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Volume Nr. 147, 11. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
sicht über die Tembe führt, bewohnt, war von einer Schaar 
von Suaheli angefüllt, die theils auf dem Boden, theils auf 
Stühlen und Kisten sassen. Ich wurde von jedem mit einem 
herzlichen Händedruck begrüsst, denn die Suaheli sind 
freundliche Burschen, welche die Höflichkeit der Cultur- 
menschen mit der Ehrlichkeit der Wilden vereinen. Msee 
hatte schon seine Geige in der Hand, Ali zeigte mir lächelnd 
seine Blechflöte und Leonero kauerte am Boden und probirte 
die Sese, jenes einsaitige Griffbrett, dem ein halber Flaschen 
kürbis als Eesonnanzboden dient. Herr Kaufmann gab das 
Zeicheli zum Beginn, und nun summten, pfiffen und quietsch 
ten Töne durch den Raum, die mir unvergesslich bleiben wer 
den. Msee ist nicht ungeübt auf seinem Instrument, er 
war in Zanzibar Boy und hat dort oft zum Tanz aufgespielt. 
Er trifft die einzelnen Melodieen ganz gut nach dem Gehör, 
aber die anderen Musikanten entlockten ihren Instrumenten 
Weisen, dass einem himmelangst werden'konnte. Jetzt setz 
ten auch die Sänger ein. Yuman-bii:-Hassan, ein hübscher 
prächtig gewachsener Negerjüngling, ist der Vorsänger, und 
die fiebrigen gröhlen den Refrain mit. Zuerst sangen sie 
in der Kissuahelisprache eine Art von Heldenlied nach ziem 
lich eintöniger Melodie. Das Lied erzählt von dem tapferen 
Häuptling Madcheinba, der sich durchaus nicht den Weissen 
unterwerfen wollte. Diese zogen zum Kriege gegen ihn aus, 
wurden aber von Madcheinba und seinen Kriegern zurück 
geschlagen. Wieder sandte der Befehlshaber der Weissen 
einen 1 nterhändler an den Häuptling, der jedoch die stolze 
Antwort gab, die Weissen möchten nur kommen, seine Krie 
ger seien tapfer und treu und würden die Weissen abermals 
an die Flucht treiben. Doch die Hoffnung Madcheinba’s 
ging nicht in Erfüllung, er musste sich, als die Feindselig 
keiten wieder begannen, mit grossen Verlusten in das Gebirge 
zurückziehen. „Das Pulver der Weissen ist doch sehr stark ! 
Wer weiss, ob ich morgen noch leben werde!“ soll der tapfere 
Held, wie das Lied berichtet, nach dieser N iederlage gesagt 
haben. Da sandte der „weisse Herr“ den Häuptling eines 
befreundeten Stammes zu ihm, der ihn nochmals zur Unter 
werfung aufforderte. Der „weisse Herr“ habe bereits an sei 
nen König geschrieben, dass er ihm mehr Soldaten schicken 
möge, berichtete der Häuptling, dem es durch seine Ueber- 
redungskunst gelang, Madcheinba zur Anerkennung des 
„weissen Königs“ zu veranlassen. Jetzt lebt Madcheinba 
hochgeehrt in Zanzibar und segnet die Herrschaft der Weis 
sen. Das ist in Kurzem der Inhalt des ziemlich langen Lie 
des. J uma beginnt jeden neuen Vers mit erhobener Stimme, 
dann fallen die anderen ein. Man glaubt unter eine Schaar 
von Teufeln gerathen zu sein, bald klingt das Lied monoton 
und ruhig, dann plötzlich belebt sich das Minenspiel der 
schwarzen Sänger, ihre Augen rollen, die Mäu— Pardon! 
die Münder — reiasen sie auf, dass man sie kannibalischer 
Gelüste verdächtigen könnte, sie stampfen mit den Füssen, 
fuchteln mit den Armen in der Luft herum — urd das alles 
um die Tapferkeit Madchemba’s zu illustriren. Kaum min 
der lebhaft sind ihre Gesticulationen, wenn sie das in ganz 
Ostafrika bekannte Wissmannlied anstimmen: 
Wissmann der grosse Held 
Zog mit seinen Soldaten in’s Feld, 
Vorwärts zum Kampf, Hurrah ! 
Für Deutsch-Ostafrika. 
Das singen sie deutsch, aber mit einer fürchterlichen 
'Aussprache. 
Die gleiche Melodie hat auch folgendes Lied: 
V u m a als Vorsänger singt: 
Man jewa ja ku wapi 
Chor: Sukede sukede 
V u m a : Awende niasekine Daressalama 
Chor: Nkula Mbunga qua kuku. 
