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Periodical volume Nr. 159, 23. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielld Ausstellun.qs - Nachrichten. 
neu gefüllt und gereinigt zu werden brauchen, die Siemens- 
sehen bewährt. Alle diese Elemente haben in unseren Tagen 
zwei ganz gewaltige Concurrenten erhalten, welche sie in 
vielen Fällen in den Hintergrund gestellt haben. Wir meinen 
erstens den durch Dynamo-Maschinen (Gleichstrom-Maschi 
nen) für Beleuchtungszwecke gelieferten Strom, sowie zwei 
tens die Accumulatoren. Mittels besonderer Apparate, welche 
in sch/öner Vollkommenheit die Firma A. W. Hirschmann 
herstellt und von denen auch mehrere auf der Ausstellung 
vertreten sind, lässt sich ohne Schwierigkeit der auf diesem 
Wege erzeugte Strom für die Zwecke der Medicin nutzbar 
machen. Seit mehr als drei Jahren sind hier derartige Appa 
rate, welche an das Leitungsnetz der Berliner Elektricitäts 
werke angeschlossen sind, in Benutzung. Worauf es bei 
der Verwerthung dieser Ströme für die Zwecke der Heilkunde 
vornehmlich ankommt, wird sofort klar, wenn man die in 
Betracht kommenden Stromstärken betrachtet. Für medici- 
nischie Zwecke kommen drei verschiedene Stromstärke-Maxima 
in Betracht, welche nicht überschritten werden dürfen, und 
welche zwischen 0,3 Ampere (für die Galvanisation) und 
25 Amperes (für Galvanokaustik) liegen. Die Dynamo- 
Maschinen für Central-Beleuchtu ngs-Anlagen aber liefern je 
nach ihrer Grösse Ströme bis zu 500 und mehr Amperes, also 
jedenfalls stets mehr, als für medicinische Zwecke noth 
wendig ist. Es wird also darauf ankommen, durch Ein 
schalten von Widerständen höhere Stromstärken, als für die 
in Betracht kommenden Fälle verwendbar sind, unmöglich zu 
machen. Diese Aufgabe hat nun die Firma Hirschmann in 
der Weise gelöst, dass sämmtliche Widerstände und An 
schlüsse fest mit dem Apparat verbunden sind und es ohne 
Weiteres möglich ist, denselben an die vorhandene Leitung 
anzuschliessen. 
In dem Vorstehenden hatten wir eine weitere Verwen 
dungsform der Elasticität, die Galvanokaustik, bereits er 
wähnt. Der Name dürfte bereits ein so populairer sein, dass 
eine Erklärung desselben beinahe überflüssig erscheint. Von 
irgend einer der oben beschriebenen Elektricitäts-Quellen 
schickt man einen hinreichend starken Strom durch, einen 
Platindraht von passender Gestalt, welcher als eingeschalteter 
Widerstand in Both- resp. Weissgluth geräth. Wie das 
alte Glüheisen, so benutzt man heute vielfach den Galvano 
kautor, dessen Platinspitze man in verschiedenster Weise ge 
formt hat, zur Zerstörung von Geschwülsten, zur Verödung 
von Blutgefässen, zur Entfernung von Polypen etc. Hier 
kann die Technik, wie die von Hirschmann, Galle und Bläns« 
dort ausgestellten Instrumente beweisen, ihr Geschick beson 
ders in der Construction von Handgriffen zeigen, welche es 
ermöglichen, mit der operirenden Hand selbst den Strom be 
liebig ein- und auszuschalten. 
Eine gewisse Aehnlichkeit mit dieser Applicationsform, 
der Elektricität hat die sogenannte Elektrolyse odfr Elektro- 
puuetur. So nennt man eine Operationsmethode, bei welcher 
man mittels eines genügend kräftigen galvanischen Stromes, 
der durch eine kleine Gewebsregion geschickt wird, eine 
chemische Zersetzung der Gewebsflüssigkeit und der Körper- 
substanz selbst erreicht zum Zwecke der Zerstörung krank 
haft veränderter oder neugebildeter Theile. Die der Elektro 
lyse dienenden Apparate, deren einzelne Theile in reichhal 
tiger Collection A. W. Hirschmann vorführt, sind folgender- 
maassen zusammengesetzt: Sie bestehen aus der Elektrici 
tätsquelle, welche unbedingt gestatten muss, die zu dem 
speciellen Zwecke nöthige Stromstärke auf das Genaueste zu 
reguliren — am besten geschieht dies durch einen Flüssig- 
keitß-Rheostaten —, den Leitungsschnüren, den elektrolyti 
schen Nadeln und den Nadelhaltern, welche auch mit Vorrich 
tungen zur Stromunterbrechung versehen sein können, und 
einer grossen, biegsamen Plattelektrode. Diese letztere wird auf 
die mit einer Salzlösung gut durchfeuchtete Haut aufgesetzt, 
und die je nach der beabsichtigten Wirkung mit dem nega 
tiven oder positiven Pol verbundene Nadel in das zu beein 
flussende Gewebe eingeführt. In den Fällen, in welchen es 
sich um di recte Zerstörung eines Gewebes handelt, wird man 
negativen Pol mit der Nadel verbinden und den posi 
tiven Pol zur Elektrode führen. Es quillt dann unter dei 
Nadel eine schaumige Flüssigkeit reichlich hervor, welche 
ein Zersetzungsproduct des zerstörten Gewebes darstellt 
Fast entgegengesetzt erscheint die Wirkung, wenn man den 
positiven Pol zur Nadel hinführt; unter diesem erhärtet sich 
das Gewebe durch Gerinnen des Blutes etc. — ein Effect, der 
für manche Zwecke, z. B. für die Verödung grosser Arterien 
oder Venengeschwülste (Krampfadern) gerade wünschens- 
werth sein kann. 
