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Periodical volume Nr. 151, 15. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
Luftschiffe und Flugapparate. 
(Eine Plauderei) 
[Abdruck untersagt.] 
Motto: Doch ist es Jedem eingeboren, 
Dass unser Geist hinauf und vorwärts dringt, 
Wenn über uns in blauem Raum verloren 
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt, 
Wenn über schroffen Fichtenhöhen 
Der Adler ausgebreitet schwebt, 
Und über Flächen, über Seeon 
Der Kranich nach der Heimath strebt. 
Goethe. 
Noch der grosse Goethe sang seinem in. hochfliegenden 
Gedanken sich ergehenden Jahrhundert: 
„Ach zu des Geistes Flügeln will so leicht 
Kein körperlicher Flügel sich gesellen.“ 
Alle genialen Flieger, die ihre Erfindung in praktischer 
Anwendung erprobten, von Ikarus bis auf den auch von uns 
vielbeklagten Herrn Otto Lilienthal haben den Hals ge 
brochen. 
Indessen dies darf uns nicht entmuthigen, namentlich 
angesichts der auf unserer Ausstellung sich regenden avia 
tischen oder aeronautischen Versuche des Herrn, Dr. Wölfert 
und des Heim, Hermann Ganswimit. Es hat lange gedauert, 
ehe sich der Mensch vom Flos^ und dem durch Feuer aus 
gehöhlten Baumstamm bis zum gepanzerten Dampfkoloss 
emporarbeitete, obwohl doch das Wasser ein uns weit freund 
licheres Element ist als die Luft. Alle Wesen können 
schwimmen, ziemlich ebenso wie sie gehen können. Unser 
specifisches Gewicht stimmt ziemlich genau mit dem des 
Wassers überein. Unser Körper nimmt soviel Raum ein, 
und verdrängt so viel dieses Elements, wie er selber wiegt. 
Es ist das eine Begünstigung, deren wir in der Luft erman 
geln» Auch die Luft ist freilich ein Kprper, eine elastische 
Flüssigkeit. Die Luftsäule vom Erdboden bis zur Grenze 
der Atmosphäre auf einem Quadratzoll Grundfläche wiegt 
15 Pfund. Das ist im Verhältnis« zu unserem Eigengewicht 
sehr wenig, aber man hat trotzdem auch dieses Wenige zu be 
nutzen verstanden. Zunächst fanden sich Vacuumflieger 
1709 in Portugal, die mit luftleergepumpten Blechgefässen 
einen Aufstieg bewerkstelligten. Man nannte sie auch 
Archimediker. Aber ihre Gelasse waren, um dem Luftdruck 
zu widerstehen, zu schwer und sie rannten sich an der Ecke 
des Königspalastes den Schädel ein. Man sann auf etwas An 
deres. 
Nun ist erwärmte Luft, leichter als kalte, und im Jahre 
1783 benutzte Stephan Montgolfier in Frankreich diese zur 
kurzweiligen Auffahrt. Diesen Warmluft- oder auch Feuer 
fliegern gesellen, sich endlich die Hydrogen- oder Wasser 
stoffflieger hinzu. Das Wasserstoffgas ist vierzehnmal leichter 
als Luft. Es hat einen „Auftrieb“ von circa einem Kilogramm 
pro Kubikmeter. Und wie nun der Fisch sich im Wasser 
mit Hilfe seiner vielleicht sich selbst adjustirenden Luft 
blase, so kann, die arme Menschheit sich mit Hilfe der Wasser 
stoffgasblase in der Luft in der Schwebe erhalten, das Last 
gewicht mit seinem eigenen in ein specifisches Equilibrium 
versetzen. Man nennt dies,' Ballonflieger Aerostatiker, gegen 
über den ohne Ballon fliegenden Dynamikern. Der Luft- 
Ballon erscheint ihnen trotz aller Gegenrede als die unerläss 
liche Voraussetzung des menschlichen Flugvermögns. 
Die fanatischen Dynamiker wenden ein, auch der Vogel, 
dem, wenn man vom Huhn, absieht, doch das Fliegen so leicht 
würde, wäre aus festem Stoffe und specifisch schwerer als 
die Luft. Nun ist aber der Vogel zugleich mit den Reptilien 
aus den Fischen hervorgegangen* zu einer Zeit, als auf Erden 
Luft, Land und Wasser sich noch in inniger Ge 
meinschaft befanden. Er hatte eine auf Anpassung 
beruhende Entwickelung von Aeonen hinter sich. 
