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Periodical volume Nr. 151, 15. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielfd Ausstellunqs-Nachrichten. 9 
vermag. Das wird bei der enormen Fläche, die der unerläss 
liche Ballon dem Widerstande des Luftstroms darbietet, nicht 
leicht gelingen, wenngleich es Enthusiasten giebt, welche be 
merkt haben wollen, dass gewisse Luftschiffer den Wind 
überwunden hätten. Aber es giebt ja auch Leute, die Stein 
und Bein schwören, den Geist Cäsar’s gesehen zu haben. Mög 
lich wäre es, mit Hilfe schräg gestellter Segel in und mit dem 
Luftstrom ein etwas seitliches Abtreiben zu erreichen. Vo 
raussetzung hierzu ist, dass man durch eine Flügelschraube, 
die in den Wind hinein arbeitet, einen Widerstand erzeugt. 
Herr Andree will bekanntlich zu demselben Zweck ein paar 
Schleppseile benutzen, die seinem Ballon etwa in der Weise 
dienen sollen wie Schwelt und Kiel dem Segelschiff. Aber 
eine solche Vorkehrung scheint uns in cultivirten Ländern, 
wo Bäume und Zäune das Seil festhalten könnten, völlig aus 
geschlossen. Immerhin soll bereits Mr. Gift'ard diesen recht 
aclitenswerthen Sieg über die Widerstände der Natur mit) 
seinem 10 000 Cubikmeter Gas enthaltenden Ballon erreicht 
haben, den er während des Londoner Luftturniers im Juni 
1808 steigen liess. Er soll bis zu 30 Grad seitwärts vom 
Winde getrieben sein. Bei derselben Gelegenheit hat aber 
so manche Illusion Schiffbruch gelitten. Die verschiedensten 
Flieger oder sogenannten Dynamiken blamirten sich nach 
den verschiedensten Systemen, jeder so gut er konnte. Man 
unterscheidet seitdem unter den Dynamikern Drachenflieger, 
rFlügelflieger (recht eigentlich „Aviatiker“) ferner Wellen 
flieger, Segelradflieger und Schraubenflieger. Aber alle 
diese dynamischen Kunststücke hängen gleichsam in der 
Luft. Die Flügel der Theorie zergehen an der Sonne wie 
Wachs. 
Und auch die Aerostatiker haben ihre Achillesferse. Auf 
sie fand bisher das Wort Goethe’s noch immer vollgiltige An 
wendung : „Was künstlich ist, verlangt geschloss’nen Raum.“ 
Unter Dach und Fach z. B. des Krystallpalastes zu Syden- 
ham ging alles glatt, aber unter freiem Himmel nahm sie 
der Wind, das liebliche Kind auf seine Fittiche und trieb die 
sich mit allerlei Propellern sträubenden Aeronauten min 
destens bis zu 60 2 / 3 Procent nach seinem Willen, und an den 
übrigen höchstens 33Y 3 Procent eigenen Willens ist nicht 
viel gelegen. 
Wir haben nun wiederum ein sogenanntes lenkbares 
Luftschiff vor Augen, das des Dr. Wölfert, das im Ver 
gnügungspark zu Treptow vorgeführt werden soll, aher ähn 
lich dem Riesenfernrohr bisher immer noch nicht recht fertig 
werden wollte. Es ist ein waagerechter Cylinder von 8V 3 m 
Durchmesser und 28 m Länge mit kugelförmigen Abrun 
dungen, darunter eine Gondel mit zwei Schrauben, die eine 
waagerecht, die andere senkrecht wirkend. Die Triebkraft 
wird durch einen Benzinmotor ausgeübt, der ähnlich dem 
Gasmotor, durch Explosion der Dämpfe mit Luftbeimengung 
wirkt, eine wie uns scheinen will, unter den gegebenen Um 
ständen bedenkliche Einrichtung, weil die Explosion sich 
von Ungefähr auf das nach und nach mit Luft vermengende 
Wasserstoffgas fortsetzen könnte. Das Schiff des Herrn Doc- 
tors besitzt, ein Steuer, und dass es unter dem Einfluss der 
Schraube im geschlossenen Raume oder bei Windstille in ge 
wissem Sinne lenkbar sei, ist nicht zu leugnen. 
Wir werden im Ausstellungspark noch ferner Gelegen 
heit haben, diese Construction kennen zu lernen. Und 
wahrlich als Luftlaie, der sich, frei nach Goethe, „mit klam 
mernden Organen“ an die terra firma hält, bitten wir um 
Entschuldigung, wenn wir trotzdem uns nicht enthalten, 
diesen Experten unser Princip zum Schluss noch ein 
mal vorzutragen, dass das Vorbild der Natur mög 
lichst studirt werden müsse, und zwar hauptsächlich, wähnen 
wir, in Bezug auf die Anordnung der einzelnen Theile oder 
Organe. Sollte nicht etwa wie der Fisch und der Vogel, auch 
der Ballon gegliedert sein können? Liesse sich nicht viel 
leicht der Körper in verschiedene Theile zerlegen, die wie 
Kopf, Brust und Leib wenigstens eines Insectes an einander 
hingen? Der Flugapparat, der unserm Nicht-Flieger- 
Verstande vorschwebt, zerfiele demnach etwa in drei ver 
schiedene Ballons, in dessen, vorderem vielleicht der Pro 
peller und in dessen hinterem der Motor Platz zu finden haben 
würde. Wir nehmen an, dass dieser als der grösste sich 
dann im Winde stets von selbst nach hinten legen würde. 
