Path:
Periodical volume Nr. 150, 14. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 
Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Alt-Berlin,“ rief er, als er sah, wie ich mich daran ergötzte, 
„von ihm aus geht mein Lebensweg.“ 
„Vom Fischerdorf zur Kaiserstadt,“ fiel ich ein, „nur 
Muth und Selbstvertrauen.“ 
„Und Arbeit und Gelegenheit zur Entfaltung des Kön 
nens. Das Handwerk ist heute freier als die Kunst, die sich 
in Mode und Klickenwesen enge Zunftschranken zieht. Und 
verhungern, weil einige Leithammel zur Veränderung sich 
auf dürre Haide verrant haben ? Danke. Ich will leben und 
verdienen. Und das machen wir.“ 
„Sehr vernünftig,“ sagte ich. „Gut, wenn junge Leute 
zur Einsicht kommen, alten nutzt sie meist nichts mehr.“ 
Er erklärte mir noch manches von Alt-Berlin. Das 
Rathhaus und die Gerichtslaube mit dem Block und dem 
Halseisen, Da müssten die Verbrecher zu ihrer eigenen 
Schande stehen und wurden von den anständigen Bürgern 
ausgezischt und mit faulen Eiern beworfen. Wenn Weiber 
sich gescholten und geschlagen hatten, hing der Büttel ihnen 
einen Stein um den Hals und band sie aneinander und jede 
bekam einen Stock,, in den vorne ein spitzes Nagel einge 
schlagen war. Damit mussten sie sich gegenseitig prickeln, 
was um so besser ging, als sie blos ein Hemd anhatten. Bei 
Bf sonderen Fällen wurde Hornmusik dazu geblasen. Das 
muss ein Spass zumal für die Kinderwelt gewesen sein, die 
sich in ihrer Unschuld selbst an Schrecklichem freut. Gott 
lob, dass solche Strafen abgeschafft worden sind, obgleich es 
einige giebt, denen das Prickeln nicht schadete. Wenn zum 
Beispiel die Krausen und die Ungermann in damaliger Zeit 
gelebt hätten, welche der andern wohl mit dem Nagel über 
gewesen wäre! Der Zunge nach zu rechnen, die Krausen. 
Aber sehen möchte ich es doch nicht. Lieber wäre mir ein 
Hochzeitstag auf der Strasse. Der Maler sagte, später wür 
den Alt-Berliner in ihren Trachten die Stadt bevölkern. 
Nach und nach, kamen Bauleute, Maurer, Zimmerer, 
Gipsfritzen und mancherlei Arbeiter, denn die Mittagszeit 
war um. Ich bedankte mich, bei dem Dachpfannen-Rafael 
der weiter Moos malte und schritt durch das Spandauer Thor 
und über die Krücke in den Ausstellungspark. 
Wie traumhaft war die Stunde in Alt-Berlin gewesen, die 
bleibt der Erinnerung. — 
Und nun hatten wir einen Familienabend nach Alt-Ber 
lin verabredet, nämlich mein Karl und ich und der Amts 
richter Buchbolz, der mit Verlegung seines Urlaubs unser 
lieber Gast war, nachdem Ungermann’s und Kliebisch’s sich 
Auf ihre respective Schollen zurückgezogen hatten. 
Ungermann’s Abgang war höchste Zeit, Mein Karl hat 
nie Kopfschmerzen, aber solche wie am Morgen nach dem 
Brüderschaftpicheln mit U ngerntann hatte er noch nicht er 
lebt. Ihm sassen die Augen noch am Nachmittag schief und 
sein Appetit, war einzig auf Selterwasser gerichtet. Dabei 
Neigung zu horizontaler Lagerung. 0 Karl, warst du krank. 
Kliebisch war auch vollgesogen genug, jedoch, die Un 
ruhe wegen seiner Gattin störte ihn verhältnissmässig recht 
zeitig auf. „Noch keine Nachricht von meiner Frau ?“ fragte 
er bekümmert. — „Nein,“ entgegnete ich, „und ein Glück, 
dass sie weg ist. Betrachten Sie blos Ihr Spiegelbild, Herr 
Kliebisch, und sagen Sie, ob eine Frau Wohlgefallen an sol 
chem Portrait finden würde? Wo in aller Welt sind Sie ge 
wesen !“ 
„Ausstellung“, brachte er hervor. „Dressei ... Alt- 
Berlin.“ — 
„Sonst nirgends ?“ Er keuchte schwer. — Ich schenkte 
im Kaffee ein. Den trank er. Brödchen interessirten ihn 
nicht. Dann barmte er wieder nach seiner Frau. 
„Ich denke, Ihre Tochter wird ihre fünf Sinne allmählich 
so weit beisammen haben, dass sie Auskunft geben kann“, 
sagte ich. „Heute Nacht war sie übermüde ... Die Mutter 
wird ihr Kind doch, nicht ohne Abschied verlassen haben?“ 
..Eine Mutter, die durchgeht, nimmt keine Rücksichten. 
