Path:
Volume Nr. 20, 7. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

8 
Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
V orwärts! V orwärts! 
Das war ein Hasten und Miilien in diesen letzten Tagen, die 
der Ausstellungseröffnung vorangingen. Das ganze weite Aus 
stellungsterrain war zu einer riesenhaften Werkstätte der Arbeit 
geworden. Da wurde gehämmert, gesägt, geputzt, gepflanzt und 
gegossen, gehobelt und gepinselt, aufgestellt und zusammengefügt 
und alle Gewerke konnte man bei ihren Hantirungen sehen. 
Im Innern der Gebäude war man mit den Einräumungsarbeiten 
beschäftigt. Wenn das Bild eines wimmelnden Ameisenhaufens 
anwendbar ist auf das Zusammenwirken zahlreicher Arbeiterschaaren, 
wahrlich, hier konnte man es anwenden. Da gab es kein Kasten 
und kein Säumen, unermüdlich war jeder bei der ihm zugewiesenen 
Thätigkeit. Und auf allen Gesichtern las man den Entschluss: das 
Menschenmögliche muss geleistet werden. Das war derselbe 
preussische Geist, der mit dem Zauberwort; vorwärts, vorwärts, wir 
müssen vorwärts, das schier Unmögliche erzwang. Diesem Geiste, 
der Gewandtheit und Zähigkeit des Berliners ist es zu danken, 
dass die Ausstellung am Eröffnungstage ein im Grossen und Ganzen 
■abgeschlossenes Gesammtbild bot. Wäre immer so gearbeitet 
worden, fürwahr, die Ausstellung wäre auch bis in die Einzelheiten 
vollendet gewesen. Jetzt müssen wir uns mit dem Ruhm begnügen, 
dass sie die fertigste aller bisherigen grossen Ausstellungen ist. 
Die Vorbesichtigung 
einzelner Ausstellungsgruppen durch die Preisrichter fand am 
Donnerstag Nachmittag statt. -— An die einzelnen Firmen war die 
Weisung ergangen, die Aufstellung der Objecte möglichst bis um 
Uhr zu beenden. Unter Führung der Gruppenvorstände, welche 
über fehlende Firmen oder Waaren nach Angabe des Planes 
Auskunft gaben, gingen die Herren, welche zumeist ihre Preisrichter-Ab 
zeichen im Knopflochc trugen, von Spind zu Spind; die Speciali 
täten der einzelnen Firmen wurden ad notam genommen; über 
einzelne Objecte entspann sich ein lebhafterer Meinungsaustausch; 
besonderes Gewicht wurde immer auf die Frage gelegt, ob die 
Waare Berliner Fabrikat sei, ferner ob die Zeichnungen und Modelle 
aus der eigenen Fabrik des Ausstellers stammen. Es zeigt sich, 
dass viele Finnen bei Gelegenheit dieser Gewerbe-Ausstellung mit 
werth vollen neuen Erfindungen hervortreten; und dass über 
haupt dasjenige, was in den einzelnen Gruppen geboten ist, in 
überraschender Weise alle Erwartungen übertrifft. 
A t 
Am Hauptportal. 
Fesselnde Bilder waren cs, die man in den letzten Tagen auf 
dem Ausstellungsterrain beobachten konnte, Bilder, die so recht 
zeigten, wie innig der Berliner bereits mit seiner Ausstellung 
verwachsen ist und wie sehr er an ihr hängt. Wer beispiels 
weise am Hauptthor der Ausstellung auch nur minuten 
lang den stillen Beobachter machte, der musste glauben, ganz 
Berlin käme gcwaUiakrtct, um sein Werk zu sehen, schon in 
diesen Vortagen. In schier endlosen Reihen drängten sich die 
Droschken und Equipagen untermischt mit Fuhrwerken aller Art 
vor dem Hauptportal auf dem langen Zufahrtswege. Und die 
Strasse wimmelte von frohbewegten Menschen, die alle zur Aus 
stellung eilten, meistens Aussteller und deren Angehörige, Männer, 
Frauen und Kinder. Vor den Eintrittsseinanken aber staute sich 
in drangvoll fürchterlicher Enge eine Menschenmasse, und auf 
manchem Gesiebt konnte man die Angst der Erwartung lesen. 
Denn die enge Gnadenpforte durfte nur passiren, wer von den Auf 
sehern für genügend legitimirt zum Eintritt erachtet wurde. Nun, 
die meisten waren es. Viele von diesen blieben, wie in andächtiger 
Bewunderung, vor dem Hauptportal eine Weile stehen, verloren in 
dem Anblick der herrlichen Parade. Dann auf einmal, stossweise, 
schiebt sich die Masse vorwärts, hinein in alle die Herrlichkeiten 
des neuen Wunderlandes. 
Eine Verkehrs-Stockung’. 
