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Periodical volume Nr. 145, 9. September 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 11 
Gesellschaft Rafaele Liberti’s in der Osteria seine Aufmerk 
samkeit geschenkt hat oder oh er den Klängen der rumäni 
schen Kapelle Georgescu oder Dimitri Iwanow’s vollendeter 
Truppe gelauscht, überall wird dem empfindungsreichen Men 
schen ein Gefühl der Theilnahme und des Mitgefühls an dem 
wechselvollen Schicksal dieser wandernden Künstler nicht 
fehlen. Und sieht er sich weiter um nach ähnlichen Dar 
bietungen in der Ausstellung, so wird er nicht gleichgiltig 
bleiben bei den feurigen Sanges- und Tanzweisen, die In „Alt- 
Berlin“ im Pilsener Bierhaus von Gebrüder Roesler die nea 
politanische Kapelle Petrucci zum Besten giebt. Mit welcher 
Eleganz in Postum und Bewegung treten diese echt süd 
ländischen Typen auf; wie zurückhaltend und bescheiden 
bleiben die Damen und Herren im Verkehr mit dem Publi 
kum, und welcher Humor, welche Begeisterung beseelt sie, 
wenn sie eines ihrer Lieblingslieder bei Mandolinenklang und 
Tamhourinschilägen vortragen. Und weiter im Rübezahl- 
Keller der Riesengebirgsbaude das anmuthige Steirische Da- 
men-Terzett Ruttinger, das mit künstlerischer Begabung 
seine heiteren Lieder anstimmt und über jeden Beifall der 
Menge herzlich erfreut ist. Auch hei allen diesen wandern 
den Sängern und Musikern kann man Charaktere studiren 
und Beobachtungen anstellen über Menschenschicksale. Mö 
gen sie alle, wenn sie von ihren jetzigen Wirkungsstätten 
scheiden, eine angenehme Erinnerung an die Berliner 
Ausstellung mitnehmen, und möge ihrer weiteren Wander 
fahrt allzeit ein glücklicher Stern strahlen, dass sich ihnen 
die edle Frau Musica stets von ihrer lieblichsten Seite zeige. 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt ] 
Flussverunreinig’ung’. 
Die Reinlichkeit ist eins der vornehmsten Erfordernisse zur 
Erhaltung der Gesundheit. Diese hat der Mensch nicht blos äusserlich 
zu pflegen, sondern auch bei der Aufnahme von Nahrungsmitteln 
darauf zu sehen, dass sie vom hygienischen Standpunkt aus als 
rein d. h. unschädlich für die Gesundheit zu betrachten sind. 
Hier spielt die grösste Rolle das zum Trinken verwendete Wasser, 
weil gerade durch Wasser die Verschleppung von Krankheitskeimen 
am grössten ist. Noch häufig bedient man sich des rohen Fluss 
wassers als Tränkwasser. Und die Folgen, die daraus für das 
Wohl eines grösseren Gemeinwesens entstehen, sind noch Jedem 
im Gedächtniss, wenn er an die letzte Cholera-Epidemie in Ham 
burg denkt. Jedem, der auch nur oberflächlich mit den Wasser 
verhältnissen in Hamburg bekannt ist, musste die Möglichkeit, ja 
Wahrscheinlichkeit des gelegentlichen Eintritts der schweren Epi 
demie klar sein, da alle Wirthschafts- und Fabrikwässer der Elbe 
zugeführt wurden. Auch Chicago entnimmt sein Trinkwasser direct 
dem Michigansee, nachdem dasselbe alle Abfallstoffe dieser grossen 
Stadt in sich aufgenommen hat. Die Hygiene muss daher vor 
allem auf ein gutes reines Trinkwasser bedacht sein, aber auch die 
Industrie hat ein Interesse daran, in ihren Betrieben solches Wasser 
zu verwenden. Ein Betrieb in Stärke- und Zuckerfabriken, in 
Bierbrauereien und Färbereien wird sich ohne gutes Wasser schwer 
aufrecht erhalten lassen. 
Ueber die Flussverunreinigungen in ihrer verschiedenen Art 
sprach Herr Regierungsrath Dr. Ohlmüller in seinem Vor 
trage im Chemiegebäude. Die Verunreinigungen des Flusswassers 
werden organischer und mineralischer Natur sein. Die organischen 
Stoffe, welche in das Flussbett gelangen und welche meist stick 
stoffhaltiger Natur sind, werden den Flussläufen durch Regen und 
die Abfallstoffe der menschlichen Fäkalien und die städtischen Ab 
wässer zugeführt. Ein Regen wäscht die Luft aus, reisst die darin 
enthaltenen Staübtheilchen mit herunter und löst die Gase wie Kohlen 
säure, Schwefelige Säure und Ammoniak auf. Natürlich wird die 
Zusammensetzung des Regen wassers in grossen Städten und auf dem 
flachen Lande bedeutend differiren und je nach dem Charakter der 
zwischen verschiedenen Städten und Dörfern liegenden Gegenden, 
bezw. je nachdem das Regenwasser von Ackerland, Wald, Gebirge, 
Sumpf, Thon oder Felsen abfliesst. wird die Reinheitsnorm des 
Wassers sich ändern. Das von Ackerland und Landwegen abfliessende' 
Regenwasser hat einen nahezu gleichen Stickstoffgehalt als fäkalien 
freies Hauswasser, dagegen oft viel mehr Schlammstoffe. Das 
sieht man am besten an dem aus Bächen, Rinnen und Gräben 
dem Flusse zuströmenden Regenwasser, welches stellenweise nicht 
einmal durchsichtig ist. Die Hauptverunreinigungen werden natür 
lich den Flüssen zugeführt, wenn die ganzen Abfallwässer der 
grossen Städte in dieselben geleitet werden, die sich zusammensetzen 
aus den menschlichen Fäkalien und aus Producten pflanzlicher 
Natur, die aus Fabriken, namentlich aus Zucker- und Stärkefabriken 
herrühren. Die mineralischen Stoffe, die ein Fluss aufnimmt, können 
natürlich sehr verschiedener Natur sein, je nach der geologischen 
Formation, durch die der Fluss fliesst und je nach den chemischen; 
Industrieen, an denen er vorbei kommt. Wir erinnern nur an die; 
Grubenwässer der Bergwerke, die durch ihren starken Eisengehalt 
stets eine grosse Menge Eisenschlamm absetzen, an den Kochsalz 
gehalt, der aus den Mansfelder Bergwerken der Saale zugeführt 
wird und an die werthlosen Salze, wie Chlormagnesium, welche 
z. B. bei der Herstellung von Kaliumsalzen aus dem Karnallit ir 
den Stasstürter Werken ihren Weg flusswärts nehmen. 
