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Periodical volume Nr. 150, 14. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Im Nlarinesaal des Norddeutschen Lloyd auf dem 
Kaiserschiff „Bremen“. 
[Abdruck untersagt.] 
Den gewaltigen Raum, welchen auf der wirklichen „Bre 
men“, die bekanntlich auf der Werft von F. Schichau in Dan 
zig des Stapellaufes harrt, die Maschinen mit ihren oberen 
Theilen einnehmen würden, hat der Erbauer des Kaiserschif 
fes Architekt Bauer in ein Märine-Muspum umgewandelt. 
Es besteht aus einem Vorraum und dem eigentlichen Marine 
saal. An den Wänden Flaggen, namentlich auch die des 
Bremer Lloyd, der Anker und der Bremer-Schlüssel mit 
Eichenreis umschlungen, blau im weissen Felde, dann An 
sichten von Etablissements, Schilfen und ganz am Ende das 
Halbmodell eines „Horizontalrammers,“ der — nach Ansicht 
des Erfinders — der Seekriegfühmng andere Bahnen anwei 
sen soll, aber schwerlich etwas ändern wird; endlich gra 
phische Darstellungen über das Wachsthum der Grösse, des 
Tonnengehalts, der Maschinenkräfte, des Kohlenverbrauchs 
und der Schnelligkeit der Flotte des Lloyd. Diese gesummte 
Flotte — einundachtzig Schilfe — sind dann in reizenden 
Modellen 1:750 nebeneinander um zwei Relief-Erdkarten 
gruppirt. Daneben stehen die Modelle der Hafenanlagen 
von Bremerhaven nebst den Anlagen des Lloyd in gleichem 
Maassstab, ebenfalls von denselben Schiffsmodellen belebt. — 
Eine weitere Darstellung zeigt die grösste deutsche Privat 
werft des Vulcan zu Bredow bei Stettin, langjährige be 
währte Lieferantin des\ Lloyd und auf ihr die drei zuletzt 
bestellten Riesenschiffe, eii\s darunter ein Schnelldampfer 
von 625 Fuss Länge, 
Der ganze übrige grosse Raum sowie der Vorraum wird 
von Schiffsmodellen eingenommen, und zwar sind hier Kai 
serschiff, Handelsschiff und Torpedoboot bunt durcheinander 
gruppirt, so dass eine übersichtliche Darstellung nicht ganz 
leicht sich geben lässt. 
Es sind die drei Werften, die für den Norddeutschen 
Lloyd arbeiten, deren Bauten hier in genauen Modellen, 
etwa 1:50, die Torpedofahrzeuge bis 1:25 gross, vorgeführt 
werden, also Erzeugnisse des Etablissements Vulcan zu Bre 
dow, Schichau zu Danzig und Blolim & Voss, Actien-Gesell- 
schaft zu Hamburg. Manches historische, manches längst 
gesunkene Schiff ist, darunter. 
Um Ordnung in die grosse Zahl zu bringen, seien die 
Modelle nach den Werften angeführt und zwar zunächst die 
Kriegsschiffe, dann die Handels- bezw. Passagierdampfer. 
Vom A ulcan sind fünf Kriegsschiffe vorhanden: 
„Hohenzollern,“ „Brandenburg“, „Komet“, „Ting Yuen“ und 
„King Tüen“. — Die schöne Kaiseryacht „Hohenzollern“ 
ist oft beschrieben und darf wohl als allgemein bekannt 
gelten. Sie war die schönste und schnellste Yacht, auch die 
grösste — bis zu diesem Jahre, denn die neue Zarenyacht 
„Standard", welche der Zar in diesem Herbst zum ersten 
Male benutzte, ist grösser und zweifellos prachtvoller; 
schneller ist sie aber nicht, sondern steht um eine bis zwei 
Meilen der „Hohenzollern“ nach. „Brandenburg“ gilt als 
Typschiff seiner Klasse, unserer ersten vier fertigen 10000 t 
grossen erstklassigen Schlachtschiffe. Das Modell ist noch 
— wie früher die Schiffe auch — schwarz gemalt, während 
jetzt die Schiffe grau gestrichen werden. Der Aviso „Komet“, 
ein zierliches, nur 940 t grosses Schiffchen für Recognos- 
cirungs- und Depeschendienst, lief erst 1892 ab und kann bei 
gutem Wetter fast 21 Meilen (ä 1852 m) laufen. Die 
Armirung ist schwach, sie besteht nur aus vier Schnell- 
1 adern von 8.8 cm Kaliber. — „Ting Yuen“ und „King 
Yuen , sind 1881 und 1887 vom Stapel gelaufene Chinesen; 
sie ruhen beide längst auf dem Grunde des Meeres. „Ting 
Yuen , ein 7800 t grosses Schlachtschiff, überstand, obzwar 
sehr verlottert, die Schlacht gegen die Japaner am Yala am 
17. September 1894 und blieb trotz gegen 200 erhaltener 
Treffer gefechtsfähig und Flaggschiff des Admirals Ting. 
In der Nacht vom 4. zum 5. Februar 1895 aber fiel er im 
Hafen von Wei-hei-Wei einem japanischen Torpedotreffer 
zum Opfer und sank. „King Yuen“, ein 3000 t grosser Pan 
zerkreuzer, wurde in der Yala-Schlacht von der japanischen 
Artillerie derart zugerichtet, dass er, steuerlos, aber noch 
feuernd, mit seiner gesummten Besatzung sank. 
