Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten.
Gesellschaft „Stern", für Noblling und Tißmcr eingerichtet. Das
Kömgliche Polizei-Präsidium widmet dem bevorstehenden außerordentlich
großen Schiffsverkehr auf der Oberspree während der Gewerbe-Aus
stellung besondere Vorsorge. Für die großen Dampfer, ivelche un
bedingt die Mitte des Stromes einhalten müssen, soll die Fahrstraße
völlig frei bleiben. Zillen und kleine Privntdampfer dürfen nur unter
Einhaltung der Bestimmung des RcchtSfahrens den Wasserlauf
benutzen; das Herumfahren von Gondeln und kleinen Booten vor
der Ausstellung ist verboten. Derartige Fahrzeuge dürfen an dieser
stelle nur das gegenüberliegende Ufer der Spree passiven. Diese be
sonderen Bestinunungen für den Schiffsverkehr find durchaus noth
wendig, soll nicht jeder Tag der Ausstellungszeit ein größeres Unglück
auf der Oberspree bringen. Sehr anzuerkennen ist es, daß auch der
Magistrat von Berlin sich mit den Staatsbehörden in's Einvernehmen
gesetzt hat, um eine elektrische Beleuchtung der Ober
spree von der Jan no witzbrücke bis z u in A u § st e l l u n g s-
p a r k einzuführen. Tie Verwirklichung dieses Projektes würde entschieden
die Sicherheit des außerordentlich großen Schiffsverkehrs gewährleisten.
Innerhalb der A u s st e l l u n g rvird von der Firma Ge
brüder Naglo eine elektrische Bahn errichtet, welche zehn
Stationen hak. Die erste derselben befindet sich südlich von der
Treptower Chaussee, gleich hinter dem Haupteingang. Die zweite
Station liegt nördlich von der Treptower Chaussee an dem Wege, der
zu dem Gebäude für Fischerei und Sport führt. Die dritte liegt
in der Nähe der Maschinengebäude der Untergrundbahn, die
vierte nordöstlich vom Neuen See in der Nähe der Marine-Schau
spiele. Die fünfte liegt in der Nähe des Theaters Alt-Berlin und der
Spccialausstellung Alt-Berlin. Die sechste kommt für die Besucher dos
Vergnügungsparkes in Betracht, die siebente für die Besucher der
Colonialausstellung und der Specialausstellung Kairo. Von dieser
Station ist auch durch einen Weg östlich von Kairo der Ausstellungs-
Bahnhof leicht zu erreichen. Die achte Station liegt zwischen dem
Hauptgebäude und dem Gebäude für Wohlfahrt und Erziehung; die
neunte an der Südivcslecke des Hauptgebäudes; die zehnte endlich hinter
dem Kesselhaus. Diese elektrische Bahn, die wegen der weiten Ent
fernung der AuZsielluiigsgebäude von einander durchaus nothwendig ist,
wird Minutenverkehr haben und für den Normalpreis von 10 Pfg. die
Passagiere befördern. Sie ist in ihrer ganzen Ausdehnung rechts und
links eingezäunt. Da, wo sie die Hauptwege kreuzt, find Ueberbrückungen
für den Fußgängerverkehr hergestellt.
Tie Stufenbah», die zwischen dem Vergnügungspark und dem
östlichen Theil des Haupt-Ausstellungs-Terrains errichtet werden soll, wird
niehr Ausstellungsobject als Verkehrsmittel sein. Ihre Ausführung
scheint nunmehr in der That gesichert.
Es sind demgemäß von allen maßgebenden Factoren Vorbereitungen
getroffen, um selbst den kolossalsten Verkehr nach der Ausstellung und
innerhalb derselben zu bewältigen.
Im Damenheim.
„Das ist hart!" werden die Ehemänner sagen; „das ist süß,
entzückend, herrlich!" werden die Damen zwischen acht und
90 Jahren sagen. „Dainciiheim!" nennen cs die Veranstalter.
Zur Sache!
Im Mittelgange des Haupt-Ausstellungsgebäudes, dort, tvo
cs nach rechts und links in die Seitentractc hinausgeht, in
denen sich die Ansstellung der Gruppe II tBctlcidnngs-Jndnstric)
befindet, erhebt sich ein unschuldiger, kleiner Pavillon von 25 Meter
Länge, 15 Meter Breite und zwei Stockwerken Höhe. Hoffackcr
hat ihn cnttvorfen und ausgcsührt. In dein unteren Stockwerk
dieses Pavillons befindet sich die „Historische Trachten-Aus
stellung", bestehend ans 120 lebensgroßen Figuren, in der oberen
Etage aber ist das „Damcnhciin" untergebracht.
Wir steigen eine tcppichbclcgte, von der Firma Hcrrinann
Gerson mit verschwenderischer Pracht dccorirtc Treppe hinauf
und stehen in einem Bazar!
