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Periodical volume Nr. 155, 19. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
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die Volks wirthschaft beruht. Selbst die Miesmuschel verdiene 
eine grössere Verbreitung in Deutschland, als es bisher ge 
schehen, und man möge Holland und Belgien in diesem Falle 
als mustergiltiges Vorbild ansehen, wo dieses Schal thier längst 
zu den beliebtesten Volksnahrungsmitteln gehört. Der Vor 
tragende richtet einen warmen Appell an alle, welchen die 
Hebung der Fischerei am Herzen liegt, auch nach dieser R ich 
tung hin thätig zu sein. 
Endlich könne auch die Sprotte und der junge Häring 
noch mancherlei andere Verwendung finden, so wie es in an 
deren Ländern ebenfalls schon lange geschehen. So seien 
z. B. Fonserven und Fischwurst ein sehr enipfehlenswerthes 
Nahrungsmittel, das leicht und billig herzustellen sei. 
Mithin — so etwa schloss der Vortragende seine inhalt 
reichen und mit lebhaftem Beifall, namentlich auch seitens 
der seetüchtigen und wetterfesten Berufsfischer aufgenomme 
nen Ausführungen — liegt noch auf dem Gebiet der Nord- 
seefischerei ein grosses Arbeitsfeld vor uns. Hoffen wir, dass 
auch die gegenwärtige Ausstellung in jeder Weise dazu bei 
trägt, dieses Ziel zu erreichen zum Vortheil der grossen deut 
schen Fischerbevölkerung, aber auch zum Segen der grossen 
Allgemeinheit, für welche die erfolgreiche Lösung dieser 
Frage von nicht zu unterschätzender volkswirtschaftlicher 
Bedeutung wäre. P. Kz. 
IÜÜ3 
Der Arbeits-Ausschuss hat beschlossen für Schüler, 
Militairpersonen vom Unterofficier abwärts, Arbeiter und Angestellte, 
sowie die Angehörigen derselben, welche unter Führung der Lehrer, 
Vorgesetzten u. s. w. in geschlossenem Zuge die Ausstellung be 
suchen wollen, den Eintrittspreis auf 25 Pfennige zu er- 
mässigen, jedoch nur an solchen Tagen, an welchen derselbe 
nicht mehr als 50 Pfennige beträgt. Der Besuchstag ist seitens 
der Lehrer, Vorgesetzten und Principale mit dem Arbeits-Ausschuss 
zu vereinbaren. 
V 
Vom Festzug. Der heutige combinirte Marktag 
bringt — unter der Voraussetzung guten Wetters — auch den 
combinirten Festzug aller Bewohner der Kolonial-Ausstellung, 
Kairo und des Festzuges von Alt-Berlin einschliesslich der in dem 
selben mitgeführten Thiere. Herr Karl Hagenbcek aus dem Ver 
gnügungspark hat sich freundlichst bereit gefunden, für die Kara 
wane aus Kairo auch noch einige seiner schönsten Exemplare her 
zuleihen. Der Festzug beginnt um 4'/ 2 Uhr, nimmt seinen 
Ausgang von der Kolonial-Ausstellung und wird das ganze weite 
Gebiet des Ausstellungsgeßindes durchziehen. 
9 
Von der Lotterie. Der Minister des Innern hat seine 
Genehmigung dazu ertheilt, dass die Ausspielungen der Lotterie, für 
welche nach den Bestimmungen des I/rttericplanes die erste Hälfte 
des August und die zweite Hälfte des September in Aussicht genommen 
wurde, bis zum 1. December stattfinden. Dieses Entgegenkommen 
gestattet die Veranstaltung weiterer Lotterie-Serien. 
S 
Dedications-Exemplare. Der Kaiserin und Königin 
Auguste Victoria gewidmet ist ein Werk, welches soeben er 
schienen und auf dem Ausstellungs-Stande der Hände & 
Spoiler’sehen Buchhandlung in Gruppe VIII zur Auslage ge 
bracht ist. Es handelt sich um eine in vornehmster Form 
ausgestattete Uebersetzung der Gedichte des berühmten 
Malers und Bildhauers Michelangelo. Die Kaiserin hat ge 
ruht, die Widmung dieser Uebersetzung anzunehmen. An 
derselben Stelle ist auch die Prachtausgabe von Büchmann’s 
„Geflügelten Worten” ausgestellt, deren Widmung der 
Deutsche Kaiser Wilhelm II. angenommen hat. 
9 
Neben dem Philharmonischen Blas-Orchester 
(Kapellmeister Gustav Baumann) concertiren in der nächsten Woche 
am Neuen See folgende Militair-Kapellen: 21. September, Musik 
corps des Eisenbahn-Regiments, Musikdirector Lebede; 22. und 
23. September Trompetercorps des 2 Garde-Dragoner-Regiments, 
Musikdirigent A. Rosin; 24. September, Trompetercorps des 2, 
Garde-Ulanen-Regiments, Musikdirigent E. Neese. 
