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Periodical volume Nr. 14, 1. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

öfficieüe Ausstellungs-Nachrichten. 7 
weil an den Anlegestellen im Treptower Park Lassen nicht er 
richtet werden. 
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Das officielle internationale Pressbureau hat am 
Montag seine Bureaus nach der Ausstellung in Treptow verlegt. 
Dieselben befinden sich im Hauptgebäude in der Wandelhalle dicht 
neben der Post. Es wird gebeten, alle Mittheilungen schriftlich 
und mündlich auch an den Leiter des Bureau Herrn Max Horwitz 
ausschliesslich nach dem Bureau in Treptow gelangen zu lassen, 
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Die Eröffnung der Ausstellung’ für Volks- 
ernährung. Etwa hundert geladene Gäste — darunter Ober 
verwaltungs-Gerichtsrath Perkuhn, Geh. Bath Professor Dr. Tobold, 
Stadtverordnete Laugenbucher, Hammerstein und Biemer halfen am 
Donnerstag Vormittag Herrn Hermann Abraham die Abtheilung für 
Volksernährung eröffnen. Unter den lustigen Zeltdächern am Ufer 
ier Spree schmeckte das einfache, trefflich zubereitete Mahl ganz 
vorzüglich In einer Begrüssungsrede hob Herr Abraham besonders das 
Entgegenkommen des Arbeitsausschusses hervor, der in so hochherziger 
Weise diesem gemeinnützigen Unternehmen entgegengekommen sei 
und es ermöglicht habe, dass auf der Gewerbe-Ausstellung neben 
anderen Bestrebungen auch die hochwichtige der Volksmassenernährung 
vertreten sei. Die Verdienste des Herrn und der Frau Abraham sowie des 
Vereins für Kindervolksküchen, dessen Vorsitzender Herr Abraham ist, j 
wurde von Herrn Stadtverordneten Langenbucher und Herrn Bechts- 
anwalt Wurm anerkannt. Herr Scharberg, Vertreter der Vegetarier- 
Vereinigung, hob die Wichtigkeit der Reform auf dem Gebiete der 
Küche hervor. 
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„Ausverkauft!“ Dass Berlin „im Zeichen der Ausstellung“ 
steht, macht sich in unvorhergesehener Weise bemerkbar. Augen 
blicklich sind weder Tischler, noch Tapezierer, noch Schlosser oder 
andere Handwerker zu haben. Sie sind alle in der oder für die 
Gewerbeausstellung beschäftigt. In den Bekleidungs-, Weisswaaren-, 
Möbel- etc. Geschäften bleiben alle Bestellungen zurück, weil keine 
Arbeitskräfte vorhanden sind; die höchsten Arbeitslöhne werden be 
willigt, nur um eilige Bestellungen herauszuschaffen. In ganz Berlin 
ist augenblicklich kein Plüsch in oliv und rother Farbe zu haben, 
weil alles zur Ausschmückung der Schaukästen der Ausstellung an 
gekauft wurde. Man wird es kaum für möglich halten, dass viele 
Firmennamen an den Ausstellungskästen nicht befestigt werden 
können, weil die dazu nöthigen Metall- etc. Buchstaben augen 
blicklich nicht anfzutreiben sind. 
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Eine eigene Specialausstellung’ veranstaltet die be 
kannte Finna Loeser & Wolff im Treptower Park. Die Firma hat 
ein eigenes Gebäude errichtet, um darin die Entwickelung des 
Tabaks vom Samenkorn bis zum fabrikationsreifen Producte und 
daran anschliessend dessen Verarbeitung durch alle Stadien hin 
durch bis zur fertigen, rauchbaren Cigarre vorzuführen. Die Tabak 
fach-Ausstellung enthält Tabaksamen und Tabakpflanzen aus allen 
tabakbauenden Ländern der Welt. Als Schmuck des Ganzen 
dienen bildliche Darstellungen, die dem Beschauer die Tabakfelder 
der Tropenländer und deren Bevvirthschaftung mittels Eingeborener ; 
vorführen. Hinzugefügt sind allerlei ethnographische Sehenswürdigkeiten 
aus denselben überseeischen Gegenden, welche die äussere Erschei 
nung, das tägliche Leben, die Trachten, Sitten u. s. w. der dort 
einheimischen Völker ersichtlich machen. Hieran schliesst sich die 
Vorführung des gesummten Herganges der Cigarrenfabrikation durch 
eine Anzahl von Arbeiterinnen aus der Elbinger Hauptfabrik und 
mit Benutzung der zur Cigarrenfabrikation gehörigen, während der 
Dauer der Ausstellung in Thätigkeit befindlichen Maschinen, ferner 
die Vorführung der Cigarrenkistenfabrikation und der hierzu dienen 
den, ebenfalls in Betrieb befindlichen Maschinen. Endlich folgt eine 
Ausstellung im engsten Sinne des Wortes: eine Sammlung der 
Cigarrenfabrikate der Firma, welche jährlich mehr als SO Milli 
onen Stück selbstfabricirte Cigarren absetzt. 
