Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
Heiden des siebenjährigen Krieges, wenn die Gendarmen
thürme sich aufrecken in den mondlichterhellten abendlichen
Himmel, und ich staune Dich an, wenn mich die Stadtbahn
dahinträgt, wenn sich die endlosen Zeilen lichtflammender
Strassen vor mir aufthun und, über sie hinausragend, bleich
angestrahlt vom weissen elektrischen Licht, wie ein Haupt
voll grosser, schwerer Gedanken, das Haus, in dem ein
Geschlecht von Königlichen Menschen wohnt, das Königs
schloss der Hohenzollern.
Mark Brandenburg, Berlin, wie ich als Kind mit
kindischer Hand die Falten im Gesicht der Mutter nachzog,
neugierig die Schrift entziffernd, die das Leben hinein
geschrieben hatte mit langsam schwankendem, wuchtigem
Griffel, so in den Büchern der Geschichte habe ich gelesen
und daraus erfahren, was Ihr wäret und seid, was Ihr
erfahren habt und ertragen, gewollt und erreicht. Die alten
Bücher haben mir gesagt, dass es ein hartes Leben war, das
da gelebt worden ist zwischen Elbe und Oder, reich an
Kämpfen, dürftig an Freuden, und immer der Arbeit, der
Arbeit, der Arbeit voll.
Ich habe gelesen, Berlin, dass es jetzt zweihundert Jahre
her sind, und etwas mehr, als Deine Bürger zusammentraten,
zur Verzweiflung getrieben von der Göttesgeissei, dem dreissig
jährigen Krieg, als sie zusammentraten und beschlossen, aus
zuwandern aus Berlin, weil es sich nicht mehr leben liess
in der verkommenen Stadt, der verfaulenden, verpesteten
und verseuchten Stadt.
Ich habe es gelesen und hinausgeblickt in das Berlin
von heute und mich staunend gefragt: Wie ist es möglich?
In zweihundert Jahren das? — Wie wurde das Wunder voll
bracht? Und das alte Buch hat mir die Erklärung gegeben;
es hat mich belehrt, dass Dir in Deiner Armuth und Noth
ein Geschenk gemacht wurde, wie der Himmel es selten ver
leiht: ein grosser Mann, ein Königlicher Mensch, Friedrich
Wilhelm genannt, der Grosse Kurfürst. Ich habe gelesen,
dass andere nach ihm gekommen sind, aus seinem Geschlecht,
Königsgedanken im Haupte wie er, Liebe zu ihrem Volke
im Herzen wie er, und dass Du mit ihnen zusammenge
wachsen bist, Du mein Volk, mit Deinen Hohenzollern, un-
theilbar und untrennbar, ein Leib und eine Seele, von der
Wunde, die den Einen traf, der Andere verletzt, von der
Freude des Einen der Andere erquickt, Könige, Bürger und
Bauern ein Ganzes, eine Verkörperung dessen, was die Welt
bezwingt, ein mächtiger, einiger Wille.
Und die Zeiten sind gegangen, die Jahrzehnte und Jahr
hunderte; Thaten sind vollbracht worden, kämpfende Thaten,
immer wachsend an Kraft, immer breiter an Umfang, immer
gereifter durch das Ziel, dem sie gelten, erst nur für die Mark
und Berlin, für Preussen alsdann, und endlich für Deutschland.
Draussen haben sie gestanden, die Fremden, höhnend
auf Dich hingeblickt, zischelnd Dich verleumdet: »Alk ihre
Thaten sind Gewaltthat, als ihr Können der Krieg, Streiten
und Kämpfen ihre einzige Lust.« Du aber hast sie reden
lassen, Du mein starkes, männliches Volk, nur Dein schweigen
des Herz hat stolz gelächelt: »Ihr kennt mich nicht«, und
während sie von Dir sagten, dass Du auf Krieg ausgingest
und Raub, hast Du an Deiner narbigen Brust den Frieden
genährt, hast ihn gehütet in Deinen nervigen Armen, dass
niemand ihn Dir entriss, bis dass er gross wurde, mannbar
wurde, bis dass die Stunde kam, ihn hinauszuführen und
zu zeigen der Welt, und die Stunde ist gekommen, und
sie ist heut!
Heut, unter rauschenden Fahnen, zieht Dein König
hinaus auf das prangende Feld, Dein Hohenzollcr, der
Deutschen gekrönter Kaiser, und jauchzend, Berlin, ziehst
Du hinter ihm her; auf das Feld, wo die Paläste des
Friedens errichtet stehen, wo die Häuser gebaut sind,
darinnen man die Werkzeuge bewahrt, mit denen die Wunden
geheilt werden, mit denen das Leben verschönt und Menschen
glück bereitet wird.
Du hast das Feld abgesteckt, Du hast die Häuser er
richtet, das grosse Werk des Friedens, Berlin, es ist Deins!
Und wenn sie nun kommen werden von nah und von
fern, Einheimische und Fremde, Deutsche und Nicht-Deutsche,
wenn sie staunend stehen und bewundernd umhergehen
werden, dann will ich still zur Seite treten; im Stolz wird
meine Seele aufathmen, weil sic Dich anerkannt sieht,
und im Gebet wird sie sich erheben, dass es Dir erhalten
bleibe, das, was Dich gross gemacht hat, das freudige Herz,
der rastlose Muth, der nie wankende Glaube an die gott
beseelte Menschheit, Du mir Vater und Mutter, Heimathstadt,
geliebtes Berlin!
*«s
chdem wir unseren Pavillon in der Ausstellung in Treptow bezogen haben, lautet unsere Adresse:
——- Redaction der „Officiellen Ausstellungs-Nachrichten“ —
Berlin SO. Postamt 33, Ausstellung.
Unsere Expedition und Inseraten-Annahme befindet sich dagegen nach wie vor Zimmerstr. 40/41.
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.