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Volume Nr. 159, 23. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
Die Elektricität im Dienste der Medicin. 
[Abdruck untersagt.) 
Die medicinische Wissenschaft ist ein getreues Spiegel 
bild der Entwicklung der Naturwissenschaften, auf denen zu 
fussen sie gezwungen ist. Physiologie, Zoologie, Botanik, 
Physik und Chemie, in geringerem Grade auch die Minera 
logie, Meteorologie und Mathematik haben so im Laufe der 
Zeiten stets auf die Gestaltung der m< dicinischen Lehre ein 
gewirkt. Denn jede Errungenschaft, jede Entdeckung auf 
dem Gebiete einer dieser Fächer fand alsbald aufmerksame 
Beobachter, welche sie auf ihre Anwendbarkeit für Heilkunde 
hin prüften. An keinem anderen Beispiel lässt sich dieses 
regelmässige Mitlernen, Mitfortschreiten so consequent ver 
folgen, wie an dem Aufbau der Lehre von der Elektricität 
und ihrer Nutz-An Wendung auf die Medicin. 
Die Formen, unter der wir heute der Elektricität in der 
Medicin begegnen, sind schier unzählige, doch lassen sich die 
selben mit Leichtigkeit in zwei grosse Gruppen scheid* n, von 
denen sich eine aus allen Anwendungsarten der Elektricität 
zum Zwecke der Behandlung (Therapie), die andere aus allen 
Combinationen zur Erkennung von Krankheiten (Diagnos 
tik) zusammensetzt. Diese zweite Gruppe stellt eine noch 
recht junge Wissenschaft dar, welche sich erst spät von der 
ersten diftereneirt hat. 
Die Bedeutung der Elektricität für die Heilkunde ist 
von jeher und in allen Zonen gewürdigt worden. Gehört 
auch manches, was man hiervon aus alten Zeiten erzählt — 
wie z. B. die allerliebste in vielen Büchern anzutreffende Anek 
dote von den elektrischen Bädern kranker Negerkindlein in 
von Zitterrochen bewohnten Weihern — in das Gebiet der 
Fabel, so wissen wir doch aus Plinius,Scribonius Lärgus undj 
anderen Schriftstellern, dass das elektrische Verhalten gewis 
ser Stoffe, wie des Bernsteins, und die elektrische Natur man 
cher Fische von den Alten bereits gekannt und zu Heil 
zwecken verwerthet wurden. 
Das sonst gewöhnlich auf andere Verhältnisse ange 
wandte Wort: ,,On revient toujours ä ses vieux am mirs“ 
scheint hie r ganz besonders angebracht. Am Ende des vori 
gen Jahrhunderts, als nach der Erfindung der Elektrisir- 
maschine zuerst von einer wissenschaftlich einigermaaseei^ 
begründeten elektrischen Therapie die Rede sein konnte, war 
es die Reibungs- oder statische Elektricität, welche als beson 
deres Reizmittel den Patienten besonders bei nervösen Leiden 
aller Art, wie Veitstanz, Neuralgieen, Lähmungen u. s,. w. 
applicirt wurde. Die betreffenden Individuen wurden mit 
der Elektricitätsquelle in Verbindung gesetzt, deren Agens 
ihnen in den verschiedensten Formen, sei es als elektrischer 
„Hauch“ oder Funken oder als elektrisches Luftbad zugeführt 
wurde und dabei mutatis mutandis etwa in einer Weise iso- 
lirt, die mit dem Verfahren des Herrn Conrectors Aepinus, 
welcher „Dorchläuchting“ in Reuters bekannter Erzählung 
vor den Gefahren des Gewitters schützen will, eine gewisse 
Aehnlichkeit hatte. In neuester Zeit nun ist man, nachdem 
inzwischen menschlicher Scharfsinn unzählige auf anderer 
Basis stehende Combinationen ersonnen hatte und diese erste 
Form der Elektrotherapie bereits in Vergessenheit gerathen 
war, wiederum zur alten Liebe zurückgekehrt, und die 
„Franklinisation“, wie man diese Methode getauft hat, scheint 
nunmehr ein integrirender Bestandtheil des therapeutischen 
Arsenals geworden zu sein. Einen diesen Zwecken dienender 
Apparat, der ja in gegen die frühere Zeit natürlich wesent 
lich veränderter Construction erscheint, sehen wir im Che 
miegebäude von dem bedeutendsten Fabrikanten elektro- 
medicinischer Apparate W. A. Hirschmann ausgestellt. Zur 
Erzeugung der Reibungselektricität wird hier eine Modifica- 
tion der Töpfer-Holtz’sehen Influenzmaschine benutzt, die 
sich von allen bisher benutzten Modellen am besten bewährt 
hat. Dieselbe befindet sich in einem verschlossenen Glas 
kasten, um gegen Staub und Feuchtigkeit geschützt zu sein. 
