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Periodical volume Nr. 147, 11. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officieile Ausstellungs-Nachrichten. 
Berliner Kunstguss- und Metall-Industrie. 
[Abdruck untersagt.] 
Die Gruppe VI der Berliner Gewerbe-Ausstellung um 
fasst etwa 35 in sich ganz verschiedene Fabrikationszweige. 
Die vielgestaltigen Erzeugnisse dieser Betriebe sind, abge 
sehen von einigen Einzel-Ausstellungen, in drei grossen 
Quersälen untergebracht. Von diesen dreien entfällt ein gan 
zer Saal nur auf den einen Fabrikationszweig: Kunstguss 
und Metall-Waaren. 
Vielleicht ist schon aus diesem Raumverhältniss ein 
•Rückschluss auf die Ausdehnung und. Bedeutung dieser In 
dustrie zu ziehen. Jedenfalls sprechen verschiedene Um 
stände dafür, dass diese Industrie einen bevorzugten Rang 
im Gewerbeleben der Reichshauptstadt einnimmt. 
Dies lässt sich auch an der Ausstellung selbst nachweisen. 
Da fällt vor allem der grosse Reichthum der Gegenstände auf, 
der verwirrend wirken müsste, käme nicht die geschickte 
Raumanordnung und die planvolle Gruppirung orientirend 
zu Hilfe. Ferner kommt der Werth der einzelnen Objecte 
in Betracht. Nicht alles, was hier zu sehen ist, erscheint 
von gleichem, noch weniger alles von erstem Range. Das 
Meiste indessen lässt sich als wohlgelungen in der Composi- 
tion, als anerkennenswerth in der exacten und netten Aus 
führung bezeichnen. 
Was am wenigsten befriedigen wird, sind die zeichneri 
schen Entwürfe, die vielfach nachlässig oder stilverworren, 
bizarr oder zurechtgeklügelt wirken, selten aber in freien, 
leichtgeschwungenen Linien einen klaren Gedanken zu kla 
rem Ausdruck bringen. Noch weniger ist irgendwo eine ganz 
persönliche oder gar wirklich originelle Erfindung zu bemer 
ken. Das conventioneil Hergebrachte, die oft erprobte Wohl 
anständigkeit herrschen da, wo von den gelungenen Entwür 
fen zu berichten ist. Vieles steht weit darunter — wie denn 
überhaupt und auf fast allen kunstgewerblichen Gebieten 
gleichmässig der zeichnerischen Leistung zu wenig Raum 
gegönnt und ihr auch zu wenig Gewicht beigelegt wird — 
was auf der Ausstellung leider allenthalben zu Tage tritt. 
Aber von diesem Mangel abgesehen, der allerdings ein 
Kernschaden ist, wird man sich mit dem meisten Vorhan 
denen unschwer einverstanden erklären dürfen. Vornehmlich 
mit der Ausstellung von Moritz Rosenow, deren Collection 
überdies die einzige ist, die alles von der Branche hervorge 
brachte darlegt. Hier gewinnt man einen unterrichtlichen 
Gesammtblick nicht blos über die hochentwickelte Leistungs 
fähigkeit dieser Industrie, sondern auch über ihre mannich- 
fachen, vielverzweigten Productionsformen. Zunächst der 
Kunstguss in seinen vielartigen Gusseffecten und Verwen 
dungsarten, innerhalb deren man sich völlig zwanglos bewegt. 
An manchen Objecten bemerkt man nicht blos zwei bis drei 
und mehr verschieden getönter, polirter und patinirter Bron 
zen, sondern deren Composition sowie die vorbedingende 
Zeichnung lassen sogar ein verschiedenes Guss verfahren der 
Einzeltheile erkennen. In solchen Fällen muss jeder Bruch 
theil für sich technisch vollkommen fertig gestellt sein, ehe 
das Ganze zusammengefügt werden kann. Und doch wirkt 
der Gegenstand zuletzt so, als wäre er aus einem Guss. 
Ferner belehren die hier ausgestellten Objecte deutlich 
über dos Verhältniss der Keramik zum Kunstguss, wobei vor 
nehmlich die Majolica in Frage kommt. Diese Majolica- 
Körper wirken für sich allein selten anders als steif, frostig, 
unbelebt. Combinirt man sie aber mit Bronze-Guss, der 
ihren derben Formen Schwung und Bewegtheit, ihren Farben 
eine ruhig getönte Folie giebt, so ermöglicht sie die dank 
barsten Effecte. Die fabrikmässige Einführung und Ausge 
staltung dieser Combination von Majolica und Kunstguss 
ist ein Verdienst der Berliner Industrie. In diesem Sinne 
spricht man auch von einer „Berliner Kunstguss-Keramik“, 
obgleich Berlin diese Majolica garnicht selbst fabricirt, son 
dern sie — allerdings meist nach eigenen Muster-Ideen — 
von ausserhalb bezieht. So liegt die maschinelle Ausführung 
dieser Neben-Industrie allerdings auf fremdem Boden, vor 
nehmlich in Böhmen, Ungarn, auch in Italien und Süd 
deutschland, aber die ideelle Direetion geht von Berlin aus. 