Die Anfuhr von grösseren und kleineren Ausstellungs-Objecten 
nahm in den Vormittagsstunden des 30. April so überhand, dass 
der Wagenverkehr lange Zeit auf der Treptower Strasso vollständig 
stockte, eine lange Reihe von Möbelwagen, Pritschenwagen, Wagen 
mit ungeheuren Bierfässern, Equipagen, Droschken jeder Güte, 
Handkarren stand laüge Zeit unbeweglich am Verwaltungsgebäude 
und wurde fortwährend durch Zufuhr verstärkt und verlängert, die 
Organe der öffentlichen Ordnung schienen rathlos, die Kutscher 
fluchten, die Fussgänger schimpften, weil sie nicht durch 
kommen konnten, unbefugte Rathgeher wurden zurechtgewiesen, 
die Zuschauer, denen es nicht gerade pressirte, amusirten 
sich, wenn ein Geschirr den misslungenen Versuch machte, 
auszubrechen, die unglücklichen Aussteller, deren Gegenstände hier 
aufgehalten wurden, drängten, die Ausstellerinnen schickten Stoss 
gebetlein zum heiteren Frühlingshimmel. Lange, lange dauerte es, 
bis wieder Bewegung in die Wagenreihe kam, in beschleunigtem 
Tempo, ging es vorwärts, denn jede Minute ist kostbar am Tage 
vor der Eröffnung. Stauten sich draussen die Wagen, so thaten 
es in den Bureaux der Ausstellung die Menschen, alle Räume 
waren überfüllt mit Auftraggebern, Auskunftsuchenden, Karten 
holenden etc.; die amtirenden Herren wussten kaum den Andrang 
zu bewältigen. 
Das Festgewand. 
Schon Donnerstag waren Theile der Coepenicker und der Skalitzer 
Strasse mit dem Festgewand geschmückt, die hohen Flaggenmasten 
mit den durch das Berliner Wappenschild gehaltenen Fahnenbündeln 
in den Farben des deutschen Reiches und der deutschen Staaten 
in Verbindung mit von Palmenwedeln gekrönten Obelisken und 
einzelnen mit Fahnen und Guirlanden gezierten Häusern machten 
einen würdigen, festlichen Eindruck. In der Ausstellung selbst begrüsseu 
uns allerorts wehende Flaggen, so auf dem Lloydschiff, derHolienzoilern, 
in der Anstalt für Volksmassenernährung, die eine Anzahl Gäste 
zur Besichtigung der Einrichtungen und zu einem Probefrühstück 
geladen hatte. Fast alle Restaurants prangen in buntem Fahnen 
schmuck, in der Golonial-Ausstellung ist auf hohem Mast die ost- 
afrikanische Flagge gehisst, überall, wohin man blickt, siebt man 
Vorbereitungen zur Schmückung von Wegen, Gebäuden, Plätzen 
und Innenräumen und die Sonne des ersten Maimorgens im Aus 
stellungsjahr dürfte ein schönes, festfrohes Bild im Ausstellungs- 
parke beseheinen. 
Beim Aufräumen. 
Die Aufräumungs-Arbeiten seitens der Berliner Feuerwehr in 
der Gewerbe-Ausstellung sind am Dienstag mit grosser Energie 
begonnen worden. Es war bekannt gemacht, dass bis zu diesem 
Tage alle öffentlichen Wege etc. der Ausstellung von umherliegenden 
Baumaterial, Schutt, Abgängen etc. seitens der Aussteller oder der bau 
leitenden Firmen geräumt sein müsse, geschehe es nicht, so würde die 
Feuerwehr Alles, was im Wege liege, ohne Rücksicht wegschaffen. Die 
Feuerwehr hatte leider noch genügend Gelegenheit, sich zu beschäftigen. 
Mittwoch wurde die Platz-Inspection vielfach um Auskunft an 
gegangen, wohin Coaksöfen, Karren, Leitern, Gerüsttheile u. s. w. 
gekommen seien, es war Alles auf einen Haufen geschafft worden, 
der bunt genug aussah, und cs war zuweilen mit Schwierigkeiten 
verbunden, die Gegenstände zu sortiren. Donnerstag erschienen 
denn auch die Strassen, Wege und Gänge hübsch gesäubert. An 
einzelnen Stellen lagerten noch Klamotten und Kieshaufen, deren 
Vertheilung jedoch bereits in Angriff genommen war. Am Donners 
tag Abend wurde eine zweite zwangsweise oder wenn man will, 
gewaltsame Räumung und Säuberung des Ausstellungs - Terrain, 
vorgenommen. 
Alt-Berlin 
legt seinen Festsclimuck an. Die zum Spandauer Thor führende 
Brücke und dieses selbst sind mit Guirlanden geschmückt. Die 
seitwärts gelegene Kraftstation ist im Probedienst, es ist die grösste 
in Deutschland existirende, Loeomobile von 200 Pferdekräften. In 
den Strassen und auf den Plätzen Alt-Berlins steht eine wahre 
Wagenburg, beladen mü Wein in Fässern und Flaschen. Bier, 
Porcellan etc. auch Mineralwasser und Liqueurc werden in ganz 
bedeutenderMengeangefahren, W-es übrigens kein Wunder ist, wenn man 
gütigst berücksichtigt, dass Kneipsn und Erfrischungslocale nirgends 
so dicht stehn wie in Alt-Berlin. Da haben wir die Weissbier 
schänke mit recht origineller altväterlicher Ausstattung, die Bodega, 
Aschingcr, den grossen Kurfürsten, den Landsknecht, das Münchener 
Hackerbläu, die Pilsener Bierballe, den Rathskeller; ein sehr feudales 
Local, das. Rathhaus-Cafe, Frühstücksstuben und Gott weiss was 
sonst hoch. Aus der rothen Rose klingen Saitenspiel auf Guitarren 
und Mandolinen; eine italienische Gesellschaft ist bei der Probe, 
die Tarantella wird getanzt, die Zuschauer applaudircn, als sei die
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.