An Handelsdampfern wurden vom Vulcan zwei der 
neuesten Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd, soweit sie 
fertig sind, aufgestellt, „Kaiser Wilhelm II.“ und „Havel“. 
Letzteres Schi ff ist Schwester von „Spree“; „Kaiser Wil 
helm II.“ stand vor der Ausstellung im Schaufel:ster des 
Lloydbureau Unter den Linden 4. 
Die Schichau-Werft ist sehr stattlich vertreten. Abge 
sehen von Torpedofahrzeugen und Booten zeigt sie zwei 
Kriegsschiffe, drei Handelsdampfer in Modellen. Der 
schlanke geschützte Kreuzer III. Klasse „Geffon“ war das 
erste, grosse Kriegsschiff, das die Darziger neue Werft ver 
liess, das Modell zeigt so recht die Formen eines modernen, 
22 Meilen schnellen Kreuzers. Das zweite Kriegsschiff in 
dem Vorraum ist das Modell eines geschützten Kreuzers, der 
23 Meilen laufen soll, doch ist dieses Schiff ebenso gebaut 
wie eine armirte Yacht, die im Marinesaal zu sehen ist und 
die ebenfalls für grosse Geschwindigkeit gebaut werden sollte. 
Von Handelsdampfern mus,s man zunächst das schöne Modell 
des Kaiserschiffes, also der 10 700 t grossen „Bremen” selbst 
erwähnen, die noch nicht abgelaufen ist. Diese neuen 
Dampfer werden für Passagier- und für Frachtverkehr ein 
gerichtet ; es kommen alle Salons, Speisesaal, Rauchzimmer, 
Cabinen etc. — mit Ausnahme der Kaiserlichen Zimmer — 
vom Kaiserschiff nach Schluss der Ausstellung nach Danzig 
in die eigentliche „Bremen“ als Räume für Passagiere erster 
Klasse. Ferner steht im Saale der Doppelschraubendampfer 
„Prinzregent Luitpold“, welcher mit dem Schwesterschiff 
„Prinz Heinrich“ die erste grosse Privat-Bestellung der neuen 
Werft war. Der zierliche kleirp Radschnelldampfer des 
Lloyd „Nayade“, zum Verkehr Bremerhaven-Norderney be 
stimmt, der bei nur 724 t Grösse 2000 Pferdekraft starke 
Maschinen hat und 16 Meilen stündlich läuft, steht im Vor 
raum des Saales. Endlich sei noch des Tankdampfers „Zar 
Nicolaj II“ gedacht, den die Firma Albrecht & Comp. Ham 
burg zum Petroleumtransport Batum-Hamburg baute, und 
der sich ebenfalls hier finden lässt. Er ist deshalb bekannt, 
weil er am 25. August d. J. bei Blankerese ein deutsches 
Schiff gerammt und zum Sinken gebracht hat. 
Die Torpedobootflotte, die Schichau vorführt, besteht in 
Modellen sowie in Photographiern, welch’ letztere sich auf 
beweglichem Ständer befinden. An Modellen sind drei Tor 
pedofahrzeuge, sechs Boote vorhanden. Die Fahrzeugs sind 
der Russe „Kasarski“ vom Jahre* 1889, der seiip Reise von 
Pillau in das, Schwarze Meer mit durchschnittlich zwölf 
Meilen zurücklegte, und die Oesterreicher „Meteor“ und 
„Satellit“, letzterer gegenwärtig Stationsschiff im Orient. 
Von Torpedobooten ist noch ein russisches Spierenboot auf 
gebaut ; die anderen Modelle sind Hochseeboote für die Ma 
rine von Oesterreich-Ungarn, Italien, Türkei, Russland, 
China etc. — Die Photograpideen ergeben folgende Torpedo 
bootlieferungen der Firma: 66 an Deutschland, 32 an Italien, 
8 an Oesterreich (excl. Fahrzeuge), 12 an Russland, 14 an 
China, 5 an die Türkei und 2 an Japan; es sind aber viel 
mehr geliefert, z. B. 5 an Brasilien» 
Die Werft von Blohm & Voss ist erst in letzter Zeit der 
artig vergrössert, dass sie den höchsten Anforderungen, welche 
von unseren Rhedereien, speciell vom Lloyd, gestellt werden, 
gewachsen ist, namentlich besitzt das Etablissement ein für 
alle Schiffe ausreichendes Trockendock. 
Als erste grosse Arbeiter, seitens des Norddeutschen Lloyd 
wurde der Werft die Verlängerung der Reichspostdampfer 
„Baiern“, „Sachsen“ und „Preussen“ übertragen. Solche 
Arbeiten waren in geringem Umfange in England ausgeführt, 
in Deutschland nie. „Sachsen“ und „Baiern” wurden um 
50 Fuss verlängert, indem man die Schiffe in der Mitte durch 
schnitt, die Theile auseinander zog und das Mittelstück ein 
baute. „Preussen“ erhielt eine Verlängerung um 70 Fuss;l 
diese Arbeiten veranschaulicht ein Modell. Am 5. September
	        
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