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Periodical volume Nr. 148, 12. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
ii 
Anerkennung gefunden. Und insbesondere wurden die für 
die Fortbildung der ! vorwärtsstrebenden Jugend getroffenen 
Einrichtungen als mustergültig angesehen, von hervorragen 
den Fachleuten des In- und Auslandes eingehend studirt und 
so der Allgemeinheit zur Nachahmung empfohlen. Berlin 
hat demnach auch auf diesem Gebiet eine bevorzugte Stellung 
errungen, und es ist nicht versäumt worden, auch auf der Aus 
stellung die erzielten Erfolge zur Anschauung zu bringen. 
Einen benierkenswerthen Beitrag dazu lieferte der Vortrag 
eines der berufensten Kenner und Förderer des Berliner 
Schulwesens, des Geheimen Regierungs- und Stadtschulrathes 
Professor Dr. Bertram über „Fortbildungsschulen und 
gewerblicher Unterricht.“ 
Es ist nicht zufällig — so leitete der geschätzte Redner 
seine inhaltreichen und geistvollen Ausführungen ein — dass 
Gewerbe-Ausstellungen den Unterricht in ihre Kreise ziehen. 
Paris 1889, Chicago 1893 haben gezeigt, dass das Friedens 
werk der mächtig aufstrebenden Industrie von den Bildungs 
anstalten genährt wird, wie ein Strom der Ebene von dem ver 
borgenen Grundwasser. So redet auch unsere Ausstellung, 
knapp in den Verhältnissen, wirküngsreich in der Harmonie, 
du zwei Stellen von den Sehulen und Hochschulen als den 
Kräftereservoiren des G ewefbe's: 
Nachdem der Vortragende eine kurze Uebersicht über die 
diesbezüglichen Ausstellungen im Wohlfahrtsgebäude und im 
Pavillon der Stadt Berlin gegeben, wandte er sich der Ent 
stehung der Fortbildungsschulen und ähnlicher Lehranstal 
ten zu. Erst in den letzten 25 Jahren ist dieser Zweig des 
Unterrichts bei uns in Blüthe gekommen. Alle nach dieser 
Richtung hin gemachten Versuche, Organisationspläne, Ver 
ordnungen, Bestrebungen von Staaten, Gemeinden, Vereinen 
und Privaten zeigen das unabweisbare Bedürfniss, die Wege 
der Erkenntniss zu bahnen, weit hinaus über den regulairen 
Schulunterricht; und wie wir schwer ein Culturvolk uns 
denken können ohne Schulzwang, so werden unsere Nach 
kommen eine bürgerliche Gesellschaft nicht begreifen, der das 
neue Culturelement der Fortbildungsschule fehlt. 
Redner unterscheidet drei Klassen: die Ergänzungs 
schulen oder — wie sie in Oesterreich heissen — die Vorbe 
reitungsschulen, die eigentliche Fortbildungsschule und die 
gewerbliche Fachschule. Die Ergänzungsschule ist die äl 
teste Form der Fortbildungsschule. .Sie sollte denen zu Hilfe 
kommen, die elementare Schulbildung nicht zur rechten Zeit 
erlangt hatten, In Berlin besteht seit 1799 auf Anregung 
des Professors Carl Müchler ein Verein zur Errichtung sonn 
täglicher Freischulen zum Besten armer, in den Elementar 
kenntnissen zurückgebliebener Handwerkslehrlinge. Seine 
Schulen unterrichteten an. den Nachmittagen der Sonntage. 
Auf Grund der Gewerbeordnung von 1845 wurden diese Schu 
len in gewisser Weise obligatorisch. Die Lehrlinge waren 
gezwungen, diese Schulen so lange zu besuchen, bis sie nach 
wiesen, dass sie geläufig lesen, orthographisch schreiben und 
mit ganzen Zahlen rechnen konnten. Die Gewerbeordnung 
von 1869 entzog diesen Schulen den Boden. Die Ansprüche 
sind seitdem etwas gestiegen, aber den Charakter der Ergän 
zungsschulen tragen auch heute die obligatorischen Fort 
bildungsschulen in den Staaten, in denen sie durch Gesetz 
geordnet sind. Die Vertreter der obligatorischen Fortbil 
dungsschule hoffen, dass für denjenigen Theil der aufwach 
senden Jugend, der nicht in sich selbst den Lerntrieb fühlt, 
denen in der Familie und dem Lehrverhältniss die bessere 
Leitung fehlt, eine neue sittliche Macht aufgerichtet werde, 
die da eintritt, wo die alten Potenzen versagen. 
Auch bei uns ist das Verlangen nach obligatorischen. 
