Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officieile Ausstellung-Nachrichten. 6
„Das ist Erpressung“, rief Onkel Fritz.
„Nothwehr!“ entgegnete ich. „Du kannst mir dreist Zucker
versprechen, ehe meine Entschlüsse wanken. Schlecht machen werde
ich Euch nicht. . . .“
„Das könnte Dir sehr sauer aufstossen“, warf Onkel Fritz ein,
jedoch nicht mit gewohnter Sicherheit. Er wurde schon klein.
„Weiss ich“, fuhr ich unbeirrt fort. „Wer sich Geschäfts
schädigung zu Schulden kommen lässt, kann mit mehr oder weniger
Erfolg in Anklagezustand erhoben werden. Aber was viel schlimmer
ist und wogegen keine Abhilfe möglich: ich kann Euch todt
schweigen.“
,.Hu“, rief Onkel Fritz, aber es war ein ziemlich benautes IIu,
ohne jegliche komische Wirkung, wie er wollte. Er fühlte, dass
die Druckerschwärze mir Gewalt über ihn gab. Kein Zeugniss-
zwang vermag auch nur eine einzige anerkennende Zeile aus mir
herauszupressen oder selbst nur den blossen Namen. Und das
weiss sowohl Fritz wie mein Mann. Und genannt wollen sie sein.
Es ist freilich viel Einbildung dabei, denn was nützt das Genannt
werden, wenn das Publikum kurz von Gedüehtniss ist, aber ich
liess sie dabei. Es puckerte ordentlich in mir, wie ich so das
Herrschergefühl verspürte und Onkel Fritz an der Strippe hatte.
Natürlich werde ich mich nie zu solcher Gewaltthätigkeit ent-
schliessen. Eine wie die Maria Stuart’sche Elisabeth unterbaut
Todesurtheile in der eigenen Familie, in unserem Jahrhundert
grassirt dagegen die Humanität. Nein, ich werde meines Karls
Sachen schon herausstreichen und ebenso Onkel Fritzens, wenn
auch erst gegen Schluss der Ausstellung, damit sie nicht zu früh
wieder üppig werden. Eine Drohung genügt mir. Drohen kostet
nichts. Allerdings hält es auch nicht vor.
Mein Schwiegersohn, der Sanitätsrath, ist Feuer und Flamme
für die Ausstellung, soweit er brennbar ist. Er spitzt unbändig
auf die elektrischen Vcrkehrsvcrbindcmittcl zwischen Berlin und
Treptow, wohin er jedes Jahr einmal mit seinen mechanischen
Vereinsbrüdern zum Krebsbundes-Essen reist, auf dem Schiff hin und
in einem eigens bestellten Nachtkremser zurück. Sie sind immer
in vorwurfsfreiem Zustande wieder in Berlin abgeliefert, weil
der Weg so lang ist, dass sie sich ziemlich ausheiterten, bevor sie
versuchten, ob die Hausschlüssel passten. Oh die raschere elek
trische Beförderung mehr von ihrer Vereinsthätigkeit verrathen wird,
bleibt dahingestellt; aber da sie diesmal ihre Krebsorgie auf der
Ausstellung feiern wollen, wird hoffentlich mehr Licht in die Sache
kommen.
Ich sagte zu Emmi: »Gieb besonders Acht auf Deines Mannes
Verfassung und lass Dir nichts von starken Cigarren vorfohlen; das
Vergeisterte mit undeutlichem Zungenschlag hat seine Ursachen im
Getränk. Das nächste Mal machen wir Damen mit, sobald sich
unabweisliche Oberaufsicht herausstellt. Die Krebse sollen dort vor
züglich sein, und son’ne grossen.«
Er ist noch nie elektrisch gefahren und verspricht sich be
sonderen Genuss davon, worauf ich mir zu bemerken erlaubte:
»Wagen ist Wagen, Herr Schwiegersohn.«
»Damit ist nichts gesagt,« erwiderte er.
»0 doch. Es ist mit den elektrischen Wagen wie mit den
Klössen aus Mahlmühlen - Mehl oder aus Dampfmehl: mehr als
ratschen können sie nicht.« — Er lachte beifällig, was mir auffiel.
»Nanu,« dachte ich und erwartete die nachfolgende Erläuterung, die
jedoch nicht von ihm ausging, sondern von seiner Gattin.
»Mama.« fing Emmi etwas druckserig an. »Mama, Franz
meint, namentlich sei es überaus angenehm, dass wir die elek
trische Bahn nahe vor der Thür haben und deshalb öfter hinaus
fahren können.«
»So ist es recht,« pflichtete ich bei. »Die Ausstellung ist
eine Veranstaltung des Gemeinwesens, die man durch persönliches
Erscheinen nicht genug unterstützen kann. Wer Bürgersinn hat,
lege ihn hier offen; die Gelegenheit ist günstig.«
»Ja, Mama, das ist auch unsere Ueberzeugung. Franz wird
von den billigmachenden Couponbüchern kaufen, dass wir Jegliches
gemessen können. Aber siehste, da Du Berichte schreibst, musst
Du doch die Hände voll Freibilleten haben, die Du nicht allein
verwenden kannst . . .«
»Ih, seht einmal,« rief ich. »Aus diesem Perspectiv guckt
ihr? Nein, mein Schatz, was Ihr Euch ausgedacht habt, ist nicht.
