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Periodical volume Nr. 151, 15. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
Togo bestätigte ausserdem, dass man den Schluss des alten 
und den Anfang des neuen Jahres festlich begehen wolle,. Wer 
gegen acht Uhr Abends in die Tembe trat, dem bot sich ein. 
sonderbarer Anblich. Auf dem grossen Kochplatze loderten 
sechs bis acht helle Feuer, um die in theils malerischen, theils 
weniger malerischen Stellungen die Weiber und Knaben die 
Vorbereitungen zum Essen trafen. Die Kessel mit Wasser 
standen auf dem brennenden Holze ; ab und zu ergriff eine der 
schwarzen Dansen den heissen Topf mit blossen Fingern; 
und goss von deut kochenden Wasser in ein zweites Gefäss. 
Ändere zerdrückten Maiskörner oder Zwiebeln oder auch 
allerlei Gewürz auf den Steinen und warfen die breiige Masse 
in die Töpfe, in denen hier Reis, dort Fleisch gekocht wurde. 
Auch Hühner wurden an Holzstöcken über dem Feuer ge 
braten, ein Anblick, der meinen Appetit nach der leckeren 
Speise durchaus nicht reizte, zumal die Köchinnen mitunter 
aus ihren kleinen, niedlichen Handeln n Wasser auf den Bra 
ten träufeln liessen. In dem Wohnraum der Togo kauerten, 
Sassen und lagt n die Männer und trieben bei reichlichem Ge 
nuss von Bier allerlei Scherze, in die sich auch Gesang und 
Instrumentalmusik, Harmonika, Mundharmonika und Blech- 
pfeife mischte. Endlich trug das Küchenpt rsonal die Spei 
sen auf und schnell wurden die schmackhaften. 
Gerichte von den hungrigen Negern verzehrt. Dann 
erst begann die eigentliche Neujahrsfeu r , ein 
•wahrer Hexensabbat, eine Walpurgisnacht, wie man sie sich; 
toller kaum denken kann. Ein fortwährendes Trommeln, 
das melodische Geheul einiger besonders festlich gestimmter 
Burschen rief die Neger in’s Freie, und zwischen den lodern 
den Feuern wurde nun getanzt, d. h. getrippelt, gehüpft, und 
gesprungen; dazu ein Gesang, der lebhaft an das Heulen 
wilder Thiere erinnert. Ein Vorsänger singt wenige Takte, 
dann brüllt die ganze Horde die Fortsetzung, des „Tanz 
liedes“. Immer toller, immer wilder wird das Treiben. Der 
Eine drehte sich wie besessen auf dem Fh ck herum und 
stösst dabei unartikulirfe Schreie aus, zwei oder drei der 
schwarzen Gestalten springen aufeinander zu, als wollten 
sie einander die Köpfe zerschmettern, gleich darauf ordnet 
sich die ganze Truppe in zwei und zwei Glieder, die wie feind 
liche Teufel gegeneinander losgehen, zurückweichen, mit den 
Händen und Füssen fortwährend in zappeliger Bewegung. 
Der Schaum tritt den Tänzern vor den Mund, der Schweiss 
bricht aus jeder Pore. — Der Fanatismus macht sie für Alles 
unempfindlich. Endlich, macht ein neues Trommelsignal 
dem Tanz ein Ende. Nun aber mussten Alle schnell das 
warme Gemach aufsuchen, um die erhitzten Körper vor der 
Nachtluft zu schützen. Sie hüllten sich in warme Decken, 
und bald sank Einer nach dem Anderen auf sein Lager und 
schlief, ermattet von dem „schonen Tanze“, ein. 
V 
Fleissige Frauenhände! Man kann die Ausstellung 
noch so oft durchwandern, immer wird man die meisten der 
jungen Mädchen, die als Repräsentantinnen oder Verkäufe 
rinnen vor den Schränken, in den Kojen oder an den Schaltern 
sitzen, mit einer Handarbeit beschäftigt sehen,. Von Morgens 
an bis zum Schluss der Ausstellungsräume führen sie emsig 
die Stick- oder Häkelnadel. Schier unheimlich gross müssen 
die Vorräthe sein, die sie zusammenarbeiten, und man fragt, 
sich unwillkürlich, was mit den unzähligen Decken in Platt 
sticharbeit oder mit denen, die mit „Zwiebelmusterstickerei“ 
verziert sind, geschieht, wozu diese meterlangen gehäkelten 
Streifen dienen, die auf dem Schoos der emsigen Arbeiterin 
nen ruhen und von Stunde zu Stunde an Ausdehnung zu 
nehmen. Wagt man es — in bescheidener Weise selbstver 
ständlich — sich bei den jungen Damen darnach zu erkundi 
gen, so erhält man die verschiedensten Auskünfte. Die Einen 
arbeiten aus langer Weile, ihnen ist es gleichgiltig, ob die Er 
zeugnisse ihrer Handfertigkeit einen bleibenden Werth be 
sitzen, sie trennen unter Umständen in fünf Minuten das 
wieder auf, woran sie acht Tage gearbeitet, und beginnen das 
augenanstrengende Werk von Neuem — um die Langeweile 
