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Periodical volume Nr. 158, 22. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
ii 
iiiren Stolz setzen sich zu hüten. Dass man sowohl in Kin- 
der-Confectionshäusem als auch in den grossen Modemagazi 
nen die Kleider für Kinder in allen Grössen, für jedes Alter 
passend, eine Fa§on so in zehn bis zwölf verschiedenen Ab 
stufungen haben kann, ist auch eine Errungenschaft der neu 
eren Zeit. 
Für den kommenden Winter werden wie für die Damen 
toilette auch für Kinder rothschottische und grünschottische 
Stoffe sehr en vogue sein, wie sie es früher vor zwanzig und 
mehr Jahren schon einmal waren, dann aber mit einem Male 
ganz verschwanden. Bei Arnold Müller, Bette, Bud & Lach 
mann, Wolle & Bud, Adele Bosenthal etc. sind viele hübsche 
Winterkleider neben den Sommergewandern erschienen. Aber 
auch im Pavillon Gerson- hat man jetzt einige Miniatur-Da 
men in Winter-Toiletten gesteckt. 
So ist dort ein sehr hübsches Backfisch-Costüm von 
dickem, rauhem roth grünem Wollstoff mit kurzem Jäckchen 
über einer tief dunkf bothen, faltigen Atlasweste mit krausem, 
breitem Gürtel. Das andere für kleinere Mädchen bestimmte 
Kleid ist von schwerem, prächtigem, rothem Tuch mit einigen 
Reihen ganz schmaler, schwarzer Sammetbändchen besetzt. 
Der obere Halbtheil ist von tiefrothem, gekraustem Atlas, dem 
sich ein kleiner Tuch-Abfall ansetzt. Der genau z\i diesem 
exquisiten, feinen Anzug passende, breitrandige Hut ist von 
rothem und schwarzem Filz mit Schleifen von rothem Sam 
metband und schwarzen Federn geschmückt. 
Bei Bette, Bud & Lachmann sind neben schlichten, aber 
immer höchst geschmackvollen Wollenkleidchen in Matrosen 
oder anderen Fa§ons prächtige Sammetkk idchen ausgestellt 
mit reichem Spitzenschmuck, aber auch ganz schlichte Fal 
tenkleidchen in ganz zartfarbigen Flanellen, rosa, lullblau 
öder gemustert bunt auf weissem oder cremefarbenem Grund 
mit kleinen Stickereistreifen besetzt. 
TV Ir bewundern ferner einen allerliebsten Knabe n in ech 
tem Schottencostüm, welches wir hier in Berlin als Tracht 
unserer Knaben verhältnissmässig selten sehen. 
Ein allerliebstes Pärchen in elegantester Wintertoilette 
stellt Adele Bosenthal aus; in dieser Ausstellung ist auch 
ein carrirtes Kleid für kleine Mädchen sehr niedlich. 
Arnold Müller zeigt ebenfalls auf seinem Strandspielplatz 
wunderhübsche wollene Kleider, besonders auch ein solches in 
Tiefroth und eins in Matrosenform mit Creme-Tresse und klei 
nen Goldknöpfchen gamirt, sowie Babyhäng«r aus leichten 
Wollstoffen mit hübschem und einfachem Ausputz. 
Eine grosse Rolle spielt bei der Kinder-Garderobe der 
Mantel, denn er soll nicht allein wärmen, sondern auch sehr 
schön auss< hon. 
Für Schulmäntel kommt, da sie jedem Wetter ausgesetzt 
werden, noch die praktische Seite in Frage, was h« i den Män 
teln für die Kleinsten, die nur hei schönem Wetter spazieren, 
geführt werden, fortfällt. 
So sehen wir denn auch von Kindermänteln ganz beson 
ders schöne in der Ausstellung. In Seidenplüsch mit Pelz 
oder Schwan- oder auch Spitzenbesatz sind sie in fast allen 
Farben vertreten. Auch hier ist die weite Hängersorm fast 
durchgängig festgehalten. Wir sehen einen Mantel 
von hellgrünem Seidenplüsch mit grauem Pelzbesatz, 
einen von blauem Seidenplüsch mit reichem Schmuck 
von schneeweissem, köstlichem Tibetpelz, einen in 
dunklem Lila, der aufs reichste mit gelblichen Spitzen 
geziert ist und mit langen Schleifen aus schwerern 
lila Atlasband, ferner solche von tiefdunkelrothi m und rosa 
Plüsch, von schwerstem weissem Flocone oder weissem und 
cremefarbenem Tuch mit Besatz von dunklen Pelzstreifen, 
kurz eine reiche Auswahl reizender Muster. Weniger in’s 
Auge fallend, aber nichtsdestoweniger geschmackvoll, schön 
und sehr praktisch sind jene anderen Mäntel in schlichteren 
Stoffen. Da gefällt vor allem ein Mäntelchen von hellbraun- 
carrirtem Plaidstoff mit Pelerine und Franzen, einer von 
grauem Doublestoff mit Kragen und Manschetten von weissem 
Tibet, modefarbene und braune, marineblaue und tiefdunkel 
grüne mit reicher Soutache-Verschnürung, mit und ohn* 
Pelzbesatz. 
