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Periodical volume Nr. 148, 12. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
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Das Festdiner des Deutschen An walt-Vereins, 
das gestern (Freitag) Nachmittag im Hauptrostanrant stattfand, war 
das grösste, -weiches bisher auf dem Gebiet der Ausstellung abgehalten 
wurde. Nicht weniger als 1300 Theilnehmer hatten sich zu dem 
selben eingesunden, und es gehörte die ganze strategische Kunst der 
Restaurations-Directiou dazu, um diese Masse zu placiren. Freilich 
mussten zu diesem Zweck der grosse Festsaal, der Thurmsaal, alle 
Nebensäle und die ganze mittlere Terrasse in Anspruch 
genommen werden. Sämmtliche Räume, vor allem aber 
der grosse Saal, prangten in reichem Blumenflor und waren mit 
jener vornehmen Eleganz gedeckt, die man an dieser Stätte längst 
gewöhnt ist. Um 5 Uhr sollte das Diner beginnen, allein die 
schwielige Placirung der zahlreichen Gäste, unter denen sich ein 
reizender Damenflor befand, rief eine längere Verzögerung hervor 
und erst gegen 5 l / s Uhr verkündeten die schmetternden Klänge 
des Einzugsmarsches aus Tannhäuser den Anfang des Mahles, 
dessen Speisefolge wir für Feinschmecker hier folgen lassen: 
Kraftbrühe mit Mark, Regentensuppe, Bachforellen mit frischer 
Butter, Ochseulende mit Godardsauce, Helgoländer Hummer 
mit Ravigotsauee, französische Poularde, Salat, Compot, 
Artischoken mit italienischer Sauce, Prinzessbohnen auf fran 
zösische Art, Ananasbombe, Käsestangen, Früchte und Nachtisch. 
Den ersten, mit stürmischem Beifall aufgenommenen Toast brachte 
Herr Geh. Justizrath fresse auf den Kaiser aus, den er als Schützer 
des Rechts und Hort des Friedens pries. Die von der Kapelle an 
gestimmte Nationalhymne wurde von sämmtlichen Anwesenden stehend 
mitgesungen. Herr Justizrath Goldschmidt toastete auf die Ehrengäste 
von nah und fern und der Justizminister Excellenz Schönstedt dankte 
in beredten Worten für dieselben und brachte ein Hoch auf den 
Deutschen Anwaltverein aus, dem er ausserordentlich sympathisch 
gegenüberstehe. Damit war die Reihe der ofßciellen Toaste, denen 
noch eine Anzahl anderer unofficieller folgte, erledigt. Nach der 
lebhaft animirten Festtafel fand die Aufführung der Eifert’seheii 
Burleske, deren wir bereits gestern gedachten, statt, die stürmische 
Heiterkeit erregte und mit grösstem Beifall aufgenommen wurde. 
s 
Wie es gemacht werden musste. Unser E-dt-Mit- 
arbeiter schreibt uns: »Hier ein Recept, nach welchem der 
Chocoladen-Obelisk der Firma Andree Manxion sicher zu gewinnen 
ist. — Das klingt sehr vermessen; man höre und bedenke dabei 
nur, dass dieses Recept am 30. April bereits bekannt war. Es 
wird aber erst jetzt veröffentlicht. Weshalb ist Geheimniss. Zehn 
in der Ausstellung täglich beschäftigte Verkäuferinnen Schliessen 
einen Pakt, den Obelisk unter sich zu theilen, falls ihn eine ge 
winnt, und operiren gemeinschaftlich. Der Obelisk wird nach seinen 
Maassen abgeschätzt und sein Kubikinhalt berechnet. Das ist kein 
Kunststück. Dann wird das specifische Gewicht von Chocolade er 
mittelt, und dann, das ungefähre Gewicht bestimmt. Z. B. es er 
gäben sich 9000 Pfund. Jetzt tritt das Zehnercollegium in Action. 
Jede kann jeden Tag eine Taxirkarte abgeben. Das heisst also 
mit anderen Worten, da die Ausstellung 107 Tage dauert, so können 
die 10 Personen 1670 Taxirkarten abgeben. Da nun nicht 
anzunehmen ist, dass auf das Pfund genau gerathen wird, so nehme 
man das Kilogramm als geringste mögliche Differenz, und so 
können diese Damen sich um 3340 Pfund vertaxirt haben 
und gewinnen doch den Obelisk. Sie operiren folgender- 
maassen: Taxirtes Gewicht 9000 Pfund. Am 1. Mai werden 
10 Taxirkarten von je einer der zehn Verschwörerinnen abgegeben 
mit den Zahlen 7500, 7502, 7504, 7506 etc. bis 7520 Pfund; 
am folgenden Tage zehn andere von 7522—7540 Pfund; und so 
geht das alle die 167 Tage der Ausstellung fort, sodass, wenn der 
Obelisk ein Gewicht zwischen 7500 und 10840 Pfund besitzt, eine 
der Taxirerinnen sein Gewicht bis auf ein Kilogramm genau taxirt 
haben muss und ihn gewinnt. Hat jemand so vom 1. Mai ab 
operirt? Nein. Dann ist es leider jetzt schon zu spät.« 
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Im stillen Winkel. Die stillste Kasse war während 
der ganzen Ausstellungszeit diejenige am Ende der Trep 
tower Chaussee, von der aus eine hohe Holztreppe in das Aus 
stellungsterrain führt. Der dort fungirende Kassirer lebte 
ein sehr beschauliches und behagliches Dasein. Niemals 
hatte er sich über allzu grossen Andrang zu beklagen, im 
Gegentheil wäre ihm manchmal etwas mehr Arbeit lieber 
gewesen. Die Billets, die. er tagsüber verkaufte, waren zu 
zählen, und auch von den Personen, die sein Kassenhäuschen 
passiren mussten, konnte es heissen: 
Er zählt die Häupter seiner Lieben, 
Gestern sechse und heute sieben. 
