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Periodical volume Nr. 145, 9. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Aussiellungs- Nachrichten. 13 
iler Thür hörte man ihn murmeln: »Nie mehr finde ich in Berlin 
etwas — nie mehr — nie!« 
V 
Fortuna hilf! Unter den zahlreichen Zuschriften jeglicher 
Art, die täglich der Lötterie-Commission zugehen, dürfte die nach 
folgende um ihrer Naivetät willen eine der originellsten sein: 
„Werthe Herrn Ich komme mit einer sehr bescheidenen Bitte 
an sie zu richten würden sie nicht so gut sein und mir zwei Loose 
von der Ausstellung schicken ich möchte gern auch etwas Ge 
winnen mit meiner Freindin wir sind beide in in Dienst 
und haben alte Eltern die sehr arm sind sie könntens am Endo 
machen das sie uns ein Loos schickten das ein bar tausend Mark 
gewinnen wie würden wir uns freuen ein grosses Los keuen wir 
uns nicht kaufen da wir so wening Lon kriegen und noch den 
Eltern abgeben müssen nun hab ich gestern zwei Mark Trinkgeld 
gekriegt und habe mir vorgenommen vor mich und meine Freindin 
ein Los zu kaufen sein Sie doch so gut nun wenn cs Ihnen 
halwegs möglich ist lassen sie uns ein bar Tausend Mark ge 
winnen Sie machen dadurch ein bar arme Leute klüglich ich 
schicke gleich die Marken mit und auch um die Lose zu schicken 
sein sie so gut wennses machen können (Folgt Unterschrift.) 
Bostlagernd Luisenblatz mein Herschaft braugs nich zu wisse ich 
hole es tort ab,“ 
Die gründliche Verächterin aller Unterscheidungszeichen, die 
sich mit einem einzigen Komma am Schluss begnügte, erhielt 
natürlich die gewünschten Loose zugeschickt. Eine Garantie für 
einen »bar Tausend Mark-Gewinn« konnte allerdings nicht über 
nommen werden, doch hat vielleicht Fiau Fortuna diesmal ein 
Einsehen und wirft den braven Mädels, die so wacker ihrer armen 
Eltern gedenken, das Gewünschte grossmüthig in den Schooss. 
V 
Das Wohlthätigkeitsfest in der Kolonial-Aus 
stellung , zum Besten der Hinterbliebenen der mit dem 
Kanonenboot »Iltis« verunglückten Mannschaften, hat einen Rein 
ertrag von Mk. 1397,75 ergeben, welchen der commercielle Theil 
der Deutschen Kolonial-Ausstellung dem Arbeits-Ausschuss über 
geben hat, um das Geld an die Centralsammelstelle abzuführen. 
s 
Eine eigenartige Heimstätte hat ein Bienenvölk- 
ehen in dem im Vergnügungspark gelegenen Bienengarten, 
von H. Gühler-Treptow gefunden. Dasselbe hat sich in 
dem „Bräutigamshut“ des Züchters angebaut und fliegt da 
selbst munter aus und ein. Der Hut passte in seiner lieblich 
maikäferbraunen Färbung nicht mehr recht in die moderne 
Welt und wurde deshalb von dem praktischen Eigenthümer 
den fleissigen Immen, die mehr auf Zweckmässigkeit als auf 
Schönheit sehen, zur Wohnung überlassem Als Pendant 
hierzu mag erwähnt werden, dass ein zweites Bienenvolk, 
„Grossmutters Kaffeewärmer“ als Heimstätte benutzt. Der 
selbe besteht aus einem grossen zuckerhutförmigen, aus far 
bigen Tuchstreifen gefertigten Sack, der jahrelang über die. 
Moccakanne gestülpt wurde. Das Völkchen befindet sich 
in dem alten Familienstück sehr wohl und füllt dasselbe 
emsig mit Wachs und Honig. 
V 
Sonnenschein! Zum ersten Male seit Wochen zeigte sich 
gestern wieder einmal unsere Ausstellung in ihrer vollen Schönheit, 
denn goldiger Sonnenschein lachte während des ganzen Tages äuf 
sie hernieder und wie ein Hauch der Festfreude lag es über dem 
herbstlich angehauchten Park, der bisher so schwer unter der Un 
gunst der Witterung gelitten hatte. Erleichtert athmeten alle die 
jenigen auf, deren Beruf sie an das Ausstellungsgelände fesselt, 
war es doch wieder einmal eine Freude, sich in den lichtstrahlen 
den Räumen und Anlagen zu ergehen, nicht beängstigt von dem 
drückenden Gefühl, dass der düster umzogene Himmel jeden Augen 
blick strömenden Regen herniedersenden und Weg und Steg höchst 
unerquicklich gestalten könne. Und auch die Physiognomie der 
Besucher, die schon vom frühen Morgen ab ausserordentlich zahl 
reich herbeiströmten und in lichten Schaaren das Hauptgebäude, 
die zahlreichen grossen Pavillons und den Park füllten, war so 
ganz anders wie in den letzten Tagen; auch auf ihren Gesichtern 
lag es wie Sonnenschein und Sonntagsfreude, da sie sich wieder 
einmal so ganz der ungestörten Besichtigung all’ der Ausstellungs 
Herrlichkeit hingeben konnten. Jeder neue Zug brachte Hunderte 
von Gästen und namentlich in den Stunden von ein bis drei Uhr 
Mittags war der Andrang an den Kassenschaltern ein wahrhaft 
sonntäglicher. Aber auch nach dem Eintritt des erhöhten Entrees 
kamen bis zum Spätabend noch viele Tausende, um sich an der 
grossen Illumination zu ergötzen, die ja diesmal einen neuen Reiz 
dadurch erhielt, dass zum ersten Male die Ufer des Neuen Sees 
durch die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft elektrisch erleuchtet 
wurde» — eine Neuerung, die sich als höchst effectvoll erwies 
und im Verein mit der Illumination des Hauptgebäudes und der 
Wandelgänge durch die vorzüglichen Hoppenwortli’schcn Arrangements 
ein Schauspiel von berückender Farbenpracht und vollendetem 
Geschmack gewährte. Um 7’/ 2 Uhr verkündeten die üblichen 
Kanonenschläge den Beginn der Erleuchtung und eine Viertel 
stunde später schwamm der prächtige Mittelpunkt der Aus 
stellung in einem Meer von Licht, einen geradezu feeen- 
haften Anblick gewährend, der namentlich den zahlreich er 
schienenen Fremden, die zum ersten Male der Illumination an 
wohnten, laute Rufe der Bewunderung entlockte. Als aber dann 
noch die Lichtfontaine ihr entzückendes Farbenspiel entwickelte, 
da war des Staunens kein Ende und jeder erkannte dem dies 
maligen Illuminationsabend den Preis vor allen bisherigen zu. 
