Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Berliner Lokal-Anzeiger»
Der Pavillon dos „Berliner Lokal-Anzeiger“ stellt in unmittel
barer Nabe des Hauptgebäudes und fällt durch seine grossen
Dimensionen, seinen hohen Kuppelbau und die gewaltigen Figuren
gruppen, welche
das Gesims
und die Kuppel
schmücken, auf.
Geht man die
Freitreppe zum
Hauptportal hin
auf, so gelangt
man sofort in das
Mittelgeschoss,
und zwar zu
nächst in den
Depeschen-
Saal. Hier sind
an den für diesen
Zweck besonders
hergerichteten
Wandflächen
die wichtigsten
Depeschen aus
allen Theilen der
Welt, die im
Laufe des Tages
bei der Redaction
des „Berliner
Lokal -Anzeiger“
eingehen, ange
heftet. Neben diesen Nachrichten sieht man Original-Bilder
von allen wichtigen Ereignissen der letzten Tage, Portraits von
Personen, mit denen sich die Oeffentlichkeit gerade beschäftigt, Renn
berichte, Börsennachrichten, die selbst noch in später Abendstunde
angeschlagen und damit dem Publikum zugänglich gemacht werden.
Ein breiter Wandelgang führt im ganzen Gebäude um alle
Arbeitsräume herum, in welchen die gesummte Herstellung einer
grossen Tageszeitung — wenigstens im Kleinen — veranschaulicht
wird. Wenden wir uns beim Verlassen des Depeschensaals nach links,
so gelangen wir am Arbeitsraum des Expedienten vorbei zum
Setzersaal. Dort sehen wir Gegenwart und Zukunft der Setzerei
nebeneinander gestellt. Während in dem einen Raum nach der
jetzt noch allgemein geübten Praxis Setzer mit der Hand die
einzelnen Buchstaben zu Worten und Zeilen vereinigen, arbeiten
dicht daneben Linotype-Setzmaschinen. Diese Setzmaschinen gelten
als die besten und brauchbarsten sämmtlicher bisher erfundenen
Maschinen dieser Art und sind in Amerika und England bereits
allgemein im Gebrauch. Auf diesen Maschinen arbeitet der Setzer wie
auf einer Schreibmaschine. Durch jeden Druck auf eine Taste löst sich
eine Buchstabenform, eine sogenannte „Matrize“ aus, die sich mit den
anderen Formen zu einer Zeile vereinigt. Sobald die Zeile voll ist,
hebt sie sich selbstthätig aus, wird durch Transporthebel nach einem
anderen Theil der Maschine gehoben, wo geschmolzenes Blei ebenso
selbstthätig in die Matrizen eindringt, dergestalt, dass eine in
Blei gegossene Satzzeile entsteht. Die Matrizen wandern alsdann
sofort wieder zurück zu ihren Magazinen, wo sie genau in ihr Fach
fallen. Am anderen Ende des Setzersaales, unmittelbar an der Wand
des Depeschen
saales, finden wir
den Platz des
„Metteurs“ und
der Correctoren.
Der Metteur, der
aus den einzel
nen Theilen des
Satzes Spalten
und Seiten der
Zeitung nach
Vorschrift der
Redaction zu
sammensetzt,
lässt die auf
diese Weise ent
standenen „For
men“ in den
anstossendeu
Raum der Ste
reotypie ge
langen. Hier wer
den von dem Satz
mittels präparir-
ter Papierblätter,
die zu Lagen
übereinander ge
schichtet und mit Bürsten festgeklopft werden, Matrizen ganzer Seiten ge
wonnen. Diese werden in Gussvorrichtungen gebracht, und wir sehen, wie
in wenigen Minuten eine halbkreisförmige Blei-Platte, enthaltend zwei
ganze Seiten Satz, entsteht. Wir können verfolgen, wie diese gebogene
Platte noch rasch mit Hobel und Stichel bearbeitet und zurecht ge
macht wird. Dann sehen wir sie nach dem anstossenden Raume, der
Druckerei, wandern, wo zwei mächtige Augsburger Zwillings-Rotations-
masehinen aufgestellt sind. Je vier dieser halbkreisförmigen Platten
werden auf einen Druckcylinder gebracht, der elektrische Strom treibt die
Maschinen, und vor unseren Augen beginnt der Druck. Sechsund
neunzigtausend gefalzte Bogen liefern die Maschinen in einer Stunde.
Das Erdgeschoss mit seinen grossen Lagern von mächtigen Papier
rollen, mit seiner Buchbinderei und den elektrischen Maschinen ist
dem Publikum nicht zugänglich. Die im oberen Stockwerk befind
lichen Räumlichkeiten der Redaction sind durch einen directcn
Telephon-Draht mit der Hauptexpedition in der Zimmerstrasse ver
bunden. Wichtige Nachrichten, welche bei der Redaction des
„Berliner Lokal-Anzeiger“ eingehen, werden sofort zur Ausstellung
tclephonirt und den Besuchern wenige Minuten später durch Special-
Ausgaben und Extrablätter übermittelt. Jedes wichtige Ereigniss, wo
auch immer cs sich zutragen mag, wird den Ausstellungsbesuchern daher
durch den „BerlinerLokal-Anzeiger“ in kürzester Frist bekannt gemacht.
Ein Vertreter des Verlags ist jederzeit im Pavillon anwesend, um
dem Publikum alle gewünschten Auskünfte und Erklärungen zu geben.
Ausser den ebenfalls in meinem Verlage täglich erscheinenden „Offieiellen Ausstellungs-Nachrichten“, der einzigen auf dem Ausstellungs-Complex
berechtigten amtlichen Ausstellung-Zeitung, welche allein sämmtliche officiellcn Tages-Programme der Ausstellung enthält, werden
dort verschiedene Ausgaben des „Berliner Lokal-Anzeiger“ erscheinen und im Pavillon zu bestimmten Tageszeiten gedruckt werden.
August Scherl•
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