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Periodical volume Nr. 159, 23. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
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hat vier Nennungen erhalten. Dieser Ringkampf wird sich 
dadurch zu einem hochinteressanten gestalten,, dass zwei ganz 
hervorragende Mitglieder des Athleten-Clubs „Karl Abs“ in 
Hamburg sich an demselben betheiligen werden. Einem der 
selben, Gebers, geht der Ruf eines ausserordentlich tüchtigen 
Schülers des Altmeisters Karl Abs voraus, und es dürfte 
schwierig sein, zu bestimmen, wohin die Entscheidung fallen 
wird, da ihm unter anderen in unserem bekannten Berliner 
Kämpfer Sinn ein nicht zu verachtender Gegner gegenüber 
steht. — Der Fussball-Wettkampf wird nicht auf dem Exer- 
cirplatz des dritten Garderegiments, dessen Benutzung aus 
dienstlichen Gründen nicht bewilligt werden konnte, son 
dern auf dem Tempelhofer Felde an der Kaiserpappel links 
der Chaussee am Freitag, 25. d. M., stattfinden. Derselbe be 
ginnt Nachmittags 3 Uhr. 
Ungezogen. Im Hörsaal des Chemie-Gebäudes kam 
3S, während Friedrich Spielhagen seinen schönen, tiefdurch 
dachten Vortrag hielt — über den wir an einer anderen 
Stelle unseres Blattes berichten — wiederholt zu Zwischen 
fällen, von denen der grösste Theil des Publikums sehr pein 
lich berührt wurde. Kurze Zeit, nachdem der Dichter seinen 
Vortrag begann, verliessen einige Zuhörer den Saal. Eine 
Viertelstunde später wiederholte sich derselbe Fall und nach 
weiteren Zeitintervallen gingen wieder andere Leute in 
Gruppen und Schaaren mit Geräusch aus dem Saale hinaus. 
War der Vortrag schlecht? Nein, er war schön und anre 
gend. Wurde er schlecht gesprochen ? Spielhagen ist zwar 
kein Sprechkünstler, aber ein guter Redner. Das Verlassen 
des Saales war also nur eine Ungezogenheit und ein trauri 
ger Mangel an Fähigkeit, den Geist zu concentriren und den 
Gedanken des Vortragenden zu folgen. In erster Reihe war 
es aber eine Ungezogenheit. Schon die Achtung vor dem 
Manne, der zu den führenden Geistern der Nation gehört, 
vor dem Dichter, der der deutschen Nation zur Ehre gereicht, 
der mit seinen Werken Hunderttausende erfreut, erbaut und 
in edelstem Sinne unterhalten hat, erfordert es, ihn ruhig an 
zuhören, auch wenn seine Ausführungen nicht in gerade in je 
dermanns Hirn hineinpassten. Aber man hat es hier gar 
nicht mit einem speciellen Fall zu thun. Was sich im Vor 
trage Spielhagen’s ereignet hat, ereignet sich leider an dersel 
ben Stelle alle Tage. Die Leute kommen in den Hörsaal — 
kommen oft zu spät und stören die Zuhörer — und gehen, 
während der Redner noch spricht;, eilends wieder fort. Das 
ist ein Mangel an Anstand, den sich ein wahrhaft gebildeter 
Mensch nicht zu Schulden kommen lassen kann. Wer in 
einen Vortrag geht, muss doch wohl wissen, dass er keine» 
Schaubude besucht. Das Thema wird ihm doch wenigstens 
dem Titel nach bekannt sein. Will nun jemand über das 
angezeigte Thema etwas hören, so muss er auch-die Geduld 
besitzen, den Redner zu Ende zu hören. Es soll ja nicht ge 
leugnet werden, dass manche Redner theils durch zu breite 
Ausspinnung des Thema, theils durch Mangel an Vortrags 
talent die Geduld der Zuhörer etwas stark in Anspruch neh 
men. Es wäre Aufgabe der Vortragscommission dafür zu; 
sorgen, dass kein Vortrag länger als höchstens fünf Viertel 
stunden dauern darf. Aber wenn der Vortrag nun einmal 
gehalten wird, ist es Anstandspflicht, so lange zu bleiben, 
bis er zu Ende ist. Es ist eine Pflicht gegen den Vortragen 
den sowohl wie auch gegen die interessirten Zuhörer, die man 
durch vorzeitiges Fortgehen stört. Wer in einem Vortrage 
lustige Geschichten erwartet, wer allzu nervös ist und sich vor 
einer langweiligen Minute fürchtet, wer in seiner Zeit pres- 
sirt ist, bleibe daheim, denn er ist in einem Vortragssaal 
überflüssig. 
Viele erstaunte Gesichter gab es gestern an den 
Kassen der Ausstellung. Die meisten Besucher hatten keine 
Ahnung davon, dass der Eintrittspreis für den ganzen Tag eine 
Mark betrug, hatten vielmehr alle Kräfte in Bewegung gesetzt, um 
noch vor 3 Uhr Nachmittags in die Ausstellung zu gelangen und 
so fünfzig Pfennige ersparen zu können. Sie waren daher nicht 
wenig erstaunt, als ihnen an den Kassen das Schild »Eintritt 
1 Mark« entgegenleuchtete. Die Kassenbeamten mussten sich oft 
zu langen Auseinandersetzungen bezüglich des erhöhten Eintritts 
preises bequemen, aber bei einigen Entrüsteten fanden sie durch 
aus keine Gegenliebe, diese kehrten vielmehr der ganzen Aus-! 