Bis spät am Abend umwogte die Menge der Besucher die Pro 
menaden um den Neuen See und vor dem Hauptgebäude, Auge, 
und Ohr gleichmässig an dem schönen Lichtschauspiel und den 
trefflichen Concertvorträgen der beiden Seekapellen ergötzend. Die 
Herren Kassirer aber schmunzelten vergnügt hinter ihren Schaltern 
hatte doch dieser Tag eine richtige Sonntagseinnahme gebracht. 
? 
Die Kaffeeschlacht! „Zwei Tassen Kaffee!“ „M.r 
— eine Tasse“. „Drei Portionen — Fräulein — und Casslei* 
dazu (sprich Oassleer).“ „Ja, gdeich!“. — „Fräulein, ich 
warte schon eine halbe Stunde —“. „Geduld, mein Herr, 
der Andrang —“.. „Nee — so ’ne Fülle — schrecklich!“ 
„Harn se, Freilein, kann ich Sie ä haar Gäsegeilcheu grie- 
gen?“ „Mir bringen Sie Baumtorte mit Schlagsahne, schö 
nes Kind“. — „Lassen Sie das, mein Herr!“ „Na, na — 
man nich gleich grob!“ -— So tönte es gestern Nachmittag 
in hundertstimmigem, gemischtem Chore in der Ausstellungs- 
Conditorei Cafe Fache. Es war ein Hasten und Drängen, 
dass man schon Ohrenklingen bekam, wenn man noch 20 in, 
vom Pavillon entfernt war. Platz war überhapt nicht zu er 
halten, selbst auf der Rampe sassen die Kaffeedurstigen mit 
der Tasse in der rechten Hand und einem Stück Kuchen in 
der linken, und mühsam die Balance wahrend. Und wie 
schwer war es, die Tasse Kaffee und das Stück Kuchen zu 
erobern ! Eine dreigliedrige Mauer von Menschen umlagerte 
das Buffet, die Vorderen gesticulirten mit beiden Händen, 
bis sie den gewünschten, heissen Kaffee erhalten, um ihn 
dann kalt, mit hochgestreckten Armen aus dem Gedränge zu 
tragen. In die so entstandene Lücke trat sofort ein Anderer. 
Dazwischen eilten die zahlreichen Kellnerinnen, im Schweisse 
ihres Angesichts Tablettes mit Bergen von Kuchen und 
Kaffeetassen zu den Tischen tragend, gedrängt und ge- 
stossen, konnten sie sich kaum mit ihren Lasten Bahn brechen, 
Schliesslich waren aber doch alle Gäste befriedigt, und die 
schmausende Menge machte sich über die Neuangekommenen 
lustig, die sich muthig in das Kampfgewühl stürzten. Bis in, 
die späte Nachmittagsstunde hinein tobte die Kaffeeschlacht,j 
die leider auch ein kleines, zum Glück bald geheiltes Opfer; 
gefordert. Eine Dame in schneeweisser Toilette verliess; 
nämlich den Kampfplatz mit einem braunen Kaffeeflecken! 
von ziemlichen Dimensionen darin und Thränen in den] 
Augen ! Ihr Gatte tröstete sie, es half aber alles, freundliche] 
Zureden nicht, erst als dem Unbedachten das Wort: „Gerson“ 
entschlüpfte, da heiterte sich das Gesicht der „Begossenen»“, 
mit einem Schlage auf — sie nahm den Arm ihres Mannes 
und zog ihn eilig zum Hauptgebäude. 
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Die Physiognomie der Ausstellung ist seit An 
fang des, September eine gegen die beiden A ormonate wesent 
lich verschiedene. — Schon in den Zufahrtsstrassen lässt sich 
an der grossen Zahl von Privatfuhrwerken erkennen, dass die 
„oberen Zehntausend“ von ihren Reisen und Kurorten all 
mählich zurückkehren. Die Wandelgänge und Alleeen be 
leben sich; wo früher nur Vettern und Basen vom Lande und
	        
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