Für Knaben heisst die Losung des Winters: Marine^ 
Eine enorme Auswahl schönster Anzüge dieser Art haben <bH 
Confecfionsfirmen ausgestellt. Mögen es nun Kittel-, Blousen* 
oder Jacken-Anzüge sein, sie werden fast durchgängig Ma* 
rineform haben und Marine-Abzeichen zeigen. 
Sehr modem als Herbsthüllen sind sowohl für Mädchen 
als auch für Knaben Capes, in die die kleine Welt sich hinein* 
hüllt. Man sieht sie fast stets marineblau mit Capoucho» 
und mit rothem oder buntem Futter. Ob sie sich als prak 
tisch bewähren, weiss man noch nicht, und die Ansichten, 
über die Kleidsamkt it gerade des Capes für Knaben sind doch 
sehr verschieden. 
Der braune, zum braunen Schuh passende Strumpf, der 
ein Liebling der Kindermode in diesem Sommer war, wird 
seine Herrschaft nicht mehr lange, behaupten. Der schotti 
sche Strumpf macht schon grosse Anstrengungen, ihn aus 
sein« r Position zu verdrängen und — besonders für die Klein 
sten dürfte ihm das bald gelingen. Diese schottischen; 
Strümpfe sind in den schönsten Farben-Zusammen.Stellungen 
vertreten sowohl bei der Kinder-Confection als auch den gros 
sen Strumpfwaaren-Fabriken Berlins. 
Ganz kleine Babies tragen auch wieder zu Waden strüm-i 
pfen bunte Schuhe,. So sieht man sie in der Ausstellung; 
blau, roth, gelb, weiss ausgestellt. Zierlich und reizend an 
zusehen sind diese Kindtrschuhchen, die, so klein sie sind, 
einen besonderen Etat der Garderobe in Papas Ausgabebuchi 
bilden, denn wie viel Schuh zerreissen so flinke Kinderfüss» 
eben, wie schon ein alter Kinderreim sagt: 
Tanze, Kindchen, tanze, 
Was kosten Deine Schuh? 
Lass nur mich immer tanzen, 
Du giebst mir nichts dazu,! 
N. v. Brandenburg. 
Die Reifen-Presse. 
[Abdruck untersagt ] 
Eine Reifenpresse — das ist eine Maschine zum Auf 
ziehen von Radreifen auf kaltem Wege nach neuem West- 
sehen Patent — stellt die Actien-Gesellschaft H. F. Eckert 
aus. Die Maschine erregt durch ihre eigenartige Gestaltung, 
nämlich in Form einer zwanzigfachen hydraulischen Presse, 
nicht minder durch ihre herkulischen Leistungen Staunen, 
und Bewunderung. Man findet den betreffenden Pavillon, 
resp. die offene Halle dieser Firma, in dem noch eine grosse 
Reihe anderer, den Landwirth besonders interessirender Im 
plemente sich befinden, neben der ebenso reichlich bestellten. 
Lange & Gutzeit’sehen (früher ebenfalls Eckert’schen) Wa 
genbau-Ausstellung hinter dem Tucher’schen Restaurant 
zwischen der Treptower Chaussee und der elektrischen Rund- 
bahn. Die Reifen-Presse, auf welche wir diesmal speciell 
hinweisen, hat nicht nur ein technisches, sondern auch ein 
wissenschaftliches Interesse. Man ist bekanntlich davon 
zurückgekommen, die Scheidung der Materie nach drei ver 
schiedenen Aggregatzuständen, fest, tropfbar und elastisch 
flüssig als zutreffend und streng durchführbar anzusehen. 
Unsere Reifenpresse scheint zu beweisen, dass nicht nur die 
Grenzen zwischen diesen drei Zuständen labil und verschwom 
men sind, sondern dass es auch ein viertes Aggregat geben 
müsse, insofern auch die festen Körper entweder elastisch 
oder unelastisch comprimirbar sind. Sie können, ob weich 
oder spröde, in sich selbst zusammengedrückt werden, ohne 
sich wieder auszudehnen. Auch die festesten Stoffe sind in 
gewissem Sinne flüssig. Ein mit Blei eingedecktes Dach, 
ebenso wie ein Gletscher, folgt der unablässig wirkenden 
Schwerkraft und verschiebt sich in seinem Gefüge, die 
oberste Schicht rutscht über die untere hinab und versackt 
sich dermaassen, dass der First zuletzt entblösst dasteht. Ein
	        
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