Path:
Periodical volume Nr. 149, 13. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

io Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
[Abdruck untersagt.] 
"Was das Herz für den Körper ist , das bildet die Dampf 
kessel-Anlage für den maschinellen Fabrikbetrieb. Dort 
wird das frische, lebenskräftige Blut mittels der Adern 
durch den ganzen Körper geleitet und vermag so die Glied- 
maassen und Organe des Menschen in gesunder Thätigkeit zu 
'rhalten, damit sie die ihnen obliegende Arbeit bewältigen 
tonnen, hier wird in den gewaltigen Kesseln das organische 
Wasser in Dampf umgewandelt, welcher die durch Rohr 
eitungen verbundenen Dampfmotoren, diese Kraftarbeit lei 
stenden Glieder am Fabrikorganismus, in dauernder Arbeits 
thätigkeit erhält. Auch in unserer Ausstelung spielen die 
erwähnten Anlagen eine bedeutende Rolle, und so" sind die 
dem Dampfmaschinen - Betriebe (namentlich für die elek 
trische Centrale) dienenden Kessel in einem besonderen, hinter 
der Maschinenhalle belegenen, geräumigen Kesselhause un 
tergebracht Da sie gewisermaas,sen gleichzeitig auch als 
Ausstellungs-Objecte dienen, so können wir nicht umhin, 
denselben auch an dieser Stelle einige erläuternde Zeilen zu 
widmen. 
Die sämmtlichen vorhandenen Kessel gehören zu der 
Gruppe der Circulations-Röhrenkessel, welche sich für 
grössere Betriebe unentbehrlich gemacht haben. Das Haupt 
gewicht ist bei diesen Anlagen darauf gelegt, eine möglichst 
schnelle und reichliche Verdampfung des Speisewassers zu er 
zielen, wodurch einerseits am Kohlenverbrauch gespart, an 
dererseits aber die höchste Leistungsfähigkeit erreicht wird. 
Gm dies zu erlangen, musste man, einer gewöhnlichen Be 
rechnung nach, darauf sehen, dem Feuer oder der Verbren 
nungshitze eine möglichst grosse, nur Verhältnissenässig we 
nig Wasser umschliessende Fläche zur Erwärmung zu bieten. 
Ganz von selbst bot sich hier die Verwendung eiserner Rohre, 
welche von allen Seiten von der Hitze umgeben werden 
können. An Stelle der Kessel baut man daher Register 
aus 100 und mehr Röhren, welche vorn und hinten in je einen, 
gemeinschaftlichen, die Wand bildenden Behälter münden. 
Die Register werden nach hinten tiefer liegend angeordnet 
und stehen mit einem darüber liegenden wagerechten Kessel 
durch weite Rohre an der Vorder- und Hinterseite in eom- 
inunicirender Verbindung. In dem Kessel gelangt das Wasser 
zur Verdampfung, nachdem es in dem Röhrensystem bis auf 
die Siedehitze erwärmt ist. Die Röhren liegen vollkommen 
in dem massiv ummauerten Feuerraum, während der Ver 
dampfungskessel frei darüber liegt. Durch eingebaute 
Zwischenmauern und Querwände wird das Feuer und die 
Verbrennungshitze gezwungen, das, Rührensystem- in schlan 
genförmigen "Windungen zu durchstreichen und so jeden 
■inzelnen Punkt, desselben zu berühren; erst dann können die 
' erbrennungsgase nach gründlicher Ausnutzung ihren Weg 
durch den Schorns,tein in’s Freie nehmen. Durch die Er 
wärmung wird in Folge der geneigten Lage des Rühren- 
Systems das im oberen Kessel befindliche kalte oder wieder 
abgekühlte Wasser nachdrängen, während das erwärmte 
nach unten gepresst und, da es leichter ist, in dem hinteren 
Behälter nach oben getrieben wird. Dort giebt es den ent 
wickelten Dampf ab, wird abgekühlt und beginnt nun seinen 
Kreislauf von Neuem. Diese Circulation des Speisewassers 
in dem Röhrensystem hat der Kesselanlage ihren Namen ge 
geben. 
Allgemein ist ein doppelbreites Röhrensystem mit ca. 
200 Einzelrohren zu finden, wählend der Feuerraum in der 
Regel mit drei nebeneinander liegenden Einschütt-Oeffnun- 
gen versehen ist. Ausser von der bekannten Maschinenfa 
brik Cyklop finden wir in dem Kesselhause Steinmüller-Cum- 
mersbach mit einem Kessel von 212 qm Heizfläche und einem 
solchen von 262 qm Heizfläche. Dann folgt Walter & Co- 
Kalk a. Rli., und Petzold (letzterer mit einem Flammrohr 
kessel und darüber liegendem Register. 