In der Uebersetzung heisst das etwa soviel als: Der 
Herr (Besitzer, Eigenthümer) ist fort, er ist davongegangen, 
aber in der Fremde findet er kein Brod.. Wäre er lieber in 
Dar-es-salam geblieben, dann hätte er Reis- und Hühner 
fleisch essen können. — Das Lied ist also eine kissuahelische 
Verherrlichung des alten deutschen Philister-Sprichwortes 
„Bleibe im Lande und nähre Dich redlich“. — Ich horchte 
gespannt auf die seltsamen Lieder und verwandte kein Auge 
von den Sängern, die sich durch diese Aufmerksamkeit ge 
schmeichelt fühlten und das Programm noch um einige 
Kümmern bk reicherten. Es klang ja gerade nicht schür 
aber doch originell, als sie mit ihren heiserenGaumehstimme 
sangen: „Ich hatt’ (inen Kameraden!“ oder das weit) 
kannte „Tara-ra-bum-diäh!“ und dann wieder das sch 
Volkslied: „Muss i denn, muss i denn zum Städtle hina: 
Aber die drolligen Burschen sahen gar nicht so aus, ;> . 
ihnen der Abschied so schwer fifle, denn bei dem Text des 
Liedes schnitten sie so lustige Gesichter, dass man lebhaft 
an das Minenspiel der schwarzen Excentric-Clowns im 
Circus erinnert wurde. „Von wem lernen sie das Alles?“ 
fragte ich Herrn Kaufmann. „Von Msee!“ lautete die Ant 
wort. Msee lachte laut, als er seinen Kamen nennen hörte, 
er hatte ganz gut verstanden, was man von ihm sagte, flugs 
forderte er, um sich in seiner ganzen Glorie zu zeigen, seine 
Schüler auf, nochmals etwas zum Besten zu geben, und die 
schwarze Gesellschaft sang noch: „Deutschland, Deutschland 
über Alles !“ Kun aber hatte ich wirklich genug ! Die Brust 
geschwellt von dem patriotischen Hochgefühl, dass Deutsch 
land so vortreffliche Sänger zu seinen Unterthan« n zähle, 
verliess ich mit herzlichem Dank für die gebotenen Genüsse 
die Tembe und trat meinen Heimweg an. Der Wächter, der 
mir das grosse Thor öffnete, hielt mir erst die Laterne dicht 
vor das Gesicht, er vermuthete wahrscheinlich einen Neger in 
mir, dem nach einem kleinen Ausflug zu Liebesabenteuern 
gelüstete. E. K e i s s e r. 
der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft glücklicherweise jetzt nicht 
mehr von der Gunst der Witterung abhängig sind, finden auch 
am Sonnabend, 12., und am Sonntag, 13. d. M., statt und zwar 
werden an diesen Abenden die Fahnde des Hauptgebäudes und die 
Ufer des Neuen Sees in der bekannten effectvollen Weise erleuchtet. 
S 
Im Hauptrestaurant concertirt gegenwärtig als Ersatz 
für die sich im Manöver befindende Kapelle des Kaiser Franz 
Garde-Grenadier-Regiments No. 2 das Hauboistencorps des 2. Bataillons 
des Mecklenburgischen Grenadier-Regiments No. 89 (Neustrelitz) 
unter Leitung seines Musikdirectors F. Burald mit ausgezeichnetem 
Erfolg. Der treffliche Dirigent, dessen Name unter den Militair- 
Kapellmeistern einen sehr guten Klang hat, hat es in wenigen Tagen 
verstanden, sich und seinen vorzüglich geschulten Musikern die 
volle Gunst der anspruchsvollen Hauptrestaurantbesucher zu erringen 
und finden die ausgezeichneten, exacten Leistungen der Kapelle 
täglich lebhaftesten Beifall, der sich ganz besonders in wiederholten 
Dacaporufen kund gibt, denen Herr Burald stets bereitwilligst 
Folge leistet. 
S 
Die lustigen Rechtsanwälte. Im Festsaal des 
Hauptrestaurants fand gestern (Donnerstag) Nachmittag 
2 Uhr vor einem geladenen Publikum die Generalprobe der 
Burleske mit Gesang statt, die einer unserer jüngeren Rechts 
anwälte Dr. Hermann Eifert für den heute hier tagenden 
Anwaltstag. verfasst hat. Das Stück, das nach dem Festban 
kett zur Aufführung gelangt, ist eine ausserordentlich geist 
volle, reich pointirte Arbeit, in der namentlich die humo 
ristisch - satirische Vorführung eines Processes durch alle 
Instanzen von zwerchfellerschütternder Wirkung ist. Be 
wundernswürdig darf die dramatische Fertigkeit genannt 
werden, mit welcher der Verfasser unsere Klassiker in seinem 
allerliebsten Werkehen verwerthet hat, in dem namentlich
	        
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