Nur frühmorgens war etwas mehr Verkehr, wenn die Ange 
stellten in die Ausstellung kamen. Viele von ihnen hatten 
während der Sommermonate billige Quartiere in Treptow 
gefunden und kamen über die verödete Chaussee zu der stillen 
Kasse, natürlich ohne den Kassirer zu belästigen, da sie Alle 
Dauerkarten hatten. Aber wenn sie „durch“ waren, dann 
war’s auch vorbei, denn die Treptower machen den Kohl nicht 
fett. Soll es doch sogar .einige unter ihnen geben, die aus 
Aerger über die abgesperrte Chaussee noch nicht ein ein 
ziges Mal in der Berliner Gewerbe-Ausstellung waren, viel 
mehr in weitem Bogen um dieselbe herumgehen. 
* 
Mit zwei linken Händen geboren, nennt man 
Leute, welchen auch für die einfachsten Verrichtungen die 
Geschicklichkeit mangelt. Als Gegenstück zu diesen Pech 
vögeln hat nun aber Mutter Natur andere Kinder, denen man 
mit gleicher Berechtigung zwei rechte Hände vindiciren 
könnte. Solche Menschen machen sich alles selbst. Da 
strotzen die Zimmer von Etageren, Cigarrenschränkchen, 
Nähtischchen, Vogelbauern und wie die hübschen Sachen 
alle heissen mögen, die Papa oder Onkel selbst fabricirt hat. 
Solchen Künstlern möchten wir empfehlen, sich einmal nach 
der Gruppe IV zu Herrn Otto Mecke zu begeben, der einzig 
in seiner Branche, alle Arten von Holzwerkzeugen ausgestellt 
hat, welche Tischler, Zimmerer, Glaser, Böttcher und Stell 
macher brauchen. Unmöglich ist, die Namen der ausgestell 
ten Werkzeuge sämmtlich herzuzählen, es finden sich dort 
Hammer, Zange, Zirkel, Säge, Bohrer, Bohr-winde und be 
sonders diverse Gattungen des Hobels. Interessant sind 
hier die dreissig verschiedenen Varietäten von Kehlleisten- 
Hobeln oder einfach Kehlhobeln, mit welchen man ebenso 
viele Kehlstösse, d. h. Formen von Leisten herzustellen im 
Stande ist. Viele dieser Werkzeuge sind in sorgfältiger 
Auswahl und geschmackvoller Zusammenstellung in einem 
Schränkchen vereinigt, welches in die Hobelbank für Laien 
eingebaut ist, die Herr Otto Mecke besonders im Hinblick 
auf die vorerwähnten „Künstler“ fertigt. Die letzteren be 
sonders und dann natürlich auch Fachleute werden den Be 
such dieser kleinen, aber sehr instructiven Ausstellung nicht 
zu bereuen haben. 
9 
Gitter und Umwährungszäune. Es ist noch gar 
nicht so lange her, dass Draht und Eisen-Construction den 
Sieg über den Holzzaun davongetragen haben, und schon ist 
der Verdrängte ganz von der Bildfläche verschwunden und 
taucht nur im tieferen Versteck, dort, wohin das mensch 
liche Auge fast gar nicht sieht, auf. Durchwandert man die 
Gartenbau-Ausstellung und wirft dabei auch einen Blick 
auf die Gitter und Umzäunungen der Beete und Gartenanla- 
gen, und von diesen soll hier nur die Rede sein, so gewinnt 
man den Eindruck, dass höchste Kunstfertigkeit neben pri 
mitivster Einfachheit einhergeht. Der verrostete Telephon 
draht, der von Baum zu Baum gespannt, das Berieten der 
Rasenfläche verhindern soll, wird abgelöst durch die moderne 
Schlingpflanzen-Einzäunung, die mit ihren Unterbrechungen 
durch Blumenampeln und schwebende Bouquets das Nütz 
liche mit dem Schönen verbindet und ebenso unmuthig als 
zweckentsprechend ist. Gleich Guirlanden ziehen sich diese 
lebendes, Zäune um den Neuen See und jenen Theil der Ge 
weihs-Ausstellung, der an den östlichen Promenadenweg stösstL 
Das Modernste auf dem Gebiete der Garten -1 mwährung 
bleibt jedoch das Drahtgewebe, dessen mehr oder minder 
kunstreiche Ausführungen den Verfertigern einen weiten 
Spielraum lassen. Eingeflochtene Arabesken und Orna 
mente, wie die, welche die Finna Carl Leim und Gebrüder 
Ludewig ausstellen, beleben die an und für sich sehr einför 
mig wirkende Drahtumwährung, und Farben - Abtönungen,
	        
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