Bei der Beurtheilung der Verunreinigung eines Flusses wird man 
in erster Linie die örtlichen Verhältnisse in’s Auge zu fassen haben, 
ob er langsam oder schnell fliesst, ob Verengerungen im Flussbett 
eintreten, ob eine Rückwärtsbewegung durch Ebbe und Fluth fest 
zustellen ist. Bei der Probeentnahme wird man nicht das Wasser 
von einer Stelle zu entnehmen haben, sondern möglichst nach einer 
Durchschnittsprobe an den Ufern und der Mitte trachten, da das 
Flusswasser an den Ufern eine ganz andere Zusammen 
setzung zeigt als in der Mitte. Bei der Beurtheilung eines 
Wassers als Trinkwasser wird man auf eine blosse Zahlenangabe 
der darin enthaltenden mineralischen Stoffe zweckmässig verzichten, 
die ja nur, wenn in grösserer Menge vorhanden, den Geschmack 
beeinträchtigen würden. Dagegen ist das Hauptaugenmerk auf die 
Gegenwart stickstoffhaltiger Substanzen, wie Ammoniak, salpetrige; 
und Salpetersäure zu legen, weil man aus ihrer Gegenwart einen 
Rückschluss ziehen kann, dass das Wasser aus irgend einer Quelle 
organische Zersetzungsproducte aufgenommen hat. Die mikroskopische 
Prüfung auf suspendiite Stoffe, die aus Küche und Haushalt 
stammen, und die bakteriologische Untersuchung, die beide von 
grossem Werth für die Beurtheilung eines Wassers sind, werden 
dann die Untersuchung vervollständigen. 
Wie kann man nun einer Flussverunreinigung im Wesent 
lichen steuern? Die Frage ist dadurch lösbar, dass den Städten 
Gelegenheit gegeben wird, ihre Abwässer frei von Fäcalien zu 
halten, da solches Wasser, wenn es ausserdem von festen suspen- 
dirten Stoffen befreit ist, nicht wesentlich unreiner ist als Fluss- 
wasser an Regentagen. Hierbei wird auch neben der Hygiene' 
die Landwirthschaft einen ergiebigen Gewinn haben, da die zahl 
losen, für den Landwirth werthvollen Düngerstoffe, welche in den 
Fäcalien enthalten sind, wenigstens theilweise erhalten werden 
können, während sie bei dem Fortleiten derselben in die Flüsse 
ganz verloren gingen. Allerdings ist die Aufgabe, die ungeheueren 
Spüljauchenmengen, welche in volksreichen Städten durch die ge 
meinsame Ableitung aller Wässer entstehen, in befriedigender Weise 
zu reinigen, noch nicht gelöst worden, weder durch künstliche 
Klärung, Absetzen lassen, Filtriren, noch durch Berieselung. 
Bei der Anlage von Rieselfeldern ging man allerdings von dem 
Grundsatz aus, die zahlreichen, werthvollen Dungstoffe dem Acker 
bau dadurch zu erhalten, dass man dieselben zur Uebeirieselung 
angrenzender Ländereien gebraucht, doch haben sich die Erwartungen 
nicht erfüllt, da bald eine Uebersättigung des Bodens eintritt, und 
durch die unerhörteste Vergeudung der Dungstoffe an kleine Land 
striche, die Landwirthschaft geschädigt wird. Das Tonnensystem, 
welches in einigen Städten eingeführt ist, erhält diese Stoffe schon 
mehr der Gesammtheit, der Landwirthschaft, da ein weiterer Trans 
port der mit Torfmull vermengten Fäkalien ermöglicht ist. Ein 
weiteres Verfahren besteht in der Klärung der Fäkalien durch 
Chemikalien (Kalk, Thonerde), bei dieser Methode geht aber nach 
wie vor fast der ganze lösliche Stickstoff in die Flussläufe, während 
der zurückbleibende Schlamm nur wenig dungkräftige Substanzen 
enthält. 
So leicht die Verunreinigung eines Flusswassers ist, so un 
vollkommen ist bis jetzt bei allen Vorsichtsmaassregeln die Abstellung.
	        
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