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Periodical volume Nr. 158, 22. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
geschliffenes Objectiv aus starrem, scheinbar so sprödem 
Flint, zeigt dieselbe Erscheinung und giebt ein mangelhaftes 
Fild, wenn die Linse gewisse Dimensionen überschreitet. Die 
Accumulatorenplatten, deren Bienenzellen, welche zur 
[Aufnahme der Mennige dienen, sich nach aussen verjüngen, 
lassen sich trotzdem ohne grossen Zwang aus den Gussformen 
heben. Ihr hartes, sogar sprödes Metall giebt nach und dehnt 
sich nach der Ablösung von den Matrizen wieder aus. sehn 
lich eigenartig ist nun auch das Verhalten der starken eiser 
nen Radreifen unter dem Druck der sogenannten West-Ma 
schine. Dieselbe besteht aus einem sehr starken, nicht ge- 
•schweissten Stahlring, der den zwanzig kranzförmig ange 
brachten hydraulischen Pressen als gemeinsames Widerlager 
dient. Nach innen sind sie mit gusseisernen Einsatzstücken 
versehen, die nach Bedarf auswechselbar sind, so dass die 
Presse sich grossen Hinter- und kleineren Vorderrädern leicht 
adaptiren lässt. Diese bilden einen Ring, der sich nach dem 
Centrum hin zusammen schiebt, sobald die Flüssigkeit — in 
diesem Falle einfaches Rüböl — durch ein geeignetes, vier 
Pferde kräftiges Pumpwerk in die zwanzig Pressen hinein 
gedrückt wird. Man nimmt Del, weil das Eisen der Man 
schetten etc. sonst leicht rosten würde. Es Hiesst durch ein 
System von Röhren gleichmässig und gleichzeitig hinter 
sämmtliche Kolben und nach erfolgter Wirkung ohne Me- 
-terialverlust von selbst wieder in das Reservoir, da die Kolben 
dank einer an jedem innerhalb der Manschette angebrachten 
-Feder, nachdem das Ventil abgestellt ist, in die ursprüngliche 
Ruhelage zurückgedrängt werden. Auch diese Abstel 
lung des Ventils vollzieht sich automatisch, sobald das 
Ausweichen des Holzgestelles, der Felgen und Speichen 
bekundet, dass der Reifen fest genug auf dasselbe 
auf ge presst ist. Die zwanzigfache Hydraulik übt 
natürlich einen ungeheuren concentrischen Druck aus, der 
ohne erhöhte Anstrengung des Pumpwerkes einer dreifachen 
Plungerpumpe mit sehr stätiger Wirkung, für jeden Press 
kolben auf 50 000 kg, also insgesammt auf eine Million Kilo 
gramm oder 20 000 Centner (1000 Tons) sich beziffert. 
Dieser überträgt sich auf den anzutreibenden Radreifen, der, 
lose die Felgen umschliessend, in die Mitte der Presse zu 
liegen kommt. Das Erstaunlichste bei dieser Procedur ist, 
dass der eiserne Reifen im Durchmesser mehrere Zoll weiter 
sein kann als das Rad und sich trotzdem durch den hydrau 
lischen Kranz glatt und fest auf dasselbe aufpressen lässt. 
Die Masse des Eisens wird dadurch in sich selbst zusammen 
gedrückt, etwa wie ein Schwamm oder ein gebackener Brod 
teich-, ohne sich nachher wieder auszudehnen. Es ist das 
eine Möglichkeit, die unseres Wissens bisher noch nicht in 
solcher Weise zur technischen Benutzung gelangte. Der 
Reifen erhält dadurch jedenfalls einen erhöhten Grad von 
Festigkeit. Er sitzt wie angegossen, und die Procedur, die 
auf dem sonst üblichen heissen Wege, wie er noch auf einem 
grösseren Gemälde der diesjährigen internationalen Kunst 
ausstellung als Motiv dient -— fünf bis sechs Männer in An 
spruch nimmt, dabei sehr zeitraubend und schweißtreibend 
ist und auch nicht selten misslingt, vollzieht sich in wenigen 
Minuten. Der Hauptvortheil der maschinellen resp. hydrau 
lischen Methode ist wohl darin zu suchen, dass die Holztheile 
des Rades nicht vergewaltigt und die Felgen nicht durch den 
bei der üblichen Methode fast im rothglühenden Zustande 
aufzutreibenden Reifen verbrannt und geschwächt und alle 
sonstigen Befestigungen durch Schrauben oder Radnägel 
überflüssig werden. Das Holz bleibt nach beiden Richtungen 
hin intact. Dazu ist die Maschine feinfühlig genug, um, 
sobald die Ausweichung der Speichen unter dem concentri 
schen Druck sich bemerkbar macht, den Zufluss des Oels ab 
zusperren. Hierzu dient eine einfache Hebelvorrichtung, die 
durch die Radnabe gleich zu Anfang der Ausweichung aus 
gelöst wird. Der Druck selbst bleibt dann noch eine Weile 
konstant. O. Beta. 
