Path:
Periodical volume Nr. 156, 20. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

ü 
Officiell? Ausstellunqs - Nachrichten. 
ihre Feste und Schmausereien fenm können und keine Frau 
sie von den .Gelagen heimholt. 
„Ganz wie bei uns mit den Stammtischen“, sagte ich. 
„Aber die Vergeltung rührt sich schon. Wie denken Sie 
über Frauenemancipation, Herr Vetter?“ 
„Ich bin für die Freiheit der Frauen“, entgegnete er 
höflich. 
„Siehst Du,“ sagte ich zu Onkel Fritz. — „Ehen deshalb 
heirathet er nicht“, war seine Antwort. 
Ich überhörte diese Unziemliehkf it, zu deren Be 
kämpfung es an Zeit gebrach. Denn noch lag die Kolonial- 
Ausstellung vor, die als eine Darstellung von Sansibar auf 
zufassen ist mit einer Mischung von afrikanischen Gebäu 
den und Berliner Erfrischungshallen. Eine bedeutende 
Sache. „Wir müssen festhalten, was wir haben“, sagte der 
Vetter, „ich freue mich, einen Einblick in die Wichtigkeit 
unserer Kolonie en zu erlangen. Hätte die Berliner Aus 
stellung nichts weiter gebracht als diese Abtheilung, es wäre 
genug, ihr zu danken. Aber das genaue Studium erfordert 
Tage. 
Darin hat er recht. Allein schon das Tropenhaus ist ein, 
Museum und giebt ein Bild von der Production, dem Handel, 
dem Verkehr und der Lebensweise des Europäers in unsern 
Schutzgebieten, vom Auswärtigen Amte hingebaut. Und 
sollte man denken, die eisernen Pfeiler, auf denen es ruht, 
sind unten mit ölgefüllten Becken umgeben, damit die Amei 
sen nicht hochkrhchen und alles zernagen, was sie vorfinden. 
Und unten hat die Luft freien Durchzug, die Fieberdünste 
wegzuwehen. 
Drinnen die Möbel sind zum Theil aus dem schönen 
Neuguineaholz ungeleimt, der Feuchtigkeit wegen und mit 
Messingschrauben zusammengehalten, ebenso sind Schlösser 
und Schlüssel aus Messing wegen des Kostens. Jegliches ist 
für das Klima ausgetiftelt und zwar in Berlin. Die Gesammt- 
einrichtung gefiel uns, besonders das Speisezimmer mit ge 
decktem Tisch, worauf in Wachs geformt die köstlichen 
Früchte lagen, die zur Speise dienen, und darüber die 
Punk ah, ein Riesenfächer, den an der Tafel Sitzenden Küh 
lung zuzuwehen. An den Wänden die Gemälde schildern 
die Gegenden, die Jagden und die Schlachten mit den Feinden 
und was sonst sich malerisch in Oelfarbe ausdrücken lässt, 
wie z. B. unsere Schutztruppe in graugeripptem Sammt und 
Naturlederzeug mit Gamaschen und Tropenhut; kolossal 
schneidig. Auch das Schlafzimmer des Gouverneurs ist be 
sichtigungshaft. Einer selbst war nicht drinn, wohl aber 
sein Bet> mit Fliegenschleier, Nachts die Mosqüitos abzu 
wehren. ich warf hin : „Wen das Gewisse n nicht sticht, der 
schlummert auch ohne Gazevorhänge. Gegen Wilde s(i man 
milde.“ 
„Du sollst in der letzten Zeit mächtig unruhig liegen.“ 
sagte Onkel Fritz mir leise. — „Ich wüsste nicht, wann ich 
Dir etwas vorgeschlafen hätte?“ gab ich zurück. — „Auch 
nicht nöthig, ich seh Dir doch an, dass Du nicht in Deiner ge 
wohnten Gemüthsverfassung bist. Ist Kriehberg endlich be 
seitigt?“ „Nicht, eher, als bis die Papuas ihn am Spiess haben. 
Er wankt nicht, Er behauptet, wir lügen ihm vor, dass 
Tante Lina ihr Geld fest verankert hätte und will auf Ent 
schädigung klagen, wegen des Aufwandes, den er machen 
musste, um standesgemäss mit Tante Lina und Ottilie auf 
zutreten.“ 
„Lass ihn klagen.“ — „Fritz, alles, nur nicht vor die 
Schranken. Siehst Du, Richter können zu reizend sein, wie 
der Vetter, aber hänge ihnen den Talar uni und sie sind völ 
lig umgekrempelt. Pass auf, Kriehberg kriegt Recht. Er 
geht an’s Reichsgericht. Das spricht ihm Ottilie zu und ich 
muss die Kosten tragen. Wie das noch endet, weiss ich 
nicht. Mir steht der Verstand still.“ 
„Das merke ich. Warum legst Du dem Vetter den Fall 
nicht vor ?“ — „Der hat Ferien und will sich amusiren.“ — 
„Wer sagt denn, dass er sich nicht darüber amusirt?“ —- 
Es kam mir eine Erleuchtung. Die Vorsehung will es, 
warum hat sie uns sonst einen Amtsrichter in die Verwandt 
schaft gebracht.'' 