Erstens giebt es keine Freibillets, denn die Ausstellung ist kein
Theater mit Zudrangsmangel wegen moderner Stücke und zweitens
mit welcher Notblage wollt Ihr Eure Bedürftigkeit nachweisen?
Nee Kinder, für Nichts ist Nichts. Die Ausstellung liegt in Treptow
und nicht in Nassau.«
Dieser kalte Strahl war so kühl, dass er verschnupfte. Emmi
zog einen Flunsch und bei ihm, wo er sich schon als Persona
gratis geschmeichelt hatte, wurde die Heiterkeit so alle, als wäre
sie auf einem elektrischen Extrawagen abgeblitzt.
»Mama« sagte Emmi patzig, »Du hast oft genug gepredigt,
Kinder legten Eltern die Verpflichtung des Sparens auf, damit sie
nicht als junge Armuthsraben in das Lehen flattern und nun wir
nach Deinen Worten thun, willst Du’s nicht wahr haben.«
»An Euch sollt Ihr sparen, aber nicht an mir. Ausserdem ist
die Ausstellung ein Bildungsmittel und wer seine Bildung vernach
lässigt, schädigt sich selbst.«
»Vergnügen ist wohl nicht draussen?« fragte er mariiziös.
»Gewiss, zur Belohnung für die Bemühungen, die industrielle
Entwicklung der Cultur zu begreifen. Bewundert, was Menschen
hände geschaffen haben und dann dürft Ihr Euch stärken. Wissen
schaft als solche ist trocken. Das sieht man an dem Durst der
Studenten. Und deshalb ist für Alles gesorgt. Kinder, blos allein
die lebensgrossen Schiffe in voller Natürlichkeit und eins inwendig
trinkfähig. Und ein chemischer Pallast und ein Gebäude für Er
ziehung und Unterricht, für die Knaben wie geschaffen. Man weiss
ja nicht, wo anfangen und wo aufhören?«
»Ich denke bei Siechen,« sagte der Rath.
Aus diesem Scherz merkte ich, dass seine Verstimmung nur
äusserlich war und er cs auf etliche Märker nicht ankommen lassen
wird. »Schön,« sagte ich, »und damit Ihr seht, dass ich nicht so
bin, lade ich Euch sämmtlich zu einer Sitzung in dem Siechcn-
Ausschank ein mit Anblick der Spree und Coucertmusike. Ueber-
liaupt werden wir gemeinsame Runden machen und das Gebotene
beaugenscheinigen, davon verspreche ich mir etwas.«
Ich behielt jedoch bei mir, was ich im Sinn habe. Ich
denke mir nämlich, wenn wir ein grösserer Anhang zusammen sind,
die Krausen mit bei und Andere aus bekanntschaftlichen Kreisen
und wir gehen so herum, dann deichsle ich die Fortbewegung un
merklich derart, dass wir ungeahnt an dem Pavillon des Aus-
stellungs-Lokal-Anzeigers vorbeikommen, der sie wegen seiner vor
nehmen Hübschigkeit fesselt. Während sie ihn betrachten, löse ich
mich von ihnen ab und gebe die Treppe hinauf. Sie fragen dann:
»Ilenjeh, Frau Buchholz, wo wollen Sie hin?«
Ich wende mich zu ihnen und sage: »Entschuldigen Sie mich
einen Momang, ich habe etwas geschäftlich zu sprechen; ich bin
Presse.«
Ich verweile einen Augenblick auf der Treppe, schneide ihnen
eine gnädige Verbeugung zu und verschwinde redactionell.
Das Gesicht von der Krausen will ich sehen, wenn ich so da
stehe gewissennassen als Schwiegermutter der siebenten Gross
macht — denn das ist und bleibt die Presse — in meinem Stroh
gelben oder falls der Wetterbericht es an räth, in meinem neuen
Marineblauen mit Creme. Sie soll merken, dass man Gewicht hat,
trotz ihres naslöcherigen Betragen?, weil ihr Mann Studirter ist
und sie sich in jeder Gesellschaft das Meiste dünkt. Wenn ich
wieder retour komme, thu ich ganz wie gewöhnlich mit Milde und
einfacher Selbstverständlichkeit. Und sie hat den Acrgcr intus.
Den Hat sie reichlich an mir verdient mit früheren Pikantericen und
Ueberhebimg, sogar über meinen Mann, der doch ganz anders ein
zubrocken hat als ihr Mann mit den dicken griechischen Büchern
und dem dünnen Gehalt,
Ich vergebe gut und gern, aber auf die Dauer vergessen —-
ist nicht.
So vorspreche ich mir viel Interessantes und Erhebendes von
der Ausstellung schon jetzt, wo sie aus dem Gröbsten heraus den
letzten Schmuck angelegt kriegt. Wie viel tausend Hände sich
regen, das muss man sehen, und Alle von dem einen Gedanken be
seelt, dass es schön wird.
Solcher Anblick macht Freude, wo so viel Zerstören, Mord
und Todtschlag in der Welt ist, so viel Hader und Hässliches.
Hier soll cs schön werden. Und das wird’s auch.
Allein blos die Natur. Der Berliner ist ja schon vergnügt,
wenn er einen Baum siebt. Desto grüner er ist, desto besser, dass
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