuten wurde der Polizeidampfer, welcher dem
Kaiserschiff vorausfuhr, an der Jannowitzbrückc sichtbar, wenige
Minuten später erschien der weisse Rumpf der »Alexandria«.
Donnernder Zuruf von beiden Spreeufern scholl dem Kaiserschift
entgegen, sogleich trat die Kaiserin auf Deck und grüsstc freund
lich zu der Menschenmenge empor. Als die Zurufe immer be
geisterter wurden, nahm die hohe Frau ihr Taschentuch zur TIand
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