zu todten. Andere — und diese tragen zumeist einen schma 
len Goldreif an der linken Hand — arbeiten mit Leiden 
schaftlichkeit, und ihre Vorräthe an Decken und Häkeleien 
haben praktische Formen, man sieht, es ihnen an, dass sie 
für die Wirthschaft verwendet werden sollen — für ihre 
eigene Wirthschaft natürlich, deren recht baldige Etabliruug 
sie sehnsüchtig herbeiwünschen. Es träumt sich so schön 
bei diesen Handarbeiten, jeder Nadelstich, und jedes neu er 
standene Muster zaubert Bilder der Zukunft vor das geistige 
Auge der Verfertigerin, sie sieht die Möbel in ihrem zu 
künftigen Heim, welche die Decken zieren sollen, die Wäsche 
und die Gardinen, deren Schmuck die Häkeleien sein werden, 
sie sieht, sich selbst in diesem Heim als sorgende Hausfrau — 
als Gattin. — Und mit rastlosem Fleisse arbeitet sie, still, 
sinnig vor sich hinlächelnd — der Ausstellung mit ihrem 
nervenaufregenden Getriebe weit entrückt. Und wieder 
Andere lassen auch die Nadel flink durch den Cauevas eilen, 
auch sie geizen mit der Zeit und jede Minute ist ihnen kost 
bar, ihre Wangen sind bleich, ihre Augen leicht gerathet, 
ein Zeichen, dass sie auch arbeiten, wenn ihr Dienst in der 
Ausstellung zu Ende. Gilt es ja bei ihnen, Geld zu verdie 
nen, um ihre Angehörigen daheim zu unterstützen. Ihre 
Arbeiten wandern in die Tapisseriegeschäfte und allwöchent 
lich erhalten sie einen kleinen Nebenverdif nst dafür — klein 
als Summe — aber oft gross genug, um das häusliche Elend 
zu mildern und ihren alten Eltern Unterstützung zu ge 
währen, da das niedrige Gehalt nicht ausreicht! — Wie sagt 
doch der Berliner? — „Es giebt so'ne und .solche !“ 
Der Skat in der Ausstellung. „Wenn zwei ver 
nünftige Menschen in Deutschland zusammen kommen — 
gründen sie einen Verein, und wenn es ihrer drei sind — 
spielen sie Skat.“ Ein ebenso altes, wie wahres Wort! Der 
die Ausstellung durchwandernde Besucher wird allerdings 
auf dem gewöhnlichen Rundgange wohl kaum eine Skat 
partie entdecken, aber das will nichts sagen — Skat wird 
meist an einem verborgenen, stillen Plätzchen gespielt —- 
nein „gedroschen“, oder noch richtiger nach der Altenburger 
Schule „gekloppt.“ — Ruhe müssen die Skatspieler haben, 
und dort, wo sich der Strom der Besucher vorbeiwälzt, giebt's 
keine Ruhe, dafür gäbe es eine Unzahl „Kiebitze“ — eine 
gefürchtete Sorte Mitbürger — und daher hat sich der Skat 
in der Ausstellung in geheimnissvolle Winkel zurückgezogen. 
Selten nur kommt ein Fremdling in die Nähe jener Reiche, 
wo die vier Jungen herrschen, und meistens ist cs dann einer 
von denen, „die es nie lernen und dann noch höchst unvoll 
kommen“ — und die machen sich schleunigst aus dem 
Staube, kostet sie ja ihre Lehre in der Stammkneipe genug 
Lehrgeld. Andere — Wissende — hören im Vorbeigehen 
durch die geschlossene Thüre das fast tactmässige Klopfen, 
•mit dem die erregten Spieler ihre Karten auf dem Tische 
spielen, das Murmeln beim Zählen der Points —- sie spitzen 
die Ohren, weifen lüsterne Blicke auf die Thüre, und kühn —. 
leidenschaftliche Skatspieler sind immer kühn — versuchen 
sie in das Skattusculum einzudringen ! Doch umsonst! —• 
Fremdlinge sind ein für alle mal von den Skatpartieen in der 
Ausstellung ausgeschlossen ! Das Recht Skat zu spielen ist 
das Privileg der Aussteller — und es giebt nur drei Partieen, 
die von dem Privileg Gebrauch machen ! Allerdings ordent 
lich! Aber ist es bei dem schlechten Wetter nicht verzeih 
lich? — Die erste Partie setzt sich aus der Finanzaristokratie 
der Ausstellung zusammen — wir dürfen nicht verrathen, 
wo sie tagt — es wird bei ihr wenig gesprochen — dafür 
aber um die „halben Groschen“ gespielt. Nur hin und wieder 
hört man ein paar Worte. „Herr Commercienrath, Sie 
geben !“ „— Die Hoffnung auf einen Ueberschuss nicht auf !" 
— „Nein — Karten!“ „Sind Sie abgestempelt?“ — „Caro, 
Herr College, Sie passen nicht auf!“ „Dachte an die verreg 
nete Illumination“. „Deshalb spielen Sie Kreuz ? Aha !“ —- 
Bei der zweiten Partie geht es lebhafter zu. „Herr — Sie 
spielen eine saubere Naht zusammen, wie der Riesenleier 
kasten im Vergnügungspark!“ „Da — der älteste Junge!“ 
— „Hat sich sicher verlaufen, schaffen Sie ihn in’s Ckemia-
	        
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