Mir wurde licht und froh im Sinn, gerade so als wenn 
man sich in fremder Umgebung verlaufen hat und sieht 
plötzlich ein Wirthshaus. Wir eilten den anderen nach, 
die die Hospital - Einrichtung des Tropenhauses in Augen 
schein nahmen. 
Bei all dem Obst und den Fieberlüften, den Ameisen und 
Gewürmen und Kämpfen können Krankheiten nicht aus 
bleiben und da ist denn der „Deutsche Frauen-Verein für 
Krankenpflege in den Kolonieen“, der in wunderbarer Weise 
für die Siechen in dem fernen Land sorgt, wo nichts zu haben 
ist, was Leidende benöthigen. Wie es in den Kolonieen zu 
geht und wie die Frauen hier nun thätig sind, das erfährt 
man aus der Vereinsschrift „Unter dem Rothen Kreuz“, die 
ich sofort bestelle. 0, wie viel können wir da wirken für un 
sere Landsleute und für die Schwarzen. Güte und Liebe 
bindf t fester als Gewalt. — Wer Näheres wissen will, schreibe 
an Frl. Clara Müseier, W„ Lützowstr. 84a; an Arbeitsgebiet 
fehlt es nicht. Mit der Emancipation hat es ja auch noch 
Zeit und ein halbes Dutzend Wischtücher für das Lazaretl* 
in Kamerun ist schliesslich mehr werth im Sinne der Hu 
manität, als wenn eine griechisch decliniren kann, wofür sie 
nach der Verheirathung noch weniger Verwendung hat als 
vorher. Und (s fragt sich, ob der Mann gerade glücklich ist, 
der Griechisch versteht, wie beispielsweise der alte Krause. 
Auf dem Liebesgaben-Tische hatte Erika einen mit Kerzen 
geschmückten Tannenbaum entdeckt. Er stand gross und 
breit zwischen den anderen Sachen, aber er war uns nicht auf 
gefallen, da wir ihn für putzende Grünigkeit hielten. Der 
Baum war ein künstlicher aus Gedrath und grünen Stoff 
nadelzweigen, täuscht nd wie eine Tanne aus dem Walde,. Es 
war ein zweiter solcher Baum vorhanden, eng in eine Blech 
büchse verpackt, nicht grösser als ein einigermaassener Re 
genschirm, dass er, sicher verlöthet, bis mitten in Afrika hi 
nein versandt werden und überall um die Weihnachtszeit 
fast zwei Meter hoch aufgebaut werden kann, wo Deutsche 
weilen, die sich vergebens nach der Tanne sehnen, weil sie 
dort nicht wächst. Und ein Fläschchen ist dabei mit Tannen 
duft. Der wird auf den Baum gesprengt. Die Lichter 
brennen, Goldfrüchte hängen daran und in der Spitze schwebt 
der Engel mit dem Stern. Dann ist Weihnacht, deutsche 
Weihnacht. Die Fremden und die Wilden sehen das und 
fragen, was es bedeutet? „Deutsche Sitte“, wird ihnen ge 
sagt. „Kommt und feiert mit uns das Fest der Liebe.“ 
Wenn wir Erika nicht bei uns gehabt hätten, wir wären 
achtlos vorüber gegangen. Sie aber sah und fragte und uns 
wurde Bescheid. Onkel Fritz schrieb sich den Verfertiger 
auf, er heisst C. Nicolai Söhne und wohnt in Hamburg. On 
kel Fritz will überseeischen Geschäftsfreunden solche Tan 
nenbäume verehren. Er weiss, was er thut. Wir erlebten 
darauf im Freien den Aufzug der Afrikaleute. Es muss 
wohl so sein und sie sind wohl auch derselben Meinung. 
Männer, Weiber, Kinder schritten daher und machten ihre 
Musik dazu, die mir klang wie orientalische Musik überhaupt 
Die ist als wenn Teppiche ausgeklopft werden und einer lernt 
Clarinette dazu. 
„Nu, Schwager P“ fragte Onkel Fritz. „Wie gefallen 
Dir die Kolonialbrüder und Schwestern?“ — „Garnicht, H 
sagte mein Karl, „was haben wir von ihnen?“ 
„Sieh doch nur genau hin, mich dünkt, die Strümpfe, 
die ihnen an den Stellen herunterhängen, wo sonst die Waden 
sitzen, könnten aus Deiner Fabrik stammen.“ — Mein Karl 
prüfte. „Es sind von meinen halbwollenen,“ sagte er, „die 
rothblaue Borde ist ein Versuch, der nicht recht einschlug. — 
Das ist eben der Segen der Kolonieen, mein Junge: Die Wil 
den sind hundert Meilen hinter Leipzigerstrassengeschmack 
zurück.“ — „Ganz zu verwerfen sind Kolonieen noch am Ende 
nicht,“ erwiderte mein Mann. „Karl“, sagte ich und wies 
auf einen besonders schlampigen Neger, „wenn alle so mit 
den Wollwaaren umgehen, wie der lange Lulei, kann der Ab 
satz klobig werden. Der hat schon alle fünf Zehen durch 
gestochen.“ Seit dieser Beobachtung ist mein Karl für Afrika. 
Von Sansibar begaben wir uns nach Kairo. Als mein 
Karl und ich es zum ersten Male besuchten, genossen wir
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.