Der nun folgende Fabrikant Simonis & Lang führt uns 
•inen resp. zwei vereinigte Circulations-Rühren-Dampfkessel 
mit getheiltem Circulationsstrom und Dubiatt - Emulseuren 
bei einer nutzbaren Heizfläche von 247 qm vor. D e eben 
so sinnreiche wie praktische Neuerung an di« sen Kesseln bil 
den die sogenannten Emulseure (Herausschleuderer). Wäh 
rend bei den gewöhnlichen Kesseln das Wasser bei seiner Cir 
culation von unten in den oberen Verdampfungskessel tritt, 
dort gewissermaassen durch Fortpflanzung der Wärme den 
Dampf erzeugt, ohne mit der Wasseroberfläche wesentlich in 
Berührung zu kommen, wird bei der in Frage kommenden 
Art das circulirende Wasser bei seinem Austritt aus dem 
Rohrsystem abgefangen und in verhaltnissmässig dünnen 
Stahlrohren bis über die Wasserlinie des Kessels g führt. 
Dort sprüht es fächerförmig heraus, zertheilt sich dabei in 
zahllose kleine Tropfen und fällt in Sprühst gen zurück in 
den Kessel. Infolge dieser Zertheilung ist durch die gebotene, 
bedeutend grössere Verdunstungsfläche natürlich eine nicht 
unerheblich vermehrte und leichtere Dampfentwickelung be 
dingt. Nebenbei erwähnt sind diese Kessel noch mit Kohlen 
staub-!? euerung versehen. 
Dasselbe Emulseur-System von Du bi an kennzeichnet die 
auf der gegenüberliegenden Seite vorhandenen K- ssel von E. 
Leinhaas-Ereiberg i. S., welche bei einer Heizfläche von 151 
qm auf 1 qm und Stunde 50 Kg. Dampf von 10 Atmosphä 
ren Geberdruck zu erzeugen vermögen. Der nun folgende 
Kessel der Firma Petry Dereux-Düren i. Rheinland gehört 
zu den einfachen Circulations-Röhrenkesseln, ebenso wie die 
anschliessenden vier Kessel von Borsig, von denen je zwei zu 
einem Systeme mit drei Feuerthüren und einer Heizfläche 
von 201,05 qm bei 10 Atmosphären vereinigt sind. 
Die in dem Kesselliausevorhandenen insgesammt 14Kes 
sel brauchen naturgemäss eine ungeheure Menge Sp is« Was 
ser, welches durch, zwei an der Hinterseite des Gebäudes ar 
beitende Doppeley linder-Pumpen herbeigeschafft wird. Aus 
ser in dieser Anlage finden wir noch Circulationskessel an 
verschiedenen Stellen des Parkes, namentlich in den Gebäu 
den, wo uns die Kohlenstaubfeuerung praktisch vorgeführt 
wird. Ebenfalls zu dieser Kesselart gehören die Kessel, 
welche allgemein zur Dampf- oder Warmwasserheizung be 
nutzt werden — dieselben habe ich bereits in einer früheren 
Abhandlung in Betracht gezogen. 
Auf eine ähnlich,e Weise wird eine schnellere Wa^server- 
dampfung in den Locomobil- und ähnlichen Kesseln erreicht, 
jedoch werden hierbei nicht die vom Wasser durchflossenen 
Röhren vom Feuer umgeben, sondern aus dem Feuerraum 
führen zahlreiche Rohre die lieissen Verbrennungsga.se durch 
das Kesselwasser und bewirken so dessen stärkere Erhitzung. 
«Sogenannte Galloway-Röhrenkessel, bei welchen die Feuer- 
gase durch den aufrecht stehenden Kessel in Schlnngenroh- 
ren nach oben geführt werden, habe ich auf dem Ausstel 
lungsplatze nicht gefunden. Einfache Flammrohrkessel 
baut auch die landw. Maschinenfabrik vorm. Eckert, welche 
uns die «Stirnseite-eines solchen Kessels mit zwei Feuerrohren 
an der Kesselachse zeigt. Kessel mit ünterfeuerung sehen 
wir bei Doering & Rückert hinter der Maschinenhalle und 
genau gegenüber dem Kesselhause, wo besonders gesell,weisste 
Kessel ohne sichtbare Nabt ausgestellt sind. 
Hiermit dürfte wohl das vorhandene Material erschöpft 
sein. Alle Fabrikate zeigen grosse Vollkommenheit, wodurch 
sich namentlich auch die aus Berliner Fabriken entstam 
menden ganz besonders auszeichnen. G. Jacob. 
Hinter den Coulissen eines Riesendiners. 
{Abdruck untersagt.] 
Wer am vorgestrigen Freitag kurz nach 4 Uhr Nach 
mittags am Hauptrestaurant der Ausstellung vorüberging, 
konnte, wenn ihn nicht das Grauen von der Stätte wegtrieb, 
einem furchtbaren Morden anwohnen, das in einem der Sou- 
terrainräume stattfand. 
Oben tönten die lustigen Weisen der Militärkapelle und 
unten stürzten sich etwa zwanzig messerbewaffnete Indivi 
duen kaltblütig auf ihre Opfer — harmlose, lebende Wesen, 
„ — - — -f 
Dampfkessel.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.