Im Mittleren denken wir uns den leitenden Geist seinen 
Sitz aufschlagen. Ausserdem aher müsste nach unserer un- 
maassgeblichen Meinung die Passivität der einzelnen Theile 
durch, zahlreiche kleinere Flügelschraubenpropeller aufge 
hoben werden, die überall, wo es anginge, anzubringen wären, 
ähnlich wie dies wenigstens nach unserer Anschauung beim 
Vogelfittige der Fall ist. Endlich sehen wir nicht ein, wa 
rum man die Schwingen, Flügel etc. nicht ganz natürlich aus 
starken Vogelfedem zusammenfügen kann, die einem seit 
lichen Luftstoss eher nachgeben, als die luftdichten Zeug 
stoffe, die man noch immer verwendet und die zü vieler 
Tragik den Hintergrund abgegeben haben. Mit aller Ach 
tung vor dem Muth und den Errungenschaften unserer Ae 
ronauten sei es hescheidentlieh gesagt: Wir sind noch 
grosse Stümper in der Beherrschung der Luft mit ihren 
Stürmen, ihren Miasmen, ihrem um uns kurzlebige Menschen 
völlig unbekümmerten Walten. Auch wenn es endlich 
einmal gelingen sollte, den idealen Flugapparat herzustellen, 
werden die Eisenbahnactien desshalb noch, keine Depression 
erleiden. Am ehesten, meinen wir, wird es den im Dienste 
des Militairismus stehenden Luftingenieuren ge 
lingen, weil sie keine idealen Ziele verfolgen. Sie unter 
scheiden, um anzudeuten, wie entwickelt die aeronautische 
Grammatik bereits genannt werden darf, Dauer-, Hoch-, Weit-, 
Schnell-, Ziel-, Schlepp- und Fesselfahrten, und sie passen 
ihr Fahrzeug dem jedesmaligen Zwecke auf das ent 
sprechendste an. Man kann auch noch die Fluchtfahrten 
hinzufügen, nachdem es 1871 nicht weniger als 300 Leuten 
gelang, mittels Ballons aus dem von den Deutschen belagerten 
Paris zu entkommen, d. h. sich zum Theil bis nach dem Nor 
den Norwegens hin vom Kriegsschauplatz fortwehen zu lassen 
und auf den Fittigen der durchgehenden Windsbraut ziem 
lich willenlos zu reiten. Besonders ist aber dem Fesselballon 
eine grosse Rolle im künftigen Weltkriege zugedacht, und 
Krupp hat bereits ein besonderes Ballongeschütz gegen ihn 
construiren müssen. Aber man wird nicht ruhen und sicher 
lich auf dem angedeuteten Wege, auf den uns die Natur selbst 
verweist, etwas Brauchbares für die Luftschifffahrt zu Stande 
bringen. Und in diesem Sinne Schliessen wir mit den 
Worten: Apres nous l’aeronaute! O. B. 
Zur Ausstattung. 
[Abdruck untersagt.) 
Bei der Ausstattung nimmt die Wahl des Brautkleides 
fast immer die erste Stelle ein. In der Ausstellung nun sind 
Brautkleider sehr spärlich vertreten, ungemein spärlich, trotz 
alles Umhersuchens habe ich nur zwei entdecken können, und 
meine Hoffnung, dass nach dem Saisonwechsel in der Beklei 
dungsgruppe sich einige dazu finden würden, wurde völlig 
getäuscht. 
Diese beiden ausgestellten Brautkleider, die sehr hübsch 
gearbeitet sind von weissem Atlas resp. Seide mit Spitzen- 
und Perlenschmuck, bieten jedoch nichts besonders Hervor 
ragendes dar. 
Dagegen sind im Pavillon Gerson zwei sehr hübsche 
Braut-Jupons ausgestellt, der eine von weissem Atlas mit 
Moiree-antique-Streifen und schönem Spitzenbesatz; der an 
dere von glänzendem, kostbarem, schwerem, weissem Atlas, 
kunstvoll bestickt, mit Myrtensträusscken in weis«er Seiden- 
Plattstich-Stickerei und ebenfalls mit einem breiten Spitzen- 
Volant geschmückt. 
AVer nicht in der Lage ist (wie es verhältnissmässig nur 
wenige sein dürften) sich den Luxus eines solchen kost 
baren Untergewandes leisten zu können, findet schöne Batist- 
Unterröcke mit reichem Schmuck kunstvoller Stickereien in 
den Ausstellungen der grossen Wäschefabriken Berlins.
	        
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