Noch einer interessanten Anwendungsform der Elektri 
cität müssen wir gedenken, obwohl sie, vielleicht des grossen 
Raumes wegen, den ihre Vorführung einnehmen würde, auf 
der Ausstellung nicht vertreten ist: wir meinen die hydro 
elektrischen Bäder, deren Einrichtung gerade eine Speciali 
tät der Firmen Hirschmann und Blänsdorf ist. Wie schon 
aus dem Namen hervorgeht, besteht das Wesen des hydro 
elektrischen Bades darin, das hier die Elektricität der Ge 
summ t-Oberfläche oder einem grösseren Theile der Körper 
fläche im Bade durch die Flüssigkeit hindurch zugeführt wird, 
Die letztere kann entweder reines oder salzzaltiges Wasser 
sein. Je nach der Art der Application des Bades kann man 
dasselbe als elektrisches Voll- und Lokal-Bad oder auch als 
Douche verabreichen ; ebenso kann man mannichfache Modi- 
ficationen erzielen, je nachdem man continuirliche oder fa- 
radische Ströme oder beide zugleich benutzt; man unterschei 
det demnach zwischen galvanischen, faradischen und galvano- 
faradischen Bädern ; weitere Nuancen entstehen dadurch, dass 
man entweder beide Pole in die Badeflüssigkeit eintauchen 
lässt, den Strom also ausschliesslich durch dieselbe dem Kör 
per zuführt, oder aber einen Pol dem Körper des Badenden 
aufsetzt, während man den anderen in das Wasser senkt: 
bipolare und monopolare Bäder. Hiermit dürfte die Auf 
zählung derjenigen Formen, in welchen heutzutage die Elek 
tricität als solche therapeutischen Zwecken dienstbar gemacht 
wird, wohl im Grossen und Ganzen erschöpft sein. Nicht un 
erwähnt lassen dürfen wir jedoch jene Anwendungsformen, 
in welchen die Elektricität als Kraftquelle zur Inbetrieb 
setzung chirurgischer Apparate, zur Massage etc. dient. In 
der Neuzeit haben hier Elektromotoren zur Verwerthung 
schneller Rotationen für schneidende, sägende oder bohrende 
Instrumente eine grosse Bedeutung gew onnen — wir erinnern 
nur an die Bohrmaschine der Zahnärzte, die Trepanations 
Apparate der Chirurgen. 
Während jedoch alles bisher Erwähnte der Verwendung 
der Elektricität in der Therapie galt, müssen wir zum Schluss 
der hohen Bedeutung dieses Lieblingskindes der modernen 
Wissenschaft für die Diagnostik wenigstens noch mit wenigen 
Worten gedenken. Die Verwerthung der Inductionsströme, 
insbesondere desDubois’schenSchlitten-Apparates in derPhy- 
siologie, sowie bei der Diagnose von Nerven-Lähmungen, 
haben wir schon erwähnt. Doch die Ströme selbst kommen 
hier bei weitem weniger in Betracht, als das von denselben ge 
spendete Licht. Man benutzte die durch die Umschlag 
stellen der Haut gebildeten Körper-Oeffnungen, um mit klei 
nen, eigenartig construirten Glühlämpchen in’s Innere ein 
zudringen; so befestigte man kleinste Glühlämpchen an der 
Spitze eines Magenschlauches und liess sie von den Patienten, 
die vorher reichlich Wasser getrunken hatten, verschlucken; 
im dunklen Zimmer gelang es auf diese Weise, unter gewissen 
günstigen Umständen, die Contouren des Magens mittels 
Durchleuchtung sichtbar zu machen, beziehentlich in der Ma 
genwand liegende Geschwülste zu diagnosticiren; auf ähn 
liche Weise gelang auch die Durchleuchtung der Stirnhöhle, 
ferner die der Oberkieferhöhle, der sogenannten Highmors 
höhle. 
Das Innere der Harnblase vermag man sogar, wählend 
man es elektrisch erleuchtet, zu gleicher Zeit mittels einer 
Art kleinen Fernrohrs zu übersehen. Noch für manche an 
dere Organe hat man Instrumente der verschiedensten Form 
gebaut — gerade auf diesem Gebiete jagen sich förmlich seit 
zwei bis drei Jahren die Erfindungen —, von denen die Aus 
stellung eine recht reichhaltige Mustercollection vorführt. 
Doch ich sehe schon eine Frage auf den Lippen des
	        
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