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Volume Nr. 14, 1. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

OFFICIELLE 
Telephon Amt I, 4067. 
TELLlGSlACiäCHTEN 
Organ der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. 
Nummer (4. 
Die „Officiellen Ausstellung«-Nachrichten“ erscheinen täglich und kosten frei in’s Haus monatlich 
2 Mark; (Post-Zeitungs-Preisliste No. 5381a, 4. Nachtrag.) Preis der Einzelnummer 10 Pfennig. 
Inserate: pro viergespaltene Petitzeile 75 Pf., für ganze, halbe etc. Seiten und für laufende 
Aufträge besonderer Tarif, — Abonnements und Inserate nimmt die Expedition des „Berliner 
Lokal-Anzeiger“, Berlin SW., Zimmerstrasse 40 41, sowie dessen sämmtliche Filialen entgegen. 
Freitag, 
I. Mai. 
Zur Eröffnung. 
Vou Ernst von Wildenbruch. 
Fünfzig Jahre bin ich geworden, vielen Menschen bin 
ich begegnet, viele Gesichter habe ich gesehen, manche 
darunter lieblich und schön, so dass sie nie untergegangen 
sind in meiner Erinnerung, darin fortlebend in dauerndem 
Reiz — unter all' den nie vergessenen das unvergänglichste 
aber wärest mir Du, unter all’ den reizenden das schönste 
wärest mir Du, theueres Gesicht mit der sorgen 
durchfurchten Stirn, dessen Falten ich nachzog 
mit tastender Hand, wie die Zeilen eines 
heiligen Buches, in dessen Augen ich mich 
versenkte wie in eine Offenbarung alles 
Grossen und Guten, Antlitz, an dem ich ge 
hangen habe mit meinen Armen, meinen Lippen, mit meiner 
Seele und meiner Liebe, theueres, heiliges Antlitz meiner Mutter, 
Möglich, dass es schönere Frauen gegeben hat als Dich — 
ich frage nicht danach; mir wärest Du nicht hässlich noch 
schön, mir wärest Du wie das Tageslicht, ohne das man nicht 
leben kann, das man in sich aufnimmt, ohne zu prüfen und 
zu wägen — möglich, dass es schönere Länder giebt 
als Dich, Mark Brandenburg, sandiges Land, schönere Städte 
als Dich, Berlin, Du ohne Berge, vom dürftigen Strome 
durchrauscht, vom Sande umgürtet — möglich, wahrschein 
lich gewiss — aber ich frage nicht danach; mir seid Ihr 
nicht hässlich noch schön, mir seid Ihr Vater und Mutter 
und Ileimathland; nicht mit den Augen hänge ich an Euch, 
sondern mit dem Herzen und mit meiner Liebe. 
Ich kenne Dich, Mark Brandenburg, darum liebe ich 
Dich; mit Deinem Luch und Bruch, Deinen stillen Dörfern, 
mit den breiten, sandigen Strassen darin, auf denen die ur 
alten Linden stch’u, in Deiner ernsten Schönheit liebe ich 
Dich, Du keusches Land, das Du gesucht, nicht besucht 
sein willst, das Du hinter Fichten und Sand Dich versteckst, 
dem Wanderer aber, der Dir nachgeht, Deine blauen Sceen 
erschlössest, wie dunkle Augen voll Tiefsinn, voll stiller 
Schönheit und weisheitsvoller Mär. Ich kenne Dich, Berlin, 
darum liebe ich Dich, mit Deinen langen, geraden Strassen, 
in denen das Leben strömt, mit Deinen stillen Strassen liebe 
ich Dich, zur Rechten und Linken, wo den Wanderer plötz 
liches Schweigen umfängt; ich liebe Dich, wenn ich am 
Nachmittage über den Wilhelmplatz gehe und die 
Kinder umhcrsniclCn sehe ' zwischen den Beinen der
	        
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