Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten.
im weiten Parke, da mag der Geist durch alle Räume des Erdtheils
wandern, er mag von den Höhen des Zilleithals sich träumen in
Kairos Gassen mit den verhüllten Frauengestalten, er mag aus dein
Spreewalddorf hinüber schauen nach Südafrikas Negerhütten und
die heitere Phantasierundreise durch die Welt antreten. In sich
gesammelt steht das Werk, der Palast der Arbeit selbst da, ein
Ausdruck uralter Kraft, die stets das Neue schafft und sich ihres
grossen Zusammenhanges bewusst bleibt. — Mit den brausenden
Tönen der Orgel aber, die uns diese kräftigenden Gedanken ein
geben, wollen wir den Stolz menschlicher Kraft feiern, die durch
Arbeit das Recht zum Stolze gewinnt, wollen wir für der Hände
Arbeit, wie für des Geistes Arbeit und für die Verbindung beider
ein Hallelujah anstimmen, und in der Freude am Gelingen und an
der Vollendung eines grossen Werkes den Muth zu neuen Werken
in uns stärken. Wenn in irgend einer Stadt der Welt Arbeiten
ein Fest ist und festliche Stimmung erzeugt, so ist es in Berlin,
und welch ein Fest muss das sein, wenn zur Verherrlichung solches
Thuns unter Orgelklang der Segen aller Arbeit geweiht wird! —
Ausstellungsbriefe
von Wilhelmine Buchholz.
I.
[Abdruck untersagt.]
Vor der Eröffnung.
Sehr geehrter Herr Redacteur!
Es passt mir ungemein, Ihnen jeden Sonntag einen, mit der
Länge sich den Umständen anschmiegenden Blies über das Wöchent
liche zu schreiben, was sich in, auf oder neben der Ausstellung
für meine Feder bemerkbar macht. Ja, cs passt mir ungemein,
wenn cs Anderen auch . . . nicht passt.
Ich will damit nicht Wort haben, dass ich aus Widerspruchs
geist auf Ihren Vorschlag eingehe. Nein den habe ich längst bei
Seite gethan. Heutzutage, wo die Emancipation immer mehr um
sich greift und das Weibliche eins nach dem andern abgelegt
wird, emancipire ich mit, wenn auch in moderirter Mässigung und
sage mich von dem Widerspruch, den man uns Frauen bei jeder
unpassenden Gelegenheit vorwirft, ein für allemal los.
Mein Karl, mit dem ich Ihren Antrag überlegte, meinte:
»Wilhelmine, die Arbeit wird zu aufregend für Dich sein. Da
musst doch Studien dazu machen, und wenn's regnet . . .«
»Dann gehe ich in die Baulichkeiten. Karl, es ist ja eine
ganze Stadt im Treptower Park entstanden, so dass die Ausstellung
in Inneres und Aeusseres, sowie in Altes, Neuestes und Fremd
ländisches zerfällt. Und daran hängend der Vergnügungstheil und
zwischen durch Erfrischungsanstalten. Wo ist da die Arbeit?«
»Das Betrachten und genaue Ansehen, das Ueberwinden der
vielen verschiedenen Eindrücke greift an, Wilhelmine.«
»Jawohl, blos besehen, darin gebe ich Dir Beifall. — Aber
es ist von einer wissenschaftlichen Commission genau abgemessen,
wohin immer Getränkunternehmen zu legen waren, den Nerven
Beruhigungspunkte zu bieten, und die sind auf den Centimeter
genau von beeidigten Landmessern ausgerechnet.«
»Wer hat Dir das erzählt, Wilhelmine?«
»Karl, nichts beleidigt mehr als unangebrachter Unglaube.
Wenn die Krausen Dir etwas beschwört, ist es allerdings Deine
Pflicht, mit dem Gegentheil zu dividiren, und was dann heraus
kommt, damit sei auch noch vorsichtig, es weiter zu verbreiten.