Eine solche für medicinische Zwecke construirte Influenzma 
schine darf nur eine rotirende Glasscheibe besitzen, da die 
Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit derselben zum aller 
grössten Theile von der guten Isolirfähigkeit der einzelnen 
Maschinentheile abhängig ist. Jede Maschine aber, welche 
mehrere rotirende Scheiben und daher auch viele Contacte 
besitzt, steht an Dauerhaftigkeit den Maschinen mit einer ro- 
tirenden Scheibe nach. Zur Isolirung des Patienten werden 
die früher üblichen Isolirtische nicht mehr gern benutzt, da 
sie im Zimmer sehr hinderlich sind; erheblich praktischer 
und bequemer ist eine Gummiplatte, auf die ein jeder Stuhl 
gestellt werden kann, und die auch dann im Zimmer liegen 
bleiben kann, wenn die Maschine nicht benutzt wird, ohne 
dass irgend jemand durch sie behindert wird. 
Zwischen der alten und neuen Form der Franklinisa- 
tionsapparate liegt indess die Spanne eines Jahrhunderts. 
Was an Erfindungen in dei Anwendung der Elektricität für 
die Heilkunde von dieser Zeitspanne überbrückt wird, um 
fasst ein geradezu ungeheures Gebiet. Man kann nicht 
sagen, dass, was wenigstens die Anzahl der ausstellenden 
Firmen anbetrifft, die Ausstellung in dieser Hinsicht 
den Charakter einer besonderen Reichhaltigkeit trägt; 
und doch, wenn wir die Vitrine von A. W. Hirschmann-Ber 
lin, R. Blänsdorf-Frankfurta. M., Richard Galle-Berlin und 
W. Krause und Comp.-Berlin in Augenschein nehmen, welche 
Fülle verschiedenartigster Construetionen, alle demselben 
Zwecke, der Elektrotherapie oder der Elektrodiagnostik die 
nend, erblicken wir! Wir wollen versuchen, indem wir zu 
gleich dem historischen Gange der Ereignisse folgen und auf 
die ausgestellten Gegenstände Bezug nehmen, den Leser bei 
der Würdigung dieser Dinge zu leiten. 
Drei Entdeckungen sind es nach dem berühmten Neuro 
logen Professor Eulenburg gewesen, welche die Entwickelung 
dieser ganzen Wissenschaft vor allem gefördert haben. Ein 
mal die 1831 erfolgte Entdeckung der Inductions-Elektricität 
durch Faraday, nach welchem eine bestimmte Anwendungs 
form des elektrischen Stromes, das Faradisiren, seinen Namen 
trägt, — sodann die Construction magneto-elektrischer Ro 
tationsmaschinen und endlich das Gelingen des Baues selbst 
thätiger galvano-elektrischer Inductions-Apparate. In dem 
selben Maasse, in welchem man in der Physik zwischen Rei 
bungs-Elk t ricit at, faradischern (unterbrochenem) und gal 
vanischem (constantem) Strome unterscheiden lernte, diffe- 
rencirte man also auch in der Heilkunde zwischen der schon 
besprochenen Franklinisation, Farado-Therapie und Galvano- 
Therapie. Ende der vierziger Jahre dieses Jahrhunderts er 
hob Faraday die elektrische Behandlung mittels des unter 
brochenen Stromes zu einer durchgebildeten Methode, indem, 
er zugleich auf den Werth derselben als ausgezeichnetes Er 
regungsmittel der Muskeln und der Haut hinwies, auch in 
der Heilung von Lähmungen, Muskelschwund und Störungen 
der Empfindlichkeit schöne Erfolge erzielte. 1850 erst zeigte 
der berühmte Physiologe Remak, dass in der Behandlung 
dieser Leiden der constante galvanische Strom in abweichen 
der, dem Inductionsstrom durchaus überlegener Weise ein 
wirke. Späterhin verband man dann auch hier und da beide 
Behandlungsformen zur sogenannten Galvanofarado-The- 
rapie. 
Die Inductions-Apparate nun, die wir in der Ausstel 
lung finden, enthalten zum allergrössten Theil Leclanche- 
Zink-Kohle-Braunstein-Elemente, welche die Bunsen- und 
Grove-Elemente, die noch vor wenigen Jahren in den meisten 
Kliniken anzutreffen waren, fast ganz verdrängt haben; nur 
Richard Galle führt noch unter seinen Ausstellungs-Objecten 
einen grossen Bunsen’sehen Apparat; A. W. Hirsch 
mann versieht seine Apparate in neuerer Zeit auch mit eigen 
artig zusammengesetzten Chromsäure-Elementen, welche der 
artig construirt sind, dass Oxydationen im Element, die das 
selbe zerstören könnten, ausgeschlossen sind. Die Inductions- 
Apparate finden heute übrigens ihre Hauptanwendung auf 
dem Gebiete der Elektrodiagnostik, der Erkennung von 
Krankheiten, und hier leistet ein guter Dubois-Reymond’scher 
Schlitten-Apparat immer wohl noch das Beste. Für galva 
nische Apparate haben sich als recht dauerhafte und nicht so 
leicht versagende Elemente, die auch nicht übermässig, of't
	        
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