'Fortbildungsschulen laut geworden. Was kosten sie? Wir 
haben etwa 188000 schulpflichtige Gemeinde-Schulkinder; 
das sind acht Jahrgänge. Ein Jahrgang wird also schlecht 
gerechnet 20 000 Kinder haben. Setzen wir 40 in eine Klasse, 
so brauchen wir für den Jahrgang 500 Klassen, und geben wir 
in 40 Wochen je eine Stunde, so haben wir wieder 20 000 
Stunden. Die Stunde kostet zwei Mark, das giebt 40 000 
Mark. Aber eine Stunde in der Woche genügt nicht, setzen 
wir vier Stunden, so haben wir 160000 Mark, Wenn aber 
vier Jahrgänge vom 14. bis 18. Lebensjahre angenommen 
werden, so erhalten wir 640000 Mark an Lehrerhonorar ohne 
alle Kosten für Lokal, Beleuchtung und Lehrmittel. Unser 
freies Fortbildungsschulwesen kostet in diesem Jahr etwa 
337 000 Mark, fast ebensoviel, 314 000 Mark, kostet der ge 
werbliche Unterricht, abgesehen von den Beiträgen des Staa 
tes, der Vereine, der Innungen. Nicht mit der Polizei sollen 
die Jungen in die Fortbildungsschule gebracht werden. Sie 
müssen gern und freiwillig kommen, getrieben und angezogen 
durch das Beispiel ihrer Kameraden, durch die Einrichtungen 
der Schule, durch den Erfolg des Unterrichtes. Im Jahre 
1887 zählten die Berliner Fortbildungsschuh n und gewerb 
lichen Schulen 12150 Schüler, darunter 8488 Lehrlinge; im 
Jahre 1896 20347 Schüler, darunter 13 583 Lehrlinge. Di© 
Zahl ist erheblich schneller gestiegen, als die der Gemtinde- 
schüler. Ein Drittel der Berliner Gemeindeschuljugend ist 
also von vornherein für die Fortbildungsschule gewonnen, dank 
insbesondere dem Erziehungserfolge 1 der Lehrer an den Ge 
meindeschulen ; das zweite Drittel wird auch der Fortbil 
dungsschule zugeführt werdVn können und zwar mit weniger 
Kosten und in kürzerer Zeit als auf dem Wege des Zwanges, 
wenn weiter an der Verbesserung der Fortbildungsschulen, 
gearbeitet wird. Und was das letzte Drittel betrifft, so muss 
auf die grosse Zahl braver und rechtschaffen* r Knaben im, 
Alter von 14—18 Jahren hingewiesen werden, die das Brod 
für sich und die Mutter verdienen müssen ohne Rast, die, 
Wenn sie sich endlich durch schwere Jahre hindurch gekämpft 
haben, gern in die freie Fortbildungsschule gehen werden, 
für welche aber ein Zwang eine nutzlose Härte wäre. Zur 
Bekräftigung dieser Ansicht führte der Vortragende die Ur 
theile zweier namhafter Franzosen an, des Minister»aldirectdrg 
Gauthier und des Professors Petit, die zu dem Th, mä „die 
Neubelebung der Fortbildungsschulen“ gpnau dieselben. 
Grundsätze aufgestellt haben. 
Der Vortragende wandte sich alsdann den Einrichtungen, 
und den Leistungen der freien Fortbildungsschule zu. Ber 
lin besitzt gegenwärtig fünf Fortbildungs-Anstalten, welche 
sich an höhere Schulen anschliessen, und zwölf, die mit Ge 
meindeschulen verbunden sind. Sie öffnen ihre Thore je 
dem Wissbegierigen und erweitern sich nach Bedürfniss. 
Jung und Alt Lrnen zusammen, zeichnen zusammen, üben 
zusammen. Für die Knaben kann es keinen grösseren An 
trieb geben, als das Beispiel der Erwachsenen, und welch* 
unvergesslicher Anblick war es, wenn der Kronprinz, unser 
Kaiser Friedrich, vor der ehrerbietig lauschenden Klasse 
seinen Arm auf die Schulter eines lernbegierigen Unteres fi- 
ciers legte und den im Felde bewährten Krieger über ein 
Exempel examinirte. 
Die Schüler wählen das Fach, aber nicht die Stufe. So 
finden sich in grossen Schulen die gleichartig Vorgebildeten 
zusammen. Sie wählen, was $ie brauchen, und wählen meist 
verständig: Deutsch in vierwöchigen Stunden, Rechnen, 
Buchführung, Physik, Chemie. Mehr und mehr lernen sie 
die Geomt trie schätzen. Das Zeichnen, als die Sprache des 
Geweihes und als die Grundlage des Kunstgewerbes, wird 
überall betrieben ; nie ist soviel und nie so rationel 1 gezeichnet 
worden, als seit der Zeit, wo die Handwerkerschule uns Lehr 
methode und Lehrer ausgebildet hat. Weiter hinauf geht 
es zu fremden Sprachen, zur Stenographie, zum Modelliren, 
allmählich zur Geschichte. 
Die dritte Gattung endlich, die der gewerblichen Fach 
schulen, hat sich aus dem Bedürfniss nach geschickten 
Handwerkern herausgebildet, welches nicht aufhören wird, 
so lange noch die civilisirte Gesellschaft der Selbstbestimmung 
des Individuums Spielraum lässt. Und ebenso hört das 
Handwerk nicht auf, wenn der junge Handwerker nicht 
aufhört, anzukämpfen gegen die Gefahr, eine 
gedankenlose Maschine zu werden, wenn er nicht aufhört, 
anzukämpfen gegen die Beschränkung seines Gesichtskreises, 
wenn er zeichnerisch bildet und technisch denkt. Die Fach 
schule soll ergänzen, was in der Werkstatt fehlt — das ist 
der Grundgedanke und das ist auch die sociale Nothwen 
digkeit der Fachschule. Die Entwicklung wird weitet gehen.
	        
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