Ucbrigcns brauchst Du ja nur hinauszugehen und nachzumessen.«
' »Wilhelmine, ich bitte Dich, schreibe nicht,« bat mein Karl
mit ziemlicher Energie. »Wenn Du treuherzig bringst, was Hinz
und Kunz Dir aufbinden, fällst Du eklig hinein.«
»Karl«, entgegnete ich, »Du redest wie das blinde Huhn von
der Farbe. Herr Kriehberg ist nicht Hinz und Kunz.«
»Was ist das für me Nummer, der pp. Kriehberg?«
»Du wirst ihn kennen lernen, mein Karl. Er ist ein höchst
talentbegabter Architekt, dessen Bekanntschaft ich auf dem Aus-
dell ungsgehin de machte, als ich mir das Ganze vorläufig darauf
»nsali, ob es sich zum Ausschachten für mich eignete. Gerade so
wie draussen in Treptow denke ich mir die Schöpfung, ehe sie
ertig war: noch keine Wege, keine Schutzleute zu fragen, wo's
ang geht, keine Landkarte und kein gedruckter Führer, Alles wüst
lurcheinander, so zu sagen: erst in der sich gestaltenden Idee.«
»Schöner Ausdruck, sich gestaltende Idee,« sagte mein Karl
mit ziemlich verdächtigem Mundwiukelspiel. »Hast Du den aus Dir
selbst?«
»Nein, von Herrn Kriehberg. Der war nämlich so liebens
würdig, als ich mich verlaufen hatte, sich meiner anzunehmen und
mir nützliche Winke zu geben, weil man sich mit dem blossen
Augemnaasse zurechtfinden musste und dabei immer in die ent
gegengesetzte Ecke gerieth. Er wusste von Allem Bescheid, was
er als geborener Architekt ja auch muss und später, wenn ich über
die Baulichkeiten schreibe, bat er mir versprochen, das Technische
von den Stilarten zu liefern.«
»Das kann ja recht hübsch werden.«
»Spotte nur.«
»Ich meine, nach der Probe zu urtheilen.«
»Karl, er ist ein hochbedeutender junger Mann. Wenn cs
nach ihm gegangen wäre, hätte die Ausstellung eine ganz andere
Physiognomie gewonnen, mehr an das zwanzigste Jahrhundert tippend.
Aber sie hörten nicht auf ihn und deshalb hat Manches nicht seine
unbedingte Billigung. Es ist ihm schon oft so ergangen. Weisst
Du, cs giebt Menschen, die ausgezeichnete Pläne entwerfen und
hoch erfinderisch sind, bei der Concurrenz nachher aber haben sie
jedesmal die falsche Katze beim Schwanz.«
»Hin. Und was stellt er jetzt vor?«
»Er ist Inspectorist.«
»Was inspectorirt er denn?«
»So beim Kalchlöschen und was sonst beim Bauen verknippert
ist. Ohne ihn würde das Meiste missglückt ausfallen oder doch
sehr aus dem Lotb.«
»Wilhelmine, wenn Du besser nicht schriebest . ..«
Ich warf meinem Karl einen Blick zu von der Sorte, bei der
man auf Nachbestellung Verzicht leistet.
» . ich meine nicht über Architektur.«
»Die gehört wesentlich dazu. Und sieh’ Karl, selbst, wenn
ich nachgeben wollte — ich kann nicht mehr zurück. Ich habe
schon drei Toiletten für die Ausstellung in Arbeit gegeben, die
ich Dir nicht zumuthe. Nein, mein Karl, die schreibe ich mir zu
sammen, namentlich die eine mattstrohgelbe mit geklöppeltem Flehn,
traumhaft gediegen, der Hut mit gelblichen Federn und Goldspitzen
und weisse Handschuhe mit schwarzen Raupen. Du sollst sehen,
es wird himmlisch.«
Er war besiegt, der gute Karl, besiegt durch die unumstöss-
liche Gewalt der Thatsachen, ohne Widerspruch und Ränke, wie
so viele Frauen anwenden, um ihren Willen durchzusetzen. Mein
Gewissen war sauber wie ein Dutzend unangebrochener Taschen
tücher direct aus dem Laden.
Gebäude sind allerdings, schwer, aber wenn Kriehberg Wort
hält, wird auch diese Aufgabe überwunden, zumal es, wie er sagt,
Architekten giebt, die gar keine sind, und das wird wohl stimmen
wie dito in anderen Berufszweigen. Sonst könnten doch die Land-
wirthe den Industriellen nicht öffentlich vorwerfen, dass sie keine
Idee vom Wohlergehen des Staates hätten und die Industriellen den
Landwirthen nicht jegliche Kenntniss vom gedeihlichen Fortschritt
abstreiten? Irgendwo liegt immer die Wahrheit, wenn auch meist
ganz wo anders.
Herr Kriehberg hat über Vieles ein geradezu vernichtendes
Urtheil und merkwürdiger Weise meistens über das, was mir so
gut gefällt, wogegen er mächtig lobt, was meine Anschauung un
berührt lässt. Aber ich nehme wie aus zwei Kochreceptea vor
uns beiden das Beste. Männer allein sind stets einseitig.
Mit Onkel Fritz hatte ich leichten Kampf.
»Schreib, Minchen,« sagte er. — Darauf sollte ich »Nein«
antworten, aber ich that ihm den Gefallen nicht. Haben wir Frauen
erst mal Principien, sind wir auch nicht wieder herunter zu bringen,
und mein Princip lautet: Widerspruch giebts nicht mehr. Das
heisst, jedoch ja, wenn er nöthig ist. Dann aber feste!
Nun hat Onkel Fritz es an sich, seine Nebenmenschen mit
spitzfindigen Redensarten so lange zu pieken, bis er Recht kriegt,
immer mit Vergnügtheit, aber mit Absicht. Um dies Spiehverk
von vorne herein aus dem Gang zu bringen, sagte ich: „Ihr habt
ja ausgestellt, Du und mein Karl und ich — ich schreibe. Aber
was ich von Euren Gegenständen in die Blätter setze, hängt ganz
von Eurem Betragen gegen mich ab.“
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