„Meine werthen Damen, hier sehen Sie ctivas sehr
Originelles! Hier sind 150 Rcisekleider ausgestellt, von denen
jedes 20 Mark kostet! 20 der größten Berliner Confections-
Gcschäftc sind hier in einen eigenartigen Wettbewerb getreten; sie
zeigen, tvas man für 20 Mark liefern kann. Bitte recht sehr,
die Sache ist durchaus reell. Diese 20 Firme» — cs sind die
ersten Berlins — sind verpflichtet, für den Preis von 20 Mark
genau nach ausgestellter Probe die bestellten Kleider zu
liefern. Bitte, wenden Sic sich mir an eine der „dienst-
habciidcil" Damen und geben Sie ihr einen Auftrag; derselbe wird
von dem ausstellenden Berliner Geschäft prompt und nach
Probe sofort ausgcsührt. Wenn Sie, meine Damen, sich in zwei
Wochen wieder hierher bemühen wollen, werden Sic 200 bis
300 Hute finden, tvicdcr in verschiedensten Formen und von
20 anderen Firmen ansgestellt. Sie finden überhaupt jede Woche
etwas Neues, vielmehr das Atterncilcstc, ivas die Mode iin letzten
Monat in ihrer Launenhaftigkeit erzeugt hat. In den 20 Kojen »nd
Doppelkvjen, die den Lichthos des Erdgeschosses ans drei Seiten um
geben, finden Sie abwechselnd in der ersten Woche jedes Aus-
stellungSmonats Mäntel, Jagnets unb Capes, in der ztveitcn
Woche jedes AnSstcllungsmonats Costüme, in der dritten Woche
Kindcrgardcrobc, in der vierten Putz und Wcißwaaren-Confcetivil
d. h. Blousen, Jupons, Morgenröcke u s. w. In den
1,75 Meter breiten Gängen, zu deren Rechten und Linke» sich
die Kojen befinden, drängt sich das prüfende Pnbliknm, zumeist
ans Damcir bestehend; aber auch zahlreiche Detaillisten ans der
Provinz sind hier, um Studien zn machen. Einkäufer der großen
Confeetionsgeschäfte des In- und Auslandes sind gekommen, um
sich über die neueste Mode zn vricntircn. Haben Sie hier oben die
Special-Ausstellung dnrchninstcrt, so werfen Sie einen Blick hinab in
den Lichthof, wo die Finna Gerson die Mode von 1896 in einer
großen Figurcngrnppe „verkörpert" hat. Blicken Sie hinab in den
Mittclgang des HanptauSstclliingsgcbäudcs, so sehen Sie auf der
einen Seite die Pavillons der Firmen Rudolph Hcrtzog und
Heinrich Jordan, ans der anderen Seite die Pavillons der Firmen
Gerson und S. Rosenthal. Sind Sic ermüdet, so finden Sie an
der vierten Seite des Lichthofes, um den herum das „Damen
heim" arrangirt ist, eine Conditvrei, in welcher alle Moden-
jonrnale der Wett ausgelegt sind!" — „Nun zu Ihnen, meine
werthen Herren Ehemänner, die Sie mit süß-saurer Miene an
die pccuniaircil Folgen des Besuches im „Damcnhciin" denken.
Der „Erfinder" dieser Speciatansstellung ist Herr Mpritz Bacher
von der Firma Bacher & Leon. Dieser Herr veranstaltet auch
auf eigene Kosten die historische Trachten-Ausstellung im Erd
geschoß des Pavillons. Er stellt selbst nicht aus; als Vor
sitzender der Gruppe II aber wollte er eine „a.'traction ersten
Ranges" (so sagt man ja wohl deutsch) schaffen. Die Plätze an
die ausstellenden Firmen im „Damcnhciin". vermiethet für die
ganze Dauer der Ausstellung der Arbeits-Ausschuß, der den
Platz für den Bau des Pavillons gratis hergegeben hat. —-
Nun, meine werthen Herren Ehemänner, dieses „Damenheim"
hat auch für Sic einen praktischen Werth. Sic können die Damen,
mit benot Sie in die Ausstellung kommen, hier stundenlang
allein lassen — wie, was? welcher Nichtswürdige sprach da
eben das Wort „versetzen" ans? — und sich dann mit
den Damen bequem in der Conditorci des „Damenhcim" wieder
treffen. Der Ehemann hat ja wohl ein leicht erklärliches Interesse
daran, einmal eine Stunde allein durch die Ausstellung zu wandern.
„Es ist ja gar nicht nöthig, daß er dabei ans Abwege gcräth, er
muß nicht gleich eine Stndicnsahrt durch die Restaurants machen
oder nach der Spceialausstcllung „Kairo" hinübcrgehcn, um dort
in die Glnthangcn einer Araberin zu blicken! Nein, Nein! Aber
er ist vielleicht Fachmann und will eine Grrippe genau besichtigen,
die sehr wichtig für ihn ist und für die sich die Frau Gemahlin
absolut nicht intcrcssirt.
Man lasse die Gattin also im „Damenhcim", aber bleibe
nicht zn lange fort, sonst wird die Sache immer kostspieliger durch
die Bestellungen, die in der Zwischenzeit von der Dame gemacht
werde»! Ucberhanpt, Ihr Ehemänner, wenn Ihr mit Damen
nach dem „Damenhcim" gehet — „thuet Geld in Euren Beutel!"
Das Kaiserschiff.
Die Ausstellung wird auch in ihrem Vergniigungstheil viel
Belehrendes bieten, das gehört zn ihren großen Vorzügen und
kennzeichnet zugleich den Charakter, der nach Möglichkeit bei den
meisten der für die klnterhaltiing bestimmten Veranstaltungen ge
wahrt werden soll. Gar manche Unternehmung, die anscheinend
abseits von Zweck und Raum der eigentlichen Ausstellung liegt
und vom Rahmen des Vergnügens umkleidet ist, hat eine mehr
als unterhaltende, hat eine belehrende Tendenz, die den Laien
über Gebiete aufstören wird, welche außerhalb seines An-
schaunngskreises liegen und doch die allgemeinste Bedeutung
haben. Ein nicht zn unterschätzender Vortheil des Ausstellungs-
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