Natürlich bleibt man, wie aus den zahlreichen, oft rei 
zenden Mustern der Ausstellung ersichtlich, bei dieser einen 
Combination nicht stehen. Wie man die Ma jolica auch mit 
verschiedenen Hölzern, mit Bambusrohr und Theestaude ver 
bindet, eint man die Bronzen andererseits mit Marmor, Al 
ba ster, Porphyr, Onyx, Terracotta, Porzellan, Glas, Kryste 
Baccarat etc. und verfährt dabei mit allem Raffinement ei 
verfeinerten Luxusgeschmackes, der markanteste Zug um 
Zeit, das Nothwendige, nicht blos zweckdienlich zu constrüi- 
ren, sondern ihm ein zierliches, formenschönes Aussehen zu 
geben, hier wird ihm die weitest gehende Rechnung getragen. 
Von den prunkenden Luxusartikeln ganz abgesehen, sind alle 
selbst von dieser Industrie gefertigten Gebrauchsgegenstände 
des Alltags mindestens ebenso viel Zier- wie Nutz-Objecte. 
Wo sie zu dienen haben, schmücken sie zugleich und thun 
beides für ein erstaunlich billiges Geld. Das ist das Ge- 
heimniss ihres Erfolges. Das erklärt das beispiellose Wachsen 
dieser Industrie. 
Und noch eines erfahren wir hier. An jedem Einzel 
stücke. sehen wir jene vortreffliche Ausführung nach zuwei 
len künstlerisch abgewogenen Entwürfen, gepaart mit aus 
erlesenem Geschmack in der Combination von Farben- und 
Material-Effecten, deren Zusammenwirken der Berliner Kunst 
guss-Industrie zu ihrem ausgezeichneten Weltruf verhelfen 
hat. Denn der Weltmarkt ist längst ihr grosses Absatzge 
biet geworden. Der Export trägt ihre Erzeugnisse nach allen 
Cultur-Ländern der Erde. Mit welch’ wohlverdientem 
Rechte ersehen wir u. a, auch an der Ausstellung von 
E. Lewy und Söhne, die auf einem enger begrenzten 
Fabrikationsgebiet ausgezeichnetes leisten. Diese Col 
lection zeigt vornehmlich Muster in ä jour und Fili 
gran-Technik, die in Feingold (Sandguss), Silberoxyd und pa 
tinirter Bronze ausgeführt und überwiegend mit emaillirtem 
oder gemaltem Porzellan, mit grünem Schmelzglas, Krystall 
und Baecarat-Krystall combinirt sind. Luxus- und Ge 
brauchs-Gegenstände aller Art zeichnen sich fast ausnahms 
los durch geschmackvolle Material-Combinationen, klar und 
elegant gezeichnete Muster, in minutiös feilender Correctheit 
der Herstellung aus. Cassetten, Schalen, Spiegel-Etageren, 
scheinen eine Specialität der Firma zu sein, ergänzt durch 
feingliedrig-e Nippes und Requisiten für den Toilette-, 
Schreib-, Spiel-, Rauch-, Näh- und Credenz-Tisch — alles 
mit feinem Formensinn eoncipirt und ausgestattet. 
Ganz in der Nähe ist die Vitrine von Louis Lunitz mit 
einem ähnlichen Genre, dessen Objecte nur noch enger spe- 
cialisirt sind. Auch hier Feingold- und Oxyd-Filigran, aber 
ausschliesslich mit Glas als Miniatur-Vasen oder Trink-Ser- 
vice confectionirt, oder Objecte ganz aus Metall. In letz 
teren vornehmlich Stehrahmen,Schreibzeuge, Schalen, Rauch 
zeuge etc. Sehr fein ausgeführt sind Gegenstände aus Sil 
ber-Oxyd mit aufgesetzten Goldlichtern, die so exact wirken, 
dass sie wie Handvergoldung aussehen. 
Die „Berliner Metallwaaren-Fabrik“, mit ihren wohl- 
renommirten Producten seit langem „ein Freund der Frauen“, 
hat mit ihren Muster-Collectionen drei grosse Vitrinen zu 
füllen gewusst, ohne monoton zu werden. Allerdings in je 
dem Schrank ein besonderer Genre. Silber-Gerätke in hüb 
schen, schlichten Gebrauchsmustern für Tafel, Buffet, Salon 
und Schreibtisch; Neusilber und Nickelplattirung für Haus 
halt und Küche; Metall-Galanterieen aller Arten in Nickel, 
Bronze und Zinkguss. 
Bei dieser Gelegenheit sei gleich einer anderen Firma 
für Haushaltungsgeräthe, ihrer industriellen Eigenart wegen, 
Erwähnung gethan: der Ausstellung von „Sackur’s galva 
nischem Institut“. Es ist zugleich die einzige Berliner Fa 
brik, die den Grundstoff zu der jetzt viel verbreiteten Nickel- 
fabrikation, das Nickelblech selbst herstellt und in alle Welt 
ausführt, Nickelbleche in allen Walzestärken, in Natur 
farbe, bronzirt, verkupfert, oxydirt etc., glatt und in Muster 
prägung, geschliffen und stumpf, ferner alle anderen Indu 
striebleche, bis zum lOOsten Theil einer Millimeterdicke gewalzt.
	        
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