Für den Fuhrwerksverkehr auf den Zufahrtstrassen 
der Ausstellung sind folgende polizeiliche Verfügungen ergangen: Auf 
Grund des § 5 des Gesetzes vom 11. März 1850 und des § 62 
der Kreis-Ordnung vom 13. December 1872 in der Fassung vom 
19. März 1881 wird hierdurch für den Amtsbezirk Treptow unter 
Zustimmung des Amtsausschusses folgende Polizei-Verordnung erlassen: 
Alle Fuhrwerke haben während der Fahrt, soweit nicht örtliche Hinder 
nisse entgegenstehen, stets die rechte Seite der Fahrbahn zu halten. 
Die vor dem Central-Verwaltungsgebäude auf der Treptower Chaussee 
(Haupteingang I) anfahrenden Fuhrwerke haben zur Abfahrt den an 
dem städtischen Steindepot entlang und weiterhin zur Treptower 
Chaussee zurückführenden Seitenfahrweg zu benutzen. In der Zeit 
von T Uhr Mittags bis 12 Uhr Nachts darf die Treptower-Chaussee 
von der Gabelung mit der Coepenicker Landstrasse bis zum Oentral- 
Verwaltungsgebäude nur von Droschken und Equipagen (Mail- 
coaehes) benutzt werden. Die Omnibuswagen der Linie Potsdamer 
Platz—Treptow dürfen die Treptower Chaussee nur bis zur 
Ecke der Elsenstrasse befahren. Die Fuhrwerke haben ans der 
Treptower Chaussee eine Keihenfolge inne zu halten, so dass 
jedes neu hinzukommende. dem letzten in der Reihenfolge sich an- 
zuschliessen hat. Kein Fuhrwerk darf aus der Reihe ausbrechen, 
vorfahrende überholen oder sich in die Reihe eindrängen. Aus 
geschlossen von der Reihenfolge sind: a) die königlichen und prinz- 
liehcn Wagen, b) die Fuhrwerke der Feuerwehr und der Strasscn- 
reinigung, c) die Postfuhrwerke, denselben ist von allen Fuhrwerken 
vollständig Raum zu geben. Das Anhalten von Droschken und 
Equipagen auf der Treptower Chaussee und auf der Coepenicker 
Landstrasse ist nur^so lange gestattet, wie es das Aufnehmen oder 
Absteigen von Personen nothwendig macht, das Umherfahren oder 
Warten aber verboten. Im Uebrigen ist längeres Anhalten (Warten) 
nur auf den dazu bestimmten, in der Anlage bezeichneten Halte 
plätzen gestattet. Kremser haben sofort nach dem Ausssteigen der 
Fahrgäste nach dem ihnen angewiesenen Halteplatz zu fahren und 
dürfen nur dort Personen aufnehmen. Diese Verordnung ist vom 
1. Mai bis zum 1. November 1896 in Kraft. Zuwiderhandlungen 
gegen diese Verordnung werden mit einer Geldstrafe bis zu 9 M. 
geahndet, an deren Stelle im Unvermögensfalle für je 3 M. eine 
Haftstrafe von einem Tage tritt. 
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Das Bruthaus der Biologischen Station-Miiggel- 
see, jetzt im Fischereigebäude der Ausstellung, wird pünktlich am 
1. Maiim Betriebe sein. Die Dauer des Brutbetriebes wird voraus 
sichtlich nur einige Wochen dauern können. 
In letzter Stunde! 
Berlin befindet sich in einer fieberhaften Aufregung und allen 
Ernstes kann man von einem »Ausstellungsfieber« sprechen, welches 
alle Schichten der Bevölkerung ergriffen hat. Nur ein Gedanke 
beherrscht die Berliner Bevölkerung: Die Eröffnung der Berliner 
Gewerbe-Ausstellung. Kein politisches Ereigniss, vielleicht aus 
genommen der Ausbruch eines Krieges, wäre im Stande, jetzt auch 
nur auf einen Augenblick die Aufmerksamkeit der Berliner auf sich 
zu ziehen. Das grosse locale Ereigniss, das sich in den nächsten 
Stunden vollziehen wird, beschäftigt eben allein noch die Ge 
müther. 
Es ist als ob etwas von der nervösen Hast, die auf dem Aus 
stellungsterrain herrscht, auf die Berliner Gcsammlbevölkeriing über 
gegangen wäre. Eine Spannung besteht in den Gemüthern, welche 
die endliche Eröffnung der Ausstellung als eine Erlösung, wenigstens 
als eine Erleichterung erscheinen lässt. 
In hundertfacher Verstärkung war die fieberhafte Auflegung, 
die in der Berliner Bevölkerung besteht, auf dem Ausstellungs 
terrain selbst zu finden. Ein sinnbetäubendes Durcheinander, ein 
vollständiges Chaos schien die ganze Ausstellung dem Beschauer zu 
sein. Keine Feder ist im Stande, ein erschöpfendes Bild des 
Lebens und Treibens zu geben, das sich in den letzten Tagen und 
Stunden im Treptower Park abgespielt hat. Die nachfolgenden 
Berichte und Skizzen unserer Mitarbeiter mögen wenigstens ein an 
näherndes Bild der hochinteressanten letzten Stunden geben.
	        
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