9 
Ein Boot aus Delta-Metall. Ein sehr interessantes 
Ausstellungs-Object, das allerdings nur wenige Tage hier bleiben 
wird, traf heute liier ein, ein zehnpferdiges Petroleummotor - Boot, 
das von Hamburg kommend bei der Fischerei-Ausstellung anlegte 
und von den Mitgliedern des deutschen Seefischerei-Vereins, denen 
Herr Capitain Weihe als Führer diente, mit grossem Interesse in 
Augenschein genommen wurde. Das Boot ist von dem bekannten 
Werftbesitzer Pohl (Köln) ganz aus Delta-Metall erbaut und wird 
mittels Drehflügelsehraube getrieben, deren Erfinder Herr Capitain 
Weihe ist. Construction und Material des Bootes, das vierzig 
Personen lasst, haben sich während seiner letzten grossen Fahrt, 
die sich auch auf die See ausdehnte, selbst bei hohem Seegang, 
wo es noch 8—8'/ 2 Knoten lief, vorzüglich bewährt. 
9 
Die Heilsarmee im Harem. Die tapferen Streite- 
rinnen des General Booth gehören zu den täglichen Gästen 
der Gewerbe-Ausstellung. Wie in den Pestaurationslokalcn 
der Stadt, so auch in denen der Ausstellung sieht man die 
schüchtgf kleideten blassen Frauen mit dem charakteristisch, 
geschmacklosen. Strohhut sich zwischen den Tischen durch 
winden, an denen die weltlichen Sünder prassen, ohne au die 
Strafe im. Jenseit zu denken. Das Publikum ist diese sel- 
samen Gäste, die mit leiser sanfter Stimme die neueste Num 
mer des „Kriegsruf“ anbieten, schon so gewöhnt, dass es ihnen 
nicht viel Aufmerksamkeit schenkt; der eine oder andere 
kauft — meist aus Mitleid — das Blatt, das stets die haar 
sträubendsten Wunderberichte enthält, hie und da leistet sich) 
ein besonders Uebermüthigt r einen frivolen Scherz, der im 
Hinblick auf die aufrichtige, opfermüthige Gesinnung dieser 
Frauen recht pöbelhaft trscheint. 
Manchesmal aber liegt in dem Erscheinen der Heil 
botinnen eine unwiderstehliche Komik. So gestern Abend 
im Harem oder arabischen Labyrinth des Vergnügungsparkes. 
Ein lustiges Völkchen sass bei türkischem Mocca oder Sorbet 
an den niedrigen, Kurssi genannten, Tischchen; einer der 
Araber spielte mit schwärmerischem Gesichtsausdruck die 
Geige, ein anderer schlug die Darabuke, und die schöne Fatme 
wand sich in lieblichen Drehungen durch die Tische — da 
kam von der anderen Seite aus den Irrgängen des Labyrinthes 
plötzlich eine der Heilsverkünderinnen, und alsbald standen 
sich die arabische Tänzerin und die englische Heilige gegen 
über, ohne einander ausweichen zu können. Es war ein eigen 
artiges Bild, das sich kaum ein zweites Mal in d< r Welt 
auf gleiche Weise .wiederholen dürfte. Die allgemeine Auf 
merksamkeit lenkte sich alsbald dem blassen Mädchen zu, 
das in dem Eifer für ihre Sendung nach Erlag von fünfzig 
Pfennigen sich durch die Irrgänge des Labyrinths durch 
gemüht hatte, und bald lag auf jedem der bunten Harems 
tischchen eine gekaufte Nummer des frommen Blattes. —- 
Welch’ dankbarer Vorwurf für einen modernen Maler liegt 
in solch einer Scene ! Und wie anziehend wäre die Aufgabe 
für einen Sittenschilderer, die so unendlich verschiedenen Ge 
müther dieser beiden weiblichen Wesen zu ergründen 1 —-! 
„Und es durchweht mich plötzlich ein Erkennen, wie unge 
heure Weiten Menschen trennen!“ — 
9 
„Nur ein Viertelfltündchen“. Jeder Vater und jede 
Mutter, deren Töchter schon befähigt sind, die Familienfeste 
durch kleine Handarbeiten zu verschönen, kennt die niedliche 
Schlummerrolle oder das weiche Sophakissen mit der obigen 
Inschrift. „Nur ein Viertelstündchen“ soll es dazu dienen, 
in einem stillen Winkel auf ihm auszuruhen von des Tages 
Last und Arbeit. „Nur ein Viertelstündchen“ denken auch 
Viele, von denen, die den Tag über in der Ausstellung be 
schäftigt sind oder die vom langen Umherlaufen ermüdet;
	        
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