Für die verschiedenen sportlichen Veranstal 
tungen in der Ausstellung sind Tribünen errichtet worden, 
deren Plätze zu abgestuften Preisen verkäuflich sind. Bil 
lets zu denselben sind im Invaliden dank, Unter den Linden 24, 
im Cafe Bauer in der Ausstellung- und bei den verschiedenen. 
Verkaufsplätzen des Stuhl-Verleihinstitutes in derselben zu 
haben. Heute (Dienstag) Abend findet die grosse combinirte 
Fest-Illumination unter Einbeziehung der Beleuchtung der 
Bogengänge um den Neuen See statt. Morgen (Mittwoch) 
ist das Endspiel des Lawn-Tennis-Tourniers am Nachmittag 
und Abends das Fechttournier um die Meisterschaft Deutsch 
lands im Theater Alt-Berlin. 
S 
Der Sonntags-Besuch der Ausstellung beziffert sich 
auf rund 82 000 zahlende Personen. 
V 
Die Sportwoche hat gestern auch auf dem Gelände 
der Ausstellung begonnen, die sich zum Empfang der Gäste 
freundlich geschmückt hat. Am Haupt-Eingang begrüsst 
ein blumengeschmücktes „Willkommen, deutscher Sport!“ 
dieselben, und alle Wandelgänge, vom Hauptverwaltungs- 
Gebäude ab, längs den Ufern des Neuen Sees sind mit bunten 
Fahnen- und Flaggenschmuck versehen. Vor dem ebenfalls 
mit Draperieen gezierten Cafe Bauer ist ein grosser Sammet- 
Baldachin aufgestellt, und am oberen Ende des Neuen Sees, 
sowie ringsum denselben sind zahlreiche Zuschauer-Tribünen, 
darunter eine sogenannte Fürstenloge für den Ehrenpräsi 
denten Aribert von Anhalt errichtet, und doppelte Stuhlreihen 
aufgestellt. Um 3 Uhr Nachmittags begann auf dem im 
Wandelgang vor dem Wohlfahrtsgebäude hergerichteten 
Lawn-Tennis-Platz das für Montag, Dienstag und Mittwoch 
vorgesehene Lawn-Tennis-Tournier, an dem sich zahlreiche 
Parteien betheiligten. Es wurde stellenweise sehr gut ge 
spielt, das Endresultat wird sich Mittwoch bei Schluss des 
Turniers entscheiden. Ausser den drei vorgesehenen \'or- 
gabespielen, wird am Mittwoch noch ein offenes Herrenspiel 
um zwei Preise stattfinden, die von den Herren Hofjuwelier 
Markus und der Firma G. Steidel gestiftet wurden. 
Während die Beleuchtung des Hauptgebäudes, die sich 
gestern in ganz neuem Farbenwechsel präsentirte und von 
wundervoller Wirkung, war, pünktlich um 7 Uhr begann, 
verzögerte sich der Anfang des Lampion- Corsos, dem auch 
Prinz Aribert anwohnte, in Folge des starken Regens bis ge 
gen 8[- Uhr. Das Schauspiel, das die durchweg mit grossem 
Geschmack, in allen möglichen Variationen geschmückten 
und illuminirten Schiffe boten, war ein ausserordentlich far 
benprächtiges und wurde der Reiz desselben noch wesentlich 
dadurch gehoben, dass auf den Fahrzeugen zahlreiche ben 
galische Lichter abgebrannt und so der Wasserspiegel ma 
gisch, erleuchtet wurde. Von der Uferillumination hatte 
man, um den Effect des Corsos nicht zu stören, abgesehen. 
Das geplante Canoerennen fand bei Schluss der Redaction 
noch nicht statt. Leider beeinträchtigte die ausserordent 
lich kühle Witterung den Besuch sehr. Hoffen wir, dass die 
nächsten Tage dem Fest günstiger sind. 
V 
Die Obst-Ausstellung, die in der offenen Halle für 
Gartenbau gestern eröffnet wurde, ist von Seiten der Baum 
schule Niederschönweide, Königlicher Gartenbaudirector 
Max Buntzel und den Obstgärtnern von Werder a. H., deren 
Vertreter Gust. C. Raue auch der Verkaufshalle vis-a-vis den 
Marineschauspielen vorsteht, überaus reichlich beschickt. Wil 
lemen hier Fortschritte in der Obstcultur kennen, die denen 
der Blumencultur ebenbürtig zur Seite stehen. JDie Arten
	        
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