Er besitzt hohle Knochen, die mit Luft gefüllt sind, 
welche er nach Willkür comprimiren kann. Die 
Schuppe hat sich bei ihm zur Feder zerfasert; er besitzt aus 
gedehnte Lungen, die jeder Ermüdung spotten, viel heisseres 
Blut als das Säugethier und Herz- und Brustmuskeln, die 
allein ein Viertel seines Gewichts ausmachen. Letztere sind 
an grossen Kämmen angeheftet und regeneriren sich wie der 
Herzmuskel auch hei uns während der Thätigkeit. Man be 
denke, wie verkümmert gerade dieses Muskelgebiet beim 
Menschen ist! Der Schwerpunkt des Vogelleibes liegt 
zwischen den Schwingen, der des Menschen im Becken, wo er 
seiner aufrechten Stellung Sicherheit verleiht. Dazu kommt 
die von Herrn Ganswindt auch acceptirte, aber allein nicht 
ausreichende parabolische Form der Schwingen, nie das Gleit 
vermögen des Vogels erhöhen, und ferner die schleunige Ver 
dauung, die jedem unnöthigen Ballast vorbeugt, ferner das 
natürliche Steuer des Vogelschwanzes, die geistige Fähig 
keit und das genaue Messungsvermögen für Ent 
fernung, Schwere und Kraft; endlich der ganze 
Bau, der dein Winde kaum irgend welchen Widerstand 
entgegensetzt. Wie, nach Tayllerand in der Politik, so giebt 
es auch in der Fliegekunst, die ihr ähnelt, keine Kleinigkeit. 
Jede Kleinigkeit kann uns zu Falle bringen. Und eine solche 
Kleinigkeit, die man nicht genug beachtet hat, ist die Con- 
struction der einzelnen Vogelfedern selbst. Sie bietet der 
Luft nicht eine undurchbrochene, starre Fläche dar, hinter 
welcher diese sich wie in einem todten Winkel, wie hinter den 
Segeln unserer Schiffe — die man übrigens jetzt auch schon 
mit Löchern zu versehen anfängt — anstaut, sondern, die Luft 
begegnet an jedem Punkt einer federnden Kraft, welche beim 
Durchstreichen derselben automatisch den Vogrlleib empor 
schnellt, der auch im Uebiigen sich mit der mehrfachen Ge 
schwindigkeit eines Courirzugs vorwärts bewegend, ähnlich 
dem schräg gegen den Wind anstehenden Drachen kraft 
seines Gewichts emporgetrieben wird. Wir sind in dieser 
Beziehung noch gar nicht am Ende unserer Studien. Der 
photographische Schnellseher hat uns überraschende That 
sachen enthüllt. Der Vogel kann flieg« n, ohne sich scheinbar 
überhaupt zu bewegen. Man muss annehmen, dass durch 
eine bestimmte, sogenannte „pe ristaltische“ Hautbewegung 
von grosser Schnelligkeit jede Feder des Vogelleibes den 
Antrieb nach Vorwärts, ähnlich der Schraube am Dampfer, 
unterstützt. Von eimm blossen Gleiten, wie der verunglückte 
Heia- Lilienthal sich diese Flugbewegung des Vogels vorbild 
lich dachte, kann dabei kaum die Rede sein. Es war offer bar 
die Passivität der Theile seiner Maschine, die dem kühnen 
Dynamiker unter einem plötzlichen seitlichen Windstoss« 
zum Verhängnis« geworden ist. Kurz und gut, wir bleiben 
hei dem aerostatischen Princip und haben genug von der dy 
namischen Halsbrecherei. Man könnte sonst ebensogut mit 
einer Rakete in die Luft fahren und mit dem Stock wieder 
herunterkommen, wenn das statische, stabile Element so sehr 
Nebensache wäre. Wie dem schwachen Schwimmer im 
Wasser durch die Schwimmblase ein gewisses Gefühl der 
Sicherheit gegeben wird, so wirkt auch der Luftballon vor 
allen Dir,gen auf den Geist des Fliegers. Es ist Thatsache, 
dass selbst sehr zum Schwindel geneigte Leute bei einem Auf 
stieg mit dem Luftballon davon ganz überrascht sind, dass 
sie gar keinen Schwindel empfinden,. Der Gegendruck unter 
ihren Füssen, erhöht durch den Auftrieb des Ballons, macht 
sie unempfindlich für den ihrem Auge entgegengähnenden 
Abgrund. Und wir meinen, unsere Adepten des Flugsports 
sollten ihre Apparate so bauen, dass der Fuss eine sichere 
Unterlage nicht vermisst . Ob aber der sonst so sehr durch 
dachte Ganswindt’sche Tretmotor, in welchem der Aeronaut 
auf eine mobile Unterlage verwiesen ist, die nach unten aus 
weicht, eine solche bietet, scheint uns ziemlich zweifelhaft. 
Es kommt ein drittes Moment in Betracht. Das blosse) 
Schweben und Treiben mit dem Winde ist, wie uns das Bei 
spiel Andree’s beweist, der sich in viel tägiger Fahrt über die) 
nordische Eiskappe unseres Planeten in gerader Linie etwa 
1500 Kilometer weit hinwegwehen lassen wollte und verge 
bens monatelang auf günstigen Wind wartete und wohl noch! 
öfter warten wird, nichts als eine erste Etappe. Eine solche 
Luftschifffahrt hat noch nicht einmal die Stufe des Segel 
schiffs erreicht, welches kraft des ihm durch den Kiel resp. 
das Schwert im Wasser verliehenen Widerstandes gegen den 
Wind an oder doch schräg in den Wind hinein zu kreuzen
	        
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