Stellung erzürnt den Rücken und wanderten fürbas wieder genj 
Berlin. Es mag daher nochmals wiederholt werden, dass die ganze 1 
Woche hindurch und noch am Montag das Eintrittsgeld des Allge 
meinen Deutschen Sportfestes wegen 1 Mark beträgt und dassj 
Donnerstag und Senntag combinirte Marktage sind. 
V 
Mittagsstunde in Kairo. Gestern Mittag schien es, ( 
als habe der scheidende Sommer noch seine letzten Grüsse 
nach Kairo gesandt, als wolle er nochmals die bunte be 
rückende Farbenpracht des Orients in ihrem vollen Glanze 
hervorzaubern, als falle es ihm schwer, die Egypterstadt zu 
verlassen. Die warmen Sonnenstrahlen liessen für kurze Zeit 
das bunte fröhliche Treiben wieder aufleben. Zwischen dem 
noch wenig zahlreichen Publikum lustwandelten Schauspie 
lerinnen des orientalischen Theaters einher. Die Schönen 
tarnen zum Theil schon wärmere Hüllen, ein hochgewachse 
nes, junges, üppiges Weib trägt einen Pelz in leuchtendem, 
purpurrothem Sammet und zierliche Stieleichen an den klei 
nen, nettgebauten Fässchen, ihre Nachbarin war etwas salopp, 
gekleidet, die Pantoffeln schienen für die nackten braunen 
Füsse viel zu kurz, durch die kleinen Löcher an den Fersen 
der diamantschwarzen Strümpfe einer Anderen schimmertet 
die rosige Haut.- Ein barfüssiger, beweglicher alter Knabe 
in verschossenen, indigohlauen Pumphosen, den Fez unter 
nehmend nach hinten gerückt, bot ihnen Cigaretten an, die', 
er soeben drüben im kleinen Laden gekauft oder geschenkt' 
erhalten hatte; er scheint so eine Art orientalischer Wurzel 
sepp zu sein und ist bei Jung und Alt, bei Weib und Mann. 
wohlgelitten. An dem alten Tempel unweit des Palmen 
haines rang ein Beduine mit einem Berliner Milchhändler zum» 
grossen Ergötzen der Zuschauer und brachte ihn regelrecht 
zu Fall. Auf den Treppen, die zum Besteigen der Kamele» 
construirt wurden, sassen ganze Reihen von Beduinen in süs 
sem Nichtsthun, die Cigarette zwischen den Lippen, in Ge 
plauder mit den Nachbarn. Einer summte leise eine eintö 
nige Melodie vor sich hin, die Fellachenweiber trugen ihre» 
kleinsten Kinder entweder wie ein Bündel auf den Rücken 
gebunden oder in den Armen an der Sonne spazieren, im) 
Schatten der Pyramiden lagerten malerisch Gruppen 
von Arabern auf den grossen Quadern. Ein 
Eselsjunge, strotzend von Gesundheit, ein richtiges Kind 
der Gasse, hatte sich mit einem paar gleichalterigen Berlinern 
eingelassen, auf die er weidlich im heimischen Jargon 
schimpfte und den Vogel damit abschoss, dass er ihnen am 
Schlüsse deutsch zurief: Dununse Luder, halt die Schnutze ! 
Die Umstehenden brachen in lautes Lachen aus, worauf den 
Eselsjunge misstrauisch die Flucht ergriff. Ein schlankge 
wachsener, dabei schön und kräftig gebauter Araber, den 
einen Mantel oder Burnus von schwarzem, gepresstem Plüsch 
trug, auf welchen Goldarabesken auf untergelegte bunte 
Seide gestickt sind, stand in ein Gespräch verwickelt neben; 
einem zerlumpten Burschen unter einer Palme, er wurde auf 
geschreckt durch ein ganzes Rudel von spielenden Knaben', 
die einen rennfesten Esel verfolgten, ein paar Kamele ruhten 
wiederkäuend am Wasser, Nil genannt. Alles athmete mit) 
innigem Behagen die reine, kräftige Herbstluft, nur eine Ge 
sellschaft leidenschaftlicher Spieler sass im türkischen Cafe 
auf vogelbauerartigen geflochtenen Gestellen vor niederen; 
Tischen beim Damen- und Brettspiel. Die einheimischen 
Handwerker hockten an den Thüren, die Meisten von ihnen, 
liessen die Arbeit ruhen, nur der immer fleissigeDrechsler und) 
Holzschnitzer war emsig bei seinem Werk und begleitete die» 
Arbeit mit leisem Summen, ein Dutzend Besucher schauten 
ihm dabei zu. Hausirer mit Süssigkeitcn liefen mit ihren, 
Tabletten herum, sie schmeichelten und baten, doch zu, 
kaufen. Ein älterer Herr sass gravitätisch auf einem von 
Knaben geführten Kamel und hielt sich fest an den Sattel 
knopf, die wiegende und schaukelnde Bewegung beim Reiten 
schien ihm recht ungewohnt, erleichtert athmete er auf, ala
	        
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