I\i in.'!" rief er bitter. „Berlin ist ein schrecklicher Ort, 
überall Verführung.“ 
„Das müssen Sie selbst am besten wissen“, warf ich ihm 
kühl vor. ^Meinen Mann so zuzurichten. Schämen Sie sich.“ 
„Oho! Buchholz war der Fidelste; nicht nach Hause 
zu kriegen. Wenn ein Mann einmal seine Freiheit gemessen 
kann . . .“ 
„Was? Sie wollen meinen Mann herabsetzen, Unfrie 
den stiften, Eheglück ruiniren? Glauben Sie das mit einem 
Sack Kartoffeln gut machen zu können? Doch bei mir nicht? 4 ' 
Die Anlappung verscheuchte ihn. Hätte er eine Ahnung 
gehabt, dass er lästig fiele, wäre er garnicht gekommen, sagte 
er mucksch, und das Beste wäre wohl, er ginge gleich. 
Ich entgegnete, ich allein könnte nicht ab noch zureden, 
in unserem Hause hätte mein Mann zu entscheiden, der wäre 
vollkommen frei in seinem Willen, augenblicklich jedoch zu 
unwohl, um gefragt zu werden. 
„Gut,“ sagte er, „ ich gehe mit meinem Kinde.“ — Ich 
schwieg. 
Er hin und das Wurm geweckt und es gehetzt sieh reise 
fertig anzuziehen, jedoch das Packen konnte ich nicht mit 
ansehen, das war purer Kuddelmuddel, weshalb ich helfend 
eingriff. Die Kleine war noch schlafhaft. „Anna,“ fragte 
ich, „hat Mama Dir nichts gesagt als sie ging?“ — „Nein“. 
„Auch Ottilie nicht,“ —„Nein.“ — „Besinne Dich doch“ — 
„Ja, einen Brief gab sie mir.“ — „Wohin hast Du den gelegt? 
Auf den Tisch?“ — Das wusste sie nicht. „Unter’s Kopf 
kissen?“ — „Ich glaube.“ 
„Wir suchten. Kein Brief zu finden. „Hat Mama Dir 
wirklich nichts an mich aufgetragen ?“ — „Mama meinte, 
Ottilie würde alles schreiben, ich behielte es wohl nicht 
richtig.“ 
„Sie kennt Dich, scheint’s. Kind, einen Rath geb’ ich 
Dir, geh’ nie allein auf die Strasse, D u kommst unter’n 
Leichenwagen.“ 
Darüber entsetzte sie sich und fing an zu heulen. Nun 
war nichts mehr herauszubringen. Zum Verzagen. 
Um Elfen verabschiedete sich Ungermann sehr höflich 
und gemessen mit dem Wunsche, dass die Beziehungen der 
beiden Häuser, die alt bewährten, bleiben möchten. „Ihre 
Kundschaft wird meinem Manne stets schätzenswerth sein,“ 
sagte ich, „und ich hoffe, dass Sie mit dem zufrieden waren, 
was wir bieten konnten. Ungarische Gräfinnen verkehren 
leider nicht bei uns, dafür sind aber die Uhren sicher.“ 
Er versuchte zu lächeln, es war aber danach. „Ich ver 
lasse Berlin mit den Erfahrungen, die ich zu sammeln vor 
genommen,“ erwiderte er. „Man wird meine Bemühungen 
an rechter Stelle anerkennen, auf Missverständnisse rechnete 
ich von vornherein; ich, sehe, sie sind nicht ausgeblieben.“ 
Nun lächelte ich. Daran erkannte er, wie ich dachte. 
So ein Leisetreter. 
Um zwölfen gondelten Kliebisch und Tochter ab. Ich 
hielt es für meine Pflicht, das Kind sicher in die Eisenbahn 
zu befördern, und ich fuhr bis zum Alexanderplatz mit. Klie 
bisch gab die Koffer auf, während ich die Anna an der Hand 
hielt. Sie weinte, es war ja auch alles so seltsam für sie. 
Dann stiegen sie ein. „Anna,“ sagte ich, noch einmal, 
„Kind, kannst Du Dich garnicht besinnen, wo Du den Brief 
hast?“ — „Ich glaube in der Tasche.“ — „Dann her damit.“ 
— Sie fuhr in ihr Gewand und grabbelte. — Kein Brief. —• 
„Er ist in dem anderen Kleide.“ — „In welchem ?“ — „Das ist 
unten im Koffer.“ 
Die Locomotive pfiff, der Zug setzte sich mitsammt den 
Koffern in Bewegung und ich war so klug wie vorher. Und 
niemand, der mir sagte, was vorgefallen war. Und in diese 
Gonfusion fiel der Amtsrichter. 
Der Mann war jedoch gleich so gemüthlich, dass ich Stab 
und Stütze in ihm hatte. „Der Vetter hat die Bier-In 
fluenza,“ sagte er, meines Karls Zustand verständig mit 
empfindend, „und wenn ich Ihnen, verehrte Cousine, unge 
legen komme, nur keine Schüchternheit. Ich, ziehe sofort 
nach der Patsch oder wie sie heisst.“ 
„Nein, die Butschen hat voll besetzt, immer solche 
Fremde, die das Nachtgewand in Packpapier mitbringen und 
auf weiteres Gepäck, sowie auf Droschken erster Güte ver 
zichten, weshalb die Kutscher am Bahnhof zum Angriff über 
gingen. Sie bleiben.“
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.